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Florian Kohfeldt krempelte Werder in kürzester Zeit um - für einen Sieg gegen Frankfurt reichte es trotzdem nicht.

Taktik-Analyse zum 1:2 in Frankfurt

Selbst die Rückkehr der Raute bringt Werder keinen Sieg

Neuer Trainer, neues System – doch die Ergebnisse bleiben schlecht. Dabei zeigte sich Werder Bremen beim 1:2 gegen Eintracht Frankfurt gerade offensivtaktisch verbessert, schreibt unser Taktikexperte Tobias Escher. Einzig die schwache Flügelverteidigung verhinderte ein Unentschieden.

Was kann ein neuer Trainer in vier Tagen erreichen? Diese Frage stellte sich vor Werder Bremens Auftritt bei Eintracht Frankfurt. Nach der Entlassung von Alexander Nouri sollte Florian Kohfeldt die Mannschaft endlich zu einem Erfolg führen. Der Interimscoach hat tatsächlich viel bewirkt in kurzer Zeit. Das zeigte sich vor allem auf der taktischen Ebene.

Kohfeldt setzt auf neues System

Kohfeldt betonte vor dem Spiel, die Mannschaft funktioniere zwar defensiv, müsse sich aber im spielerischen Bereich weiterentwickeln. Er stellte das Team ungleich offensiver auf als sein Vorgänger: Das defensiv stabile, aber offensiv zahme 5-3-2 seines Vorgängers stampfte Kohfeldt ein. Stattdessen schickte er seine Elf in einem 4-3-3 auf das Feld.

Dieses 4-3-3 existierte höchstens in der Theorie. In der Praxis zeigte sich Bremen beweglicher als in den vergangenen Wochen. Philipp Bargfrede gab den Ankerpunkt vor der Abwehr. Seine Vordermänner Thomas Delaney und Maximilian Eggestein rückten aus dem Mittelfeld nach vorne. Die beiden nominellen Außenstürmer Fin Bartels und Zlatko Junuzovic tauschten häufig die Seiten und bewegten sich auch sonst ständig in freie Räume. Stürmer Max Kruse wiederum ließ sich häufig fallen und schaltete sich in das Kombinationsspiel ein.

Werders 4-3-3 ähnelte in der Ausführung einer Rautenformation.

Werder spielt moderne Version der Raute

In Teilen war es gar die Rückkehr der alten Werder-Raute. Kruse war oftmals weniger Stürmer denn vielmehr ein spielmachender Zehner. Junuzovic und Bartels agierten derart hoch und eng im Spiel gegen den Ball, das sie eher Halbstürmer denn Außenstürmer waren. In der Praxis ähnelte Bremens System also der altbekannten Raute, die jahrelang in Bremen praktiziert wurde.

Werder spielte modernen Fußball: Eröffnung aus der Abwehr auf die Angreifer, klatschen lassen, direkt die Schnittstelle suchen. Gerade auf den Flügeln konnten die Bremer immer wieder durchbrechen. Sie lockten die Frankfurter ins Zentrum, schufen Überzahlen auf dem Flügel und spielten diese dann aus. Frankfurt hatte mit der eigenen 4-1-4-1-Formation in der Anfangsphase große Probleme, die Angriffe abzuwehren.

Tore fallen aus dem Nichts

Bremen belohnte sich nicht für die starke Anfangsphase, im Gegenteil: Nach einem Kunstschuss von Ante Rebic ging Frankfurt in Führung (17.). Er stand links außerordentlich frei; dank der hohen Rolle der Außenstürmer hatte Bremen Probleme, diese Flügelbereiche zu verteidigen, gerade wenn die Außenverteidiger nach langen Bällen ins Zentrum rücken mussten. Dies sollte später zum Problem werden.

Zunächst aber reagierten die Bremer auf das Gegentor, indem sie aus einer stabileren Ordnung agierten. Die Außenstürmer zogen sich zurück und agierten breiter, Delaney rückte vor. Bremen verteidigte in einem 4-4-1-1 und versuchte zunächst, das Spiel zu ordnen. Der Ausgleichstreffer nach einer Ecke fiel – ähnlich wie Frankfurts Tor – aus dem Nichts (25.). Das Tor beflügelte Bremen. Sie stellten zurück auf ihr 4-3-3-Rautensystem. Frankfurt bekam aufgrund ihrer Passivität wenig Zugriff, blieb aber dank Torwart Lukas Hradecky im Spiel.

Frankfurter Systemumstellung - Bremer Raute

In der Pause passte Frankfurts Coach Niko Kovac sein System an. Frankfurt agierte fortan in einem 3-4-1-2-Konstrukt. Diese Formation hatte den Vorteil, dass Frankfurt zu den für sie typischen Manndeckungen übergehen konnte. Kevin-Prince Boateng bewachte nun Bargfrede, die Doppelsechs nahm Delaney und Eggestein in Deckung. Frankfurt verhinderte Bremens Spielaufbau durch die Mitte.

Kohfeldt wich nicht von seinem Plan ab, im Gegenteil: Mit der Einwechslung von Florian Kainz (67., für Bargfrede) stellte er die Weichen für eine noch konsequentere Nutzung der Raute. Kruse ließ sich nun fast permanent fallen und versuchte so, Verteidiger aus der gegnerischen Abwehr zu ziehen. Kainz und Bartels besetzten die entstehenden Schnittstellen. Bremen konnte weiterhin Offensivpower entfachen.

Frankfurt hatte in der Schlussphase massive Vorteile auf den Außen.

Probleme in mittleren Flügelzonen

In der Schlussphase legte Frankfurt die Schwachstellen in Kohfeldts System offen. Mit schwindender Kraft konnte Bremen den Gegner nicht mehr derart aggressiv stören. Sie fielen wieder häufiger in 4-4-2-Staffelungen zurück, teilweise verblieben die Stürmer weit vorne, und es entstand ein extrem gestrecktes 4-3-3.

Frankfurt nutzte dies, um über die Flügel Bremen zu attackieren. Frankfurt eröffnete das Spiel mit langen Bällen, zwang somit Werders Viererkette, sich zusammenzuziehen. Wenn die Eintracht den Ball eroberte, ging der erste Pass auf die Flügel. Von dort konnten sie den Ball unbedrängt vor das Tor flanken. Ein weiterer Beweis für die alte Weisheit: Eine Raute hat stets Probleme, die Flügelzonen zu verteidigen. Frankfurt holte sich gegen Bremen den müden Lucky Punch.

Der Last-Minute-Treffer konterkariert Bremens eigentlich starke Leistung. Gerade in der ersten Halbzeit harmonierte die Offensive im neuen System. Auch wenn Bremen in der Schlussphase zu stark die defensiven Flügel preisgab: Es war ein Schritt in die richtige Richtung.

Tobias Escher

Zur Person: Tobias Escher ist ein freier Journalist, der sich als Taktikexperte bundesweit einen Namen gemacht hat. Er ist Autor der Website spielverlagerung.de sowie Experte bei Bohndesliga, einem ganz besonderen Fußball-Format im Internet. Der 29-Jährige schreibt für die „Welt“ und „11Freunde“ und war als Taktikexperte auch für TV-Sender wie Sky und ZDF tätig - mal im Vorder-, mal im Hintergrund. Absolut zu empfehlen sind seine Bücher „Vom Libero zur Doppelsechs“ und „Die Zeit der Strategen: Wie Guardiola, Löw, Mourinho und Co. den Fußball neu denken“ (erscheint im März 2018). Tobias Escher wird in dieser Saison alle Pflichtspiele des SV Werder Bremen exklusiv für die DeichStube analysieren.

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Einzelkritik: Moisanders Premiere, Gebre Selassies Ausfall 

Jiri Pavlenka
Jiri Pavlenka: 1,96 Meter ist der Keeper lang – und selbst wenn nochmal 20, 30 Zentimeter dazugekommen wäre, hätte er gegen das 0:1 nichts machen können. Bei Willems' Schuss (64.) und Moisanders Beinahe-Eigentor verhinderte Pavlenka binnen weniger Momente zweimal den erneuten Rückstand. Note 2,5 © nordphoto
Theodor Gebre Selassie
Theodor Gebre Selassie: Wieso um alles in der Welt rückte er vor dem 0:1 in die Mitte und ließ Rebic rechts unbewacht? Auch in der Folge mit Schwächen im Stellungsspiel, ließ zudem die Flanke zum 1:2 zu. Note 5 © nordphoto
Milos Veljkovic
Milos Veljkovic (Mitte): Nach zwei Spielen auf der Bank gab der Innenverteidiger sein „Comeback“ in der Startelf. Lamine Sane blieb für ihn draußen. Veljkovic bedankte sich mit dem Assist zum 1:1. Hinten wirkte er oft aber nicht sicher. Note 3,5  © nordphoto
Niklas Moisander
Niklas Moisander: Premiere für den Finnen. Erstmals traf er in der Bundesliga – und das auch noch gegen seinen finnischen Nationalmannschaftskollegen Lukas Hradecky im Eintracht-Tor. Als Abwehrchef hatte Moisander in einer Phase der ersten Halbzeit einige heikle Situationen zu überstehen. Danach sicherer. Note 2,5 © nordphoto
Ludwig Augustinsson
Ludwig Augustinsson (bis 90.): Der Linksverteidiger begann schwach, biss sich dann aber in die Partie. Am Ende musste er sich aber gemeinsam mit Delaney ankreiden lassen, Haller bei dessen 2:1 nicht gestört zu haben. Insgesamt bleibt bei dem Schweden das Gefühl, dass er unter seinen Möglichkeiten spielt. Note 4  © nordphoto
Philipp Bargfrede
Philipp Bargfrede (bis 67): Der 28-Jährige spielte sowohl im defensiven 4-4-2 als Dirigent vor der Viererkette, als auch im offensiven 4-1-4-1 als erster Aufbauspieler eine Schlüsselrolle. Er füllte diese mit großer Routine aus. Festzuhalten bleibt aber auch: 90 Minuten schafft Bargfrede offenbar nicht mehr. Note 3 © Gumz
Fin Bartels
Fin Bartels: Stürmer? Nicht wirklich! Bartels rückte bei Frankfurter Ballbesitz auf der rechten Seite weit zurück – wie auch Junuzovic auf links. In seinem 100. Bundesliga-Spiel für Werder spulte Bartels ein großes Laufpensum ab, blieb aber ohne Durchschlagskraft. Note 3,5  © nordphoto
Maximilian Eggestein
Maximilian Eggestein (bis 90.): Wechselte zwischen den Positionen „6“ und „8“ hin und her, war folglich vorne wie hinten zu finden. Was durchaus Gefahr brachte. Seine Vorlage für Junuzovic war Zucker (40.), sein Schlenzer aus 20 Metern auch (42.). Beide Male parierte Hradecky. Note 3 © nordphoto
Thomas Delaney
Thomas Delaney: Dem Dänen kam in der defensiven Organisation die Rolle des ersten Störenfrieds zu. Delaney lief die Frankfurter an, suchte die Zweikämpfe. Nach der Bargfrede-Auswechslung übernahm er dessen Position. Note 3,5  © nordphoto
Zlatko Junuzovic
Zlatko Junuzovic: Der Kapitän kam über links und hatte richtig gute Aktionen. Zweimal legte er bestens für Kruse auf, einmal kam er selbst zum Abschluss, traf freistehend den Ball aber nicht richtig (40.). Aus der Szene hätte er mehr machen müssen. Note 3 © nordphoto
Max Kruse
Max Kruse: Eurosport-Experte Matthias Sammer nannte ihn den „Schlepper“ – weil Kruse oft den Ball nach vorne trug und auch viele Räume zulaufen musste. Mit etwas mehr Fortune (und etwas weniger Hradecky-Klasse) hätte er eine seiner zwei Großchancen (2./42.) genutzt. In der zweiten Halbzeit war von ihm nicht mehr so viel zu sehen. Note 3,5  © nordphoto
GER, 1. FBL, Eintracht Frankfurt vs SV Werder Bremen
Florian Kainz (ab 67.): Rückte auf die linke Seite, brachte aber auch nicht mehr den entscheidenden Impuls. Note -  © nordphoto
Ishak Belfodil
Ishak Belfodil (rechts, ab 90.): Letzte Hoffnung, Teil 1. Note -  © nordphoto
Aron Johannsson
Aron Johannsson (ab 90.): Letzte Hoffnung, Teil 2. Note - © nordphoto

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