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Seit acht Spielen ist Alexander Nouri mit Werder ungeschlagen. Auch nach dem Nordderby gegen den Hamburger SV soll die Serie bestehen bleiben.

Werder-Coach nervt das Gerede vom Glück

Alexander Nouri spricht schon vom Derbysieg

Frankfurt - Samstag frei, Sonntag frei und auch noch Montag frei – Werder-Coach Alexander Nouri schenkt seiner Mannschaft nach der anstrengenden englischen Woche mit sieben Punkten aus drei Spielen einen Kurzurlaub.

Er selbst weiß aber noch gar nicht, was er mit seiner Freizeit anfangen soll. Wegfahren? „Hmm, ich habe keine Pläne“, behauptet der 37-Jährige, reagiert auf den Vorschlag auf einen Spaziergang mit seinem Hund aber geradezu euphorisch: „Eine Riesenidee. Mit dem Hund gehe ich immer gerne raus.“ Und ganz besonders jetzt, nachdem mit dem 2:2 in Frankfurt auch das achte Spiel in Folge nicht verloren ging und das Nordderby gegen den Hamburger SV als nächstes Spiel am Ostersonntag vor der Tür steht.

„Wir wollen den Erfolg im Derby um jeden Preis“, stellte Nouri schon mal unmissverständlich fest. Deswegen wird das mit dem Abschalten bei ihm an den freien Tagen etwas schwieriger. „Man ist permanent von Gedanken umtrieben, welche Spieler einem zum Nordderby zur Verfügung stehen oder wie sich die anderen am besten regenerieren können“, erklärte der 37-Jährige. Es war zugleich ein dezenter Hinweis darauf, mit welch großen personellen Problemen er zu kämpfen hat und trotzdem dabei punktet.

In Serge Gnabry, Lamine Sane, Thomas Delaney, Clemens Fritz, Robert Bauer, Izet Hajrovic und Philipp Bargfrede fehlten ihm gegen die Eintracht gleich sieben Spieler, die für die Startelf in Frage kommen oder sogar absolute Leistungsträger sind. In Frankfurt zog sich nun auch noch Luca Caldirola einen Mittelfußbruch zu. Die Saison ist damit vorzeitig beendet für den Verteidiger. „Wir konnten die Ausfälle bisher gut kompensieren, aber jetzt sollte irgendwann auch mal Schluss sein mit den ganzen Verletzungen“, sagte Nouri und es klang wie ein sehnsüchtiges Flehen.

„Wenn man ehrlich ist, geht der Punkt in Ordnung“

Schließlich ist die Saison noch lange nicht zu Ende, die Abstiegsgefahr trotz der 36 Punkte nach 28 Spielen nicht gebannt. „Die Liga ist so eng, da dürfen wir nicht nachlassen oder uns in Sicherheit wiegen. Wir müssen hochkonzentriert bleiben“, forderte Kapitän Zlatko Junuzovic – und funkte damit natürlich auf einer Wellenlänge mit dem Trainer. Der betonte einmal mehr: „Wir beschreiten die Straße zum Klassenerhalt und bauen keine Luftschlösser.“ Gemeint waren damit die Träume der Fans von einer Qualifikation für die Europa League. Schließlich ist der Abstand zu diesen Plätzen gar nicht so groß. Kaum auszudenken, was nach einem Bremer Sieg los gewesen wäre.

Doch bei Werder herrscht großer Realismus – vor allem nach dem schwierigen Auftritt in Frankfurt. „Wenn man ehrlich ist, dann geht der Punkt in Ordnung“, urteilte nicht nur Maximilian Eggestein. Zu schwach waren die Gäste gestartet und ziemlich glücklich durch die Tore von Zlatko Junuzovic (37.) und Fin Bartels (43.) mit 2:0 in Führung gegangen. Dass Frankfurt durch die Treffer von Mijat Gacinovic. (48.) und Marco Fabian (73., Foulelfmeter) zum Ausgleich kam, gehörte in die Kategorie verdient.

Beide Mannschaften besaßen danach noch die Chance zum Sieg, vergaben sie, waren aber dennoch zufrieden. „Es freut mich, wie die Mannschaft zusammengehalten hat“, sagte Nouri. Der Coach hatte mehrfach umstellen müssen. In der ersten Halbzeit, weil Milos Veljkovic ein Platzverweis drohte, in der zweiten Halbzeit, weil Caldirola verletzt runter musste. So wurde aus der Dreier- eine Viererkette und Santiago Garcia vom Außen- zum Innenverteidiger. Zudem schwanden im dritten Spiel innerhalb von sieben Tagen auch sichtlich die Kräfte. Unwägbarkeiten, die Werder im Jahr 2017 wegsteckt wie kaum ein anderes Team.

Einzelkritik: Starker Wiedwald an alter Wirkungsstätte

Felix Wiedwald
Felix Wiedwald: Lange Zeit wieder die „Wiedwall“! Und das passend gegen seinen Ex-Club, bei dem er einst sein Bundesliga-Debüt gefeiert hatte. Was die Eintracht vor der Pause auch versuchte, der Werder-Keeper parierte an alter Wirkungsstätte gleich mehrfach. Wahrscheinlich hatte er sogar beim Lattenkracher von Abraham noch seine Finger im Spiel (10.). Beim Anschlusstreffer absolut machtlos, genauso wie später auch beim Strafstoß zum 2:2. Kleiner, aber folgenloser Wackler am Ende. Note 2 © nordphoto
Milos Veljkovic
Milos Veljkovic (bis 28.): Ein Spiel zum Vergessen für den Serben. Sah schon früh Gelb (7.), dann nach einem taktischen Foul fast schon Gelb-Rot (21.). Deshalb musste der von Beginn an ziemlich unsicher wirkende Verteidiger früh runter. Note 5 © no rdphoto
Niklas Moisander
Niklas Moisander (r.): Der Abwehrchef hatte zu Beginn Mühe, die Defensive zu organisieren. Durch die Mitte kam zu viel, was aber nicht nur am Finnen lag. Ganz allein sein Ding war aber das Foul zum Strafstoß. Da klemmte er Hrgotas Arm so lange ein, bis der Stürmer fiel. So etwas muss ein 31-Jähriger cleverer lösen. Bote 4,5 © nordphoto
Luca Caldirola
Luca Caldirola (bis 53.): Machte dort weiter, wo er gegen Schalke aufgehört hatte. Ein ordentlicher Auftritt, bis ihn schon kurz nach der Pause Probleme am Fuß stoppten. Die englische Woche war offenbar zu viel für den Italiener nach seiner langen Verletzungspause. Note 3 © imago
Theodor Gebre Selassie
Theodor Gebre Selassie: Sehr auffällig mit vielen Ballkontakten. Doch vieles blieb Stückwerk – und hinten wirkte er in der Fünferkette nicht immer souverän. Fühlte sich später als echter rechter Verteidiger in der Viererkette sichtlich wohler. Note 3,5 © nordphoto
Maximilian Eggestein
Maximilian Eggestein: Ein Schwachpunkt bis zur überraschenden Führung. Konnte das Zentrum nicht dicht machen und leistete sich gefährliche Ballverluste. Dem Delaney-Ersatz fehlte diesmal die Leichtigkeit. Note 4 © dpa
Santiago Garcia
Santiago Garcia: Zweikampfstark, passsicher und diszipliniert – der Argentinier machte seine Sache auf der linken Seite als Ersatz des verletzten Bauer gut. Bis zum Eckball direkt nach der Pause. Da verlor er das Duell mit Landsmann Abraham, dessen Kopfball von Gacinovics Knie zum Anschlusstreffer ins Tor prallte. Musste nach dem Caldirola-Ausfall als Innenverteidiger aushelfen. Note 3,5 © nordphoto
Florian Grillitsch
Florian Grillitsch: Es lief längst nicht so gut beim Österreicher wie gegen Schalke. Doch er biss sich in die Partie, scheute keinen Zweikampf. Hätte sich mit dem Treffer zum 3:2 belohnen, schaffte aber bei seiner Direktabnahme nur einen zu harmlosen Aufsetzer (76.). Note 3,5 © nordphoto
Zlatko Junuzovic
Zlatko Junuzovic: Erst etwas schläfrig, als er Abraham ungestört den Ball an die Latte hämmern ließ, dann hellwach, als ihn Kainz bediente. Sein drittes Saisontor. Kämpfte wie immer, aber hatte für gute Offensivaktionen zu wenig im Tank. Note 3 © nordphoto
Fin Bartels
Fin Bartels (bis 77.): Schon in der schwachen Anfangsphase ein Lichtblick, weil er sich durch die Frankfurter Defensive wuselte. Seinen feinen Treffer zum 2:0 leitete er selbst mit einem Pass auf Kruse ein. Es war sein fünftes Saisontor. Ließ dann etwas nach und machte deshalb Platz für Pizarro. Note 2,5 © nordphoto
Max Kruse
Max Kruse: Wo war eigentlich Kruse? Bis zur 43. Minute fast nicht zu sehen, dann aber eine sehr sehenswerte Vorarbeit zum 2:0. Es folgten noch einige wenige gute Pässe und die verpasste Riesenchance zum 3:2 (89.). Note 3,5 © nordphoto
Florian Kainz
Florian Kainz (ab 28.): Der Finten-Ösi. Immer wieder probierte er es außen mit angedeuteten Flanken, um seine Gegenspieler zu überraschen. In der 37. Minute mit großem Erfolg: Seine schöne Vorarbeit nach einem Tänzchen mit Chandler nutzte Junuzovic zum 1:0. Ziemlich flink unterwegs, manchmal etwas zu hektisch. Note 3 © nordphoto
Ulisses Garcia (r.)
Ulisses Garcia (ab 53., r.): Kam für den angeschlagenen Caldirola, durfte aber auf seiner gewohnten linken Seite verteidigen. Ein ordentlicher Auftritt. Note 3,5 © nordphoto
Claudio Pizarro (r.)
Claudio Pizarro (ab 77., r.): Der Superjoker stach nicht. Note - © nordphoto

„Wir haben trotzdem dagegen gehalten. Da war ein großer Wille, kompakt zu bleiben“, schwärmte Nouri. Und es ärgerte ihn, dass nach der Partie wieder vom Werder-Glück gesprochen wurde. Schließlich war schon der zweite Torschuss im Tor gelandet, der dritte auch. Die 2:0-Führung kam aus dem Nichts, aber für Nouri keineswegs überraschend: „Unsere Effektivität nach vorne war die letzten Wochen immer zu sehen, das ist auch eine Qualität! Nur über Glück zu sprechen, das sehe ich anders.“

Werder fühlt sich nach 20 von 24 möglichen Punkten aus den letzten acht Spielen stark genug für alle Aufgaben – und ganz speziell für das Nordderby. „Natürlich wollen wir gegen den HSV gewinnen“, verkündete Eggestein. Und Junuzovic war schon voll im Derbymodus und kaum noch zu bremsen: „Zu Hause wird’s brennen. Das wird eine unglaubliche Stimmung werden. Die Hamburger sind aber auch gut drauf, also müssen wir aufpassen. Wir werden marschieren, wir werden alles geben.“ Deshalb sind die freien Tage jetzt auch so wichtig, um die Akkus wieder aufzuladen.

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