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Cheftrainer Alexander Nouri und der SV Werder sind seit fünf Spielen in Folge ohne Sieg und stecken somit weiter tief im Abstiegskampf.

Taktikanalyse zum Spiel gegen FC Augsburg

Von Brechstangen und Ergebniskrisen

Bremen - Von Cedric Voigt. Werder Bremen verliert gegen den FC Augsburg. Es ist ein ärgerlicher Punktverlust gegen einen Konkurrenten im Kampf gegen den Abstieg und das fünfte sieglose Spiel in Folge. Wie konnte das passieren? Die Taktikanalyse.

Alexander Nouri vertraute auch am Sonntagnachmittag wieder auf die 3-1-4-2/5-3-2-Grundordnung der Vorwochen, überraschte jedoch mit der Personalwahl hinsichtlich der Fünferkette: Für den gesperrten Santiago Garcia rückte mit Theodor Gebre Selassie ein nomineller Rechtsverteidiger auf die linke Seite, während Ulisses Garcia, von Haus aus linker Flügelverteidiger, die linke Halbverteidigerposition des verletzten Niklas Moisander übernahm.

Vor Sechser Thomas Delaney agierten Serge Gnabry und Zlatko Junuzovic als variable Allrounder, Robert Bauer gab als rechter Flügelverteidiger das Pendant zu Gebre Selassie. Im Sturm starteten Max Kruse, der sich häufig ins Mittelfeld fallen ließ, und Fin Bartels, der ebenfalls zumeist eine Freirolle in der rochierenden Bremer Offensive innehatte, sich aber seltener ins Aufbauspiel mit einschaltete.

Augsburg mit Flanken und langen Bällen

Augsburgs Manuel Baum vertraute auf ein 4-1-4-1, in dem Defensivspezialist Dominik Kohr als Sechser kaum Aufgaben im Spielaufbau übernahm, gegen den Ball den Raum vor der Abwehr jedoch aufmerksam absicherte. Im Sturmzentrum agierte der wuchtige Raul Bobadilla als laufstarker Zielspieler. Die Mittelfeldreihe wartete mit einigen interessanten Spielertypen auf: Über rechts agierte der geradlinige Flügelläufer Jonathan Schmid, halbrechts besetzte Halil Altintop die Achterposition. Die Mehrzahl der Augsburger Angriffe wurde jedoch über die linke Seite ausgespielt, auf der sich die spielstarken Koreaner Dong-Won Ji außen und Ja-Cheol Koo zentraler immer wieder als Anspielstation in den Halbräumen anboten. 

Unterstützt vom mitunter etwas vorstoßenden Innenverteidiger Martin Hinteregger verlief so eine Vielzahl der Augsburger Angriffsbemühungen oder links: Ziel war es, den dynamischen und flankenstarken Linksverteidiger Philipp Max einzubinden, der mit seinen Hereingaben Bobadilla bedienen sollte. Neben dieser leichten Asymmetrie in der Formation vertrauten die Hausherren oft relativ simplen Aufbaustrategien: Hohe, weite Bälle entlang der Linien oder ins Zentrum auf die beweglichen Koo und Bobadilla waren keine Seltenheit, auch schnelle Gegenstöße nach Ballgewinnen wurden forciert.

Zu wirklichen Torchancen kam der FCA so jedoch nur vereinzelt: Aus dem Mittelfeld rückten die Fuggerstädter meist ohne viel Risiko nach, sodass die gut gestaffelten Werderaner in der letzten Linie oft in Überzahl verteidigen und den ballführenden Gegenspieler rechtzeitig doppeln und isolieren konnten, ehe eine schnelle Kombination hätte zustande kommen können. Werder zeigte sich im Vergleich etwas variabler: Erneut prägten die Halbverteidiger den Spielaufbau. Grundsätzlich zeigte Werder sich bedeutend ballsicherer als noch über weite Strecken der Hinrunde, was auch dem Umstand geschuldet war, dass die Ballzirkulation der Bremer von der zusätzlichen tiefen Anspielstation in der Dreierkette profitierte.

Werder fehlte der zentrale Fixpunkt in der Spitze

Während Milos Veljkovic oft versuchte, die Augsburger Ketten durch Seitenverlagerungen zum Verschieben zu zwingen, spielte Ulisses Garcia links kleinräumiger und versuchte häufiger auch Delaney mit einzubinden. Der Däne zeigte auch in höheren Zonen ein gutes Spiel, agierte als Fixpunkt im Zentrum und spielte in der Regel mit Ruhe und Übersicht. Die Flügelverteidiger wurden derweil bevorzugt dann eingebunden, wenn die Augsburger Flügelspieler herausrückten, um Alleinunterhalter Bobadilla in der ersten Pressinglinie zu unterstützen – leicht ließen sich die Gastgeber jedoch nicht locken. Um die Kompaktheit der Augsburger aufzubrechen, brachten besonders die vier Bremer Offensivkräfte auf den Achter- und Stürmerpositionen viel Bewegung ein.

Max Kruse (l.) war in der Bremer Offensive immer anspielbar.

Während Serge Gnabry immer wieder seine Vorstöße aus dem Mittelfeld einbrachte, wich Max Kruse in den linken Halbraum aus oder ließ sich zentral zurückfallen, um den Ball früh zu erhalten und Angriffe eigenständig mit einzuleiten. Auch Fin Bartels und Zlatko Junuzovic waren viel unterwegs. Die Vorteile dieser großen Variabilität liegen auf der Hand: Simple, mannorientierte Zuordnungen werden dem Gegner erschwert, Anspielstationen gerade im mittleren Spielfelddrittel können bei Bedarf neu geschaffen werden. Bisweilen machte das Bremer Spiel jedoch den Eindruck, dass der zentrale Fixpunkt in der Spitze fehlte, dem man hätte zuarbeiten können. So funktionierte das Bremer Ausschwärmen besonders in dynamischen Umschaltsituationen.

Den konterstarken Werderanern boten sich hierbei oft direkt zwei oder mehr Anspielmöglichkeiten zusätzlich zur Option, selbst ins Dribbling zu gehen. Gegen die zuverlässige Augsburger Absicherung kam man allerdings auch so selten zu klaren Chancen, konnte sich jedoch in der gegnerischen Hälfte festsetzen und einige Standardsituationen herausholen. Folgerichtig fiel die Führung auch im Anschluss an eine Freistoßvariante. Beim postwendenden Ausgleich der Augsburger zahlte dann besonders Ulisses Garcia Lehrgeld, der nach einer weiten Klärungsaktion von Jeffrey Gouweleeuw Bobadillas Hackenweiterleitung auf Schmid nicht verhindern konnte – ein etwas kurioser Treffer zum Pausenstand.

Eine Halbfeldflanke, ein verlängerter Befreiungsschlag, drei Punkte für Augsburg

In der zweiten Hälfte setzte sich fort, was sich bereits gegen Ende der ersten Halbzeit abgezeichnet hatte: Eine leichte Bremer Überlegenheit in einem ausgeglichenen Spiel, in dem Grün-Weiß zwar zu Abschlüssen kam, viele davon jedoch unpräzise aus der zweiten Reihe verbuchte. Diese Spieldynamik änderte sich ein wenig mit der erneuten Bremer Führung: Ein Dribbling Gnabrys in den Strafraum wurde von den Augsburgern mit vereinten Kräften per Foul unterbunden, den fälligen Elfmeter verwandelte Max Kruse souverän.

In der Folge rückten die Augsburger weiter auf und versuchten besonders mit langen Bällen den Ausgleich zu erzwingen. Dadurch eröffneten sich Werder hochkarätige Kontergelegenheiten, die ähnlich wie manche Schnellangriffe der ersten Halbzeit teils unsauber ausgespielt, teils leichtfertig vergeben wurden: So hatte der eingewechselte Aron Johannsson, der anstelle von Bartels das Bremer Problem des aufgrund der vielen Offensivrochaden häufig unbesetzten Sturmzentrums lösen sollte, die Vorentscheidung schon auf dem Fuß, nutzte jedoch seine Großchance nicht.

Einzelkritik: Ulisses Garcia - die Lösung wird zum Problem

Besser machte es Ja-Cheol Koo auf der Gegenseite: Ein Missverständnis der Bremer Veljkovic und Sane bei der Raumaufteilung im eigenen Strafraum nutzte der Koreaner, um nach einer weiten Halbfeldflanke zum Ausgleich einzuschieben. Und noch einmal belohnten sich spielerisch bis dato glanzlose Augsburger mit der Brechstange: Bobadillas zweite Physis-Demonstration gegen Ulisses Garcia besorgte mit dem Schlusspfiff den Endstand, nachdem erneut Koo einen langen Ball aus der eigenen Hälfte verlängert hatte.

Schlaglöcher auf dem richtigen Weg

Im Anbetracht des Spielverlaufs bleibt eine überflüssige Niederlage stehen, von der besonders riskante Personalentscheidungen wie die Aufstellung des jungen Ulisses Garcia als linken Innenverteidiger oder der Verzicht auf Wechsel zur Absicherung der 2:1-Führung im Gedächtnis bleiben und im Boulevard wie in Fankreisen rückblickend berechtigte Kritik laut werden lassen. Auch ein Blick auf die Tabelle taugt dieser Tage nicht dazu, Zuversicht für die kommenden Wochen zu fassen.

Ein Blick auf die Bremer Leistung hilft da schon eher: Im Ballbesitzspiel wurden erkennbar Fortschritte gemacht. Gerade im tiefen Aufbau präsentiert man sich strukturierter und variantenreicher, ist zudem in der Dreierkette schwerer zu pressen und weniger auf lange Bälle angewiesen. Dass man einer (etwas) stärker auf das Bolzen bedachten Mannschaft schließlich doch unterlag, ist auf viele Faktoren zurückzuführen.

Individuelle Aussetzer, mangelnde Chancenverwertung, Personalsorgen und Abstimmungsprobleme in der Defensive, unzureichenden Druck der Achter auf den Augsburger Aufbau in der Endphase, psychologische Vorteile der aufholenden Mannschaft vor heimischer Kulisse. Einiges davon lässt sich als „Pech“ zusammenfassen, vieles davon muss analysiert, aufgearbeitet und im Training adressiert werden. Anlass zum Defaitismus bietet es jedoch (noch) nicht – denn jenseits der Momentaufnahme erhöht guter Fußball die Chance, auch gute Ergebnisse einzufahren. Nur allzu viel Zeit sollte man sich damit nicht mehr lassen.

Werder verschenkt doppelte Führung

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