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Frust bei Aron Johannsson, Lust bei Raul Bobadilla.

Bremer verlieren in Augsburg

Beispiellos fahrlässig - Bobadilla stürzt Werder in die Depression

Augsburg - Von Daniel Cottäus. Alarm im Abstiegskampf! Besser gespielt, zweimal geführt, doch am Ende stürzte Augsburgs Raul Bobadilla Werder Bremen in die nächste Depression.

Im Moment des Abpfiffs war er mutterseelenallein. Der Blick ging Richtung Boden, die Hände in die Hüften gestemmt, die Schultern dabei weit unten – Aron Johannsson war die grenzenlose Enttäuschung über das soeben Erlebte auch aus der Distanz deutlich anzusehen. Im Auswärtsspiel beim FC Augsburg hatte er in der 76. Minute die Großchance zum 3:1 kläglich vergeben. Es wäre die Entscheidung gewesen in einem Spiel, das Werder Bremen über weite Strecken dominiert hatte – und dann in den letzten Minuten doch noch auf beispiellos fahrlässige Art und Weise mit 2:3 (1:1) verlor. Erklärungen dafür hatte kurz nach dem Abpfiff kein Bremer. Nur in einem Punkt waren sich alle Beteiligten einig: Ab jetzt heißt es Abstiegskampf bis zum Schluss.

Frank Baumann ist nun wahrlich kein Lautsprecher, keiner, der zu spontanen Gefühlsausbrüchen neigt, und – so viel sei vorweggenommen – in diesem Punkt blieb sich Werders Sportchef auch nach dem bitteren Ende des Augsburg-Spiels treu. Mit gewohnt ruhiger Stimme analysierte der 41-Jährige den Auftritt seines Teams, was jedoch nichts daran änderte, dass er mit seinen Aussagen inhaltlich Alarm schlug. „Das war ein richtig dickes Brett. Wir waren besser und hätten die Führung ausbauen müssen“, sagte er, ehe er den Blick auf Werders Gesamt-Gemenge-Lage richtete: „Wir haben heute die Gewissheit bekommen, dass es bis zum letzten Spieltag gegen den Abstieg gehen wird. Ich hoffe, das hat jetzt jeder kapiert.“

Acht Punkte Rückstand hat Werder nun auf Augsburg, das sich durch den Erfolg auf den zehnten Tabellenplatz vorgeschoben hat und nun plötzlich eine Mannschaft ist, die die Bremer aus dem Blickfeld verloren haben. Nur 16 Pünktchen nach 19 Spieltagen, dazu drei Pflichtspiel-Pleiten in Folge – Werder ist fast unbemerkt in die Krise gerutscht, die sie an der Weser unbedingt vermeiden wollten. Nur noch zwei Tore trennen das Team vom Relegationsplatz.

Mehr Ballbesitz, bessere Passquote - aber keine Punkte

Wie schon gegen Dortmund und die Bayern, als es jeweils eine 1:2-Niederlage setzte, lieferte Werder auch in Augsburg einen spielerisch ordentlichen Auftritt ab, hatte mehr Ballbesitz, die bessere Passquote. Wie schon gegen Dortmund und die Bayern brachte das am Ende aber keinen Ertrag. Hatte man das gegen die beiden Top-Clubs noch auf deren große Klasse schieben können, kam in Augsburg kein Bremer mehr umhin, die eigenen Unzulänglichkeiten einzuräumen. „Viele Dinge müssen wir besser lösen. Das steht außer Frage“, sagte etwa Trainer Alexander Nouri.

Zu Beginn der Partie hatte Werder noch eine ganze Menge an Dingen ordentlich bis gut gelöst. Da war zum Beispiel das 1:0 durch Startelf-Rückkehrer Theodor Gebre Selassie, der nach einer hübschen Freistoß-Variante aus kurzer Distanz traf (26.). Eine Führung, die mal gut getan, vielleicht sogar für etwas Ruhe und Sicherheit gesorgt hätte – wenn sie denn nicht nur von zwei Minuten Dauer gewesen wäre. Dann leitete FCA-Stürmer Raul Bobadilla den Ball artistisch an Ulisses Garcia vorbei auf Jonathan Schmid, der freie Bahn hatte und mit Wucht das 1:1 markierte. Garcia war überraschend in die Dreierkette gerückt – es sollte nicht die einzige Szene bleiben, in der er keine gute Figur machte.

Einzelkritik: Ulisses Garcia - die Lösung wird zum Problem

Werder schien den Ausgleich in der Folge ordentlich wegzustecken, war auch nach Beginn der zweiten Hälfte zunächst spielbestimmend, während sich Augsburg im eigenen Stadion auf Konter beschränkte. Auch ohne den überraschend nicht berücksichtigten Kapitän Clemens Fritz wirkte Werder gut sortiert. Das 2:1 – erzielt von Max Kruse per Elfmeter (65.) – war zu diesem Zeitpunkt nicht nur verdient, nein, sogar noch etwas mehr: Es schien das Spiel endgültig in Richtung Werder kippen zu lassen. Für Fin Bartels war Augsburg sogar schon „mausetot“. 

Dann allerdings holte Werder den Gegner zurück ins Leben. Johannsson vergab die eingangs erwähnte Top-Chance, der ein Weltklasse-Zuspiel von Kruse vorangegangen war, ehe Werders grausame Schlussphase begann. Lamine Sane und Thomas Delaney schafften es nicht, Ja-Cheol Koo am Abschluss zu hindern – 2:2 (79.). „Selbst mit dem Ergebnis wäre ich nicht zufrieden gewesen“, betonte Nouri, für den es allerdings noch viel dicker gekommen war. Anstatt wenigstens den einen, wichtigen Punkt mitzunehmen, leistete sich Werder noch eine grobe Unachtsamkeit.

In der Nachspielzeit kam Bobadilla im Strafraum an den Ball, drehte den körperlich unterlegenen Garcia ein – und ließ die Augsburger Fankurve kurz danach explodieren – 3:2. Dass der Torschütze zuvor knapp im Abseits gestanden hatte, wollten die Bremer partout nicht thematisieren. „Wir müssen das einfach besser verteidigen“, sagte Baumann, „das ist unser Hauptproblem, das zieht sich durch die ganze Saison.“ Nouri ging dennoch nach dem Spiel zu jedem seiner Spieler, klopfte auf viele Schultern, verteilte Umarmungen. Später seufzte er: „Wir konnten die Tabelle schon vorher lesen. Jetzt wird es eine noch längere Reise für uns.“

Werder verschenkt doppelte Führung

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