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Max Kruse ließ sich beim 3:1-Sieg in Augsburg wie gewohnt fallen, zeigte sich omnipräsent im Bremer Spielaufbau.

3:1-Sieg gegen Augsburg

Taktik-Analyse: Werder am Anfang dominant, am Ende konterstark

Augsburg - Von absolut dominant über zu passiv bis hin zu clever konternd: Werder Bremen durchlebt beim 3:1-Sieg über den FC Augsburg viele Höhen, aber auch so manche Tiefen. Unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher erklärt, wie Florian Kohfeldt seine Mannschaft eingestellt hat.

Pep Guardiola tut es. Jupp Heynckes tut es. Christian Streich sagte öffentlich, er tue es sogar zehn bis fünfzehn Stunden pro Woche. Die Rede ist von der Videoanalyse. Das ausführliche Sezieren des kommenden Gegners gehört zum Repertoire eines modernen Trainers. Nur wer dessen Stärken und Schwächen ausführlich analysiert, kann die eigene Taktik an den Gegner anpassen. Manchmal fallen aber auch taktische Mittel beim Gegner auf, die ein Trainer bei seiner eigenen Mannschaft anwenden kann. So geschehen beim Spiel FC Augsburg gegen Werder Bremen.

Halb Viererkette, halb Fünferkette

Der FC Augsburg spielt unter Trainer Manuel Baum aktuell mit einer Mischformation. Rani Khedira nimmt im Spielaufbau den Posten eines Sechsers ein. Bei gegnerischem Ballbesitz lässt er sich in die Abwehr fallen, füllt damit die Viererkette zu einer Fünferkette auf. Somit kann Augsburg Khediras Drang nach vorne nutzen, gleichzeitig aber auch gegen den Ball mit einer stabilen Fünferkette arbeiten.

Florian Kohfeldt übernahm diesen taktischen Kniff. Philipp Bargfrede war der auserwählte Spieler, der Khediras Rolle kopieren sollte. Bei gegnerischem Ballbesitz agierte Bargfrede als zentraler Verteidiger, bei eigenem Ballbesitz rückte er vor und lenkte das Spiel von der Sechser-Position.

Die Grafik zeigt die Formationen beider Teams. Philipp Bargfrede und Rani Khedira spielten eine Mischrolle aus Verteidiger und zentraler Mittelfeldspieler.

Gerade Bargfredes Rolle im Spiel gegen den Ball half Werder: Augsburgs Stärke sind lange Bälle, mit denen sie ihre schnellen Stürmer einsetzen. Besonders Daniel Baier ist berüchtigt für diese Pässe. Mit einem zusätzlichen Mann in der Abwehrkette konnte Bremen die Schnittstellen in der Abwehr besser schließen und lange Bälle leichter verteidigen.

Flexible Außenstürmer machen den Unterschied

Ironischerweise funktionierte dieser taktische Kniff beim Kopierenden besser als beim Kopierten. Augsburg machte das Umschalten von Vierer- auf Fünferkette große Schwierigkeiten. Vor allem gegen Werders Tausendsassa Max Kruse stimmte die Zuordnung nicht. Kruse ließ sich wie gewohnt fallen, zeigte sich omnipräsent im Bremer Spielaufbau. So wirklich verfolgte ihn kein Augsburger, sodass Kruse immer wieder in gefährlichen Räumen an den Ball kam.

Es war nicht der einzige Grund, aus dem Augsburg in der ersten halben Stunde keinen Zugriff erlangte. Bremen zeigte eine absolut dominante Vorstellung. Bargfrede lenkte das Spiel aus dem Sechserraum, verteilte die Bälle immer wieder auf die Flügel. Hier zeigten sich die Außenstürmer äußerst flexibel: Wenn der Ball nach rechts kam, rückte Linksaußen Florian Kainz herüber, das gleiche Spiel gab es andersherum mit Rechtsaußen Ishak Belfodil. Sie agierten praktisch permanent auf einer Seite, unterstützten sich immer wieder gegenseitig.

Belfodil und Kruse schießen Werder zum Sieg

FC Augsburg gegen Werder Bremen
Florian Kohfeldt hat in der Hinrunde nach dem Spiel gegen den FC Augsburg bei Werder Bremen als Trainer übernommen. Nun macht er seine erste „Halbserie“ voll. © Gumz
Werder Bremen gegen FC Augsburg
Werder startet sehr druckvoll. Nach starkem Seitenwechsel von Florian Kainz wackelt Ishak Belfodil Martin Hinteregger aus... © nordphoto
FC Augsburg gegen Werder Bremen
...und trifft nach nicht einmal fünf Minuten zur Führung für Werder. Philipp Bargfrede freut sich mit. © nordphoto
FC Augsburg gegen Werder Bremen
Werder kontrolliert die erste Hälfte, von Augsburg kommt fast gar nichts. Kurz vor der Pause legt Max Kruse (hier im Duell mit Rani Khedira)... © imago
FC Augsburg gegen Werder Bremen
...mit einem tollen Pass das 2:0 durch Belfodil auf. Der Stürmer drückt den Ball im zweiten Versuch mit dem Oberschenkel über die Linie. © nordphoto
FC Augsburg gegen Werder Bremen
Werder jubelt - und geht hochverdient mit einer 2:0-Führung in die Pause. © nordphoto
FC Augsburg gegen Werder Bremen
In der zweiten Hälfte kippen die Kräfteverhältnisse zeitweise. Rani Khedira köpft den Anschluss der Gastgeber. © imago
FC Augsburg gegen Werder Bremen
Danach gibt es viele Chancen auf beiden Seiten. Das Spiel scheint offen. © nordphoto
FC Augsburg gegen Werder Bremen
Doch dann macht Max Kruse (r., hier im Duell mit Rani Khedira) mit einem überlegten Schuss zum 3:1 den Deckel drauf. © imago

Bremens Überzahlen auf den Flügeln halfen ihnen nicht nur im Angriffsspiel. Sie bekamen dadurch auch sofort Zugriff nach Ballverlusten. Belfodil und Kainz setzten sofort nach Ballverlusten zum Gegenpressing an, bekamen dabei auch immer wieder Unterstützung durch Laufwunder Maximilian Eggestein. Bremen eroberte die Bälle sofort zurück. Nach einer halben Stunde verbuchte Bremen einen Ballbesitzwert von 61 Prozent, zum Ende der ersten Halbzeit führten sie 2:0.

Etwas zu passiv nach der Pause

Baum musste in der Pause etwas verändern. Mit der Einwechslung von Jan Moravek (für Gojko Kacar) stellte er auf ein 4-3-3-System um. Seine Mannschaft war nun vor allem eins: offensiver. Die Außenverteidiger rückten weit vor, das Mittelfeld ebenso. Augsburgs Strategie war es, den Ball früh auf Linksverteidiger Philipp Max zu spielen. Der Vorlagen-König der Liga sollte die zahlreichen Spieler im Strafraum bedienen.

Augsburgs Taktik ging auf, auch weil Werder nach der Pause zu passiv agierte. Bargfrede agierte nun vor der Abwehr, Bremen zog sich in einem 4-1-4-1 zurück. Sie übten wenig Druck auf Augsburgs Flügelspieler aus, sodass Max immer wieder frei flanken konnte. Ein Doppeln der gegnerischen Außenstürmer hätte geholfen, das 2:1 zu verhindern (63.).

Bremen kontert sich zum Sieg

Doch selbst in dieser Phase des Spiels hatte Bremen genug Chancen, das Spiel für sich zu entscheiden. Defensiv mag Bremen zu passiv agiert haben, offensiv spielten sie die eigenen Konter aggressiv zu Ende. Kruse ließ sich vermehrt fallen und forderte den ersten Pass, den er auf die Flügel verteilte. Mit Vierer- statt Fünferkette hatte Augsburg noch mehr Probleme, Kruse einzufangen. Gleichzeitig stießen Eggestein und der eingewechselte Zlatko Junuzovic (63., für Delaney) immer wieder in die Tiefe.

Das Spiel kippte nach dem 2:1 zugunsten von Bremen. Augsburg wollte nun zu viel, postierte sich teils mit sechs Spielern an der Bremer Abwehrkette. Oft verblieben nur die beiden Innenverteidiger in der Abwehr. Augsburg öffnete mit dieser offensiven Strategie Räume für Bremer Konter. Diese nahmen das Geschenk dankend an – nicht bei der ersten, auch nicht bei der zweiten, aber schließlich bei der dritten Riesenchance.

Trotz etwas wackliger Defensive nach der Pause fällt das Fazit aus Bremer Sicht äußerst positiv aus. Bremen hat den Abstand auf die Abstiegsränge vergrößert. Vor allem aber haben sie bewiesen, wie weit Kohfeldt die Mannschaft fußballerisch entwickelt hat. Gerade in der Anfangsphase dominierte Bremen den Gegner nach Belieben – und das trotz ungewohntem System. Kohfeldts Videoanalyse hat offenbar gefruchtet.

Tobias Escher

Zur Person: Tobias Escher ist ein freier Journalist, der sich als Taktikexperte bundesweit einen Namen gemacht hat. Er ist Autor der Website spielverlagerung.de sowie Experte bei Bohndesliga, einem ganz besonderen Fußball-Format im Internet. Der 29-Jährige schreibt für die „Welt“ und „11Freunde“ und war als Taktikexperte auch für TV-Sender wie Sky und ZDF tätig - mal im Vorder-, mal im Hintergrund. Absolut zu empfehlen sind seine Bücher „Vom Libero zur Doppelsechs“ und „Die Zeit der Strategen: Wie Guardiola, Löw, Mourinho und Co. den Fußball neu denken“ (erschienen im März 2018). Tobias Escher wird in dieser Saison alle Pflichtspiele des SV Werder Bremen exklusiv für die DeichStube analysieren.

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