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Daumen hoch! Alexander Nouri gewann mit Werder dank Max Kruse das Spiel beim FC Ingolstadt. Der Stürmer erzielte alle vier Tore beim 4:2-Sieg.

Taktik-Analyse

Kruses Klasse macht das Kampfspiel zum Spektakel

Ingolstadt - Von Cedric Voigt. Der SV Werder ging gegen den Tabellenvorletzten FC Ingolstadt als klarer Favorit ins Spiel. Doch die Bremer taten sich beim Underog schwer - bis Max Kruse seinen Auftritt hatte. Die Taktik-Analyse.

Auf dem Papier gibt es vermutlich größere Angstgegner als den FC Ingolstadt: Als schwächste Heimmannschaft der Liga und auf dem vorletzten Platz der Tabelle liegend dürften die „Schanzer“ den Bremer Fans vor der Partie kein allzu mulmiges Gefühl bereitet haben. Mit Laufstärke und gutem Pressing gelang es dem bayrischen Underdog trotzdem, Werder vor einige Probleme zu stellen – bis die Kruse-Show losging.

Eine Woche nach dem Nordderby gastierte der SV Werder beim nächsten Spielzerstörer: Wie der HSV gehören die Ingolstädter zu den Teams, denen es oftmals gelingt, favorisierte Gegner auf das eigene spielerische Niveau zu ziehen, Passquoten zu drücken und der Partie einen unangenehmen Rhythmus aufzuzwingen. Dazu nutzte das Team von Maik Walpurgis trotz einiger Personalsorgen auch gegen Werder ein 3-4-2-1-System, das besonders im Pressing in der Lage war, den Bremern das Leben schwer zu machen.

Ingolstädter Halbraumzehner zerstören den Bremer Aufbau

Eine Schlüsselrolle kam dabei Pascal Groß und Sonny Kittel zu: Hinter Mittelstürmer Dario Lezcano zeigten sich die beiden nominell kreativsten Ingolstädter bemüht, mit vielen intensiven Läufen das Bremer Aufbauspiel zu stören und besonders Milos Veljkovic und Niklas Moisander keine Chance zu geben, sich in Ruhe für einen Pass zu entscheiden. Die Grundposition der zwei Ingolstädter Abfangjäger entsprach dabei eher der zweier in den Halbraum versetzter Zehner als der klassischer Außenstürmer.

Mit einer unruhigen Mischung aus Mittelfeld- und Angriffspressingmomenten zwangen die Ingolstädter Werder entweder, früh einen unkontrollierten langen Ball in Richtung der Stürmer zu schlagen oder über die Außenverteidiger statt das gut zugestellte Zentrum aufzubauen. Auch Theodor Gebre Selassie und Robert Bauer sahen sich in solchen Fällen zumeist sofort einem aggressiv nachsetzenden Gegenspieler gegenüber. Früher oder später gelang es den Schanzern immer, Werder zu direktem, unpräzisen Spiel zu zwingen – und so den Ball zurückzuerobern.

Einzelkritik: Kainz immer wertvoller, Kruse unverzichtbar

Wirklich für Gefahr sorgen konnten die Ingolstädter ihrerseits jedoch auch nicht: Zwar ließ man Werder nicht zur Entfaltung kommen, doch jenseits vereinzelter früher Bremer Abspielfehler, nach denen man Werder für kurze Zeit etwas unsortiert vorfand, eröffneten sich für die Hausherren kaum eigene Möglichkeiten.

Das lag teils daran, dass Werder anfangs nicht zu riskant aufrückte, teils daran, dass es der Mannschaft von Maik Walpurgis grundsätzlich an den spielerischen Ideen fehlt, um im letzten Drittel aus dem Spiel heraus gefährlich werden zu können. Vielmehr schien man auf Standards und Fehler des Gegners zu hoffen. Dabei zeigte man sich allerdings immerhin insofern mutig und druckvoll, als dass man seinerseits weit in die Bremer Hälfte aufrückte.

Ingolstadts Aktivposten Tisserand: Vorne gefährlich, hinten eine Schwachstelle

Besonders Marcel Tisserand, seines Zeichens linker Innenverteidiger der Ingolstädter Dreierkette, marschierte regelmäßig mit dem Ball am Fuß bis ins defensive Spielfeld-Drittel der Grün-Weißen und profitierte dabei vom eher laschen Bremer Mittelfeldpressing, das nicht immer genügend Druck auf den zusätzlich nachstoßenden Ingolstädter ausübte. Auch das Führungstor wurde von Aushilfs-Offensivkraft Tisserand eingeleitet: Ein Dribbling gegen Florian Grillitsch in der eigenen Hälfte, zwanzig Meter Raumgewinn ohne Gegnerdruck und eine präzise Halbfeldflanke in Richtung von Dario Lezcano, der Lamine Sané entwischt war – mehr brauchte es nicht, um Ingolstadt zunächst auf die Siegerstraße zu bringen.

Man könnte nun behaupten, dass es für das Ingolstädter Pressing spräche, dass der Bremer Antwort auf den Rückstand kein geordneter Aufbau, sondern ein Konter über die im Passspiel erneut überzeugenden Max Kruse und Florian Kainz vorausging. Tatsächlich zeigte die Situation kurz vor dem Pausen- und noch kürzer vor dem Elfmeterpfiff nach Foul an Fin Bartels allerdings auf, welche Risiken das Ingolstädter Spiel mit sich brachte.

Die Werder-Profis feierten den fulminanten 4:2-Sieg gegen den FC Ingolstadt vor der Fan-Kurve.

Wenn es doch einmal gelang, sich aus dem Pressing zu befreien, fand Werder enorme Räume vor. Gerade der aufgerückte Tisserand, der zunächst Kruse nicht stören und später Bartels nur noch unfair von den Beinen holen konnte, öffnete mit seiner Spielweise durchaus Lücken. Das Problem der ersten Halbzeit lag lediglich darin, diese Situationen eigenständig zu forcieren und nicht nur auf glückliche Befreiungsschläge zu hoffen.

In der zweiten Hälfte setzte sich das Bild fort: Zwar wirkte Werder ein wenig wacher und aktiver, hatte allerdings weiterhin Probleme mit dem Ball am Fuß. Auch das offensive Quartett kam bis dato kaum zur Geltung: Gerade Florian Grillitsch, zuletzt eigentlich mit aufsteigender Form, wirkte ohne einen kontrollierten Aufbau, zu dem er beitragen konnte, etwas überfordert und konnte anders als die beweglicheren und schnelleren Bartels, Kainz und Kruse auch seltener sinnvoll auf die Außenpositionen ausweichen, um sich dort der Bewachung durch die Ingolstädter Mittelfeldspieler zu entziehen. 

Nouri variiert: Viererkette und Offensivpower drehen das Spiel

Im Anschluss an einen mehr als schmeichelhaften Elfmeterpfiff zugunsten von Almog Cohen und dem 2:1 für die Hausherren reagierte Alexander Nouri folgerichtig mit einer riskanten, aber letztlich mitentscheidenden Umstellung: Veljkovic und Grillitsch gingen aus der Partie, Claudio Pizarro und Serge Gnabry verstärkten das Bremer Team für die letzten gut 20 Minuten. Damit einher gingen diverse taktische Anpassungen: Die Dreierkette wurde zugunsten der klassischen Viererkette aufgegeben.

So zerstörte man den Plan von Walpurgis‘ ohnehin langsam müde werdenden Pressingmaschinen, mit klaren Zuordnungen auf die drei möglichen Bremer Aufbauspieler zum Erfolg zu kommen. Kittel, Groß und Lezcano waren gegen die vier Bremer, die den Aufbau nun breiter gestalteten, diesmal in der Unterzahl. Vor der Viererkette agierte Maxi Eggestein nun deutlich aktiver und weniger positionsgebunden. Davor sollte eine bewegliche Dreierreihe aus Kainz, Gnabry und Bartels mit Dribbelstärke und Kreativität Chancen für Pizarro und Kruse kreieren, die als Anspielstationen und Vollstrecker für Präsenz im Zentrum sorgen sollten.

Viererpacker Kruse lässt Werder jubeln

Dass dieser Plan funktionierte, lag nicht zuletzt auch daran, dass sich die drei freien Offensivspieler hinter den Spitzen sowie auch vereinzelt der wie immer omnipräsente Kruse viel freiliefen, durch ihre Bewegungen und Dribblings die Ingolstädter Manndeckungen aufbrechen konnten und das Bremer Spiel nie statisch werden ließen. Dabei fand Werder erfolgreich die Balance zwischen Geduld und Brechstange: Selten wurde zu früh versucht, den entscheidenden Pass zu spielen. Vielmehr hielt man im Zweifel den Ballbesitz, zog das Foul oder stimmte die riskanten Aktionen zumindest so ab, dass keine direkte Gefahr eines Konterangriffs bestand.

Die Ingolstädter Reaktion auf die Bremer Umstellungen ließen diese sowieso kaum zu: Mit der Führung im Rücken sollte das Ergebnis gehalten werden, dazu vertraute man auf ein flaches 5-4-1. So sollten die Flügel doppelt gesichert und über die numerische Überzahl eine stabile Endverteidigung garantiert werden. Für eigene Umschaltangriffe stand man fast schon zu tief. Ein defensiver Ansatz, der sich oft dadurch knacken lässt, die Innenverteidiger zum Ausgleich dieser Zahlenverhältnisse offensiver einzubinden: Auch bei Werder rückten die Verteidiger in der Schlussphase weit auf, besonders der für den Spielaufbau hauptverantwortliche Niklas Moisander.

Eine der von Tisserand in Halbzeit 1 nicht unähnliche Halbfeldflanke des Finnen führte nach einem Patzer des Ingolstädter Torhüters zum zweiten Kruse-Treffer des Tages. Eine starke Umschaltaktion und ein in der Nachspielzeit zur Ingolstädter Ecke aufgerückter Torhüter ermöglichten selbst- und passsichereren Bremern in der Schlussphase sogar noch den 4:2-Sieg – und Max Kruse einen historischen Viererpack.

Felix Wiedwald: Vom Durchschnittskeeper zum „Umschalt-Torhüter“

Miteingeleitet wurde der letzte Bremer Torerfolg übrigens von Felix Wiedwald. Sicher war es nicht die anspruchsvollste Aufgabe, gegen komplett aufgerückte Ingolstädter einen Abwurf zum eigenen Mann zu bringen – gerade seine Abwürfe machen den Bremer Schlussmann in den letzten Wochen jedoch ein wenig zum unbesungenen Helden. Gerade zu Beginn der Bremer Serie wurde er oft genug und völlig zu Recht zum „Wiedwall“ geschrieben – Glanztaten auf der Linie sei Dank.

Aufgrund von Unsicherheiten mit dem Ball am Fuß wirkte es trotzdem oft nicht so, als wäre Werders Rückhalt ein wirklich „kompletter“ Torhüter. Wiedwalds Entwicklung der letzten Wochen widerlegt diese Skepsis zwar nicht vollends, sie zeigt aber auch, dass sein Spiel an Facetten gewinnt, die Werder guttun: Gerade eine Mannschaft mit vielen starken Umschaltspielern profitiert von einem Torhüter, der solche Angriffe mit Abwürfen und Abstößen schnell und direkt einleiten kann. In diese Rolle scheint Wiedwald zuletzt hereingewachsen zu sein.

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