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Gestreckt, gekämpft, am Ende aber einmal mehr ohne Sieg: Die Werder-Profis um Philipp Bargfrede waren nach dem 0:0 beim HSV zwar unzufrieden, halten den Weg der Mannschaft aber weiterhin für richtig.

Bei Werder wird trotz Sieglos-Serie das Gute groß und das Kritische klein geschrieben

Gefährliche Zuversicht

Hamburg - Die meisten Spieler saßen bereits im Bus, als Frank Baumann am späten Samstagabend im Bauch des Hamburger Volksparkstadions als einer der letzten aus der Bremer Kabine kam.

Sieben Spieltage vorbei, noch immer kein Sieg – klar, dass die Einschätzung des Sportchefs nach dem 0:0 beim HSV auch zu später Stunde noch sehr gefragt war. 

Ehe auch er in den Bus stieg, nahm sich Baumann die Zeit, um einmal mehr das zu bekräftigen, was er schon seit Wochen betont: Ruhe bewahren. „Wir sind in einer schwierigen Situation. Das Gute ist aber, dass es noch früh in der Saison ist und wir Zeit haben.“ 

Mahnende Worte ans Team, gar Kritik an Einstellung und Auftritt im Nordderby äußerte Baumann nicht. Werders offizieller Sprachgebrauch zur Sieglos-Serie geht weiterhin so: Nicht gut, ganz schlecht aber auch nicht. Das kann gefährlich sein.

Werder ging bisher in keinem Spiel unter

Zugegeben: Werder sah an den ersten sieben Spieltagen nie richtig schlecht aus, ging in keinem Spiel unter und hat erst sieben Gegentore kassiert. Es gab schwächere Phasen gegen Wolfsburg und jetzt in Hamburg, demgegenüber standen aber auch immer positive Aspekte – eben je nach Lesart der Partie.

Werder-Sportchef Frank Baumann im Spiel gegen den Hamburger SV.

Was auffällt: Bei Werder haben sie sich fest vorgenommen, das Gute groß und das Kritische klein zu schreiben. So war von den Bremer Profis nach der Nullnummer im Nordderby zu hören, dass der Lucky Punch für Werder durchaus möglich gewesen sei (Zlatko Junuzovic), dass die Mannschaft nicht zufrieden, aber zuversichtlich in die nächsten Spiele gehen könne (Philipp Bargfrede) und dass es eben auch ein sehr schweres Spiel gewesen sei (Milos Veljkovic). Lediglich Verteidiger Niklas Moisander übte deutliche Kritik: „Wir müssen einfach mehr investieren.“ Ansonsten: Harmonie statt Hektik, Geschlossenheit statt Groll.

Diese Sichtweise trägt zwar dazu bei, einen kühlen Kopf zu bewahren. Sie ist jedoch Teil eines Kurses, der beim sehnsüchtigen Warten auf den ersten Saisonsieg von Woche zu Woche unglaubwürdiger wird. Schlimmer noch: der den Eindruck entstehen lässt, an der Weser herrsche der Gedanke vor, dass es schon irgendwie von ganz alleine gut werden wird.

„Wir verlassen uns nicht auf die Rückrunde“

In der Rückrunde der vergangenen Saison haben die Bremer genau diese wundersame Erfahrung gemacht. Ein 2:0-Erfolg in Mainz, und plötzlich avancierte die Elf von Trainer Alexander Nouri zur Mannschaft der Stunde in der Bundesliga. Elf Spiele ohne Niederlage hätten Werder am Ende beinahe noch in die Europa League geführt. 

Dass das ein enormer Kraftakt und zudem etwas Glück war – und sich vor allem nicht beliebig wiederholen lässt, weiß auch Baumann. „Wir verlassen uns nicht auf die Rückrunde“, sagte der 41-Jährige, um dann noch hinzuzufügen: „Natürlich hilft die Erfahrung der letzten Jahre. Es gab ja fast immer einen schlechten Start. Deshalb haben wir auch eine gewisse Ruhe, aber wir unterschätzen das auch nicht. Es wird wieder ein ganz harter Weg.“

Einzelkritik: Pavlenka wieder Werders Bester, Bartels enttäuscht

Das dürfte in der Tat schon jetzt feststehen. Werders oberstes Ziel für die laufende Saison war es, mit dem Abstiegskampf nichts zu tun zu haben. Von diesem Traum ist der Club aktuell meilenweit entfernt. Als Tabellen-17. geht die Mannschaft nun in die zweiwöchige Länderspielpause – Robert Bauer sieht die Unterbrechung mit gemischten Gefühlen. „Wir haben wieder nicht gewonnen. Da kommt die Pause nicht so gelegen, weil wir jetzt zwei Wochen warten müssen, bis wir die nächste Möglichkeit bekommen, drei Punkte zu holen“, sagte der Verteidiger. Er weiß aber auch: „Insgesamt ist es vielleicht ganz gut, dass wir ein bisschen abschalten können.“ Bauer räumte ein, dass Werders Lage für die Spieler „belastend und psychisch nicht einfach“ sei: „Wir sind Profis, aber jeder von uns ist ein Mensch.“

Baumann setzt voll auf Nouri

Den Bremer Akteuren, die nicht zu ihrer Nationalmannschaft reisen, stehen nun ein paar freie Tage bevor. Coach Nouri wird sich keine Pause gönnen. Zwar führt Werder offiziell keine Trainerdiskussion (im Gegenteil: Baumann setzt voll auf Nouri). Bleiben die gewünschten Ergebnisse aber weiter aus, dürfte sich das schnell ändern. Seinen Plan, das Hauptaugenmerk auf die Defensive zu richten, hält der Trainer trotz der mageren Ausbeute von erst drei Toren weiterhin für richtig: „Grundsätzlich sind wir von dem Weg überzeugt. Wir werden zwangsläufig die Punkte und Tore einfahren.“

Die nächste Gelegenheit dazu bietet sich Werder am 15. Oktober, wenn Borussia Mönchengladbach zum späten Sonntagsspiel (18.00 Uhr) im Weserstadion zu Gast ist. 

Robert Bauer bemühte sich am Samstag, die Sache so pragmatisch wie möglich zu sehen: „Um mehr geht es nicht, das nächste Spiel, Gladbach. Es geht für uns wieder um drei Punkte.“

Fotostrecke: Werders Nullnummer beim Hamburger SV

Lest auch den Kommentar von Carsten Sander: Eine Chance hat Nouri noch verdient

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