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Werder Bremen konnte auch sein siebtes Saisonspiel in Folge nicht gewinnen.

Taktikanalyse

Krampf statt Klasse: Nouri verliert das Taktikduell gegen Gisdol

Wie Hamburgs Trainer Markus Gisdol seinen Kollegen Alexander Nouri austrickste und wieso Zlatko Junuzovic der Lichtblick in der Bremer Elf war, erklärt unser Taktikkolumnist Tobias Escher.

Einsatz, Zweikämpfe, Leidenschaft: Daran hat es beim 107. Nordderby nicht gemangelt. Leider aber an der Spielkultur. 

28 Fouls begingen die Bremer, achtmal schossen sie aufs Tor. Fast viermal so viele Fouls wie Torschüsse: Das dürfte es bei Werder Bremen schon lange nicht mehr gegeben haben. 

Dies zeigt das ganze Dilemma: Nach vorne hatte Bremen wenige Ideen, und hinten wusste sich das Team oft nur mit Fouls zu helfen. Schuld daran war auch die Taktik.

Bremens Plan in der Theorie

Ulisses Garcia rückte für den verletzten Ludwig Augustinsson in die Mannschaft, ansonsten begann Bremen das Spiel unverändert im Vergleich zum 0:0 gegen den SC Freiburg. Alexander Nouri stellte seine Elf in der Nouri-typischen 5-3-2-Formation auf. HSV-Trainer Markus Gisdol hielt ebenfalls an seiner typischen Taktik fest und schickte seine Elf in einem 4-2-3-1 auf das Feld.

Schnell wurde Bremens taktischer Plan erkennbar: Defensiv wollten sie stabil stehen gegen Hamburgs lange Bälle. Die Hamburger überbrücken das Mittelfeld meist mit langen Schlägen. Damit Hamburgs Stürmer nicht schnell hinter Bremens Abwehr starten können, zog sich die Bremer Fünferkette weit zurück.

Das Bremer Mittelfeld wiederum stand etwas höher. Florian Kainz und Thomas Delaney deckten die gegnerische Doppelsechs, die im Spielaufbau eher tief agierte. Nach vorne wollte Bremen über die Flügel angreifen. Hier rückten die Außenverteidiger gewohnt weit vor, Unterstützung bekamen sie von Kainz und Delaney.

Der HSV greift in die Trickkiste

In der Anfangsviertelstunde erzwangen die Bremer mit dieser Taktik ein ausgeglichenes Spiel. Beide Teams stellten sich im Mittelfeld schachmatt. Doch Nouris Gegenüber Markus Gisdol hatte noch ein paar taktische Asse im Ärmel. Sechser Albin Ekdal ließ sich nach einer Viertelstunde vermehrt auf die Rechtsverteidiger-Position fallen. Er entzog sich damit seinem Manndecker Delaney und baute das Spiel von hinten auf.

"Ekdal entzog sich der Bremer Deckung, Diekmeier rückte dafür nach vorne und Hahn startete in die Spitze."

Die Hamburger begannen nun, ganz bewusst die Flügel zu überladen. Viele Angriffe begannen auf der rechten Seite. Mit schnellen Verlagerungen fand Hamburg den gegenüberliegenden Flügel. Aaron Hunt wich von seiner Zehnerposition immer wieder auf den linken Flügel aus. Er band Gebre Selassie. Dieser konnte sich dadurch nicht um Tatsuya Ito kümmern. Der Japaner war Hamburgs Ass im Ärmel: Immer wieder stand er auf dem linken Flügel frei und konnte allein auf Robert Bauer zulaufen. Ito spielte Bauer schwindelig.

Hamburgs Angreifer rochieren – Bremens nicht

Auch im Angriff waren die Hamburger sehr beweglich: Stürmer Bobby Wood ließ sich immer wieder in die Lücken des Bremer Mittelfelds fallen. Damit zog er Bremer Verteidiger aus der Abwehr, die ihm nur zu bereitwillig folgten. Andre Hahn besetzte die frei werdenden Schnittstellen in Bremens Defensive, Dennis Diekmeier assistierte ihm am rechten Flügel. Den Hamburgern fehlte bei diesen Angriffen zwar die Genauigkeit. Da Bremen bei den eigenen Defensivaktionen aber oft zu langsam war, konnten die Hamburger viele Freistöße und Ecken herausholen.

Mit dieser Beweglichkeit im Angriff konnten die Bremer nicht konkurrieren. Hamburg setzte nach Ballverlusten aggressiv nach, zwang Bremen zu langen Bällen. Fin Bartels und Ishak Belfodil hielten im Sturm relativ starr ihre Positionen, sodass Bremen diese Bälle meist ins offensive Zentrum schlagen mussten. Hier räumten Hamburgs Verteidiger alles weg, was ihnen in den Weg kam. In Umschaltsituationen fehlte Bremen die Präzision. Im Ballbesitzspiel zeigten sich wiederum die alten Probleme: Schlechte Besetzung der Verbindungsräume, zu zaghaftes Aufrücken der Mittelfeldspieler, zu wenig Bewegung.

Erst mit Junuzovic kommt Schwung ins Spiel

Nach der Pause fokussierte Hamburg stärker das Spiel über die rechte Seite. Hunt wich häufiger nach rechts aus, Hahn startete von der linken Seite in die Spitze. Damit konterten die Hamburger Bremens Versuch, durch eine tiefere rechte Seite stabiler zu stehen.

Erst in der Schlussviertelstunde konnten sich die Bremer befreien. Einerseits fehlten den Hamburgern die nötigen Kräfte, um ihr kräftezehrendes Pressing aufrechtzuerhalten. Andererseits brachten zwei Einwechslungen (63.) neuen Schwung in das Bremer Spiel: Maximilian Eggestein zeigte sich als Sechser ballsicherer als Philipp Bargfrede, der zuvor diese Position bekleidete. Eggestein spielte in Umschaltsituationen sichere Pässe und ließ so das Hamburger Gegenpressing ins Leere laufen.

Wichtiger war aber die Einwechlung von Zlatko Junuzovic. Seine Präsenz als aufrückender Achter tat dem Bremer Spiel gut. Er bewegte sich unablässig nach vorne. Anders als Kainz, der häufig auf die Flügel ausweicht, bewegt sich Junuzovic vertikaler, d.h.: Er geht ins offensive Mittelfeld und von dort in die Spitze. Die Bremer wagten nun wesentlich mehr Spielzüge durch das offensive Mittelfeld. Die Hamburger standen in dieser Zone offen, ließen sich gar einige Male auskontern. Junuzovic belebte das Spiel merklich.

Fazit: Etwas Kampf und ganz viel Krampf

Man kann den Bremern nicht vorwerfen, sie hätten nicht gekämpft. 28 Fouls und drei gelbe Karten belegen Werders Zweikampfhärte. Es mangelte an spielerischen Lösungen. Die Hamburger konnten die Bremer mit ihrem Pressing in deren Hälfte festdrücken.

Der Eindruck der vergangenen Wochen festigt sich: Defensiv hat Nouri gute Pläne, die Mannschaft steht weitestgehend stabil – die meisten Chancen hatte Hamburg nicht aus dem Spiel, sondern nach ruhenden Bällen. Das Spiel mit dem Ball bleibt Werders große Baustelle. Einziger Lichtblick ist Junuzovic. Dessen Präsenz im offensiven Mittelfeld gibt dem Bremer Offensivspiel eine Note, die bei den flügellastigen Auftritten der vergangenen Wochen fehlte.

Tobias Escher

Zur Person: Tobias Escher ist ein freier Journalist, der sich als Taktikexperte bundesweit einen Namen gemacht hat. Er ist Autor der Website spielverlagerung.de sowie Experte bei Bohndesliga, einem ganz besonderen Fußball-Format im Internet. Der 29-Jährige schreibt für die „Welt“ und „11Freunde“ und war als Taktikexperte auch für TV-Sender wie Sky und ZDF tätig - mal im Vorder-, mal im Hintergrund. Absolut zu empfehlen sind seine Bücher „Vom Libero zur Doppelsechs“ und „Die Zeit der Strategen: Wie Guardiola, Löw, Mourinho und Co. den Fußball neu denken“ (erscheint im März 2018). Tobias Escher wird in dieser Saison alle Pflichtspiele des SV Werder Bremen exklusiv für die DeichStube analysieren.

Einzelkritik: Pavlenka wieder Werders Bester, Bartels enttäuscht

Lest auch einen Kommentar von Carsten Sander: Eine Chance hat Nouri noch verdient.

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