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Probleme in der Luft, Probleme im Aufbau, Probleme bei Hektik: Werder kam gegen den HSV nur zu einem Remis.

Taktikanalyse zum Nordderby

Werder und der HSV bestreiken den Spielaufbau

Hamburg - Von Cedric Voigt. Das Nordderby – nach wie vor ein emotionaler, aber immer seltener ein sportlicher Höhepunkt in der Bundesliga. Die Vorzeichen standen auch diesmal auf Abstiegskampf mit vielen Fehlern und niedrigen Passquoten. Nach der Punkteteilung bleibt zu resümieren: Die Partie hielt leider, was sie versprach.

Zum Teil hatte dies allerdings System. Der nach wie vor sieglose HSV hatte es erst in der Vorwoche gegen Hoffenheim wieder gezeigt: Am wohlsten fühlen sich die Rothosen, wenn sie den Ball nicht lange in den eigenen Reihen halten müssen. Im klassischen 4-2-3-1 ging es den Gastgebern hauptsächlich daran, den Ball möglichst ohne frühen Ballverlust nach vorne zu schlagen – dort sollten dann entweder die zweiten Bälle festgemacht und von Spielmacher Lewis Holtby verteilt werden, oder Stoßstürmer Michael Gregoritsch gelang es, sich im Luftzweikampf durchzusetzen und den Ball zum individuell starken Linksaußen Filip Kostic oder seinem zielstrebigen Pendant Nicolai Müller auf dem rechten Flügel weiterzuleiten.

Dies gelang unterschiedlich gut – ohne den noch angeschlagenen Lamine Sané in der Startelf fehlte den Bremern defensiv vereinzelt die letzte Kopfballhoheit, dafür ließ sich der anstelle des verletzten Florian Grillitsch im defensiven Mittelfeld startende Thanos Petsos häufiger auf Höhe der Viererkette zurückfallen, um Niklas Moisander und Milos Veljkovic mit seiner physischen Präsenz zu unterstützen. Die erfolgreichere Angriffsstrategie der Hamburger war derweil, Bremer Fehler zu provozieren und entsprechend auf sie zu reagieren. Dem 1:0 der Hamburger ging ein Ballgewinn durch hohes Pressing voraus:

Jaroslav Drobny und seine Abwehr wollten nach einer Abstoßsituation das Spiel flach eröffnen, der HSV stellte jedoch mit dem aufgerückten Sechser Matthias Ostrzolek, Zehner Holtby und Stürmer Gregoritsch die drei Passoptionen Petsos, Veljkovic und Moisander zu, Gregoritsch rückte aus dieser Position heraus, um den Bremer Torwart zu pressen und provozierte einen Querpass ins Aus, nachdem Moisander sich nicht freigelaufen und Drobny nicht auf den Befreiungsschlag zurückgegriffen hatte. Aus dem darauffolgenden Einwurf resultierte dann Gregoritschs Kopfballtreffer zur Hamburger Führung.

Werder vermeidet den geduldigen Spielaufbau

Auch das zweite Tor der Hamburger geschah nicht ohne Bremer Schützenhilfe: Nach einem Ballverlust Gnabrys am Strafraum des HSV gelang es Werder trotz numerischer Überlegenheit nicht, den präzise und mit wenigen Kontakten vorgetragenen Konter der Hamburger zu stören. Auf Seite der Bremer – diesmal wieder im 4-2-3-1 unterwegs, in dem nur Robert Bauer als Rechtsverteidiger für Theodor Gebre Selassie überraschte – wurde in der Regel der geduldige Spielaufbau über die Innenverteidiger vermieden. Gerade bei Torabstößen ließ sich nach dem frühen Gegentor häufig beobachten, wie Jaroslav Drobny seine Vorderleute weit nach vorne beorderte, um mit langen Schlägen den Ball zunächst aus der Gefahrenzone zu halten und beispielsweise den kopfballstarken Santiago Garcia zu bedienen, der den Ball auf den starken linken Flügel der Bremer weiterleiten sollte.

Auch die Innenverteidiger griffen schnell zum weiten Ball in die Spitze und warteten nicht auf ein Freilaufen aus dem Mittelfeld. Das Ziel war es, den umtriebigen Solostürmer Max Kruse zu finden, der seinen Körper zwischen Ball und Gegenspieler schaffen und mit seiner Technik und Übersicht die nachstoßenden Mittelfeldspieler Fin Bartels, Zlatko Junuzovic oder Serge Gnabry einsetzen sollte. Das gelang Kruse bisweilen recht gut, er sammelte nicht nur viele Ballkontakte und machte einige Bälle fest, er diente seinen Mitspielern dank seines großen Aktionsradius auch als zuverlässige Anspielstation.

Max Kruse ermöglichte Kombinationsspiel zumindest im Ansatz

Serge Gnabry brachte nicht zuletzt deshalb jeden seiner 23 Pässe an den Mann, weil Kruse sich besonders häufig auf der linken Spielfeldseite am Offensivspiel beteiligte und mit seinen Laufwegen zumindest Kombinationsansätze ermöglichte, wenngleich diese auch noch nicht immer von Erfolg gekrönt waren. Zumindest dem 1:1 ging jedoch eine starke Kruse-Aktion voraus: Von der linken Seite brachte Kruse den Ball stark ins Zentrum auf Clemens Fritz – vom Bremer Kapitän kam der Ball zu Fin Bartels, der nach einer schicken Finte ausgleichen konnte. Der zweite Bremer Treffer fiel schließlich nach einem Sololauf Gnabrys, der einen zweiten Ball nach Abstoß Drobny in Richtung von Max Kruse hatte erlaufen können.

In der zweiten Halbzeit nahm Alexander Nouri einige Umstellungen vor: Zunächst brachte der Cheftrainer Philipp Bargfrede für Thanos Petsos. Eine zunächst etwas überraschende Maßnahme, ist Bargfrede doch eher ein zweikampfstarker Defensivspezialist und Petsos ein aufbauender Sechser. Ob der ohnehin unerheblichen Rolle des Mittelfeldes im Spielaufbau und der Konteranfälligkeit der Bremer war der Wechsel dennoch eine interessante Idee, um im hektischen Rhythmus der Partie selbst etwas aggressiver, da besser abgesichert, ins Pressing gehen zu können.

Gnabrys Auswechslung brachte Werder um Explosivität auf dem Flügel

Noch wirkte der Bremer Sechser zwar nicht ganz in Topform, mit starken Werten von drei erfolgreichen Tacklings und sechs abgefangenen Bällen verzeichnete Bargfrede jedoch viele Defensivaktionen und half sich notfalls auch mit taktischen Fouls, um die Hamburger Offensive abzuwürgen. Gegen Ende des Spiels war dies jedoch kaum noch nötig: Sowohl Trainer Markus Gisdol auf Seiten der Hamburger als auch Alexander Nouri für Bremen brachten mit Luca Waldschmidt beziehungsweise Claudio Pizarro zwei weitere Mittelstürmer, für die auf Hamburger Seite Dennis Diekmeier, auf Bremer Seite der bis dahin starke und ballsichere Gnabry den Platz verlassen mussten. Um im Bremer 4-4-2 die defensive Stabilität zu wahren, setzte Nouri lieber auf den laufstarken Junuzovic im linken Mittelfeld – brachte sich damit jedoch um die letzte Explosivität und technische Sauberkeit auf dem Flügel.

Unterm Strich bleibt ein 2:2, je ein Punkt für die abstiegsbedrohten Nordclubs – und 77 zu 89 lange Bälle in 90 Minuten plus Nachspielzeit. Der Auftritt der Bremer zeugte durchaus von bisweilen vielversprechender individueller Qualität einzelner Spieler und der im Abstiegskampf so oft beschrienen Bereitschaft, sich aufzureiben. Vor allem aber war das Spiel ein Imperativ an die Kaderplaner und Scouts: Im Tor bringt Routinier Drobny solide Qualitäten auf der Linie ein, mit dem Ball am Fuß bleibt der Tscheche jedoch ein Unsicherheitsfaktor. Angesichts der erneuten Rückversetzung des ebenfalls nicht überzeugenden Felix Wiedwald dürfte sich spätestens im kommenden Sommer die Frage stellen, welcher modernere Keeper in Reichweite ist und ob man dem vom Spielertyp eher zu dieser Kategorie gehörenden Michael Zetterer die Bundesliga zutraut.

Dazu zeigte sich erneut, dass die Baustelle im zentralen Mittelfeld schwerlich allein von Winterneuzugang Thomas Delaney geschlossen werden kann: Schon wieder war das Bremer Zentrum im Spielaufbau abgemeldet. Kapitän Clemens Fritz arbeitete defensiv viel und verbuchte einen Assist, brachte jedoch weniger als die Hälfte seiner Pässe an den Mann. Derzeit ist Werder so nicht in der Lage, Spiele, die der Gegner hektisch gestalten möchte, eigenständig zu beruhigen.

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