+
Viele Bremer Angriffe liefen über Claudio Pizarro (l.), der sich oft auf die Spielermacher-Position zurückfallen ließ.

Taktikanalyse zum Werder-Sieg gegen Hertha

Starke Bremer brechen das Gesetz der Serie

Bremen - Von Cedric Voigt. Werder landet einen Auswärtssieg, den wohl nicht viele in dieser Form auf der Rechnung hatten: In Berlin hatte die Hertha bis zum Samstag noch keinen Punkt abgeben müssen. Und auch bei den Bremern reißt eine Serie: Jaroslav Drobny darf sich gegen seinen zweiten Ex-Verein über das erste Zu-Null-Spiel der Saison freuen.

Das 1:0 der Bremer war kein Zufall, sondern das Resultat einer erfreulichen Leistungsentwicklung, an der besonders auch die nach Verletzungen langsam immer besser in Tritt kommenden Starspieler ihren Anteil hatten: In der Spitze starteten Claudio Pizarro und Max Kruse dies mal etwa auf gleicher Höhe als Zweiersturm, der situativ die Berliner Innenverteidiger presste und effektiv die Passwege ins Zentrum zustellte. Im Aufbauspiel ließen sich beide Stürmer enorm weit zurückfallen.

Dabei war Pizarro etwas involvierter: Die meisten Bremer Angriffe liefen über das Zusammenspiel auf Pizarros rechter Seite, die erneut Robert Bauer und Fin Bartels besetzten, während auf der Gegenüberliegenden Seite Serge Gnabry etwas eingerückt agierte und eher den direkten Weg zum Tor als das Zusammenspiel mit dem an der Seitenlinie orientierten Santiago Garcia suchen sollte. Im Mittelfeldzentrum lief diesmal Clemens Fritz für den angeschlagenen Zlatko Junuzovic neben Philipp Bargfrede auf. Die Innenverteidigung blieb im Vergleich zum Sieg gegen Ingolstadt unverändert.

Das Bremer 4-4-2 traf auf eine Berliner Mannschaft, deren sportlicher Höhenflug nicht ganz so leicht nachzuvollziehen ist: Unter Pal Dardai gelang der Hertha schon im Vorjahr eine starke Hinrunde, die nach Platz 16 in der virtuellen „Rückrundentabelle“ schon zur Eintagsfliege erklärt wurde – und doch trat der Hauptstadtclub nun schon wieder als Tabellendritter an. Die herausragende Stärke der Berliner ist dabei ihre Ruhe und Effizienz: Im Spielaufbau vermeiden die Berliner das Risiko und spielen sich gerne den Ball zwischen den Innenverteidigern zu, während die Mittelfeldspieler sich abwechselnd freizulaufen versuchen. Riskante Vertikalbälle sieht man nur selten (zumal mit John Anthony Brooks auch der aufbaustärkste Berliner Innenverteidiger verletzt fehlte), auch versuchen die Berliner es zu vermeiden, den Ball zu früh raus auf die Außenverteidiger zu spielen.

Hertha hat die Hoheit über den Ball - Werder über die Räume

Vielmehr soll durch ständige Rochaden der Doppelsechs und zurückfallende Bewegungen des Zehners der Gegner überfordert und dessen Zuordnung durcheinandergebracht werden, um dann im richtigen Moment nach vorne zu spielen, die in die Halbräume einrückenden Flügelspieler zu finden oder die Außenverteidiger einzubinden. Auf diese Weise erspielten sich die Gastgeber zu Beginn der Partie eine Ballbesitzhoheit, die phasenweise bis an die 70 Prozent heranreichte.

Viel Zählbares kam dennoch nicht dabei heraus: Die Bremer hielten ihre Grundordnung konsequent, besonders die Doppelsechs ließ sich nicht wie sonst häufig durch die Bewegung der zentralen Berliner Mittelfeldspieler im 4-2-3-1 aus der Position ziehen, sondern wählte zueinander kluge Abstände, ohne zu vehement einen Ballgewinn forcieren zu wollen oder die einrückenden Läufe der Berliner Flügelspieler zu ignorieren. So orientierten sich Bargfrede und Fritz zunächst nicht sonderlich hoch, wären jedoch stets in der Lage, bei Anspielen in die Spitze direkt Druck zu erzeugen, weswegen die Berliner häufig den Ball zurückspielten oder am Flügel hielten, wo die Bremer Außenspieler etwas mannorientierter verteidigten und riskanter auf die Angespielten pressten.

Einstudierte Angriffswege: Nouri verfeinert die Automatismen

Auch die Bremer bauten etwas ruhiger auf als oft gegen die Teams zu sehen, die ein höheres und aggressiveres Pressing als die Hertha forcierten: Bei den Berlinern lief meist nur Vedad Ibesevic den Spielaufbau der Innenverteidiger an oder stellte teils auch schlicht die Passwege in den Sechserraum zu, während Lamine Sane und Niklas Moisander recht viel Zeit und Platz bekamen. Dabei zeigten sich verschiedene Muster, die zu Spielbeginn allesamt noch nicht sonderlich effektiv waren: Teils band man die Sechser mit ein, die allerdings in der Folge vor einem dicht gestaffelten Berliner Block standen, sodass der Ball oft zurück zu den Innenverteidigern oder auf die Außen ging.

Teils liefen sich auch die beiden spielstarken Stürmer tief halblinks und halbrechts frei, während Fin Bartels und Serge Gnabry dafür Läufe in die Spitze übernahmen. Zudem zeigte sich auch erneut das bereits bekannte Schema der zur besseren Anspielbarkeit in die Halbräume einrückenden Außenstürmer, wenn sich Philipp Bargfrede zwischen die Innenverteidiger fallen ließ und die Außenverteidiger als Breitengeber weiter aufrückten. Viele Wechselwirkungen also auf Seiten der Bremer – ein Zeichen dafür, dass Alexander Nouri langsam, aber sicher die Automatismen seines Bremer Teams auch im Offensivspiel verfeinert und sich die einstudierten Angriffswege klarer abzeichnen.

Bremer Defensive gut sortiert gegen hektische Berliner

Etwa zehn Minuten vor der Pause forcierte Werder nach einer bis dato chancenarmen und ruhigen Partie das Tempo: Mehrfach ließ sich Claudio Pizarro zurückfallen, um in Spielmacher-Manier die Spitze anzuvisieren. Auch eine Flügelkombination über Bauer und Bartels kam schließlich zu einer Chance durch. Werder nutzte die Rhythmus-Verschärfung und die aufkommende Hektik für sich und wurde im Pressing aggressiver: Hieraus resultierte auch der Treffer von Max Kruse. Für den zurückfallenden Pizarro war der dynamischere Gnabry mit in die Sturmspitze gegangen. Währenddessen rückte Philipp Bargfrede erstmalig von seiner Sechserposition vor und störte mit einem aggressiven Pressinglauf den Berliner Keeper Rune Jarstein im Aufbau. Jarstein spielte auf Niklas Stark, der mit dem Rücken zum sofort pressenden Gnabry nicht etwa klärte, sondern nach Pal Dardais üblicher Idee die Situation spielerisch zu lösen versuchte – nicht darauf gefasst, dass Max Kruse den Passweg zulaufen und zum 1:0 für Werder abschließen könnte.

Im Rückstand war die Hertha dazu gezwungen, etwas stärker ins Risiko zu gehen. Im Pressing rückten die Flügelspieler und Valentin Stocker als hängende Spitze weiter auf, im Spielaufbau griff man schneller auf den langen Ball zurück, Salomon Kalou ließ sich von seiner Linksaußenposition bisweilen ähnlich wie Kruse auf Bremer Seite halblinks zurückfallen, um anspielbar zu sein. Die Bremer Defensive blieb gut sortiert, Philipp Bargfrede rückte nun auch öfter heraus, um den hektischeren Berliner Spielaufbau früher zu stören und Fehler zu provozieren. Insgesamt fanden die Berliner, die trotz wechselnder Besetzung der Positionen im 4-2-3-1 nie einen Plan B entwickelten, letztlich kein Mittel, um sich konstant Chancen zu erspielen – und im Notfall war Drobny zur Stelle.

Auf der gegenüberliegenden Seite kam Werder durch die höhere Frequenz der gegnerischen Ballverluste vermehrt zu hochkarätigen Konterchancen. Wo zuletzt noch der finale Pass fehlte, war man dies mal einen Schritt weiter: Lediglich die mäßige Tagesform im Abschluss gerade von Topscorer Serge Gnabry stand einem höheren Erfolg des SV Werder im Weg. Dennoch bleibt unterm Strich eine deutlich verbesserte Defensivleistung bei vielversprechenden offensiven Ansätzen und ein verdienter Sieg im Duell gegen den Favoriten aus Berlin.

Riesenjubel in Grün-Weiß

Auch interessant

Was denkst Du über den Artikel?

Nichts mehr verpassen

Kommentare