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Werders Cheftrainer ließ sein Team erstmals von Beginn an mit einer Dreier-Abwehrkette auflaufen.

Taktikanalyse zum Spiel gegen TSG 1899 Hoffenheim

Nouri riskiert – und gewinnt einen Punkt

Bremen - Von Cedric Voigt. Das Fußballjahr 2016 geht für den SV Werder relativ geschmacksneutral zu Ende: Erneut kann man sich einen Punkt sichern, diesmal in der Fremde bei Julian Nagelsmanns noch immer ungeschlagenen Hoffenheimern. Die Taktikanalyse.

Zum ersten Mal spielte der SV Werder von Beginn an in einer Dreierkettenformation. Nachdem vereinzelt bereits für das Aufbauspiel ähnliche Strukturen erprobt worden waren und Bremens Trainer Alexander Nouri zuletzt gegen Köln während des Spiels eine Umstellung vornahm, begann Werder diesmal etwas überraschend mit einem defensiven Riegel aus Niklas Moisander, Lamine Sane und Milos Veljkovic, für den Fin Bartels zunächst auf der Bank blieb. Bartels‘ angestammte Position im rechten offensiven Mittelfeld fiel in dieser Form weg, stattdessen besetzte Robert Bauer den Flügel und spielte ähnlich wie Santiago Garcia auf der gegenüberliegenden Spielfeldseite einen sich offensiv wie defensiv gleichermaßen beteiligenden Flügelspieler.

Philipp Bargfrede als absichernder und Zlatko Junuzovic als vorstoßender Sechser besetzten das zentrale Mittelfeld, davor bildeten Max Kruse, Serge Gnabry und Claudio Pizarro eine variable Offensive, in der zumeist Gnabry halblinks und Pizarro halbrechts um Kruse herum agierten, wobei dieser seine Rolle auch keinesfalls statisch interpretierte und viel unterwegs war. Aus dieser Grundordnung heraus spielte Werder ein eher abwartendes Pressing. Hohe Intensität oder risikoreiches Aufrücken mit mehreren Spielern war eher selten der Fall, dafür positionierten sich die vordersten drei Bremer oft in recht engen Abständen zueinander und blockierten somit die einfachen Wege ins Hoffenheimer Mittelfeld.

Hoffenheim agiert mit Dreierkette und Doppelspitze

Infolgedessen blieb den Hoffenheimern zwar zunächst mehr vom Spiel, viel des Ballbesitzes der Gäste spielte sich allerdings zwischen den drei Innenverteidigern ab: Auch Julian Nagelsmann ist ein Verfechter der Dreierkette, in seinem Konstrukt agierten jedoch zwei klare Mittelstürmer in der höchsten Linie, während sich dahinter mit Kerem Demirbay und Nadiem Amiri zwei lauf- und spielstarke Achter als Verbindungsgeber zwischen Defensive und Offensive freilaufen sollten. Eugen Polanski patrouillierte als tiefster Mittelfeldspieler zwischen den beiden und den Hoffenheimer Verteidigern, spielte im tiefen Aufbau jedoch nur eine untergeordnete Rolle.

Die Regel war vielmehr ein leichtes Vorstoßen von Niklas Süle oder Benjamin Hübner von der halbrechten oder halblinken Innenverteidigerposition, während Kevin Vogt als zumeist tiefste Anspieloption im Zentrum hauptsächlich seine für eine vertikale oder diagonale Spieleröffnung ohnehin besser postierten Mitspieler bediente. Die oft etwas überhasteten Bälle auf die beiden Stürmer Sandro Wagner und Marc Uth (bisweilen auch auf die durchlaufenden offensiven Außenverteidiger) erwiesen sich jedoch aus verschiedenen Gründen nicht als probates Mittel.

Einerseits zeigte auch Werder mit der gegen den Ball zum 5-2-3 werdenden Formation eine gute physische Präsenz in der letzten Defensivlinie, andererseits bringen sowohl Wagner als auch Uth zwar einige interessante Fähigkeiten mit, keiner von ihnen ist jedoch als Stürmer so komplett, konstant schwierige Zuspiele unter hohem Druck verarbeiten und weiterleiten zu können. Die andere häufig genutzte Hoffenheimer Variante, zunächst auf den Flügel und von dort ins Zentrum auf die oft mannorientiert verfolgten Amiri und Demirbay oder den weniger stark attackierten Polanski zu spielen und aus zentraler Position den weiteren Angriff aufzuziehen, erwies sich als praktikabler.

Werder fehlt es an Präzision und Kreativität in der Offensive

Dennoch fehlte es den Hoffenheimern insgesamt besonders an der Verbindung zwischen Sturm und Mittelfeld, nicht zuletzt aufgrund des dichten Bremer Blockes mit drei zentralen Verteidigern und zwei defensiven Mittelfeldakteuren. Die zwei größten Hoffenheimer Chancen, von denen die erste zum Führungstreffer durch Sandro Wagner führen sollte, entstanden derweil im Anschluss an Standardsituationen über scharfe oder platzierte Hereingaben – die spielerischen Ansätze der Gastgeber konnte Werder hingegen zumeist gut kontrollieren.

Werder-Schlussmann Jaroslav Dropbny sah bei dem Gegentreffer von Sandro Wagner schlecht aus.

Gleichsam gelang es Werder kaum, für Entlastung zu sorgen: Der Bremer Aufbau lief alles andere als reibungslos, die Verbindung zwischen Dreierkette und Mittelfeld fand kaum statt. Wo die Kraichgauer zwei umtriebige Achter vor einem absichernden Sechser postiert hatten, herrschte bei Werder zumeist eine gewisse Leere. Junuzovic rückte früh sehr hoch mit auf, Philipp Bargfrede nahm ebenfalls nicht eine allzu prominente Rolle im Spielaufbau ein. Das gelegentliche Zurückfallen von Claudio Pizarro oder Serge Gnabry war eher die Ausnahme als ein verlässlicher Regelfall – es mangelte noch an der letzten Abstimmung innerhalb der neuen Grundordnung.

Die meisten Bremer Angriffsversuche entstanden aus schnellem, direkten Umschaltspiel nach Ballgewinnen, aufgrund des guten defensiven Rückzugsverhalten der Hoffenheimer geriet man hierbei jedoch oft zu schnell in Unterzahl, um die Angriffe präzise und überlegt zu Ende spielen zu können. Ein weiteres Problem im Offensivspiel der Bremer vor der Pause war die Besetzung der Flügelverteidiger: Weder Santiago Garcia noch Robert Bauer besitzen herausragende Fähigkeiten wenn es darum geht, enge Situationen spielerisch aufzulösen wie beispielsweise die Außenverteidiger der Hoffenheimer, die sich durch Tempo, Dribbelstärke und Kombinationsfreudigkeit auszeichneten.

Gnabry rettet einen Punkt - Nouri muss System optimieren

Da Bauer und Garcia allerdings bereits relativ früh im Aufbau eingebunden wurden und selten überhaupt bis zur Grundlinie kamen, hätte es in dieser Partie gerade diesen spielerischen Aspekt gebraucht. So fehlten häufig die Mittel, über die Flügel entscheidenden Raumgewinn zu erzielen oder situativ das Zentrum einzubinden – wenngleich sicher festzuhalten ist, dass auch die Positionierungen der Mitspieler Garcia und besonders Bauer oftmals in Unterzahl brachten und es ihnen so erschwerten, in Ballbesitz zu bleiben.

Zu Beginn der zweiten Hälfte stellte Nouri um, Philipp Bargfrede ging für Fin Bartels aus dem Spiel. Werder ordnete sich nun wieder im bewährten 4-4-2 an und konnte in dieser eingespielteren, offensiveren Ausrichtung mehr Druck aufbauen. Bekannte Muster im Bewegungsspiel wie das situative Einrücken Gnabrys in den linken Halbraum und die den Außenverteidigern entgegenkommende Doppelbesetzung der Flügel stellten Nagelsmanns Hoffenheimer vor neue Herausforderungen bei der Zuordnung und ließen Werder aktiver die Offensive suchen. Die schwächere Zentrumsabsicherung in dieser Ausrichtung hätte sich allerdings gut und gerne rächen können.

Hoffenheim kam zu immer mehr hochkarätigen Konterchancen und hatte in der zweiten Hälfte deutlich bessere Gelegenheiten als noch in der ersten Hälfte, deren schlechte Verwertung sie schließlich den Sieg kosten sollte.  Gegen Spielende legte Nagelsmann lediglich mit positionsbezogenen Wechseln und dem etwas defensiveren Pirmin Schwegler für Kerem Demirbay nach. während Alexander Nouri mit Aron Johannsson für Lamine Sane ganz bewusst ins Risiko ging und eine Brechstangenvariante auf den Platz brachte, die das Mittelfeld schnell überspielen und vorne teils improvisiert wirkende Synergien zwischen den Einzelakteuren zu kreieren versuchte. Mit Serge Gnabrys Treffer nach Hereingabe Garcias kurz vor Spielende wurde dieser Mut schließlich belohnt.

Gerade so über dem Strich, aber mit ordentlicher Tendenz geht Werder also in die Winterpause – es wird interessant zu sehen sein, ob Alexander Nouri die gerade offensiv noch nicht perfektioniert wirkende Dreierkettenvariante vor den nächsten Pflichtspielen verfeinern oder hauptsächlich das zumeist funktionierende 4-4-2, in dem auch Neuzugang Thomas Delaney beim FC Kopenhagen zuhause war, weiterentwickeln möchte. Potential haben beide Varianten – und je nach Gegner und Spielsituation könnte Werder sie in der Rückrunde auch beide noch benötigen.

Bauer und Bartels richtig giftig

GER, 1.FBL, Werder Bremen vs 1. FC Koeln
Jaroslav Drobny: Mitschuldig beim Gegentor, weil er nur auf den Ball wartete und den heranstürmenden Wagner somit gewähren ließ. Stark dagegen die Parade bei Süles Direktabnahme (34.) und noch stärker seine Glanztat mit dem Fuß gegen Toljan (64.). Aber auch im Glück, dass Kramaric einen Fehlgriff nicht ausnutzte. Note 3 © nordphoto
Milos Veljkovic
Milos Veljkovic: War wohl selbst überrascht von seinem Einsatz in der Dreierkette, wirkte sehr nervös. Seine Holperbälle brachten die Kollegen oft in die Bredouille. Große Probleme mit Wagner. Immerhin wurde Veljkovic etwas sicherer. Note 4,5 © nordphoto
Lamine Sane
Lamine Sane (bis 76.): Arm hoch, statt Fuß raus – der Abwehrchef monierte Abseits, anstatt Gegenspieler Wagner am 0:1 zu hindern. Damit lag er gleich doppelt falsch. Im Gegensatz zu seiner cleveren Aktion, als er Süles Konter zum fast sicheren 2:0 stoppte (70.). Kurz darauf musste er mit muskulären Problemen runter. Note 3,5 © nordphoto
Niklas Moisander
Niklas Moisander: Begann fahrig und war vor dem 0:1 einfach nicht aggressiv genug. Dann aufmerksamer. Note 4 © nordphoto
Robert Bauer
Robert Bauer: Litt auf der rechten Außenbahn am meisten unter den miserablen Anspielen von Veljkovic. Mit Offensivdrang, auch später in der Viererkette. Als giftiger Kämpfer richtig stark, nur beim 0:1 stand er nicht gerade gut. Note 3,5 © nordphoto
Philipp Bargfrede
Philipp Bargfrede (bis 45.): Ungewohnt zweikampfschwach, hatte zudem Probleme in der Spieleröffnung. Zur Halbzeit raus, das lag möglicherweise auch an seiner zuletzt etwas schmerzenden Achillessehne. Note 4,5 © nordphoto
Zlatko Junuzovic
Zlatko Junuzovic: Er läuft viel, aber es läuft nicht. Das lag bei seinen Pressing-Versuchen allerdings auch an den Kollegen. Großes Plus: Der Österreicher gab nie auf. Note 3,5 © nordphoto
Santiago Garcia
Santiago Garcia: Defensiv war es okay, aber eben auch zu defensiv. Schließlich begann der Argentinier auf dem linken Flügel. Doch offensiv machte er gute Ansätze mit leichten Fehlern wieder kaputt – bis zur 87. Minute: Seine feine Hereingabe führte zum 1:1. Note 3 © nordphoto
Serge Gnabry
Serge Gnabry: Schon bei seinem verlorenen Laufduell ganz zu Beginn mit Vogt deutete sich an – dem Nationalspieler fehlt nach einer langen Hinrunde mit Olympia-Teilnahme einfach die Puste. Trabte oft nur über den Platz. Gefährlich war er trotzdem. Fegte sein Distanzschuss nach 29 Minuten noch knapp über das Tor, war seine Direktabnahme in der 87. Minute dann drin. Ein Klasse-Tor, schon das siebte in dieser Saison. Note 2,5 © nordphoto
Max Kruse
Max Kruse: Spielerisch ganz klar bester Bremer. Ein guter Ballverteiler, aber das viel zu selten. Und oftmals spielten dann die Kollegen nicht mit. Note 3,5 © nordphoto
Claudio Pizarro
Claudio Pizarro (bis 89.): Begann kämpferisch mit einer starken Grätsche in der eigenen Hälfte. Doch sein Torriecher bleibt verstopft, so eine Chance wie in der 13. Minute lässt er sich normalerweise nicht entgehen. Richtig schlecht war sein Verhalten vor dem 0:1, als er Flankengeber Demirbay einfach nicht attackierte. Note 5 © nordphoto
Fin Bartels
Fin Bartels (ab 46.): Zeigte sofort, dass es ein Fehler war, zu Beginn auf ihn zu verzichten. Sehr aktiv und giftig, wenngleich seine Torschüsse zu harmlos waren. Note 3 © nordphoto
Aron Johannsson
Aron Johannsson (ab 76.): Hätte der Super-Joker sein können, vielleicht sogar müssen, doch er köpfte den Ball aus bester Position vorbei (83.). Note - © nordphoto
Ulisses Garcia
Ulisses Garcia (ab 89.): Brachte den einen Punkt mit in die Kabine. Note - © nordphoto

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