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Die pragmatische Grundausrichtung von Werder-Trainer Alexander Nouri ging auf.

Taktikanalyse

Starke Standards lassen Werder durchatmen

Mainz - Von Cedric Voigt. Gegen uninspirierte und erst zu Beginn des zweiten Abschnitts druckvolle Mainzer reichten Werder ruhende Bälle und Einzelleistungen zum Dreier. Die Taktikanalyse.

Die große Frage vor der Partie war die nach der Formation: Würde Alexander Nouri, der nach vier punktlosen Spielen unter der Woche bereits Schlagzeilen über mögliche Nachfolger lesen musste, bei seiner zu Jahresbeginn etablierten Dreierkette bleiben – oder wieder einer klassischen Viererkette vertrauen? Wie es sich im Heimspiel gegen Gladbach bereits angedeutet hatte, entschied sich Werders Chefcoach für die konservative Variante und bot ein 4-4-2 auf, in dem Max Kruse und Serge Gnabry in vorderster Reihe agierten.

Die Flügel besetzten Zlatko Junuzovic links und Fin Bartels rechts, während neben Thomas Delaney im Zentrum Kapitän Clemens Fritz zurück ins Team rückte. Aus der Abwehr mussten Milos Veljkovic und der zuletzt formschwache Santiago Garcia zunächst auf der Bank Platz nehmen – Robert Bauer rückte dafür auf die Linksverteidigerposition, Theodor Gebre Selassie übernahm die rechte Abwehrseite.

Anders als noch im vergangenen Heimspiel bemühte sich Werder nicht um ein hohes Pressing, das womöglich Räume für gegnerische Schnellangriffe öffnen könnte, sondern übte erst im Mittelfeld dosiert Druck auf den Mainzer Aufbau aus. Dieser wirkte derweil etwas behäbig und statisch: Nicht selten standen die Gastgeber mit fünf bis sechs Feldspielern nicht höher als gleichauf zur ersten Bremer Pressing-Linie. Im Umkehrschluss hieß das: Werder konnte sich komplett hinter dem Ball formieren und musste lediglich vier Mainzer aus dem Spiel nehmen. Die doppelte Absicherung der Flügel neutralisierte den Ex-Bremer Levin Öztunali fast völlig.

Mainz muss das Spiel machen – und scheitert

Auf der linken Mainzer Außenbahn zeigte sich Jairo Samperio flexibler und bot sich bisweilen auch etwas eingerückt in den Halbräumen an, doch konnte ebenfalls kaum Durchschlagskraft nach vorne entwickeln. Auch Neuzugang Bojan Krkic, der als hängende Spitze um den wuchtigen Jhon Cordoba herum agieren sollte, beteiligte sich kaum, ließ sich nur selten als Anspielstation zurückfallen und wurde zwischen den Linien meist erfolgreich von Fritz und Delaney aus dem Spiel genommen.

Auch die Bremer Sechser positionierten sich eher abwartend: Nur, wenn Danny Latza oder Jean-Philippe Gbamin auf Mainzer Seite den Ball in etwas höherer Position erhielten, rückten sie leicht aus der Formation heraus, um den Druck zu erhöhen. Die Folge war eine klare Ballbesitzhoheit der Mainzer, die jedoch mit den Innenverteidigern begann – und fast schon aufhörte: Stefan Bell und Andre Ramalho hatten am Ende des Tages die meisten Ballkontakte aller Spieler auf dem Platz, einen Raumgewinn erzielte ihr Aufbauspiel jedoch selten.

Einzelkritik: Ein bissiger Bauer und ein fitter Fritz 

Häufig half nur ein langer Ball, der von der Bremer Überzahl jedoch in der Regel leicht verteidigt werden konnte. Im Anschluss an solche Balleroberungen versuchten die Bremer meist, möglichst direkt nach vorne zu spielen. Besonders Max Kruse agierte vermehrt als hängende Spitze und schaffte so über sein Freilaufen eine zuverlässige Anspielstation, wodurch solche Gegenstöße in der Regel nicht ebenfalls nach der Devise „hoch und weit“ abliefen, sondern lediglich die halbe Distanz überwinden mussten, ehe Kruse den Ball mit guten Ablagen weiterverteilte. Kruse war es auch, der im Pressing einige Male geschickt Mainzer Unsicherheiten antizipierte und so punktuell auch für hohe Ballgewinne sorgte. Wirkliche Chancen ergaben sich aus dem Spiel heraus jedoch kaum – ihre offensive Unterzahl bedeutete den Mainzern zugleich eine defensive Überzahl, sodass sich zunächst eine eher chancenarme Partie entwickelte.

Dass Werder dennoch früh mit zwei Toren in Führung gehen konnte, lag besonders daran, dass in der Trainingswoche offenbar eine alte Bremer Stärke wiederentdeckt wurde: die Standards. Sowohl Serge Gnabrys herrlich platziertem Kopfball (nach einer Ecke von Zlatko Junuzovic) als auch dem 2:0 durch Delaney (direkter Freistoß) ging ein ruhender Ball voraus – und es waren nicht die einzigen Situationen, in denen neue Varianten erkennbar waren. Auch im Spielverlauf zeigten die Bremer immer wieder neue Ideen: Kurze Eckball-Varianten, um die Flanke mit einem anderen Schnitt zu spielen, gab es ebenso zu sehen wie flache Freistoß-Hereingaben, die einstudierte Laufwege bedienen sollten. Es war also kein Zufall, dass die Bremer in einem spielerisch von beiden Seiten wenig überzeugenden Spiel auf diese Weise in Führung gingen – vielmehr schienen sich die Bremer die Standards schon im Vorfeld als gute Idee für den Fall herausgesucht haben, dass Mainz aus dem Spiel heraus wenig zuließ.

Wiedwald rettet die Null, Nouri wechselt clever

Die relativ frühe Werder-Führung zementierte zunächst die bisherige Rollenverteilung im Spielgeschehen: Werder konnte abwarten und hatte bei Bedarf Zugriff auf die Mainzer Offensivspieler, die Gastgeber bemühten sich im Aufbau, konnten aber weder mit flachen Kombinationen noch mit ihrem Flügelspiel überzeugen. Selbst der Großchance durch Cordoba kurz nach dem zweiten Bremer Treffer ging ein direktes Zuspiel von Innenverteidiger Bell voraus – das Mainzer Mittelfeld beteiligte sich weniger am Spielaufbau, sondern schaffte es bestenfalls durch sein Spiel ohne Ball, das dünner als zuletzt im 3-1-4-2 besetzte defensive Zentrum der Bremer auseinanderzuziehen. In diesen Situationen konnten sich die Bremer an diesem Nachmittag jedoch auf Felix Wiedwald verlassen, der eines seiner besten Spiele im Werder-Trikot ablieferte.

Getestet wurde die Nummer 42 der Grün-Weißen jedoch besonders in der zweiten Hälfte: Martin Schmidt brachte mit Pablo De Blasis für Levin Öztunali zunächst einen druckvollen Flügelstürmer, wenig später kam mit Aaron Seydel für Bojan eine weitere „Kante“, die das Sturmzentrum verstärken sollte. Die Ballbesitz-Zahlen verschoben sich derweil immer mehr zugunsten der Mainzer, und mit zunehmender Spieldauer gelang es ihnen, dank höher aufrückender Außenverteidiger und Doppelsechs Werder auch immer tiefer in die eigene Hälfte zu drücken.

Die Einwechslung von Milos Veljkovic stoppte die Mainzer Druckphase in der zweiten Hälfte.

Hier zeigten sich nun auch vermehrt die Schwächen des 4-4-2: Ohne die zusätzliche Absicherung eines dritten zentralen Mittelfeldspielers fällt es den Sechsern schwer, aktiv Druck aufzubauen und gleichzeitig den zu verteidigenden Raum zu kontrollieren. Aus dem Spiel heraus war es vor allem der Umstand, dass Mainz nach dem Abgang Yunus Mallis im Winter noch an Problemen in der kreativen Zentrale laborierten, der weitere Großchancen weitestgehend verhinderte. Nach Standards sah das anders aus: Ein ums andere Mal musste Wiedwald parieren. Eine Viertelstunde vor Schluss reagierte Nouri: Nachdem mit Maximilian Eggestein für den verletzten Thomas Delaney schon ein erster, positionsbezogener Wechsel verletzungsbedingt vorgezogen werden musste, bedeutete die Hereinnahme von Milos Veljkovic für Serge Gnabry auch eine taktische Umstellung.

Veljkovic orientierte sich jedoch nicht klar in die Fünferkette, sondern agierte eher wie ein freier Defensiver vor der Viererkette, in die er sich nur vereinzelt mitzurückfallen ließ. Auf diese Weise fand Werder wieder besser ins Spiel, stoppte die Mainzer Zwischenoffensive und kam sogar selbst über Kruse und Bartels noch zu Konterchancen. Die Hereinnahme Santiago Garcias für mehr Kopfballpräsenz kurz vor Schluss sollte nichts Maßgebliches mehr am Spiel ändern.

4-4-2-System ist eher Hilfe als Allheilmittel

Unterm Strich bleiben drei Punkte – Selbstzufriedenheit sollte und wird wohl bei Werder nach dieser Partie noch nicht aufkommen. Denn der erste Punktgewinn des Jahres lag weniger an der Abkehr von der Dreierkette als vielmehr an einer Summe von Details, die im Fußball nicht zu unterschätzen sind: Einerseits wählte Nouri eine pragmatische Grundausrichtung, die die Schwächen des Gegners im Spielaufbau schonungslos offenlegte. Gegen andere Gegner kann auch die passende Spielweise schon wieder eine andere sein – später in der Partie zeigte sich anhand von Passquoten, Ballbesitzwerten und vor allem zugelassenen Großchancen, dass auch das 4-4-2 eher eine Hilfe als ein Allheilmittel ist.

Zudem entdeckte man Standardsituationen als oftmals unterschätzte Waffe gerade spielerisch noch nicht ganz ausgereifter Teams wieder. Und letzten Endes war es auch das Glück in der Chancenverwertung, das Werder nach zuletzt einigen unglücklichen Spieltagen in die Karten spielte – zusammen mit Felix Wiedwalds überragender Tagesform.

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