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Thomas Delaney bremst mit dem Gesicht über den Rasen. Es scheint, als sei er bereit, Gras zu fressen.

Vor dem Spiel gegen Mainz

Stil kultiviert, Seele aufpoliert, aber reicht das für Nouri?

Bremen - Von Carsten Sander. Für das Bild des Tages sorgte Thomas Delaney – unfreiwillig zwar, aber mit großer Symbolkraft. Der Däne schrabbte am Freitag nach einem Sturz im Abschlusstraining derart fotogen mit dem Gesicht über den Rasen, dass es einen fast schon anschrie: Gras fressen!

Ja, die Bremer müssen Gras fressen! Müssen sie auch, wenn sie ihrer Negativserie von vier Niederlagen am Stück am Samstag im Bundesliga-Auswärtsspiel bei Mainz 05 (15.30 Uhr) ein Ende setzen und damit ihrem Trainer Alexander Nouri den Job retten wollen. Der Coach hat eine Beschäftigungsgarantie nur noch für diese eine Partie, was bei einer weiteren Pleite geschieht, ist vorhersehbar.

Sportchef Frank Baumann könnte es dann nicht einfach so weiterlaufen lassen, wäre zum Handeln fast schon gezwungen. Am Freitag standen der Boss und sein Trainer nach dem nicht mal eine Stunde dauernden Abschlusstraining, für das wegen des Bremer Kurztrainingslagers die Anlage des Kreisoberligisten TSG 1846 die Bühne geboten hatte, noch zusammen, unterhielten sich auf dem Platz. Dass es dabei um die sportlichen Eindrücke aus der Übungseinheit vor Nouris vermeintlichem Endspiel ging, ist allerdings nicht zu vermuten. Es gab nämlich keine. Werder hatte es auf dem holprigen Rasen ausgesprochen locker angehen lassen.

Einen Tag vor dem Spiel, in dem so viel Bedeutung liegt, ließ Coach Nouri lediglich beim 5-gegen-2 in drei Gruppen den Ball kreisen. Er selbst mischte mit, es wurde gelacht und rumgealbert – so, als ob Platz 16 in der Liga nur eine Fata Morgana wäre und keine existenzielle Bedrohung. Werder, das einen Tag früher als sonst Richtung Spielort gereist war, um in vielen Gesprächen und in aller Ruhe die Seele aufpolieren zu können, kickte lediglich ein wenig. Den knapp 30 Zuschauern bot Nouri dabei keine fußballerischen Erkenntnisse an.

Ob Martin Schmidt, der Mainzer Trainer, seine Spione geschickt hatte, ist nicht bekannt. Wenn ja, dann haben sie nicht viel erkennen können. Wenn nicht, dann haben sie nichts verpasst. Eine fundierte Meinung über den Gegner hatte sich Schmidt allerdings auch schon vorher gebildet – und festgestellt: Dass Werder am Abgrund und Nouri vor dem Rauswurf steht, ist beides unnötig. Die Bremer Mannschaft sei besser als der Tabellenplatz, meinte der Schweizer.

Speziell die Offensive mit Kruse, Gnabry, Pizarro sei „unheimlich gut“. Und dem Kollegen Nouri attestierte er, einen guten Job zu machen. Er habe das Bremer Spiel „kultiviert“, dem Team „eine Philosophie“ gegeben. „Werder“, sagte Schmidt also, „wurde zuletzt immer unter Wert geschlagen.“ Aber Werder wurde eben immer geschlagen. Null Punkte im Jahr 2017 – gegen diese Nicht-Ausbeute kommt das kultivierteste Spiel und die beste Philosophie nicht an. Der Druck, der am Samstag auf allen Bremer Beteiligten lastet, ist deshalb enorm.

Harakiri-Aufstellung wie damals beim Skripnik-Abgang?

Die Frage ist, wie Alexander Nouri unter diesem Druck agiert. Hält er an der Dreierkette fest? Oder kehrt er zur Viererkette zurück? Stellt er Kapitän Clemens Fritz wieder in die Startelf? Belässt er Serge Gnabry in der Mitte? Oder stellt er den Tempo-Dribbler doch wieder auf die Außenbahn? Wählt er am Ende eine Harakiri-Aufstellung, wie es Vorgänger Viktor Skripnik getan hatte, als er am dritten Spieltag gegen Borussia Mönchengladbach schon nicht mehr weiter wusste?

Und überhaupt: Wer ist denn eine Woche nach der 0:1-Pleite gegen Borussia Mönchengladbach tatsächlich noch/wieder würdig, das Werder-Trikot zu tragen? Sportchef Baumann hatte eben diese Frage als Provokation in den Raum gestellt – vielleicht wurde die Antwort ja von ihm und Nouri auf dem Platz der TSG Kastel diskutiert.

Martin Schmidt erwartet Überraschungen von Werder

Martin Schmidt geht fest davon aus, dass Werder am Samstag Überraschungen liefern wird. Er erwartet die Bremer „komplett neu ausgerichtet“ – was immer er darunter auch verstehen mag. Seine Mannschaft wird es dagegen wohl wie immer machen und auf Konter lauern, um die bekannten Bremer Defensiv-Schwächen zu nutzen. „Das Umschaltspiel nach Balleroberung ist unser Prunkstück“, sagte Schmidt, „und da bietet Werder uns etwas an.“ Die Zusammenfassung dessen, was er über die Bremer zu sagen hatte, könnte also so lauten: Vorne hui, hinten pfui. Es wäre die exakte Beschreibung eines altbekannten Bremer Problems.

Alexander Nouri hat es dummerweise geerbt, nun muss er hoffen, dass sich bei Werder im 18. Spiel unter seiner Regie eine durchschlagende Verbesserung einstellt. Mainz ist dafür – rein statistisch gesehen – genau der richtige Gegner. Von zehn Auftritten in der rheinland-pfälzischen Hauptstadt gewannen die Bremer sechs, verloren nur zwei. Sollte sich diese Zahl am Samstag auf drei erhöhen, würde das Delaney-Foto ganz sicher ganz anders interpretiert: Bildzeile: Schon wieder auf die Fresse gefallen...

Werder-Abschlusstraining vor dem Mainz-Spiel

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