+
Früher Profi, später Aufsichtsratsmitglied, heute Ehrenmitglied: Hansi Müller ist eine Legende beim kommenden Werder-Gegner VfB Stuttgart.

Klemm-Brett vor Werder-Spiel gegen Stuttgart

VfB-Legende Hansi Müller im Interview: „Es existiert kein Plan“

Von wegen Rente: Hans-Günter Klemm, langjähriger Kicker-Redakteur mit Werder-Expertise, hält für die DeichStube Augen und Ohren offen – fällt ihm 'was zum kommenden Gegner der Grün-Weißen auf, notiert er es auf seinem Klemm-Brett. Vor dem 23. Spieltag geht es um den VfB Stuttgart.

Interview mit Hansi Müller

Hansi Müller spielte von 1975 bis 1982 beim VfB. Der 42-fache Nationalspieler, der 1980 Europameister wurde, war nach seiner Karriere zunächst Vorstandsmitglied und später von 2011 bis 2015 Mitglied des Aufsichtsrats. Der 61-Jährige sieht die Lage seines Stammvereins recht kritisch.

Wie beurteilen Sie die Situation beim VfB?

Mir fehlt die Zuversicht, wie es in den nächsten Wochen besser werden soll. Es fehlt an vielen Dingen, vor allem an der Körpersprache und der Mentalität. Bisher hat die Mannschaft noch nicht die Tugenden gezeigt, die beim Kampf ums nackte Überleben benötigt werden.

Stuttgart hatte andere Ziele und steckt wieder im Abstiegskampf. Woran liegt es?

Nach der tollen Rückrunde in der letzten Saison hat man personell aufgerüstet, viel investiert in einen Kader, der sich nach oben orientieren sollte. Anfangs haben die Resultate gefehlt, so ist das Team in ein Fahrwasser nach unten geraten. Eine Elf, vermeintlich für das obere Tabellendrittel zusammengestellt, muss nun nicht nur Fußball spielen, sondern Fußball kämpfen, was bisher kaum glückt.

Was waren die Fehler in den letzten Partien?

Es fehlt an einer Spielidee, es existiert kein Plan, wie der Gegner ausgespielt werden kann, wie man vors Tor kommt und Chancen kreiert.

Was sollte Trainer Weinzierl tun?

Die Elf braucht Tempo und Dynamik. Ich glaube, das hat der Trainer erkannt. Er muss daher eher auf die Jüngeren setzen, was er zuletzt schon erprobt hat. Mit Gomez, Castro und Aogo fanden sich drei der Routiniers auf der Bank wieder. Zuletzt auch Kapitän Christian Gentner.

Wie bewerten Sie den Rauswurf von Sportvorstand Michael Reschke und das Festhalten an Trainer Markus Weinzierl?

Gegen Leipzig trat die Mannschaft ganz anders auf als zuletzt. Mehr Aggressivität, bessere Körpersprache und hart geführte Zweikämpfe. Sie wirkte nach der Entlassung von Reschke irgendwie „befreit“. Sicherlich hat auch Thomas Hitzlsperger der Mannschaft wichtige Impulse gegeben. Für Trainer Markus Weinzierl ist die Partie in Bremen wohl ein Endspiel.

Könnte den VfB retten, dass andere Erstligisten noch größere Probleme haben?

So war es in der Vergangenheit. Wir hatten immer das Glück, dass andere schwächer waren. Doch darauf dürfen wir uns nicht verlassen.

Wissenswertes zum Werder-Spiel gegen den VfB Stuttgart: Hans-Günter notiert es auf seinem Klemm-Brett.

Hinspiel: Werder verliert in Stuttgart

Die Perspektive war da. Zumindest zwischenzeitlich hätte Werder im Erfolgsfall im Schwabenland die Tabellenführung übernehmen können. „Kein Thema für uns“, wehrte Trainer Florian Kohfeldt ab, „weder vor noch nach dem Spiel.“ Gedankenspielereien, denn in Stuttgart reichte es nicht, Werder kassierte am sechsten Spieltag die erste Saisonniederlage. Unverdient, wie die meisten Beobachter werteten. Eine Stunde lang spielte die Elf nach dem Platzverweis für Milos Veljkovic in Unterzahl und wehrte sich kräftig. 

Werder auffällig, gefährlich, aber auch unglücklich. So stand am Ende ein 1:2. Anastasios Donis hatte den VfB früh in Führung gebracht, ein kurioses Eigentor des VfB-Keepers Ron-Robert Zieler ermöglichte Bremen den Ausgleich, Gonzalo Castro schließlich stellte den Endstand her für die Gastgeber. Nach dem Spielverlauf zeigte sich Kohfeldt sehr stolz: „Ein wichtiges und positives Spiel für meine Mannschaft. Wir konnten auch in Unterzahl weiter dominieren.“

Platzverweis für Veljkovic

Beim Match in Stuttgart endete eine lange Serie von Spielen, in denen kein Bremer des Feldes verwiesen worden ist. Nach 56 Partien ohne Feldverweis ereilte es Milos Veljkovic. Er sah Gelb-Rot. Es war der 111. Platzverweis in der Liga-Historie der Grün-Weißen. Bis dahin letzter Bremer Rotsünder war Jaroslav Drobny – am 17. Spieltag der Saison 2016/17 beim 1:2 gegen Dortmund.

Zielers kurioses Eigentor gegen Werder

Wer erinnert sich nicht? 21. August 1982 im Weserstadion. Debüt von Jean-Marie Pfaff bei Bayern München und dann dieses Malheur zum Einstand. Uwe Reinders, das Schlitzohr bei Werder, schleudert den Ball mit einem Einwurf in den Münchner Strafraum. Der belgische Nationaltorwart hat mit diesem Monster-Wurf nicht gerechnet, ist überrascht, steht schlecht. Getümmel, Freund und Feind in einer unübersichtlichen Situation, Pfaff kann weder fangen noch fausten, doch die Tragik ist, dass er den Ball berührt. Dieser segelt ins Netz. Kein anderer Spieler hat ihn berührt, nur Pfaff. Das Verhängnis für ihn: Tor für Werder, 1:0-Sieg durch das erste Einwurf-Tor der Liga. 

Geschichte wiederholt sich. September 2018, 6. Spieltag in Stuttgart. VfB – Werder. 68. Minute, als erneut ein Eigentor nach einem Einwurf fällt. Borna Sosa beim Einwurf in der eigenen Hälfte, Ron-Robert Zieler nutzt die Gelegenheit, um seine Stutzen zu richten. Sosa wirft Richtung Tor, sein Torhüter ist verblüfft. Zieler reagiert, handelt intuitiv, aber falsch. Er versucht die Situation zu retten, anstatt den Ball ins Tor rollen zu lassen. Zieler hat Kontakt mit der Kugel. So kommt es zu einem regulären Tor, weil eine Berührung des Balls vorgelegen hat. Nach Regel 14 wäre ohne Zielers Ballkontakt auf Eckstoß für Werder entschieden worden. „Lerne daraus, Junge. Das Leben geht weiter. Schau mich an!“, sagte Pfaff danach.

Schon gelesen? VfB-Coach Weinzierl: „Werder? Das wird ein richtiges Brett“

Bilanz Werder Bremen gegen VfB Stuttgart

Die letzte Heimniederlage von Werder gegen den VfB liegt schon lange zurück. Das genaue Datum: 16. September 2006. 3:2 siegten die Gäste, für die Roberto Hilbert, Pavel Pardo und Mario Gomez die Tore erzielten. Für Werder traf Mohamed Zidan, Hilbert steuerte ein Eigentor bei. Damals aktiv für Grün-Weiß waren einige, die heute bei Werder in der Verantwortung stehen. Manager Frank Baumann, Co-Trainer Tim Borowski sowie der Auszubildende Clemens Fritz. 

Es war eine von zwölf Niederlagen für die Bremer im eigenen Wohnzimmer gegen die Schwaben, die zudem 15 Unentschieden erreichten. Insgesamt gab es 51 Spiele, Werder landete 24 Erfolge bei einer Tordifferenz von 111:65. Die Gesamtbilanz ist relativ ausgeglichen: 103 Partien, 35 Werder-Siege, 36 für den VfB.

Markus Weinzierl hat seit seiner Amtsübernahme als Trainer beim VfB Stuttgart kaum gepunktet.

Trainerwechsel beim VfB Stuttgart

Markus Weinzierl, übernehmen Sie! Anfang Oktober kam es zum ersten Trainerwechsel in der Saison. Tayfun Korkut wurde entlassen, auf dem letzten Tabellenplatz liegend, mit der mageren Ausbeute von nur fünf Punkten nach den ersten sieben Spielen. Der Türke hatte den VfB am 29. Januar übernommen als Nachfolger des nun beim HSV gelandeten Hannes Wolf. 

Korkuts Anfangserfolge: Er holte 21 Punkte aus 14 Spielen, führte die Stuttgarter, die in Abstiegsgefahr schwebten, noch auf Platz sieben und verpasste nur knapp den Europacup. Sein Vertrag wurde bis 2020 verlängert. Doch dann das schnelle Ende. Sein Nachfolger war die logische Lösung im Schwabenland: Weinzierl hatten die Stuttgarter Macher schon damals im Visier, als sie Wolf ablösten und Korkut holten.

Schon gelesen? So könnt Ihr Werder gegen Stuttgart live schauen

Nun steht womöglich bereits Weinzierl vor der Ablösung. Der Coach, der sich zunächst in Regensburg und beim FC Augsburg einen Namen gemacht hatte, ehe beim FC Schalke 04 scheiterte, konnte das Ruder in Stuttgart nicht herumreißen. Seine Bilanz: Nur drei Siege und ein Remis bei elf Niederlagen. Doch auch nach der 1:3-Heimniederlage gegen RB Leipzig hat der 44-Jährige noch eine Bewährungsfrist.

Spruch

„Vor dem Spiel war es sehr schön, nach drei Minuten wurde es immer unschöner.“

Trainer Markus Weinzierl nach seinem Einstand nach über einjähriger Pause in der Liga und dem ersten Gegentor beim 0:4 gegen Dortmund bereits in der Anfangsphase

Investitionen im Winter

Gut zwölf Millionen Euro investierte der VfB im Winter. Zwei offensive Außen kamen, noch relativ preisgünstig, weil ausgeliehen. Aus Berlin wechselte Alexander Esswein für 400.000 Euro, aus Hoffenheim Steven Zuber für 600.000 Euro. Wesentlich teurer als diese „Alternativen auf den Außenpositionen“ (Ex-Sportvorstand Michael Reschke) war ein Defensivspieler. Elf Millionen Euro zahlten die gar nicht so sparsamen Schwaben für einen Youngster.

Ozan Kabak, 18-jähriges Talent von Galatasaray Istanbul, hat diesen stolzen Preis. Das Talent aus der Türkei gilt zwar als große Begabung, hat indes als Senior erst 17 Pflichtspiele absolviert. Ein teurer Neuzugang, zumal die Stuttgarter die eigentliche Schwachstelle im defensiven Mittelfeld dadurch nicht beseitigen konnten. Bis zum Schluss hatten sie auf Omar Mascarell spekuliert, doch dieser blieb bei Schalke 04.

Negativserie für Stuttgart

Eine in der Liga nur selten registrierte Negativserie stellte der VfB in der Hinserie auf: zehn torlose Spiele in Folge. Noch harmloser waren in der Historie nur drei Vereine. Mönchengladbach 1996/97 mit zwölf Partien sowie Tasmania Berlin 1965/66 und Eintracht Frankfurt 1970/71 mit je elf Spielen. Und außerdem: Noch nie hat Stuttgart 50 Gegentore nach 22 Spieltagen kassiert. Schlechtes Omen: Eine ähnlich verheerende Bilanz wies der Club 1974/75 auf, damals stieg er ab.

Weltmeister Benjamin Pavard (hier im Duell mit Werders Martin Harnik) wechselt zur nächsten Saison vom VfB Stuttgart zu Bayern München.

Der Star: Benjamin Pavard

Der Weltmeister geht. Benjamin Pavard, die Entdeckung der Franzosen bei der WM in Russland, wechselt im Sommer zu Bayern München. Lange war spekuliert worden, ob der Defensivspieler schon in diesem Winter zum Rekordmeister gehen werde. Doch die Stuttgarter blockten ein solches Ansinnen der Münchner ab. Der Wechsel wird möglich durch eine Ausstiegsklausel, wonach die Bayern nur 35 Millionen Euro zahlen müssen. Der 22-Jährige entschied sich bewusst für die Bundesliga und erklärte sein Jawort für die Bayern so: „Der beste Verein der Welt.“

Rauswurf von Michael Reschke

12. Februar 2019 - ein Tag, an dem es den Vorständen an den Kragen ging in der Liga. In Nürnberg wurde Andreas Bornemann entlassen, in Stuttgart ereilte Michael Reschke der Rauswurf. Bei den Schwaben hatten viele mit dem Ende für Trainer Markus Weinzierl gerechnet, doch es traf den Sportvorstand. Der Aufsichtsrat entschied sich für diese Maßnahme. Begründung: Erfolglosigkeit. Reschkes Personalpolitik stand schon länger in der Kritik.

Der Betroffene äußerte Verständnis „aufgrund der negativen sportlichen Entwicklung“. Sein Nachfolger ist ein alter Bekannter beim VfB: Thomas Hitzlsperger, Meister 2007 und Nationalspieler, seit 2017 Mitglied des Präsidiums, seit Februar 2018 Direktor des Nachwuchsleistungszentrums. Der 36-Jährige stärkte dem Coach Weinzierl den Rücken, ohne ihm eine langfristige Jobgarantie zu geben: „Das Wichtigste für mich ist, für den Trainer da zu sein. Mein Draht zu Markus Weinzierl ist wirklich sehr, sehr gut.“

Auch interessant

Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Was denkst Du über den Artikel?

Nichts mehr verpassen

Kommentare