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Wissenswertes zum Werder-Spiel gegen den 1. FC Nürnberg: Hans-Günter notiert es auf seinem Klemm-Brett.

Klemm-Brett

Notizen vor Nürnberg: Unbekannter Trainer, kuriose Rekorde und eine Elia-Gala

Von wegen Rente: Hans-Günter Klemm, langjähriger Kicker-Redakteur mit Werder-Expertise, hält für die DeichStube Augen und Ohren offen – fällt ihm 'was zum kommenden Gegner der Grün-Weißen auf, notiert er es auf seinem Klemm-Brett. Vor dem dritten Spieltag gegen 1. FC Nürnberg mit vier Fragen an Club-Legende Georg Volkert, Rekorden und Erinnerungen.

Rekorde

„Oohhh… Der FCN steigt wieder auf!“ Als der zweite Platz in der Zweiten Bundesliga und der Aufstieg perfekt waren, trugen alle ein schwarzes T-Shirt mit dieser Aufschrift in Rot und Weiß. Es war ein Feiertag für den Club, der vier Jahre lang in der Unterklassigkeit und somit in der Bedeutungslosigkeit verschwunden war.

Vor genau 50 Jahren hatte der 1. FC Nürnberg, lange Zeit der Rekordmeister im deutschen Fußball, seinen letzten Meistertitel gewonnen: 1968 die neunte Meisterschaft – und seine einzige seit Bundesliga-Gründung. Danach ging es bergab und auch wieder bergauf. Der Club als Fahrstuhlmannschaft: acht Abstiege aus dem Oberhaus, nun der achte Aufstieg, ebenfalls Rekorde in der Geschichte des DFB.

Spruch

„Ich habe das Ziel Klassenerhalt nicht ausgegeben. Dies wird man aus meinem Mund auch nicht hören. Wir definieren uns nicht über den Tabellenplatz.“

Trainer Michael Köllner über das Saisonziel

Der Trainer: Michael Köllner

Selbst eingefleischte Fans wissen mit seinem Namen wenig anzufangen. Mit Verlaub: Michael Köllner darf in der Riege des Liga-Trainer einen Superlativ uneingeschränkt beanspruchen. Der 48-Jährige ist der unbekannteste unter den Fußballlehrern. Ein Novize in der Bundesliga, der indes über reichlich Erfahrung als Coach verfügt. Zunächst wollte er Pfarrer werden, dann absolvierte er eine Ausbildung zum Zahnarzthelfer, schließlich strebte er, als er gerade mal 20 Jahre jung war, hauptberuflich den Job als Fußballtrainer an.

Seine Sporen verdiente sich der Oberpfälzer in unteren Klassen, beim Bayrischen Verband und beim DFB. Als Nachwuchstrainer beim Nürnberger Erzrivalen Fürth sowie als Betreuer der Reserve des Clubs und als Leiter des Nachwuchsleistungszentrums rückte er in den Blickpunkt. Seine Chance kam, als Alois Schwartz beurlaubt wurde. „Es lag nicht in meiner Vorstellung, Cheftrainer eines Erstligisten zu sein“, hat Köllner mal gesagt. Ehe er sich versah, war er es.

Und der selbstbewusste Workaholic bewährte sich, ihm glückte auf Anhieb in seiner ersten kompletten Spielzeit als Chefcoach der Aufstieg. Mutig geht der Erfolgstrainer das neuerliche Abenteuer an. Er spricht von einer „spannenden, hungrigen Mannschaft“, auf die sich die Bundesliga freuen darf. Er will möglichst viel Ballbesitz erlangen und attraktiv nach vorne spielen, in der Defensive zwischen Dreier- und Viererkette variieren. Köllners Überzeugung, obwohl der Club immer wieder als Abstiegskandidat gehandelt wird: „Ich weiß, dass wir eine gute Saison spielen werden.“

Hanno Behrens ist unter Trainer Michael Köllner Kapitän beim 1. FC Nürnberg.

Der Star: Hanno Behrens

Wer als Mittelfeldspieler 14 Tore erzielt, genießt eine Sonderstellung im Team. Ganz gleich, in welcher Spielklasse. Hanno Behrens, der torgefährliche Nürnberger, schoss 14 Treffer in der Zweiten Liga, zwei mehr noch als Torjäger Mikael Ishak. Ein Garant für den Aufstieg, dieser aus dem Norden stammende Profi. Ein Anführer bei dem Neuling, der die Spielführerbinde trägt und in jeder Hinsicht ein Orientierungspunkt für die Kollegen ist.

Wie er die Rolle als Kapitän angenommen habe, lobt Sportvorstand Andreas Bornemann den Leitwolf, sei überragend gewesen: „Auch neben dem Platz.“ So zählt der 28-Jährige, der schon für den Hamburger SV (von 2005 bis 2012) und für Darmstadt 98 (von 2012 bis 2015) auflief, zu den wenigen Hoffnungsträgern des FCN. Behrens selbst setzt auf Willensstärke und Moral der Truppe: „Nach Rückschlägen sind wir immer noch stärker zurückgekommen.“

Statistik

Der Club zählt daheim zu den Lieblingsgegnern der Bremer. Im Weserstadion musste Werder in 32 Spielen erst sechs Niederlagen einstecken. 19 Siege und sieben Unentschieden gab es. Insgesamt fällt die Bilanz gegen den Aufsteiger auch positiv aus. 66 Spiele, 29 Siege, 17 Remis, 20 Niederlagen.

Kuriositäten

Zuckerbrot und Peitsche – ein geflügeltes Wort. Auch in der Fußballsprache. In aller Munde, seit Max Merkel, der Trainerguru aus Österreich, dieses Gegensatzpaar zum Titel seiner Biografie machte. Der kernige Wiener, als Sprücheklopfer bekannt und später als Zeitungskolumnist gefürchtet, stand für Extreme.

Das kurioseste Ereignis in seiner bewegten Trainerlaufbahn: Jubel und Trauer in Nürnberg, erst obenauf, dann tief gestürzt und bestürzt. 1968 holte er mit dem Club den Meistertitel, in der folgenden Spielzeit stürzte das Team ab. Im März 1969 sein Amt „in beiderseitigem Einvernehmen aus gesundheitlichen Gründen“ nieder, wie es offiziell hieß. Der Club konnte den Abstieg nicht mehr verhindern. Eine einmalige Talfahrt und eine negative Bestmarke in der Liga-Historie.

Erinnerung

Ich kann mich kaum an überzeugende Auftritte von ihm erinnern. So viele Glanzpartien hat es nicht gegeben. Eljero Elia geht als ein Missverständnis in die Werder-Chronik ein. Doch an diesem Tag zeigte der heute 31-jährige Flügelstürmer, nun für Istanbul Basaksehir FK aktiv, seine durchaus vorhandenen Fähigkeiten. Es war der 29. September 2013. Bremen gegen Nürnberg im Weserstadion. Elia in seinem zweiten Jahr im grün-weißen Trikot, er blühte auf und war verantwortlich dafür, dass Werder beim 3:3 einen Punkt holte.

Zwei seiner insgesamt nur vier Tore in 66 Spielen binnen drei Jahren an der Weser gelangen dem Niederländer in diesem denkwürdigen Spiel. Damals glaubte ich, der exzentrische Nationalspieler aus dem Nachbarland könnte den Durchbruch in der Bundesliga schaffen. Ein Irrglaube, denn Elia fiel danach mehr durch seine Eskapaden auf denn durch überragende Vorstellungen auf dem Platz. Zur Vollständigkeit die weiteren Torschützen: Eigentor des Nürnbergers Dabanli, Kiyotake, Drmic und Hlousek trafen für den Club.

Eljero Elia machte sein bestes Spiel im Werder-Trikot 2013 gegen den 1. FC Nürnberg.

Wechselspiele

Der eine ging, der eine kam. Robert Bauer wechselte nach Nürnberg. „Ich hoffe, dass er regelmäßig spielt“, sagt Werder-Sportchef Frank Baumann über dieses Leihgeschäft. Eine bislang vergeblich Hoffnung. Der Junioren-Nationalspieler, 2016 aus Ingolstadt in die Hansestadt gekommen, hatte zuletzt keinen Stammplatz wie auch bei Werder. Seine Werder-Bilanz: 43 Spiele in der Liga, drei im Pokal. Als Bauers Wechsel noch nicht feststand, hatte ein Nürnberger längst an der Weser unterschrieben.

Der aus Erfurt stammende Kevin Möhwald kam ablösefrei. Der zweimalige U20-Nationalspieler war eine der Stützen in der Nürnberger Aufstiegself, brachte es in drei Spielzeiten auf 87 Einsätze und zwölf Tore. Die Bremer hoffen, dass der 25-Jährige erfolgreicher auftritt als ein namhafter Vorgänger. Mehmet Ekici, als große Begabung gefeiert und 2011 etwa fünf Millionen Euro Ablöse teuer, schaffte nach seinem Wechsel von Nürnberg nach Bremen nicht den Durchbruch. Der türkische Nationalspieler, seit vorigem Jahr beim Istanbuler Traditionsklub Fenerbahce engagiert, verließ Bremen 2014 nach mageren 41 Spielen und dürftigen vier Treffern.

Historie

Noch heute schwärmen sie in Franken von den Goldenen Zwanziger Jahren. Die Glanzzeit des 1. FC Nürnberg, der sein Stammquartier am Valznerweiher im berühmten „Zabo“, dem Zerzabelshof, einem Vorort in der fränkischen Metropole, hat. Fünf der insgesamt neun Meisterschaften errang der legendäre Club in dieser Epoche, zudem feierte er 1936, 1948, 1961 und zuletzt 1968 den Meistertitel. Zu den herausragenden Spielerpersönlichkeiten zählt Max Morlock, das Idol, nach dem das Stadion benannt ist.

Morlock, 1994 verstorben, gehörte der Elf an, die 1954 das „Wunder von Bern“ mit dem Gewinn der ersten Weltmeisterschaft vollbrachte. Gut in Erinnerung sind auch die Namen der Titelträger von 1968. Klangvolle Namen: Georg Volkert, Franz Brungs, Zvezdan Cebinac und Gustl Starek. Und ebenso legendär sind die aus Nürnberg stammenden Nationalspieler der Neuzeit. Einige Bespiele: Hans Dorfner, Dieter Eckstein, Roland Grahammer, Manni Schwabl, Stefan Reuter oder Andreas Köpke, der amtierende Bundes-Torwarttrainer bei Jogi Löw.

Form

„Es ist nicht ganz einfach, eine Mannschaft mit unseren Mitteln zusammenzubekommen. Andreas Bornemann, der Sportvorstand, hat so auf die schlechten Startbedingungen des Neulings hingewiesen. Auf nur etwas mehr als 20 Millionen Euro beläuft sich der Personaletat. Nürnberg steht damit ganz unten im Ranking. Neun Spieler aus der Aufstiegself gingen, die meisten ablösefrei wie der Neu-Bremer Kevin Möhwald. Neuzugänge gab es zunächst kaum, erst am letzten Tag der Transferperiode nahm der Club für Virgil Misidjan etwas mehr Geld in die Hand: Für 2,5 Millionen Euro kam der Außenstürmer von Ludogorets Razgrad.

Außerdem neu: Torwart Christian Mathenia vom HSV, für 500.000 gekauft. Dazu Robert Bauer, Leihgabe aus Bremen. Profis mit Bundesliga-Erfahrung für das junge Team, das im ersten Heimspiel zeigte, welch erfrischender Fußball möglich ist. Beim 1:1 gegen Mainz 05 brillierte die Köllner-Truppe im zweiten Abschnitt, wies ein klares Chancenplus auf und hätte einen Sieg verdient gehabt. Ein Ausrufezeichen nach dem 0:1 gegen Hertha BSC in Berlin zum Auftakt.

Georg Volkert, Meisterspieler des 1. FC Nürnberg von 1968, wünscht seinen Club den Klassenerhalt, weiß aber, dass es schwer wird.

Interview mit FCN-Legende Georg Volkert

Georg Volkert (72), genannt „Schorsch“, ist ein alter Clubberer. Der Nationalspieler spielte von 1965 bis 1969 sowie 1980/81 in Nürnberg.

Fiebern Sie noch mit dem 1. FC Nürnberg mit, Georg Volkert?

Sicherlich, der Club bleibt mein Club. Ich wohne in Ansbach, bin somit noch nah dran. Ein Spiel live habe ich in dieser Saison noch nicht gesehen, doch ich habe Kontakt zu ehemaligen Mitspielern aus der 68er-Elf, die vor Ort waren. Ich bin gut informiert.

Ist der Aufsteiger in der Bundesliga konkurrenzfähig?

Es wird schwer. Das wissen auch die Verantwortlichen. Wegen der wirtschaftlichen Zwänge kann sich der Verein keine Topspieler leisten, die sofort weiterhelfen können.

Wie beurteilen Sie die sportliche Leitung und das Management?

Manager Bornemann und Trainer Köllner machen einen guten Job, wie der Aufstieg bewiesen hat. Sie sollten auch in der Ersten Liga ihrer Linie treu bleiben. Auf junge Spieler setzen, diese aufbauen und so eine schlagkräftige und hoffnungsvolle Mannschaft bilden.

Hand aufs Herz: Schafft Nürnberg den Klassenerhalt?

Eins ist klar: Das Ziel kann nur sein, die Klasse zu erhalten. Es wird ein steiniger Weg. Ich sage es mal so: Ich wünsche mir, dass der Abstieg vermieden wird.

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