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Wissenswertes zum Werder-Spiel gegen Bayer Leverkusen: Hans-Günter notiert es auf seinem Klemm-Brett.

Klemm-Brett

Notizen vor Leverkusen: Was kann der Florian, was der Jogi nicht kann?

Von wegen Rente: Hans-Günter Klemm, langjähriger Kicker-Redakteur mit Werder-Expertise, hält für die DeichStube Augen und Ohren offen – fällt ihm 'was zum kommenden Gegner der Grün-Weißen auf, notiert er es auf seinem Klemm-Brett. Vor dem neunten Spieltag gegen Bayer 04 mit einem Leverkusener Stotterstart, einem angezählten Trainer und Zahlenspielen.

Mein Werder-Gefühl

Was kann der Florian, was der Jogi nicht kann? Schwere Frage, einfache Antwort: Kohfeldt ist gelungen, was Löw noch nicht geglückt ist. Werder spielt ein System und pflegt einen Spielstil, der durch die viel beschworene Balance gekennzeichnet ist. Genau daran mangelt es der Nationalelf, wie in Russland und zuletzt in der Nations League zu beobachten gewesen ist. Bremen spielt offensiver als im Vorjahr, Bremen reagiert nicht nur auf dem Platz wie in den Spielzeiten, als es immer nur gegen den Abstieg ging.

Doch dabei wird die Absicherung nicht vernachlässigt. Bei aller Offensive wird die Defensive beachtet und ist Stabilität gewährleistet. Werder ist kein fragiles Gebilde wie gegenwärtig die Elitetruppe des deutschen Fußballs. Ein Verdienst der Spieler, ohne deren Lernwilligkeit und Disziplin dies nicht möglich wäre. Doch letztlich auch ein Verdienst des Trainers. Kohfeldt macht vieles richtig, was bei Kollegen nicht immer der Fall ist. Der Auswärtsauftritt auf Schalke bewies, dass die Mannschaft sich weiter gebildet hat.

Anders als noch in den Partien gegen Hannover und Nürnberg, als sie das Heft aus der Hand gegeben hat, zog sie es bis zum Schlusspfiff durch und entführte so drei wichtige Punkte aus Gelsenkirchen. Als Lohn steht Platz drei am Ende, punktgleich mit Gladbach und knapp hinter dem Spitzenreiter Dortmund. Und vor den Münchner Bayern, was zwar nur eine Momentaufnahme ist. Doch eine hübsche Zwischenbilanz nach den vielen Enttäuschungen der letzten Jahre. Sowie ein Resultat nach einem Viertel der Saison, das Hoffnung auf mehr macht und als Beleg dafür gelten mag: der Florian, der kann es.

Form

Das hat es lange nicht mehr gegeben in Leverkusen. „Herrlich raus!“ und „Völler raus!“ riefen die aufgebrachten Fans am Samstag nach dem desillusionierenden 2:2 gegen Hannover 96. Unmutsäußerungen, wie sie nicht einmal so vehement ausfielen im Frühjahr 2016, als Roger Schmidt, der erfolglose Herrlich-Vorgänger, gehen musste.

Bayer-Geschäftsführer Rudi Völler: „Wir werden nicht die Nerven verlieren.“

In letzter Minute hatte Karim Bellarabi mit dem Ausgleich eine noch deftigere Pleite verhindert, doch die Partie gegen die Niedersachsen war mehr als nur ein Fingerzeig: Bayer ist nur noch Mittelklasse. „Eine brutal harte Saison“, erwartet Lars Bender, der Kapitän. Trainer Herrlich versteht die Kritik des Anhangs: „natürlich berechtigt.“ Geschäftsführer Rudi Völler sprach ihm erneut das Vertrauen aus: Er dürfe in Ruhe arbeiten. „Wir werden nicht die Nerven verlieren.“

Nach dem unbefriedigenden Unentschieden gegen Hannover 96, stand für die Leverkusener am Donnerstagabend bereits das nächste Spiel in der Europa League auf dem Programm. Die Werkself war zu Gast beim FC Zürich und enttäuschte erneut. Am Ende hieß es 3:2 für die Züricher. Das dürfte die Ausgangslage von Heiko Herrlich vor dem Auswärtsspiel beim SV Werder nochmals verschärft haben. Die Luft für die Verantwortlichen in Leverkusen wird dünner.

Ziele

Die Erfolgsära dauerte von 2011 bis 2016: Sechs glorreiche Jahre für den Konzernclub, fünfmal die Teilnahme an der Champions League. Zuletzt gab es eine Delle. Zum zweiten Mal in Folge verpasste das Starensemble, das in der Branche unter dem Kürzel „der ewige Zweite“ firmiert, den Sprung in die Königsklasse. Nun wollen die Leverkusener zurück ins Rampenlicht und zurück an die internationalen Fleischtöpfe. Und sie sprechen dieses Ziel auch ganz deutlich aus. „Wir haben klar das Ziel, in die Champions League zu kommen. In der Meisterschaft wollen wir Platz 1 bis 4“, verkündet Fernando Carro de Prada, der neue Geschäftsführer des Teilnehmers an der Europa League.

Und alle folgen dieser Vorgabe von der Führungsspitze. Champions League sei „immer das große Ziel“, bestätigt Lars Bender, einer der einflussreichsten Profis. Auch die sportliche Leitung um Sportgeschäftsführer Rudi Völler und Sportdirektor Jonas Boldt unterstreicht diese Ambitionen. Die Voraussetzungen dazu sind bestens: Der Kader konnte weitgehend gehalten werden, der große Umbruch blieb aus, die Basis ist vorhanden. „Wir fangen nicht bei null an,“ sagt Lars von den Bender-Zwillingen, „das kann ein Vorteil sein.“

Auch Trainer Herrlich setzt auf den Lerneffekt seiner blutjungen Garde und das Bestreben, eine Weiterentwicklung in Gang zu setzen: „Ich hoffe auf einen Riesenschritt nach vorn.“ In der Anfangsphase der Spielzeit bewegte sich beim Herrlich-Team nur wenig im grünen Bereich. Ein Stotterstart, so dass der Coach schon um seinen Job bangen musste. Eine angespannte Lage in Leverkusen, wo sie sich kaum leisten können, mit diesem Luxuskader, dessen Marktwert auf 400 Millionen Euro taxiert wird, ein drittes Jahr ohne die fetten Einnahmen aus der europäischen Königsklasse bestreiten zu können.

Verlust

Lange Zeit sah es so aus, als könne Bayer seine Garde der Hochbegabten zusammenhalten. Als einziger Abgang stand nur der Torwart fest: Bernd Leno, Nationalspieler, der kurz vor Toresschluss aus dem WM-Aufgebot gestrichen worden ist, wechselte zum FC Arsenal und brachte die stolze Ablöse von 25 Millionen Euro ein. Doch dann entschloss sich doch noch eines der vielen Talente, den Verein zu verlassen. Ein hoffnungsvoller Defensivspieler namens Benjamin Henrichs.

Unter Roger Schmidt war der Außenverteidiger, der auch im Mittelfeld eingesetzt werden kann, zum Nationalspieler gereift. Er zählte zu der Mannschaft, die 2017 den Confed-Cup gewann. Unter Heiko Herrlich verlor der 21-Jährige indes seinen Stammplatz. Die Chemie stimmte nicht zwischen Trainer und Spieler. Dieser entschied sich für einen Wechsel. Henrichs spielt nun für den AS Monaco. Die Franzosen ließen sich den Deal etwas kosten: 20 Millionen Euro plus leistungsbezogene Bonuszahlungen.

Jugend

Der Altersschnitt des Kaders liegt unter 25 Jahren. Damit stellt Leverkusen eine der jüngsten Mannschaften der Liga. Eine Truppe mit Perspektive, in der es nur so von hochkarätigen Nachwuchskräften wimmelt, das Beste vom Besten in dieser Altersklasse. Natürlich waren die jungen Bayer-Profis begehrt in diesem Sommer. Zwei besaßen Ausstiegsklauseln, doch sie zogen diese Option nicht: Jonathan Tah (22), ein Mann für die Zukunft im Team von Joachim Löw, sowie Julian Brandt (22), längst etabliert in der Nationalelf und bei der WM dabei, blieben am Rhein.

Werder gegen Leverkusen: Es ist auch ein Duell der „jungen Wilden“. Hier im Duell: Maxi Eggestein und Kai Havertz.

Als „Meilenstein“ bezeichnete Sportvorstand Rudi Völler diesen Coup, es geschafft zu haben, sowohl den Defensivspezialisten als auch die Offensivkraft gehalten zu haben. Weitere Leistungsträger aus jungen Jahrgängen schmücken das Team: Kai Havertz (19), nun auch Hoffnungsträger bei Löw, und Leon Bailey (21), die Entdeckung der letzten Saison, die allerdings momentan etwas schwächelt.

Brasilianer

In Rio de Janeiro schwärmen sie von seinen Künsten. Der Junge gilt als Faustpfand für die Zukunft der Selecao: Paulinho, der mit bürgerlichem Namen Paulo Henrique Sampaio Filho heißt, ist ein begnadeter Techniker, der mit seinen Tricks und Toren die Fans und die Fachwelt im Land des Rekordweltmeisters entzückt hat. Der brasilianische U20-Nationalspieler kam für 18,5 Millionen Euro vom Traditionsclub Vasco da Gama nach Leverkusen. Sein Kontrakt läuft bis 2023. In der Liga muss sich der Stürmer, der mit 16 Jahren sein Debüt im Profifußball gab, erst noch zurechtfinden. Zu einem Stammplatz im Team von Herrlich hat es noch nicht gereicht.

Trainer

„Keiner macht mir so viel Druck wie ich selbst.“ Das Zitat stammt von Heiko Herrlich. Der 46-Jährige brennt vor Ehrgeiz, wie damals als Torjäger, der 1995 als bester Liga-Schütze gemeinsam mit dem Bremer Mario Basler die Kanone des kicker sportmagazins gewann. 20 Treffer gelangen dem Stürmer im Trikot von Borussia Mönchengladbach. Treffsicher war Herrlich, der in 258 Bundesligaspielen für Gladbach, Dortmund und Leverkusen 76 Tore erzielte.

Fünf Länderspiele stehen in der Vita des seit 2005 als Trainer tätigen Südbadeners, der nun als Coach zu Bayer zurückgekehrt ist, wo seine Profilaufbahn 1989 begonnen hatte. Als Trainer in der höchsten Spielklasse startete 2009 beim VfL Bochum. Nach nur sechs Monaten war Schluss für ihn, er nahm sich eine Auszeit, in Unterhaching und Regensburg arbeitete er danach und empfahl sich so wieder. Nun also der Neustart auf höchster Ebene in Leverkusen.

Bayer-Trainer Heiko Herrlich ist angezählt.

Dort tritt Herrlich, bei dem im Jahr der Jahrtausendwende ein bösartiger Hirntumor diagnostiziert worden war, wodurch seine Spieler-Karriere frühzeitig endete, als ein Mann mit speziellen Methoden auf. Der gläubige Christ, der mit einer Strahlentherapie erfolgreich gegen die Krebserkrankung ankämpfte, zitiert schon mal die Bibel. Oder er zeigt Kinofilme wie „Ali“ oder „Miracle on Ice – das Wunder von Lake Placid“, um seine Spieler anzustacheln, um deren Siegermentalität und Teamgeist zu stärken.

Nummer 1

Torwartwechsel unter dem Bayer-Kreuz: Bernd Leno wechselte nach London, duelliert sich bei Arsenal mit dem Rivalen Peter Czech. Für ihn holte Bayer einen namhaften Ersatz. Aus Frankfurt kam Lukas Hradecky, der Finne, der sich in Hessen einen Namen gemacht hat. Ein gleichwertiger Ersatz für den langjährigen Leistungsträger Leno. Zudem setzt Trainer auch auf diesen Faktor. Heiko Herrlich über den Transfer des Pokalsiegers: „Es ist wichtig, dass er dieses Sieger-Gen hier reinbringt.“

Spruch

„Wir müssen lernen zu killen.“

Trainer Heiko Herrlich fordert von seiner Mannschaft mehr Cleverness und Kaltschnäuzigkeit

Bilanz

Werder weist bei den Bundesliga-Partien gegen Leverkusen eine positive Bilanz auf. 26 Siege in den 76 Begegnungen bei 20 Niederlagen und 30 Remis. Im Weserstadion war für Bayer in der Vergangenheit wenig zu holen: 17 Erfolge für die Heimmannschaft bei fünf Niederlagen und 16 Unentschieden. Auch die Partien in allen Wettbewerben sieht Bremen klar vorn. 88 Spiele, 34 Werder-Siege, 23 Bayer-Siege, 31 Remis.

Rekordniederlage

Mit 0:5 kassierte Leverkusen in Bremen die höchste Liga-Niederlage in der Vereinsgeschichte. Am 4. April 1986 feierten die Norddeutschen diesen Kantersieg, zu dem Manfred Burgsmüller zwei Treffer beisteuerte. Zudem waren Bruno Pezzey, Günter Herrmann und Frank Neubarth erfolgreich. 0:5 verlor Leverkusen noch dreimal in der höchsten Spielklasse: bei Bayern München und bei Eintracht Frankfurt jeweils 1982 sowie beim MSV Duisburg 1979.

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