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Wissenswertes zum Werder-Spiel gegen den FC Augsburg: Hans-Günter notiert es auf seinem Klemm-Brett.

Klemm-Brett

Notizen vor Augsburg: Zwei Weltmeister-Brüder und ein Werder-Schreck

Von wegen Rente: Hans-Günter Klemm, langjähriger Kicker-Redakteur mit Werder-Expertise, hält für die DeichStube Augen und Ohren offen – fällt ihm 'was zum kommenden Gegner der Grün-Weißen auf, notiert er es auf seinem Klemm-Brett. Vor dem vierten Spieltag gegen den FC Augsburg mit vier Fragen an Daniel Baier, einer Zukunftshoffnung und einem Werder-Schreck.

Rückkehrer

Seine Zeit an der Alster möchte er am liebsten verdrängen. „Ein Seuchenjahr“, sagt Andre Hahn über das Engagement beim Absteiger Hamburger SV. Zu seinem Abschied ließ er keine netten Worte über den Dino verlauten. Nie wieder, so Hahn, als er längst wieder beim FC Augsburg angeheuert hatte, würde er für den Traditionsverein spielen - „für kein Geld der Welt.“

Dass er das Fußballspielen nicht verlernt hat, hat der 28-Jährige in den ersten Saisonwochen bereits bewiesen. Seine Rückkehr zu den Wurzeln zahlte sich für beide Seiten aus: Für den Club, bei dem sich der aus dem Norden stammende und einst für den FC Oberneuland kickende Stürmer, im Profifußball von Januar 2013 bis Mai 2014 einen Namen machte. Und für ihn persönlich, denn er macht wieder auf sich aufmerksam.

„Ich brauche Praxis“, kommentierte Hahn seinen Höhenflug in den ersten Wochen der Saison, „die hat mir extrem gefehlt.“ Wie so viele Hamburger: Hahn, beim HSV formschwach und weit unter den Möglichkeiten, dreht in neuer Umgebung auf. Wie in seiner ersten Zeit in Augsburg, als er von der 3. Liga bis in die Nationalelf durchstartete.

Zukunftshoffnung

Normalerweise müsste sein Name auf der Festplatte des Laptops von Jogi Löw eingespeichert sein. In der Rubrik Zukunftshoffnung. Die Notiz des Bundestrainers müsste so lauten: Ein Kandidat für die linke Abwehrseite, möglicherweise die Lösung auf dieser Problemposition. Viele hatten damit gerechnet, dass Löw zu den ersten Länderspielen nach dem WM-Desaster den aufstrebenden Augsburger berufen würde. Doch Philipp Max, der Bayer, erhielt keine Einladung. Der Hoffenheimer Nico Schulz wurde ihm vorgezogen, wie vor der Weltmeisterschaft der Berliner Marvin Plattenhardt. Unverständnis in Augsburg und bei den Experten in der Republik.

Schließlich zählt der 24-Jährige auf der linken Außenbahn zu den auffälligsten Spielern der Liga. Imponierend vor allem seine Offensivstärke sowie die Präzision bei Flanken, was dokumentiert ist durch die hohe Zahl der Assists in der letzten Saison: 13 Vorbereitungen. Einst wurde Max in Schalke ausgebildet. Sein damaliger Trainer, der legendäre Nachwuchscoach Norbert Elgert, nennt ihn einen „positiven Spätentwickler“. Sein jetziger Trainer rühmt seine Sonderstellung. Manfred Baum sagt über die Tatsache, dass Max oftmals in Manndeckung genommen wird: „Das zeigt seine Wertschätzung und Qualität.“

Spruch

„Augsburg und Europa passt so gut wie AC/DC und Schlager“

Trainer Manuel Baum, als seine Mannschaft in der letzten Saison zwischenzeitlich auf einem Platz stand, der die Qualifikation fürs internationale Geschäft bedeutet

Werder-Schreck

„Unberechenbar“ sei dieser Akteur, sagt Florian Kohfeldt über ihn. Ein größeres Kompliment kann es nicht geben. Worte, die Michael Gregoritsch adeln. Der 24-Jährige ist längst eine große Nummer in der Liga. Und auch in seiner Heimat Österreich, wo der torgefährliche Mittelfeldmann, der nun häufig als Spitze eingesetzt wird, zur Nationalelf zählt.

FCA-Stürmer Michael Gregoritsch trifft gerne gegen Werder.

2012 kam er aus Karpfenberg nach Deutschland, kickte in Hoffenheim, bei St. Pauli und dem VfL Bochum, schließlich beim HSV. Seit 2017 ist der Zentrumsspieler in Augsburg engagiert. Der Transfer kostete die Bayern die stolze Ablösesumme von fünf Millionen Euro. Gut angelegtes Geld, wie sich zeigt. Die Bilanz seines ersten Jahres im Süden: 13 Tore, fünf Assists, eine ordentliche Durchschnittsnote von 3,38 im kicker. „Ich habe einen brutalen linken Schlegel“, hat sich Gregoritsch selbst beschrieben, als er nach Augsburg kam. Eine Charakterisierung, die er untermauert hat.

Gregoritsch trifft, auch in dieser Saison. Besonders gern trifft er, wenn es gegen Werder Bremen geht. Der Werder-Schreck hat in fünf Spielen gegen Bremen bislang sechs Treffer markiert, hervorzuheben dabei der Doppelpack im Hinspiel der letzten Saison. Dies veranlasste Kohfeldt zu den Lobeshymnen und der speziellen Maßnahme, den Torjäger aus der Tiefe in Manndeckung zu nehmen.

Altstars

Bekannte Fußballer sind in Augsburg groß geworden. Die beiden prominentesten, die aus der Fugger-Stadt stammen: Helmut Haller und Bernd Schuster, beide herausragende Nationalspieler und Persönlichkeiten. Der 2012 nach langer Krankheit verstorbene Haller war einer der ersten deutschen Profis in Italien, zunächst in Bologna, dann zwei Jahre in den Siebziger Jahren bei Juventus Turin. Er gehörte der Elf an, die 1966 Vize-Weltmeister in England wurde.

Schuster, Europameister 1980, galt als der „blonde Engel“, der in Spanien für die drei ruhmreichen Clubs Barcelona, Real und Atletico Madrid spielte, eine wahre Rarität. In der Bundesliga war der begnadete Techniker für den 1. FC Köln zu Beginn seiner Karriere und für Bayer Leverkusen am Ende tätig. Weitere populäre Fußballer aus Augsburg: Roland Grahammer, Raimond Aumann, Karl-Heinz Riedle, Christian Hochstätter, Dieter Eckstein und Armin Veh, der Sportgeschäftsführer in Köln.

Torwartwechsel

Marvin Hitz, der Stammtorwart, wechselte nach Dortmund. Eine neue Nummer eins musste her. Zwei Kandidaten standen zur Wahl. Trainer Baum hatte die Qual der Wahl. Es gebe keine objektiven Kriterien, meinte Baum zu seiner Entscheidungsfindung: „Es war eine reine Bauchentscheidung.“ Fabian Giefer erhielt sein Vertrauen, Andreas Luthe, ein Jahr länger in Augsburg, hat das Nachsehen. Ihm wurde zugesichert, dass er im Pokalwettbewerb seine Chance bekommt. Trotz des Bekenntnisses von Baum mag eine Sache entscheidend gewesen sein: Giefer hat seine Qualitäten in der Strafraumbeherrschung.

Abwehrspieler Martin Hinteregger: „Ein riesiger Pluspunkt.“ Doch nach dem 1:2 in Mainz flammte die Diskussion wieder auf. Giefer bekannte sich schuldig, an beiden Gegentreffern maßgeblich beteiligt gewesen zu sein: „Beide muss ich sauber klären.“ Trainer Baum nahm ihn in Schutz. Mit einem erneuten Torwartwechsel kann er zumindest gegen Werder Bremen nicht reagieren, Luthe ist derzeit verletzt (muskuläre Probleme).

Fabian Giefer ist die neue Nummer eins beim FC Augsburg. Gegen Werder könnte er aber eine Pause bekommen.

Underdog

Als sie erneut den Klassenerhalt geschafft hatten, zogen sie ein spezielles, eigens für dieses Kunststück entworfenes T-Shirt an. Die Losung auf dem Hemd, das alle Augsburger mit Stolz trugen: „ObACHT. Auch im nächsten Jahr wieder Abstiegskandidat Nummer 1 ?!“ Sie hatten es wieder mal allen gezeigt, allen Besserwissern, die ihnen Schlimmes prophezeit hatten. Die Augsburger Puppenkiste lebt. Und wie sie lebt: Die achte Saison in Serie in der höchsten deutschen Spielklasse.

Der „ewige Underdog“ hat sich einmal mehr behauptet. Nach dem Aufstieg mit Trainer Jos Luhukay etablierte sich der Club. Markus Weinzierl, einer der jungen Wilden in der Branche, sorgte für Stabilität, die kurzzeitig verloren ging in der kurzen Phase mit Dirk Schuster. Nun sorgt Manuel Baum für Furore, der gemeinsam mit Stefan Reuter, dem Geschäftsführer Sport, das Sagen hat. „Beide machen einen Klassejob“, urteilt Altmeister Ottmar Hitzfeld über dieses Duo an der Spitze.

Das Saisonziel? „Der Klassenerhalt ist unsere Deutsche Meisterschaft“, hatte es Trainer Baum mal pointiert zusammengefasst. Inzwischen klingt es ein wenig anders. Ein wenig ambitionierter: Augsburg will mehr, will mehr als überleben. Neue Ambitionen, die sich so ausdrücken. „Wir wollen für Überraschungen sorgen“, so Baum. Dass dies gelingen kann, damit rechnet Stefan Effenberg. Der Kolumnist von t-online: „Die können jeden ärgern.“ Neues Selbstbewusstsein im bayrischen Schwaben. Raus aus der Rolle der letzten Jahre, wie Jeffrey Gouweleeuw propagiert: „Wir sind kein Underdog mehr.“

Kader

Begehrt waren viele aus dem Augsburger Aufgebot. Doch Manager Reuter gelang es trotz der steten Personaldebatten die Leistungsträger zu halten: Philipp Max und Michael Gregoritsch, Jeffrey Gouweleeuw und Alfred Finnbogason. Der Stamm, zu dem auch Martin Hinteregger und Ja-Cheol Koo zählen, konnte gehalten werden. Die Leihspieler Jan-Ingwer Callsen-Bracker, Konstantinos Stafylidis und Takashi Usami wurden fest verpflichtet.

Eine sinnvolle Planung, zumal de Kader verbreitert und ergänzt worden ist. Mit gestandenen Profis wie Rückkehrer Andre Hahn (3 Mio. Ablöse) und Julian Schieber (ablösefrei von Hertha) sowie den Talenten Fredrik Jensen (3. Mio von Twente Enschede) und Felix Götze (ablösefrei von Bayern München) und den Eigengewächsen Kevin Danso und Marco Richter. Nachdem zweimal in Folge der Umsatz auf rund 95 Millionen Euro gestiegen ist, liegt Augsburg zwar im Vergleich immer noch im letzten Drittel der Liga bezüglich der wirtschaftlichen Rahmendaten, kann sich aber etwas größere Sprünge leisten. Der Personaletat wird inzwischen auf etwa 40 Millionen Euro geschätzt.

Brüder

Götze - er trägt einen prominenten Namen. Der Vorname: Felix. Der 20-Jährige, seit dieser Saison in Augsburg, ist der Bruder von Mario, dem Siegtorschütze aus dem WM-Finale 2014. Felix ist so ganz anders: ein Defensivspieler, kein Zauberer wie sein Bruder. Viele Gemeinsamkeiten: Gelernt hat er sein Handwerk bei Borussia Dortmund bis 2014, danach spielte er vier Jahre lang für die Bayern.

Felix Götze, Bruder von Mario Götze, spielt seit dieser Saison für den FC Augsburg.

Nun versucht er Tritt zu fassen in Augsburg. Der Anfang ist gemacht: Felix feierte sein Debüt, kommt momentan auf mehr Einsatzzeit als der in Dortmund auf der Bank sitzende Mario. Und es gibt noch einen anderen Augsburger Akteur, dessen Bruder ebenfalls Weltmeister ist: Rani Khedira, 24 Jahre jung, der vor einem Jahr von RB Leipzig kam und sich nun durchsetzt. Wie Sami startete der Allrounder seine Laufbahn beim VfB Stuttgart.

Statistik

Mit Fug und Recht darf der FC Augsburg als Angstgegner bezeichnet werden. Werder weist eine negative Bilanz auf: 18 Bundesligaspiele, acht Niederlagen, sieben Siege und drei Unentschieden. Ausgeglichen ist die Auswärtsbilanz. Vier Siege und vier Niederlagen bei einem Remis bei den Bremer Gastspielen in Augsburg.

Form

Nur ein Punkt trennt Augsburg von Werder. Zwischenstand nach drei Spieltagen: Platz acht, vier Punkte. Es hätten mehr Zähler sein können. In Mainz brachte Dong-Won Ji die Baum-Elf in der Schlussphase in Führung, ein Sieg war möglich. Kurios: Der Koreaner verletzte sich beim Torjubel am Knöchel, der Joker musste sofort wieder raus und fällt wochenlang aus. In Rheinhessen haben die Bayern mit einer Fünferkette operiert. Auffällig: Sie kassierten drei der vier Gegentore durch Joker.

Interview

Doppeltes Jubiläum für Daniel Baier. Der Kapitän absolviert am Samstag sein 250. Bundesligaspiel und sein 300. Pflichtspiel für Augsburg.

Wie sind Sie mit dem Start zufrieden, Daniel Baier?

Die Niederlage in Mainz drückt auf die gute Stimmung. Es war ein Remisspiel, wir haben kurz vor Schluss geführt und sind dann noch besiegt worden. Das löst gemischte Gefühle aus. Doch insgesamt sind wir gut reingekommen, sind sehr zufrieden.

Was hat sich der FC Augsburg, der ewige Underdog, vorgenommen?

Wir wollen sorgenfrei bleiben und eine gute Runde spielen. Wie in der letzten Saison möchten wir relativ früh den Klassenerhalt perfekt machen, nichts mit dem Abstieg zu tun haben.

Verstehen Sie, weshalb Ihr Kollege Philipp Max noch keine Einladung zur Nationalelf erhalten hat?

Also ehrlich: Das Thema geht mir schon auf die Nerven, weil es seit Monaten existiert. Ich möchte nicht wissen, wie es Philipp damit geht. Er bringt beständig gute Leistungen und hätte es verdient gehabt, mal berufen zu werden. Darüber sind wir uns sicher alle einig. Doch im Endeffekt entscheidet ein Mann darüber und der hat bisher anders entschieden.

Seit zehn Jahren spielen Sie in Augsburg, sind der dienstälteste Spieler. Warum haben Sie nie einen Vereinswechsel in Erwägung gezogen?

Ich bin der dienstälteste und auch der älteste Spieler. Natürlich habe ich mir mit meiner Familie und meinem Berater, auch mit den Verantwortlichen im Club schon mal Gedanken gemacht. Doch es war nie ernsthaft, weil ich mich hier wohlfühle und die Wertschätzung spüre, die mir entgegengebracht wird.

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