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Wissenswertes zum Werder-Spiel gegen den FC Bayern München: Hans-Günter notiert es auf seinem Klemm-Brett.

Klemm-Brett

Notizen vor Bayern: Streit der Bosse und eine Nachtschicht zur Meisterfeier

Von wegen Rente: Hans-Günter Klemm, langjähriger Kicker-Redakteur mit Werder-Expertise, hält für die DeichStube Augen und Ohren offen – fällt ihm 'was zum kommenden Gegner der Grün-Weißen auf, notiert er es auf seinem Klemm-Brett. Vor dem 13. Spieltag gegen den FC Bayern München mit Erinnerungen an die Meisterschaft 2004 und einem Blick auf das Chaos an der Säbener Straße 2018.

Abteilung Attacke

„Hornberger Schießen mit Schrotflinte“, kommentierte treffsicher „Spiegel online“ die Darbietung der versammelten Führungsclique der Münchner nach der Länderspielpause im Oktober. Salopp gesprochen: Die Pressekonferenz der Bayern-Garde, die wohl eine Offensive ohne jedwede Kontrolle darstellen sollte, erwies sich als ein Schuss in den Ofen. Unterhaltsam, wenn auch recht peinlich war es, was die Abteilung Attacke von der Isar an jenem Freitag in die Welt setzte.

Die Bosse echauffierten sich, übten schlimme Medienschelte, wollten ihre nach den letzten Misserfolgen in die Kritik geratene Mannschaft schützen. Uli Hoeneß in seiner ureigenen Manier, die einem Ehrenmann unwürdig gewesen ist. Karl-Heinz Rummenigge ebenso, der sogar den Grundgesetz-Artikel von der Menschenwürde zitierte, Hasan Salihamidzic dabei in der bekannten Rolle als Nebendarsteller. „Herabwürdigende, hämische Berichterstattung,“ so die Vorwürfe, es sei „respektlos und polemisch“. Diesen Stil wolle man sich nicht mehr bieten lassen, sagten die Bayern-Chefs, die sogar rechtliche Schritte ankündigten.

Dünnhäutig und unsouverän reagierten die Branchenführer, die ihrerseits nicht gerade zimperlich in den Wortmeldungen zu Spielern oder Kollegen sind. Beispiele aus dem Wortschatz von Hoeneß: Özil habe nur „Dreck“ gespielt, Bellarabis Foul sei „geisteskrank“ gewesen. Die Absicht, von der eigenen Malaise abzulenken, war ersichtlich, doch der Zweck wurde verfehlt bei dieser denkwürdigen Inszenierung, am Ende noch mehr Klamauk als bei Trapattonis „Flasche-leer-Rede“. Die „Süddeutsche“ spottete, indem sie so titelte: „Das Grundgesetz vom Tegernsee“.

Wie in der guten alten Zeit: Willi Lemke schießt gegen Uli Hoeneß

Spruch

„Es ist an der Zeit, dass sich der wichtigste Klub in Deutschland mal klar positioniert.“

Uli Hoeneß bei der legendären Pressekonferenz

Streit der Bosse

Zwei Alphatiere stehen an der Spitze. Zwei Führungspersönlichkeiten, die nicht immer auf einer Wellenlänge funken, die eher für unterschiedliche Konzepte stehen. Zwei alte Weggefährten, die sich reiben, was nicht unbedingt förderliche Energie erzeugt, sondern eher da Gegenteil. Unruhe auch auf der Führungsebene, wo der Streit der Bosse immer wieder wahrnehmbar wird.

„Wer san mia?“, fragte der kicker in seinem Sonderheft. Eine Frage, die auf die differierenden Ansichten der Chefs zielt. Hier Uli Hoeneß, der rechtskräftig verurteilte Steuerbetrüger, der nach Absitzen seiner Haft wieder zum Präsidenten des eingetragenen Vereins Bayern gewählt worden ist und als Vorsitzender des Aufsichtsrats der Aktiengesellschaft fungiert. Dort Karl-Heinz Rummenigge, der als Vorsitzender des Vorstands amtiert. Hoeneß steht eher für die Tradition, für das Familiäre, für ein Bayern von gestern.

Uli Hoeneß (l.) und Karl-Heinz Rummenigge

Rummenige, der starke Mann, als Hoeneß hinter Gintern saß, plädiert für den modernen Weg, für Internationalisierung im globalen Geschäft, damit Bayern konkurrenzfähig bleibt. Der Zwist verdeutlicht: Eine Strategie ist nicht zu erkennen. Unlängst deutete Hoeneß, der sich überlebt habende Vormann, gewisse Rückzugsgedanken an. Beobachter der Szene betonen derweil, dass die Bayern ein eklatantes Führungsproblem haben und sich auch auf dieser Ebene radikal erneuern müssen.

Das „Bürschchen“

„Brazzo“ heißt er in der Branche, seit er für den HSV und die Bayern kickte. Brazzo, übersetzt das „Bürschchen“. Als Spieler war er zweifellos ein Publikumsliebling, als Sportdirektor in München gilt er als die kleine Lösung, um nicht zu sagen Notlösung. Hasan Salihamidzic ist ein leitender Angestellter von Gnaden der Großkopferten. Es dauerte nicht lange, bis er zu einem leidenden Angestellten wurde. Unsicher im Auftreten, unklar im Profil, ist der 41-Jährige das genaue Gegenteil eines starken Managers. Ein Job, für den profilierte Persönlichkeiten wie Philipp Lahm und Max Eberl abgesagt hatten.

Trainer

Nun also Niko. Der vierte Trainer nach 2013, dem legendären Triple-Jahr, dem Allzeit-Triumph mit Jupp Heynckes. Niko Kovac soll es nun richten bei der Suche der Bayern nach ihrer Identität in Folge des historischen Triumphs. Erst Welttrainer wie Pep Guardiola und Carlo Ancelotti, dann das Remake mit Heynckes und nun ein junger, aufstrebender Coach, der zwar mal die kroatische Nationalelf betreut hat, doch international noch nicht dieses Ansehen genießt.

„Ich weiß, wie es hier zugeht und wie man hier erfolgreich sein muss“, hat der Kroate gesagt, der von 2001 bis 2003 als Spieler das Bayern-Trikot trug. Als Empfehlung brachte er das Husarenstück mit, das ihm im Pokal-Finale gegen die Münchner gelang. Kovac holte mit Eintracht Frankfurt den Titel, überzeugte dabei als Taktiker. Zudem gilt er als gewiefter Kommunikator und vor allem als akribischer Arbeiter, der die teilweise verhätschelten Stars aus dem bajuwarischen Ensemble so trimmte wie einst Felix Magath.

An seiner Seite unterstützen ihn Bruder Robert, seit jeher sein Assistent, sowie Peter Hermann, die Vertrauensperson aus dem alten Betreuerstab, die hohes Ansehen genießt. Nach einem famosen Start spürt der 47-Jährige nun ersten Gegenwind. Der Coach, der infrage gestellt wird, stellt sich dem Sturm und bereut nicht seine Entscheidung, den Sprung zu Bayern gewagt zu haben: „Wenn Bayern ruft, dann werde nicht nur ich hellhörig, da möchten alle hin.“

Bilanz

Überraschend ist es nicht. Welcher Klub weist schon im Duell mit den Bayern eine respektable Bilanz auf? Also hier die Zahlen für Werder Bremen: 116 Spiele in allen Wettbewerben, 63 Niederlagen, nur 28 Siege, 25 Remis. Die Daten bezogen auf die Liga: 104 Partien, 53 Niederlagen, 26 Siege, 25 Remis. Ausgeglichen ist wenigstens die Bilanz in den Heimspielen im Weserstadion: je 19 Siege für Werder und Bayern in 52 Spielen.

Trainer Thomas Schaaf und der SV Werder Bremen wurden 2004 in München Deutscher Meister.

Erinnerung

Es ist ein Tag, den ich nie vergessen werde. 8. Mai 2004. Leider war ich nicht vor Ort in München, ein Kollege des „kicker“ verfolgte das Match im Olympiastadion. Ich harrte der Dinge an der Weser. Mein Auftrag: Ich sollte die Meisterserie schreiben. Ailton hatte uns kurzfristig abgesagt, der Schlingel hatte sich bei der Konkurrenz verdingt. Unser „Ersatz“ war mehr als das: Johan Micoud, seine Exzellenz, persönlich. Also sah ich Werders Triumph am Bildschirm. Die Ausgangslage war klar: Siegt Bremen, bedeutet das Zweierlei. Meistertitel für Werder und eine Nachtschicht für Klemm. Zeitnah sollte die erste Folge der Meisterserie mit dem großen Franzosen erscheinen.

Klasnic traf, Micioud traf, Ailton traf. 35 Minuten gespielt, für mich bestand kein Zweifel mehr. Werder ist durch. So kam es. 3:1 am Ende, das Gegentor durch Roy Makaay, wahrhaft ein Triumph in der Höhle des Löwen, das Meisterstück. Ich fuhr zum Flughafen, erlebte die dort startenden Siegesfeiern. Meistertrainer Thomas Schaaf schwenkte die Fahne aus der Pilotenkanzel. Die Massen drängelten sich auf dem Rollfeld, so dass nicht nur Angst bekam, wer unter Platzangst leidet. Ich mittendrin wegen der Kontaktaufnahme mit Micoud. Verabredung für später in Grothenns Gasthaus, wo sie feierten. Zwischen Tür und Angel schrieb ich auf, was „Le chef“ mir diktierte. Er hatte viel zu erzählen. Es wurde eine lange Nacht für mich.

Form

Es läuft nicht rund. Bayern grüßt nicht von der Spitze. Nach dem Liga-Hit in Dortmund, den sie mit 2:3 verloren, lagen die Münchner sieben Punkte zurück hinter dem Spitzenreiter BVB. Auch Gladbach und Leipzig und Frankfurt hatten sie überholt. Nur sechs von zwölf Liga-Spielen haben die Bayern gewonnen (drei Unentschieden, drei Niederlagen). Ein 1:1 gegen den SC Freiburg und zuletzt das 3:3 gegen Fortuna Düsseldorf, den Aufsteiger und Tabellenvorletzten, galten als besonders arge Blamagen. Immerhin besänftigte ein 5:1 in der Champions League gegen Benfica Lissabon am Dienstag ein wenig die Gemüter.

Bis auf Robert Lewandowski mit sieben Toren und fünf Vorlagen ist in den Listen der Besten kein Bayer zu finden. Allenfalls noch der solide Joshua Kimmich und der nun ausfallende Thiago weisen eine ansprechende Form aus. Stützen wie Jerome Boateng und Mats Hummels, wie der seit Jahren um seine Form ringende Thomas Müller, wie selbst ein Erfolgsgarant wie Manuel Neuer hinken weit ihrem Leistungsvermögen hinterher.

Umbruch

Sechsmal in Folge holten sie die Meisterschale. Der Titel ist auch in diesem Jahr Pflicht. Meister zumindest, auch wenn Boss Rummenigge betont: „Wir wollen alles gewinnen.“ Die hohen Ansprüche haben einen erheblichen Dämpfer erhalten. National hinken die sonst vorpreschenden Bayern den Dortmundern, aber auch Gladbach und Leipzig hinterher. Und international? Zweifel bleiben, ob sie in der Champions League mit den kontinentalen Größen mithalten können.

Jubeln zusammen noch nicht so oft, wie sie gerne würden: die Bayern um Serge Gnabry (v.l.), David Alaba, Leon Goretzka und Thiago.

Es scheint, als sei es ein Übergangsjahr. Der Umbruch des Teams, das zuletzt mühelos dominierte, fiel nicht gerade spektakulär aus. Es kamen Begabungen wie Serge Gnabry (der Ex-Bremer kehrte von seiner Leihe nach Hoffenheim zurück), wie Renato Sanches (der portugiesische Europameister kehrte von seiner Leihe nach Swansea zurück) sowie Leon Goretzka, dem von Schalke 04 ablösefrei geholten Nationalspieler. Kein Cent ausgegeben für die Blutauffrischung. Kostspielige Transfers – Fehlanzeige. Ein Umbruch light also beim Rekordmeister, der inzwischen eine Transferoffensive für den Sommer 2019 ankündigte.

Dass das zweifelsohne hochkarätig besetzte Aufgebot nicht gerade breit aufgestellt ist, zumal Spieler wie Sebastian Rudy (für 16 Millionen Ablöse zu Schalke) und Juan Bernat (für 14 Millionen Ablöse zu Paris Saint-Germain) noch verkauft wurden, zeigt sich, als die Spielzeit lief und Verletzungen auftraten. Kingsley Coman (Syndesmoseriss) und Corentin Tolisso (Kreuzbandriss) als Langzeitverletzte werden vermisst, nun fehlt auch noch James Rodriguez mit einer Muskelverkletzung. Die Altmeister Arjen Robben und Franck Ribery fielen kurzfristig aus wie auch Jerome Boateng oder David Alaba.

Spierlerfrauen

Auch Spielerfrauen haben ihren Beitrag geleistet, die Krise der Bayern noch zu verschärfen. Als ihr formschwacher Ehemann Thomas mal wieder nicht in der Startelf stand und erst kurz vor Schluss eingewechselt wurde, meldete sich Lisa Müller bei Instagram. Ihr despektierlicher Post in Richtung Trainer: Dieser habe mal wieder in der 71. Minuten einen Geistesblitz gehabt.

In der Presse wurde Frau Müller, eine erfolgreiche Reiterin, als „Lieschen Müller“ ob ihrer Wortmeldung verspottet, die kurze Zeit nach Veröffentlichung wieder gelöscht worden ist. „Nix“, so der angegriffene Niko Kovac, wollte er dazu sagen. Zur Staatsaffäre machte den Vorfall einzig und allein die PR-Abteilung des Klubs, als sie verbreitete, dass Frau Müller sich beim Trainer entschuldigt habe.

Kollegin Wahiba Ribery wollte da nicht nachstehen. Nach dem Schlager in Dortmund attackierte die Dame an der Seite des in die Jahre gekommenen Linksaußen Schiedsrichter Manuel Gräfe: „Unglaublich“ und „widerlich“ fand sie die Pfiffe des überragenden Unparteiischen, dem sie Inkompetenz vorwarf.

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