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Wissenswertes zum Werder-Spiel gegen Mainz 05: Hans-Günter notiert es auf seinem Klemm-Brett.

Klemm-Brett vor Mainz 05

Rouven Schröder im Interview: Lob an mutige und fußballverrückte Bremer

Von wegen Rente: Hans-Günter Klemm, langjähriger Kicker-Redakteur mit Werder-Expertise, hält für die DeichStube Augen und Ohren offen – fällt ihm 'was zum kommenden Gegner der Grün-Weißen auf, notiert er es auf seinem Klemm-Brett. Vor dem zehnten Spieltag gegen Mainz 05 mit Rouven Schröder im Interview.

Interview mit Rouven Schröder

Rouven Schröder amtierte von 2013 bis 2016 als Direktor Profifußball und Scouting bei Werder. Nun ist er Sportvorstand bei Mainz 05.

Nur zwei Punkte aus den letzten sechs Spielen in der Liga, nun das unglückliche Pokal-Aus in Augsburg. Steckt Mainz in einer Ergebniskrise? Oder ist es mehr?

Wir wollen nicht in Schubladen denken. Jedes Spiel ist für sich zu bewerten. Ärgerlich und bitter war unter anderem das Ausscheiden im Pokal, wir haben in Augsburg lange gut gespielt, dazu sehr offensiv, mutig, kreativ und mit vielen Abschlüssen! Leider haben wir uns dafür nicht belohnt – wie auch in der Meisterschaft.

Haben Sie mehr in dieser Spielzeit erwartet?

Natürlich hätten wir liebend gern mehr Punkte geholt. Doch wir bleiben dabei, gehen Schritt für Schritt vor. In dieser Saison haben wir einen weiteren Step gemacht, uns gerade fußballerisch weiterentwickelt.

Werder hat zuletzt mit 2:6 gegen Leverkusen eine derbe Schlappe erlitten. Spielt Ihnen dieses Ergebnis für Sonntag in die Karten?

Solche Gedanken machen wir uns nicht. Solche Spiele und Resultate, wie Werder es gegen Leverkusen erlebt hat, wird es immer wieder geben. Wir wissen, wie stark Werder ist. Und wir wissen, dass wir eine Topleistung bringen müssen.

Bremen im Aufwind. Überrascht Sie dieser Aufschwung bei Ihrem Ex-Klub?

Der Aufschwung überrascht mich nicht, die führenden Köpfe bei Werder machen vieles richtig. Werder ist auf einem guten Weg. Gute Verstärkungen, gute Positionierung, sehr mutiges Auftreten. Der Standort Bremen war immer positiv und fußballverrückt und lebt nun wieder auf. Diese Entwicklung freut mich.

Rouven Schröder arbeitet seit seinem Abgang bei Werder Bremen 2016 für Mainz 05.

Rekordsummen

Tief in den Geldbeutel hat Rouven Schröder gegriffen. Mainz hat Rekordsummen an Ablösen für neue Spieler bezahlt, die die zahlreichen Abgänge kompensieren und in Zukunft das Gesicht der Elf ausmachen sollen. Eine Offensive, die möglich war, weil die Mainzer viel Geld auf dem Transfermarkt eingenommen hatten. Drei Hochkaräter, für jeden Mannschaftsteil einen kostspieligen Transfer. Für die Abwehr kam Moussa Niakhaté, ein Franzose, der zuletzt beim FC Metz aktiv war. Der 22-Jährige, mit dem Gardemaß von 1,90 Meter ausgestattet, hat sich in der Innenverteidigung bewährt. Niakhaté kostete acht Millionen Euro Ablöse, eine Summe, die Mainz auch für Jean-Philippe Mateta bezahlten. Der Stürmer, 21 Jahre jung, kam von Olympique Lyon, war zuletzt an den AC Le Havre ausgeliehen.

Dritter im Bundes der prominenten Neulinge: Ein Kameruner mit dem Künstlernamen Kunde. Der Mittelfeldmann des Jahrgangs 1995 gehörte Atletico Madrid, kam dort indes nicht zum Zuge. Die Madrilenen hatten ihn immer wieder verliehen, erst zu Extremadura UD, in der letzten Spielzeit an den FC Granada. Der Nationalspieler, der bisher einmal das Trikot seines afrikanischen Heimatlands überziehen durfte, soll dem Aufbauspiel der Mainzer Struktur und Gradlinigkeit verleihen.

Zwischenbilanz: Die Neuen haben sich behauptet. Mainz hat in der Startphase der Saison so viele der Neuzugänge eingesetzt wie kein anderer Verein. Zumal auch Philipp Mwene (kam vom 1. FC Kaiserslautern), Jean-Paul Boetius (Feyenoord Rotterdam) und Aaron (Espanyol Barcelona) regelmäßig zum Einsatz kommen.

Aderlass

Mainz gilt als Ausbildungsklub. Erneut haben einige Profis den Bundesligisten verlassen, die im Südwesten auf sich aufmerksam gemacht haben. Ein personeller Aderlass, der jedoch auch reichlich Geld in die Kasse spülte, die dieser Verein zum wirtschaftlichen Überleben benötigt. So verlor Mainz mit Abdou Diallo den Abwehrchef. Der 22-jährige Franzose tanzte nur ein Jahr lang beim Karnevalsverein und wechselte zu Borussia Dortmund – Kostenpunkt des Transfers: 28 Millionen Euro.

Eine gute Rendite, denn ein Jahr zuvor hatte Mainz nur fünf Millionen an Monaco gezahlt. Mit Suat Serdar, dem 21-Jährigen mit türkischen Wurzeln, verließ ein Junioren-Nationalspieler die Schwarz-Elf, der das Mittelfeldspiel geprägt hatte, in Richtung Schalke. Kostenpunkt: elf Millionen Euro. Und schließlich ging mit Yoshinori Muto ein erstklassiger Stürmer, der in drei Spielzeiten 20 Treffer bei 66 Einsätzen markiert hatte. Der japanische Nationalspieler unterschrieb bei Newcastle United. Kostenpunkt dieses Wechsel: elf Millionen Euro.

Zudem brachten Kenan Kodro (FC Kopenhagen, zuvor ausgeliehen an Grasshopper Zürich, Ablöse 2 Mio.) und Jonas Lössl (Huddersfield Town, zuvor bereits ausgeliehen, Ablöse 2,5 Mio) noch Geld in die Kasse. Die Bilanz kann sich sehen lassen. Manager Schröder verbuchte Transferentschädigungen von rund 55 Millionen Euro, somit trotz der Neuverpflichtungen in Rekordhöhe noch ein dickes Plus.

Form

Der Trend ist momentan kein Freund der Mainzer. Unglücklich schied der Klub am Dienstag aus dem Pokal aus: 2:3 nach Verlängerung in Augsburg. 1:2 verlor der Klub am letzten Spieltag gegen die Münchner Bayern. Nur zwei Punkte holten die gut gestarteten Rheinhessen aus den letzten sechs Liga-Partien, wobei der Misserfolg gegen den Meister einkalkuliert werden musste.

Dafür konnte eine negative Serie beendet werden. Nach 498 Minuten ohne Tor traf Jean-Paul Boetius endlich wieder. Zwischenstand nach neun Spieltagen: Mainz auf Platz 13, 9 Punkte auf dem Konto bei 5:10 Toren. Auffällig ist ein Faktum: Die Mainzer sind nicht gerade torgefährlich, belegten in der Rangliste nur den vorletzten Platz. Sie haben sich nur 35 Chancen erarbeitet.

Spruch

„Schon als Spieler war Sandro immer ein Kämpfer und ein Leader, der Mainz 05 gelebt hat. Er ist die perfekte Lösung.“

Jürgen Klopp über seinen Nachfolger Sandro Schwarz

Trainer Sandro Schwarz hat sich bei Mainz 05 zu einem guten Krisenmanager entwickelt.

Trainer Sandro Schwarz

Die Fußstapfen sind groß. Ganz früher ein Jürgen Klopp, danach ein Thomas Tuchel. Bekannte Persönlichkeiten saßen auf dem Stuhl, auf dem nun Sandro Schwarz Platz genommen hat. Seit Juli 2017 betreut der Nachfolger von Martin Schmidt den Bundesligisten aus Rheinhessen. In seinem ersten Bundesliga-Jahr lernte der gebürtige Mainzer, der den Klub seit jeher bestens kennt, alles kennen, was mit diesem Job zusammenhängt. Mit Schwarz sah es lange düster aus für die Nullfünfer.

Erst ein Kumpeltyp, mutierte der 40-Jährige zu einer Respektsperson und vor allem zu einem guten Krisenmanager. Schwarz schaffte den Turnaround mit der Truppe, die dank eines fulminanten Endspurts die Klasse hielt. So geht das Eigengewächs, früher auch Spieler im Verein, gestärkt in seine zweite Saison, in der Schwarz Pläne hat: Schnell soll die 40-Punkte-Marke geknackt werden, die ominöse Grenze, die für den Verbleib steht. „Wir wollen wieder Mainz-05-Fußball bieten.“

Vertrauen für Schwarz

„Alles auf Schwarz“, so eine Schlagzeile im „kicker“ im Bilanzheft zur letzten Saison. Es gilt auch für dieses Spieljahr. Vertrauen in den Mann, der einst für 05 spielte und dann auch im Nachwuchsbereich als Coach aktiv war. Es gab den Vertrauensbeweis von Rouven Schröder, der in der schweren Krise den Coach stützte, obwohl intern sich die Stimmung gedreht hatte. „Ein großes Dankeschön an ihn“, sprach Schwarz denn auch an den Sportvorstand aus, „er hat in schwierigen Momenten zu mir gestanden.“

Seeler-Enkel Levin Öztunali

Eigentlich ist er Hamburger, doch einer mit Bremer Vergangenheit. Also: Ein Nordlicht, das in Mainz mitunter strahlt. Levin Öztunali, der Enkel des legendären Uwe Seeler, spielte von Januar 2015 bis Sommer 2016 für Werder. Zwischenzeitlich bei Bayer Leverkusen, landete der Junioren-Nationalspieler im August 2016 in Mainz. Für Bremen absolvierte der Spieler, dessen Vater Mete Türke ist, 41 Spiele, erzielte zwei Tore und leistete sieben Assists. Ein weiterer Profi mit „Werder-Wurzeln“ ist Anthony Ujah (s.u.). Ein anderer hat Mainz derweil verlassen: Leon Balogun ist seit Sommer in England bei Brighton & Hove Albion engagiert.

Anthony Ujah mit Bremer Vergangenheit

Nun ist er wieder dort gelandet, wo in Deutschland alles anfing. Anthony Ujah ist zurück. Im Winter holten die Rheinhessen den ehemaligen Torjäger zurück, der von 2011 bis 2012 schon bei ihnen gewesen ist, bevor er beim 1. FC Köln und in Bremen in der höchsten Spielklasse agierte. In der Rückrunde kam der Nigerianer, der es auf sieben Länderspiele bringt, noch nicht richtig zum Zug. „Ihm fehlte die Fitness“, entschuldigte Trainer Schwarz. Die Vorbereitung tat dem bulligen Stürmer gut, der in China bei Liaoging Whowin eineinhalb Jahre gutes Geld kassiert hat.

„Nun ist er auf einem anderen Level“, sagt Schwarz über den Angreifer, der gleich im Auftaktspiel zum Matchwinner avancierte: Ujah erzielte das entscheidende Tor zum 1:0 gegen Stuttgart, ein Tor mit acht Monaten Anlauf. Zuletzt kam Ujah häufig als Joker zum Einsatz. Zur Erinnerung: Für Werder hatte der aus Köln geholte Stürmer in der Saison 2015/16 in 32 Partien elf Tore gemacht und vier Assists verbucht. Werder hatte damals bei seinem Weggang 11,5 Millionen Euro kassiert.

Anthony Ujah bejubelt einen Treffer gegen den VfB Stuttgart. In Mainz ist der Ex-Bremer häufig Joker.

Jubiläum: Zehn Jahre Bundesliga

Es ist das Jahr des Jubiläums. Mainz 05 geht in die zehnte Saison in der Bundesliga. Aller Ehren wert für den Verein, der sich aus dem langen Schatten heraus gespielt hat, den die Frankfurter Eintracht in dieser Region wirft. Die letzte Spielzeit war dabei ein Zitterjahr. „Weit weg von dem Verein, wie ich ihn mir vorstelle“, bestätigt Stefan Hofmann, seit Januar der neue Präsident.

Chaos auf allen Ebenen – beschrieb der „kicker“ die vielen Brennpunkte Machtkämpfe im Aufsichtsrat, Gerangel um die Nachfolge des Vorsitzenden, Kritik an Sportvorstand Rouven Schröder und Trainer Sandro Schwarz nach dem sportlichen Tiefgang, zu guter Letzt auch noch ein gewaltiger Zwist mit den Fans. Inzwischen sind die Reihen wieder einigermaßen geordnet und geschlossen in der Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz. Es soll an alte Zeiten angeknüpft werden.

„Wir sind auf einem guten Weg“, konstatiert Manager Schröder, der auf dem Höhepunkt der Krisen schon hinschmeißen wollte. Mit alter Stärke soll erneut der Klassenerhalt bewerkstelligt werden. „Wir brauchen wieder Spieler mit Mainzer Mentalität, wir müssen über die Emotionen und über die Zweikämpfe kommen“, fordert Stefan Bell, einer der alten Hasen. Der Kapitän, seit 2007 im Klub, weiß um die DNA der Mainzer.

Torwart

Der Platzhirsch fällt aus. Ein Knorpelschaden im Knie hindert René Adler daran, zwischen den Pfosten zu stehen. Eine nicht alltägliche Verletzung, wie in Mainz kolportiert wird. Nicht normal der Defekt im Gelenk, so dass unklar ist, wann der 34-jährige frühere Hamburger wieder auflaufen kann. Von den drei Reservetorleuten hat sich der jüngste bewährt: Florian Müller, erst 20 Jahre alt, Mitglied im U21-Kader, gilt als Nummer eins. Jannik Huth (24) und der gleichaltrige Robin Zentner hatten in diesem Vergleich das Nachsehen.

Bilanz gegen Werder Bremen

Nach Mainz fahren die Bremer gern. Fünfmal haben sie dort schon gewonnen, fünfmal bei 13 Versuchen in Pflichtspielen. Zudem haben sie vier Remis geholt. Auch in der Gesamtbilanz steht Werder vorn: 27 Spiele, 14 Siege, 6 Unentschieden, 7 Niederlagen. Allein auf die Bundesliga bezogen fallen die Zahlen so aus: 12 Siege, je 6 Niederlagen und Unentschieden. Die Statistik für die Bundesligapartien in Mainz: 12 Spiele, je 4 Siege, Remis und Niederlagen.

Die letzten vier Partien gewann Werder. Die letzte Niederlage dort datiert vom 12. April 2014: 0:3, wobei Nils Petersen ein Eigentor unterlief, Christoph Moritz und Yunus Malli trafen. Der letzte Erfolg: Im Mai triumphierte die Kohfeldt-Elf mit 2:1 nach Toren von Florian Kainz und Theodor Gebre Selassie bei einem Gegentor von Jean-Philippe Gbamin.

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