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Wissenswertes zum Werder-Spiel gegen den VfL Wolfsburg: Hans-Günter notiert es auf seinem Klemm-Brett.

Klemm-Brett

Wolfsburgs Arnold: „Traue Werder zu, die Überraschungsmannschaft zu werden“

Von wegen Rente: Hans-Günter Klemm, langjähriger Kicker-Redakteur mit Werder-Expertise, hält für die DeichStube Augen und Ohren offen – fällt ihm 'was zum kommenden Gegner der Grün-Weißen auf, notiert er es auf seinem Klemm-Brett. Vor dem siebten Spieltag gegen den VfL mit vier Fragen an Wolfsburgs Maximilian Arnold, einem Oldtimer als Anführer, Zahlen und Fakten.

Extreme

Spiele gegen Werder fallen mitunter für den VfL sehr extrem aus. Der Club landete einen der höchsten Siege in der Liga-Geschichte: 6:0 gegen Bremen am 21. November 2015. Alejandro Galvez leitete mit einem Eigentor das Debakel ein. Max Kruse, damals in Diensten der Wolfsburger, gelangen zwei Tore. Vieirinha, Bast Dost und Joshua Guilavogui waren weiterhin erfolgreich.

Die von Viktor Skripnik betreute Bremer Elf ging regelrecht unter. Im Tor stand der bemitleidenswerte Felix Wiedwald. Nur 1998 gewann Wolfsburg mal höher - 7:1 gegen Mönchengladbach. Die Niedersachsen kassierten eine ähnlich hohe Schlappe gegen Grün-Weiß: 1:6 am 19. November 2005 im Weserstadion. Frank Baumann, der Manager, leitete den Kantersieg ein, zu dem Tim Borowski, der Kohfeldt-Assistent, zwei Treffer beisteuerte. Miroslav Klose (2) sowie Naldo trafen ebenfalls für die Elf von Trainer Thomas Schaaf.

4 Fragen an Maximilian Arnold (Mittelfeldspieler, VfL Wolfsburg)

Stimmen Sie mir zu, wenn ich den Saisonstart in Wolfsburg als durchwachsen bezeichne?

Das würde ich nicht unterschreiben. Gerade, wenn ich bedenke, wie wir in den letzten beiden Spielzeiten gestartet sind. Wir haben uns fußballerisch gesteigert, treten mit einem ganz anderen Engagement auf. Nur in einem Spiel lief es nicht so: Die Freiburger waren eiskalt vor dem Tor. Uns fehlte gegen Mainz und zuletzt Gladbach ein wenig das Glück, da hätten wir mehr Punkte holen können. Wir sind auf dem richtigen Weg.

Nun das Nord-Derby in Bremen. Das Spiel, in dem sich entscheidet, wer aktuell die Nummer eins im Norden ist?

Das sehe ich nicht so. Es ist ein ganz normales Bundesligaspiel. Ich freue mich auf dieses Match im Weserstadion und die Kulisse dort.

Im letzten Jahr führten Sie die U21 zum Gewinn der Europameisterschaft. Nach dem Debakel bei der WM hat nun ein Neuaufbau bei der A-Mannschaft begonnen. Rechnen Sie sich Chancen aus?

Ehrlich gesagt: nein. Ich sehe es realistisch, dass ich in naher Zukunft keine Berufung bekommen werde. Möglicherweise später, wenn ich konstante Leistung auf Spitzenniveau bringen sollte.

Hat Gegner Werder das Zeug dazu, die Überraschungself zu werden?

Ich traue es den Bremern zu, sie spielen guten Fußball, die Automatismen greifen. Trainer Florian Kohfeldt leistet gute Arbeit. Dennoch wollen wir am Freitag dort etwas holen.

Maximilian Arnold traut Werder zu, das Überraschungsteam der Saison zu sein.

Statistik

Ausgeglichen ist die Bilanz der beiden Clubs, die sich 42 Mal in der Liga gegenüber standen: je 17 Siege bei acht Unentschieden. Dasselbe Bild bei der Tordifferenz 75:75. Zuhause gelangen Werder zehn Siege, bei zwei Remis und neun Niederlagen. Auswärts gewann Bremen sieben Partien, erzielte sechs Unentschieden und musste acht Niederlagen einstecken.

Spruch

„So, wie der VfL Wolfsburg aufgestellt war, war sportlicher Erfolg nicht möglich.“

Trainer Martin Schmidt, der Vorgänger von Bruno Labbadia, nach seinem Rücktritt am 19. Februar in einem Interview mit der Schweizer Boulevardzeitung Blick.

Trainer

Als nach den ersten Misserfolgen an anderen Standorten schon die ersten Diskussionen über Trainer-Entlassungen einsetzten, meldete sich Bruno Labbadia vehement zu Wort. „Die Trainer dürfen nicht der Mülleimer aller Menschen sein“, wetterte der Wolfsburger Coach über die unsäglichen Debatten. Möglicherweise fühlte sich der 52-Jährige, seit Februar in der Volkswagen-Stadt im Amt, an seine Anfänge erinnert. Bei den „Wölfen“ wurde er von den Fans mit Hohn und Spott empfangen. Jeder Mensch werde gerne geliebt, sagte der „schöne Bruno“, wie er in der Branche heißt, zu der schlimmen Begrüßung. Er kapselte sich ab, stürzte sich in die Arbeit, malochte vorbildlich und schaffte die Rettung bei dem Autoclub.

VfL-Coach Bruno Labbadia rettete Wolfsburg letzte Saison vor dem Abstieg.

„Ich habe praktisch wie ein Einsiedler gelebt,“ beschreibt er heute die harten drei Monate bis zur erfolgreich überstandenen Relegation gegen Holsten Kiel. Labbadia hat die Anhänger überzeugt, die Zuneigung des Fußball-Volks in Niedersachsen gewonnen. Er hat den Bock umgestoßen, wie er selbst den Rettungsprozess nennt. Nun macht er sich an den Neuanfang. Der zwölfte Trainer in den letzten zehn Jahren, die recht wechselhaft gewesen sind. Mit dem VfL möchte er etwas bewegen, wie er betont. Labbadia wünscht sich, „dass wir als Team auftreten“. Er selbst geht mit viel Demut voran und erhofft sich dies: „Nach zwei Jahren in der Relegation ist eine stabile Saison wichtig.“

Chef

Seit Wochen in Topform, seit Wochen als alleiniger Sechser herausragend: Ignacio Camacho überragt beim VfL, zuletzt beim 2:2 gegen Borussia Mönchengladbach. „Der Kopf der Mannschaft“, adelt ihn Geschäftsführer Jörg Schmadtke. „Besser könne man nicht spielen, sagt dieser über den vor einem Jahr aus Malaga geholten Mittelfeldmann, übrigens mit 28 Jahren zuletzt der älteste Feldspieler in der Startelf. Ein Oldtimer als Anführer.

Die Entdeckung

Ihn kannte kaum einer. Doch nach wenigen Spieltagen hat er sich schon einen Namen gemacht. Jerome Roussillon lässt aufhorchen. Der für fünf Millionen Euro verpflichtete Außenverteidiger vom SC Montpellier brilliert auf der linken Seite. Ein Offensivverteidiger moderner Prägung. Immer unterwegs an der Linie, mit gut getimten Flanken sowie mit knallharten und präzisen Abschlüssen.

Jerome Roussillon ist in Wolfsburg gut eingeschlagen.

Sein Spitzname lautet „Blitz“, eine treffende Beschreibung für den 25-jährigen Franzosen. Eine gewaltige Schnelligkeit zeichne ihn aus, meint Marcel Schäfer, der neue Sportdirektor, der es wissen muss. Schäfer ist vom Fach, spielte einst auch als linker Verteidiger. Nach seinem Abschied und dem Weggang seines Nachfolgers Ricardo Rodriguez zum AC Mailand suchten die Wolfsburger einen guten Ersatz. In Roussillon dürften sie ihn gefunden haben.

Verletzung

Seine Berufung kam doch für einige überraschend. Joshua Guilavogui erhielt von Bruno Labbadia die Kapitänsbinde. Der Nationalspieler aus Frankreich löste damit Ignacio Camacho ab, den Spanier, der erst seit einem Jahr beim VfL ist. Ein Ehrenamt, das der seit 2014 in Wolfsburg engagierte Guilavogui bislang nur kurzfristig ausüben konnte. Der 28-Jährige, der als Bindeglied im Team gilt und als Sprachtalent auf sich aufmerksam gemacht hat, verletzte sich im ersten Spiel gegen Schalke schwer. Riss des hinteren Kreuzbands im rechten Knie, wie er selbst verlauten ließ. Operiert wurde der Mittelfeldspieler nicht, die Behandlung erfolgte nach konservativer Methode und zeigt Erfolge.

Der Franzose macht gute Fortschritte und hofft, eventuell schon am Ende der Hinrunde wieder einsatzbereit zu sein. Bis dahin trägt Koen Casteels, sein Stellvertreter, die Binde. Als der belgische Torwart wegen der Geburt seines Kindes in Levekusen fehlte, übernahm Robin Knoche, der Stellvertreter des Stellvertreters, das Amt. Wechsel auf dieser Position sind momentan immer wieder notwendig. In der letzten Saison amtierte zunächst Mario Gomez als Spielführer. Nach seinem Wechsel zu Stuttgart wurde es Camacho, später der erst im August gekommene Niederländer Paul Verhaegh.

Führung

Alle aus der Branche loben sie diese Personalie. „Ein perfekter Griff“, sagt Dieter Hoeneß, der frühere Manager des VfL. „Ein Mann, der krisenerprobt ist“, stellt Ottmar Hitzfeld seine besonderen Qualitäten heraus. Komplimente für Jörg Schmadtke, den neuen starken Mann in Wolfsburg. Seit dem Abschied von Klaus Allofs hatten die Niedersachsen einen Erben für das wichtige Amt des Geschäftsführers Sport gesucht, nun haben sie ihn in Schmadtke gefunden. Überall, wo der 54-Jährige gearbeitet hat, ging es aufwärts. Aachen, Hannover, Köln – Stationen des Wirkens, Meilensteine, an denen der ehemalige Torwart signifikante Spuren hinterlassen hat.

Jörg Schmadtke führt das Kommando beim VfL Wolfsburg.

Alle drei Vereine führte der oftmals eigenwillige, stets korrekte und ehrliche Manager an die Spitze, mehr noch: Er brachte diese Außenseiterclubs ins internationale Geschäft, mehr oder weniger sensationell. Wolfsburg zurück nach Europa? Es wird gewiss noch dauern, ehe diese Träume wahr werden könnten. Schmadtke jedenfalls bleibt, wie es seine Art ist, realistisch, wäre zufrieden, sollte es eine Spielzeit ohne Abstiegsangst geben. Der Rheinländer führt das Kommando, ist die letzte Entscheidungsinstanz, praktiziert indes eine Teamarbeit.

So hat er dafür plädiert, eine Ikone zum Sportdirektor zu machen. Marcel Schäfer, der verdienstvolle Profi mit einem Anschlussvertrag, der seine Karriere in den Staaten ausklingen ließ, kehrte im Sommer zurück in seine norddeutsche Wahlheimat. Der 34-Jährige komplettiert das neue Führungstrio mit Schmadtke und Trainer Bruno Labbadia. Eine Riege, die für den neuen Slogan steht, der von den Fans proklamiert und vom Club adaptiert worden ist: „Arbeit, Fußball, Leidenschaft“. Schäfer dazu: „Diese Werte müssen wir alle leben.“

Offensive

36 Tore in 34 Spielen, zwei Zahlen, die das Dilemma des VfL in der letzten Saison plastisch ausdrücken. Die Offensive funktionierte nicht, ein harmloser Sturm, nachdem im Winter noch die Fehlentscheidung gefallen war, Mario Gomez, den Nationalspieler, in seine Stuttgarter Heimat ziehen zu lassen. „Ein Blick in die Statistik genügte“, sagt Jörg Schmadtke. Mit einem Blick hat der erfahrene Fachmann erkannt, wo er bei der Kaderplanung ansetzen musste. Volle Kraft voraus auf dem Transfermarkt.

Neue Stürmer brauchte das Wolfsburger Land: Wout Weghorst, Torjäger aus Alkmaar, Kostenpunkt elf Millionen Euro, Daniel Ginczek, Offensivkraft aus Stuttgart, Kostenpunkt zehn Millionen, Felix Klaus, frühzeitig aus Hannover verpflichtet, wegen einer Ausstiegsklausel nur drei Millionen teuer. Eine Offensive für die Offensive. Da konnte sogar verschmerzt werden, dass der Top-Scorer der Vorsaison ging. Daniel Didavi (9 Tore, 6 Assists) kehrte nach Stuttgart zurück – ablösefrei.

Berg und Talfahrt

Turbulente Jahre hat Wolfsburg hinter sich. Der Meister von 2009 war mal oben, zumeist in der Mitte, zuletzt ganz weit unten. 2015 wurde die Truppe Pokalsieger und Vizemeister. Doch die fetten Jahre waren schnell vorbei. Es ging bergab: 8. Platz 2016, danach zweimal 16. Rang und damit in die Relegation.

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