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Wissenswertes zum Werder-Spiel gegen Hertha BSC: Hans-Günter notiert es auf seinem Klemm-Brett.

Klemm-Brett

Notizen vor Hertha BSC: Preetz-Interview, Jugend forscht und Erinnerungen an Selke

Von wegen Rente: Hans-Günter Klemm, langjähriger Kicker-Redakteur mit Werder-Expertise, hält für die DeichStube Augen und Ohren offen – fällt ihm 'was zum kommenden Gegner der Grün-Weißen auf, notiert er es auf seinem Klemm-Brett. Vor dem fünften Spieltag gegen Hertha BSC mit vier Fragen an Manager Michael Preetz, Erinnerungen an Davie Selke und einem Blick auf die Berliner Top-Jugend.

Statistik

Seit zwölf Jahren hat die Hertha in Bremen nicht mehr gewonnen. Im Weserstadion dominierte meist Werder, wie die positive Heimbilanz zeigt. 40 Spiele, 28 Siege, sieben Remis, fünf Niederlagen.

Erfolgreicher spielten die Berliner im Olympiastadion, wo sie in 38 Spielen gegen Bremen 15 Erfolge bei zwölf Niederlagen verbuchten. Die beiden letzten Partien endeten jeweils unentschieden: 0:0 im Weserstadion, 1:1 im Olympiastadion.

Interview mit Michael Preetz

Michael Preetz, früherer Bundesliga-Profi und Nationalspieler, ist seit Juni 2009 Manager und Geschäftsführer bei Hertha BSC Berlin.

Sind Sie erstaunt, dass der Saisonstart trotz der vielen Ausfälle so reibungslos verlaufen ist?

Ich würde eher sagen: erfreut. Ein guter Start in die Saison hilft natürlich, aber jetzt müssen wir dran bleiben.

Zählt Hertha schon zu den Spitzenmannschaften?

Schauen Sie auf die Budget-Rangliste der Bundesliga, dann ist Ihre Frage beantwortet. Unser Ziel ist ein einstelliger Tabellenplatz. Das ist realistisch, alles andere ist Vision.

Der Kader ist stark verjüngt worden. Zahlt sich das Projekt Jugend bereits aus?

Wir haben viele spannende junge, talentierte Spieler aus der eigenen Akademie oder auch von außerhalb bekommen. Das ist unsere Philosophie und die Zukunft. Die Gegenwart funktioniert aber nur mit einer guten Mischung mit älteren und erfahrenen Spielern, wie wir sie mit Ibisevic, Kalou, Lustenberger, Kraft, Jarstein, Pekarik oder auch Skjelbred haben, allesamt über 30 und Führungsspieler für die Jungen.

Ist Pal Dardai der ideale Trainer für die Hertha?

Es ist von Vorteil, dass wir nicht nur bei den Profis, sondern auch mit Ante Covic bei der U23, Michael Hartmann bei der U19 und „Zecke“ Neuendorf bei der U 17 langjährige Herthaner als Trainer beschäftigen. Alle leben seit Jahren unsere gemeinsame Philosophie. Das zahlt sich sportlich aus und kommt bei den Fans an.

Trainer Pal Dardai

Er gilt als eine Legende im Klub. Seit 1997 ist Pal Dardai Herthaner, avancierte als Spieler zum Publikumsliebling. Im Februar 2015 löste der sympathische Ungar den überforderten Jos Luhukay ab. Auf Anhieb schulterte er die Aufgabe, anfangs sogar noch in der Doppelrolle, auch als Nationaltrainer seines Heimatlandes zu amtieren.

In seiner Ära geriet die Hertha in drei Spielzeiten, die er komplett leitete, nie in Abstiegsnöte. Dardai besticht mit Fleiß und Energie, führt die Mannschaft mit seiner Schlitzohrigkeit und einer hemdsärmeligen Art. Ein konkretes Saisonziel will er nicht formulieren. Er wünscht sich ein effektiveres Offensivspiel: „Mehr Torchancen sind der Schlüssel zu mehr Punkten.“

Spruch

„Das schwierig nur für den Sohn, für den Vater nicht...“

Trainer Pal Dardai über das Verhältnis zu seinem Sohn Palko, der seit dieser Saison zum Profikader zählt.

Profi-Söhne bei Hertha

Gleich vier Söhne von Vätern, die auf eine Liga-Karriere zurückblicken können, stehen in der Dardai-Truppe. An erster Stelle natürlich der Trainer-Sohn Palko, gefolgt von Jonathan Klinsmann (siehe unten) und Maurice Covic, dem Mittelfeldspieler, dessen Vater Ante seine Glanzzeit an der Spree erlebte und noch heute für die geliebte Hertha als Trainer arbeitet.

Der Vierte im Bunde ist Pascal Köpke, der Sprössling des Bundestorwarttrainers Andreas Köpke. Der U20-Nationalspieler kam für geschätzte zwei Millionen Euro in diesem Sommer aus Aue, wo er in 67 Spielen 20 Tore markierte. 23 Jahre jung, gilt der Stürmer mit einem Vertrag bis 2022 als enorm talentiert. Kurios dabei: Köpke stürmt, sein Vater stand im Tor.

Bei den Klinsmännern ist es genau umgekehrt: Jonathan zwischen den Pfosten, Vater Jürgen ein Torjäger. Ein fünfter prominenter Sohn spielte im Vorjahr in Berlin, wechselte im Sommer aber den Verein: Mitchell Weiser ging für gut zwölf Millionen Euro zu Bayer Leverkusen. Sein Vater Patrick lief einst für den 1. FC Köln und den VfL Wolfsburg auf.

Coach und Vater zugleich: Pal Dardai mit seinem Sohn Palko.

Dritter Torwart mit berühmtem Namen 

In den Staaten hatte er diese Probleme nicht. Dort konnte er sich ungezwungen bewegen. Niemand sprach ihn auf seinen berühmten Vater an. In Deutschland sieht es in dieser Beziehung anders aus. „Ich war schon nervös“, gibt Jonathan Klinsmann zu, „wusste nicht, wie groß der Druck durch meinen Familienname sein wird.“

Der Sohn des früheren DFB-Teamchefs tritt in die Fußstapfen seines berühmten Vaters. Der 21-Jährige, im Besitz der Doppelstaatsbürgerschaft, hat die Profi-Laufbahn eingeschlagen, steht bei Hertha unter Vertrag. In München geboren, aufgewachsen vor allem in Kalifornien, in Newport Beach, wurde der talentierte Keeper vornehmlich in den USA ausgebildet, nur ein Jahr spielte er für Bayerns Nachwuchs.

Der Kunststudent, auch beim damaligen Zweitligisten Braunschweig auf der Wunschliste, überzeugte bei einem zehntägigen Probetraining und wechselte zur Hertha. Hinter Rune Jarstein und Thomas Kraft ist der U20-Nationalspieler des US-Teams die Nummer drei, spielte bisher hauptsächlich für Hertha II, feierte sein Debüt in der Ersten im letzten Dezember in der Europa League.

Beim 1:1 gegen Östersund FK zeichnete er sich gleich aus, als er einen Elfmeter hielt. Der Blondschopf galt auch als ein talentierter Basketballer, entschied sich dann aber für die Laufbahn im Fußball. Heute sagt er: „Es war die richtige Entscheidung.“

Herthas Spitzen-Jugend rückt auf

In der U19-Jugend sind sie Deutscher Meister geworden. Die Hertha-Bubis aus dem schon jetzt ruhmreichen Jahrgang 1999. Jugend forsch an der Spree: Es tauchen die ersten Repräsentanten des Meisterjahrgangs bei den Profis auf.

Trainer-Sohn Palko Dardai und Arne Maier, der unlängst vom DFB mit der Fritz-Walter-Medaille in Silber ausgezeichnet worden ist. Der 19-jährige Maier gilt als Herthas Vorzeige-Eigengewächs, für ihn ist ein Stammplatz im Team reserviert. Die alte Dame hat sich verjüngt. Weiter im Talente-Pool: Javairo Dilrosun (20) kam aus der Reserve von Manchester City und imponierte zuletzt.

Beim 2:2 in Wolfsburg glückte ihm mit einer überragenden Einzelaktion das 1:0. Zudem bieten sich an: Julius Kade (19), Dennis Smarsch (19), Muhammed Kiprit (19), Dennis Jastrzemski (18), gar noch für die U19 spielberechtigt. Alle rückten aus dem eigenen Nachwuchs auf. Ihre Erstliga-Tauglichkeit haben schon Jordan Torunarigha und Maximilian Mittelstädt, beide 1997 geboren, nachgewiesen.

Als Ersatz für den nach Leverkusen abgewanderten Mitchell Weiser hat Manager Michael Preetz auch einen Jungen geholt, den 22-jährigen Lukas Klünter, für zwei Millionen aus Köln gekommen. Talente, die Herthas Zukunft verkörpern. Coach Pal Dardai will auf den Nachwuchs setzen, sieht das Ganze indes mit einer gewissen Zurückhaltung. Die Frage sei: „Wie schnell reifen die Talente?“

Erinnerungen an Davie Selke

Es war einer jener Momente, die in Erinnerung bleiben. Es war viel über ihn geredet worden. Davie Selke war zu jener Zeit das Gesprächsthema in Bremen: Da käme einer, der das Zeug habe, ein ganz Großer zu werden. Ein Knipser, ein echter Mittelstürmer, wie es ihn in Fußball-Deutschland gegenwärtig kaum gebe.

In der Jugend hatte der aus Hoffenheim geholte Torjäger geglänzt, in der Reserve die Vorschusslorbeeren bestätigt. Nun wurde ich im Weserstadion Zeuge seines Debüts bei den Profis. Es war am 3. November 2013. In der 64. Spielminute wechselte Robin Dutt das gepriesene Talent beim Spiel gegen Hannover 96 ein.

Werder gewann 3:2, Selke traf nicht, deutete indes seine Fähigkeiten an. Ein neuer Stürmer mit Torgarantie, so dachte ich. Ein neuer Völler oder Neubarth, ein neuer Riedle oder Klasnic, so träumte ich. Es wurde nichts daraus. Selke spielte nur zwei Spielzeiten in Bremen, erlag sodann den Verlockungen des Geldes.

Mit Werder-Vergangenheit: Davie Selke geht nun für Hertha auf Tore-Jagd.

Er ging zu RB Leipzig, wechselte in die Zweite Liga. In Sachsen wurde er nie glücklich, versauerte nach dem Erstliga-Aufstieg als Ergänzungsspieler. Folgerichtig vor einem Jahr der Wechsel nach Berlin, wo er zum Stammspieler reifte: 27 Spiele, zehn Tore, fünf Vorlagen. Auch international behauptete sich Selke.

Von der U16 an durchlief er alle Nachwuchsteams beim DFB. Die größten Erfolge: Silbermedaille bei Olympia 2016, zwei Treffer beim Turnier in Brasilien, Europameister mit der U21 im letzten Jahr, zwei Tore beim Wettbewerb in Polen.

Zahlenspiele

32 Spieler umfasst der Kader

24,30 Jahre ist der Altersschnitt

2070 Bundesligaspiele haben 24 Spieler absolvierte

516 Länderspiele weisen zwölf Profis auf

3 Platzverweise hat Vedad Ibisevic bereits kassiert

286 Spiele hat Pal Dardai bestritten, damit ist der Trainer der Rekordspieler

84 Tore hat Michael Preetz markiert, damit ist der Manager der beste Torschütze

Form

Die Berliner kamen fantastisch in die Saison: drei Siege bisher. Nach dem 4:2 gegen Gladbach standen sie am Samstag kurzzeitig sogar an der Tabellenspitze, ehe Bayern abends das Spitzenspiel auf Schalke gewann. Ein Bilderbuchstart trotz aller Widrigkeiten, weil es vor allem am Personal mangelte.

Viele Ausfälle: Vladimir Darida (Knochenödem Knie), Peter Pekarik (Knieverletzung), Mathew Leckie (Innenbanddehnung Knie) und Karim Rekik (Adduktoren). Zudem fehlte auch WM-Fahrer Marvin Plattenhardt zu Beginn, feierte in Wolfsburg indes seinen Saisoneinstand. Ebenso wie Davie Selke, der eingewechselt wurde.

Der Ex-Bremer hat sich schneller als erwartet vor seiner Lungenoperation erholt. Das Team funktionierte trotzdem. In den Vordergrund spielte sich neben Javairo Dilrosun vor allem Marko Grujic, Leihgabe aus Liverpool, der sich allerdings gegen Gladbach einen Bänder- und Kapselriss im Knöchel zuzog und wochenlang ausfallen wird. Aufgetrumpft haben auch Ondrej Duda, bereits vierfacher Torschütze, und Valentino Lazaro (ein Tor).

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