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Wissenswertes zum Werder-Spiel gegen den SC Freiburg: Hans-Günter notiert es auf seinem Klemm-Brett.

Klemm-Brett

Notizen vor Freiburg: Petersens Gedanken und Sport-Vorstand Saier im Interview

Von wegen Rente: Hans-Günter Klemm, langjähriger Kicker-Redakteur mit Werder-Expertise, hält für die DeichStube Augen und Ohren offen – fällt ihm 'was zum kommenden Gegner der Grün-Weißen auf, notiert er es auf seinem Klemm-Brett. Vor dem zwölften Spieltag gegen den SC Freiburg mit einem Kurz-Interview mit SCF-Sport-Vorstand Jochen Saier, einem Juwel und Zahlenspielen.

Vier Fragen an Jochen Saier (Sport-Vorstand SC Freiburg)

Ihr Bestreben war, eine sorgenfreie Saison zu spielen. Ist dieser Wunsch bislang in Erfüllung gegangen?

Sportvorstand Jochen Saier Wünsche darf man haben, ob sie sich realisieren lassen, ist eine andere Frage. Für uns ist die Bundesliga immer eine große Herausforderung, die wir des Öfteren aber gut bewältigt haben. Gänzlich sorgenfreie Saisons waren es aber selten. Wir haben immer wieder komplizierte Phasen, mit denen wir gut umgehen müssen. Aktuell haben wir einige verletzungsbedingte Ausfälle, die uns weh tun. Die Kaderstruktur fühlt sich zwar gut an, wir sind und bleiben aber demütig.

Wie macht sich Jerome Gondorf, der Ex-Bremer?

Auch er ist uns leider verletzungsbedingt einige Wochen nicht zur Verfügung gestanden. Dass er nun wieder fit ist, tut uns gut. Wir sind mit Jerome zufrieden. Er hat schon gezeigt, dass er ein wichtiger Faktor für uns sein kann. Wir wollten ihn unbedingt zu uns holen, auch wenn sein Profil nicht unserem klassischen „Beuteschema“ entspricht.

Freiburg hat in jüngster Vergangenheit schon mal überrascht mit der Qualifikation für Europa. Kann Bremen dies auch gelingen?

Natürlich, die Bremer haben eine richtig interessante Elf, konnten Unterschiedsspieler wie Kruse halten und haben sich - auch finanziell - ambitioniert verstärkt. Dazu kommen eigene Top-Talente wie die Eggestein-Brüder. Die Mischung stimmt. Werder hat die Qualität, das offensiv formulierte Ziel der Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb zu verwirklichen.

Zum Schluss die Meisterfrage: Vor dem Start galt Bayern als haushoher Favorit. Für Sie nun immer noch?

Für mich ist es ein offenes Titelrennen. Dortmund spielt famos, wird aktuell von vielen favorisiert. Doch ich würde die Münchner, durch viele Nebengeräusche etwas aus der Bahn geworfen, nicht unterschätzen. Sie haben die Klasse und werden zurück in die Erfolgsspur kommen. Es ist und wird an der Spitze jedoch enger zugehen als in den letzten Jahren.

Jochen Saier ist seit November 2014 Sport-Vorstand des SC Freiburg.

Personalpolitik

„Wir machen es anders als die, die einfach nur den Geldbeutel aufmachen“, sagt Trainer Christian Streich über die Leitlinie der Personalpolitik im Breisgau. Finanziell können sich die Freiburger keine großen Sprünge auf dem Transfermarkt leisten. Sie müssen neben dem Nachschub aus dem hochgelobten Internat auf kreative Lösungen setzen, was bislang recht gut funktioniert hat. Vor dieser Spielzeit auch: Freiburg leistete sich Toptransfers, die auch etwas kosten durften.

Luca Waldschmidt kam für fünf Millionen Euro vom Hamburger SV als Verstärkung für den Angriff, Dominique Heintz für drei Millionen aus Köln als ideale Ergänzung für die Abwehr, der Ungar Roland Sallai für viereinhalb Millionen von APOEL Nikosia ebenfalls für die Offensive. Dazu vervollständigen zwei Profis den Kader: der Ex-Bremer Jerome Gondorf, für den Werder 1,3 Millionen Euro erhielt, sowie Philipp Lienhart, ein Österreicher von Real Madrid Castilla, der zunächst ausgeliehen war und nun für zwei Millionen fest verpflichtet worden ist. Aus dem Nachwuchs rückten in Torwart Constantin Frommann und Defensivmann Keven Schlotterbeck zwei Talente nach.

Ex-Bremer

Nur ein Jahr hielt es Jerome Gondorf an der Weser. Sein Ziel, sich zu einer Stammkraft zu etablieren, hat der aus Darmstadt gekommene Mittelfeldspieler nicht realisieren können. Seine Bilanz: 21 Einsätze, oft nur Einwechselspieler, ein Tor, ein Assist, mit 3,86 ein Durchschnittsnote im kicker. Also entschied sich der 30-Jährige zu einem Tapetenwechsel und heuerte in Freiburg an. Dort gefällt es nach eigenen Angaben: „Menschlich sind alle auf einer Wellenlänge. Es ist wie in einer großen Familie.“

Trainer-Vulkan

Seit mehr als zwei Jahrzehnten belebt er den SC Freiburg. 1995 fing alles an als Trainer der U15, danach leistete er Aufbauarbeit in der Nachwuchsakademie und assistierte dem früheren Bremer Robin Dutt als Co-Trainer. So betrat er die Bundesliga-Bühne, die er nur kurzzeitig, als Marcus Sorg, der aktuelle Löw-Assistent, als Chef sich versuchte, wieder verließ. Doch zwei Tage vor Silvester 2011 erschien er wieder: Christian Streich bestimmt seit diesem Tag an die Geschicke in Freiburg, wo er inzwischen wie ein Messias gefeiert wird und einen Stellenwert genießt wie der legendäre Langzeit-Trainer Volker Finke.

Die Gleichung gilt: Freiburg = Streich. Der dienstälteste Trainer der Liga drückt dem Club seinen Stempel auf. Ein Original und ein Exzentriker, der aufhorchen lässt. Ein Trainer-Vulkan mit Seltenheitswert. Mit einem Gebaren an der Außenlinie, das nicht jedem gefällt, mit seinen gesellschaftskritischen Tönen, die nicht überall ankommen. Doch seine Fähigkeiten und seine Arbeit bei dem Underdog-Club werden anerkannt. So verzieh man ihm auch den Abstieg 2015.

Christian Streich belebt seit mehr als zwei Jahrzehnten den SC Freiburg.

Streich blieb im Amt und schaffte den sofortigen Wiederaufstieg. Mit der ihm ureigenen Art schafft es der gelernte Metzgersohn, der nach dem abgeschlossenen Studium (Fächer Deutsch, Geschichte, Sport) nicht das Lehramt anstrebte, sondern sich für eine Karriere im Fußball entschied, immer wieder eine konkurrenzfähige Mannschaft zu stellen.

Der Mann lebt den Fußball, der Mann kann seine Leidenschaft und Energie meist auf die Truppe übertragen, die einen ansehnlichen Fußball spielt. Wie wichtig ein Streich an der Seitenlinie ist, wurde in der Anfangsphase der Saison nachgewiesen. Ein Bandscheibenvorfall setzte den 53-Jährigen, der es in seiner aktiven Zeit auf zehn Bundesliga-Einsätze brachte, außer Gefecht. Sein Assistent Lars Voßler betreute die Elf, die Punkte blieben aus. Voßler, nachdem die Übergangsphase vorbei war: „Eine große Erleichterung.“

Spruch

„Man verändert sich immer, weil man ja auch Stoffwechsel hat. Man ist ja nicht tot.“

Christian Streich über seine Wandlungen im Laufe der Jahre

Langzeit-Verletzter

Eindrucksvoll meldete er sich zurück. Florian Niederlechner brach sich vor gut einem Jahr die Kniescheibe, fiel neun Monate verletzt aus und traf in dieser Spielzeit wieder. Siegtreffer beim 1:0 gegen Schalke. „Ein unfassbar genialer Moment“, frohlockte der 27-Jährige. Der Stürmer schilderte seine Empfindungen in der langen Leidenszeit so: Nie habe er ans Karriereende gedacht. Anfangs sei es schwer gewesen, doch dann habe er nur positiv gedacht. „Nun habe ich keine Schmerzen mehr. Zum Glück ist alles so wie vorher.“

Juwel

Er gilt als ein Juwel im Aufgebot. Es wäre nicht verwunderlich, wenn Janik Haberer in absehbarer Zukunft gewinnbringend verkauft würde. Zunächst einmal ist der 24-Jährige „ein wichtiger Baustein“ im Team, wie Sportvorstand Jochen Saier sagt. Zu Saisonbeginn fehlte der ehemalige Junioren-Nationalspieler, dessen Marktwert die Seite „transfermarkt.de“ mit rund fünf Millionen Euro taxiert, verletzungsbedingt.

Janik Haberer ist „ein wichtiger Baustein“ im Team, wie Sportvorstand Jochen Saier sagt.

Ein Innenbandriss im linken Knie zwang den vielseitigen Profi zur Pause, der zuletzt wieder mitwirken konnte. Haberer ist im offensiven Mittelfeld zuhause, kann sowohl als hängende Spitze, zur Not auch auf der offensiven Außenbahn eingesetzt werden.

Bilanz

Das letzte Spiel der Bremer im Breisgau ging verloren: 0:1 am 17. Februar 2018. Doch normalerweise fahren die Bremer gern in den Südwesten. Elf Siege konnten sie dort schon einfahren. Elf Siege bei zwei Remis in den 19 Auswärtspartien. Die Gesamtbilanz in der Liga: 21 Erfolge für Werder, neun für Freiburg, sechs Unentschieden.

Historie

Zweimal 6:0, zweimal schaffte es Bremen den Freiburgern die höchste Niederlage in Heimspielen der Bundesliga beizubringen. Am 16. Spieltag der Saison 2004/05, genau am 4. Dezember 2014, siegte die von Thomas Schaaf betreute Werder-Elf in dieser Höhe. Angelos Charisteas gelangen drei Treffer, Miro Klose war zweimal, Johan Micoud einmal erfolgreich. Fünf Torschützen gab es beim 6:0 am 21. November 2009: Hugo Almeida gelang ein Doppelpack, zudem trafen Marko Marin, Mesut Özil, Naldo und Markus Rosenberg.

Gedanken

In einem Interview mit dem Focus erregte Nils Petersen, dessen Einwürfe als Kolumnist der DeichStube auch recht beachtet werden, bundesweit großes Aufsehen. „Salopp gesprochen“, sagte der Freiburger Stürmer, 2015 von Werder in den Breisgau gewechselt, „verblöde ich seit zehn Jahren, halte mich aber über Wasser, weil ich ganz gut kicken kann“.

Petersen, der nebenbei ein Studium der Betriebswirtschaftslehre gestartet hat, wollte damit auf die zuweilen recht oberflächliche Fußballbranche hinweisen. „Es war ein kleiner Denkanstoß“, meinte er zu seinem Vorstoß, der auch ironisch zu verstehen gewesen sei. „Ich wollte damit niemanden attackieren.“ Überrascht zeigte er sich, dass es so hohe Wellen geschlagen hat. Gefreut hat er sich über das „echt positive Feedback.“

Existenzkampf

„Wenn wir uns jetzt entspannen, funktioniert gar nichts“, betont Christian Günter, der Linksverteidiger. „Wir müssen für den Erfolg immer mehr tun als andere.“ Passende Worte für einen Außenseiter wie Freiburg, für den der Kampf ums Überleben zum Programm gehört. Meist geht es gut, zweimal sogar sehr gut, als 2013 und 2017 die Qualifikation für den Europacup stand, nur einmal glückte es nicht, als 2015 der permanente Existenzkampf in der 2. Liga endete. Das Ziel lautet auch in diesem Jahr Klassenerhalt. „Wir wollen in der Liga bleiben“, sagt Trainer Christian Streich. Die Grundlage scheint diesmal gegeben.

Die Mehrzahl der Stammspieler wie Torwart Alexander Schwolow, Mittelfeldlenker Nicolas Höfler sowie die wiedergenesenden Mike Frantz und Florian Niederlechner blieb. Den Anfang hatte Nils Petersen gemacht, mit 15 Toren in der letzten Saison der beste deutsche Schütze. Der Nationalspieler verlängerte frühzeitig seinen Kontrakt bis 2022 und sendete so ein starkes Signal. Zudem sprach sich die sportliche Leitung gegen einen Verkauf von Janik Haberer trotz lukrativer Offerten aus. Die Hoffnung bleibt: Die neue Saison möge entspannter verlaufen als die letzte.

Premiumtransfer

Bis zuletzt war unklar, ob der Transfer zustande kommen würde. Dann kam es doch noch zu dem Abschluss, der den Freiburgern viel Geld in die Kasse spülte: Caglar Söyüncü, der Nationalspieler aus der Türkei, wechselte in die Premier League zu Leicester City. Stolze 21 Millionen Euro Ablöse kassierten die Südbadener für den Innenverteidiger, der 2016 aus Izmir gekommen war. „Wenn Milliarden reinkommen“, kommentierte Christian Streich, „ist das eben so, dann ist Geld da.“

Geld, von dem der Bundesligist profitierte bei dem Premiumtransfer in diesem Sommer. Gewiss ein sportlicher Verlust für die Streich-Truppe wie auch der Abgang des Junioren-Nationalspielers Marc-Oliver Kempf, der ablösefrei zum VfB Stuttgart wechselte. Weniger ins Gewicht fällt da das Fehlen von Karim Guede (ablösefrei nach Sandhausen) sowie des Ex-Bremers Aleksandar Ignjovski, der sich für 350.000 Euro dem 1. FC Magdeburg anschloss. Vermisst wird zudem ein bekanntes Gesicht: Julian Schuster, der alte Haudegen und Kapitän, beendete seine Laufbahn, wechselte ins Trainerteam und fungiert nun als „Verbindungstrainer zwischen Nachwuchs- und Profibereich.“

Form

Sechs Punkte aus den letzten fünf Spielen haben die Freiburger geholt. Nach der 1:3-Heimniederlage gegen Mainz 05 belegt der SC den elften Tabellenplatz mit 13 Punkten. Vier Punkte hinter Werder, macht auch vier Plätze hinter Bremen. Zu den auffälligsten Akteuren in den letzten Wochen zählt Neuzugang Luca Waldschmidt, im Vorderfeld der Scorer-Bestenliste platziert: zwei Tore, drei Assists.

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