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Die Nachbarn: Carsten Tietjen (links) und Vitalij Kalteis stehen in Scheeßel regelmäßig am Gartenzaun, um zu klären, wer die Nummer eins im Norden ist.

Ein Besuch in der „Grenzregion“ zwischen Weser und Elbe

Im Land der Rauten-Rivalen

Scheessel/Bötersen - Die ersten Hinweise tauchen schon kurz hinter dem Bremer Kreuz auf, wie schreiende Statements, während Felder und Industrieanlagen links und rechts vorbeifliegen.

Drei Buchstaben, unübersehbar, weil mannshoch an Brückenpfeiler gemalt: HSV. Ein paar Kilometer weiter, Abfahrt Posthausen. Auf der Landstraße geht es immer tiefer rein ins Land zwischen Weser und Elbe, zwischen Bremen und Hamburg.

Dort, wo in Vorgärten Werder- und HSV-Flaggen am gleichen Mast flattern, wo Gartenzwerge mit blauer oder grüner Raute die Territorien abstecken – und wo die Kräfteverhältnisse im Nachbarort schon wieder anders aussehen können. Ein Landstrich als Schnittstelle beider Fanlager. Eine fußballerische Übergangsregion, in der die Zugehörigkeit zu Grün oder Blau im Alltag eine große Rolle spielt. In den Tagen vor dem Nordderby zwischen Werder und dem HSV sowieso. Ein Besuch im Grenzgebiet.

Der Winter hat den Bickbeernweg in Scheeßel noch immer fest im Griff, es ist klirrend kalt an diesem Nachmittag Ende Februar. Wer nicht muss, geht nicht raus, und so liegt das Neubaugebiet nahe der B75 ziemlich verlassen da. Grüngelb ist der Rasen auf den Grundstücken, hier und da wird noch an der Einfahrt gepflastert. Dass der benachbarte Campingplatz den Namen „Waidmannsruh“ trägt, passt ziemlich gut. Auf den ersten Blick deutet jedenfalls nichts darauf hin, dass das Nordderby hier beinahe täglich am Gartenzaun ausgetragen wird.

Überraschung: Die größte HSV-Fahne mitten im Garten

„Bremen geht gar nicht“, sagt Carsten Tietjen, dessen Grundstück direkt an das von Vitalij Kalteis grenzt. Die beiden Männer kennen sich seit vielen Jahren. Sie mögen sich und haben überhaupt kein Problem miteinander – sie mögen es aber auch, sich „den ein oder anderen Spruch zu drücken“, wie es Kalteis, der Werder-Fan, nennt. „Das gehört vor dem Derby einfach dazu“, betont er. Während des Gesprächs mit den beiden Nachbarn wird schnell klar, dass es auch im restlichen Verlauf des Jahres dazugehört. Einmal, da hatte Tietjen eine Bitte. Kalteis war gerade dabei, den Bau seines Hauses per Drohnen-Fotos zu dokumentieren, als Tietjen fragte, ob er vielleicht auch ein paar Luftaufnahmen von seinem Grundstück haben könne.

„Weil ich nett bin, habe ich zugesagt“, berichtet Kalteis, 35 Jahre alt, in der Automobilbranche tätig. Als er die Bilder später auf den Computer übertrug, fiel er fast vom Stuhl: „Der hatte seine größte HSV-Fahne mitten auf den Rasen gelegt.“ Es ist eine Anekdote, über die beide Männer herzlich lachen. Klar, dass Kalteis die Flagge damals nicht blau-weiß-schwarz ließ. „Carsten hat die Bilder bekommen, aber dank Photoshop mit Werder-Fahne im Garten“, sagt er.

Das Navigationsgerät ist sich sicher: Hier muss es sein. Stimmen kann das aber nicht. Die einzige Straße in Jeerhof (Gemeinde Bötersen), die der Einfachheit halber ebenfalls Jeerhof heißt, scheint direkt ins Nirgendwo zu führen, bis plötzlich ein Schild neben der Fahrbahn auftaucht: „KTS Transportservice“. Es weist den Weg zur Spedition, bei der die Brüder Christopher und Daniel Kiel beschäftigt sind. Der eine am Schreibtisch (Christopher), der andere im Lager (Daniel) – heute aber beide im kleinen Besprechungsraum, um zu erklären, was familiär eigentlich schief gelaufen ist. Christopher, 29 Jahre alt, lacht. „Das geht bei uns weit zurück in die Kindheit.“

Damals im Garten des Elternhauses, Eins gegen Eins, einer Werder, der andere der HSV. „Und weil ich älter bin, durfte ich aussuchen“, erklärt Christopher. Seine Wahl fiel auf Werder. „War doch klar, dass ich mir die Rosine rausgepickt habe.“ Für Daniel, heute 26, blieb der HSV. „Das hat sich so verankert“, sagt er. Tauschen wollte er nie, jetzt sowieso nicht mehr, „weil wir es am Samstag schaffen werden“. Dass seine Hamburger des Bruders Bremer bezwingen, ist für ihn klar. Wobei er offen zugibt, dass die Grenzen zwischen ehrlicher Überzeugung und Zweckoptimismus fließend sind: „Wenn wir in Bremen nichts holen, sieht es ganz, ganz schlecht aus.“

Körperliches Unbehagen, über Werder zu sprechen

Das weiß auch HSV-Fan Carsten Tietjen – mit dem entscheidenden Unterschied: Hoffnung hat er keine mehr. „Wir gewinnen in Bremen, steigen aber trotzdem ab“ ist er sich sicher. „Werder muss am Ende in die Relegation und verliert da.“ Wenn der 44-Jährige über Grün-Weiß spricht, ist ihm körperliches Unbehagen anzumerken. Zu oft hat er die andere Seite in der Vergangenheit jubeln sehen. „2004? Was war da?“ Tietjen zuckt nur mit den Schultern, Nachbar Kalteis hilft gerne aus: „Unser Double-Gewinn!“

Oder 2009. Die vier Nordduelle in 19 Tagen. Nach dem Hamburger DFB-Pokal-Aus war Tietjen, der im Außendienst beschäftigt ist, heilfroh. Eine Dienstreise sollte ihn über Paris nach Hongkong führen. „Und was sehe ich als erstes auf dem Fernseher im Flieger!? Wie der Aufgepumpte nach dem Elfmeterschießen durch unser Stadion rennt. Da musste ich mir erstmal etwas zu Trinken bestellen.“ Der „Aufgepumpte“ war Werder-Keeper Tim Wiese, das Trinken mit Sicherheit kein Glas Milch.

Die Brüder: Christopher (links) und Daniel Kiel haben eine durchaus pikante Derby-Wette laufen.

Auch die Kiel-Brüder kennen die Bilder, klar. Wie jedes Mal haben sie vor dem kommenden Nord-Duell wieder ihre ganz persönliche Derby-Wette abgeschlossen. Beide spielen selbst Fußball, Rotenburger SV II, Kreisliga. Wer verliert, trainiert in der nächsten Woche im Trikot des Gegners. „Schön ist das nicht“, sagt Christopher, „es fühlt sich einfach schlecht an.“ Vermutlich werden beide das Spiel gemeinsam vor dem Fernseher verfolgen, gesprochen wird dann eher wenig. „Höchstens geschrien“, betont Christopher und lacht.

Dann deutlich sachlicher: „Wenn wir verlieren sollten, brauche ich meinen Bruder erstmal nicht.“ Ähnlich wie für die Nachbarn Tietjen und Kalteis ist das Derby für die Brüder Kiel eine ernste Sache. Sein Ausgang entscheidet schließlich darüber, wer in den kommenden Tagen am Gartenzaun oder auf dem Speditionsgelände Oberwasser hat. Mehr aber auch nicht. „Bei aller Rivalität muss man die Kirche auch im Dorf lassen“, betont Kalteis. „Ich bin zwar kein Hamburg-Freund, wünsche dem Verein aber auch nichts Schlechtes.“ Daniel Kiel erklärt: „Man kriegt Sprüche und haut welche raus. Dabei muss es aber auch bleiben.“

Nach dem Derby in der Bundesliga, das Derby in der Kreisliga

Im Vorfeld des Derbys haben beide Lager in Scheeßel und Jeerhof, irgendwo im Land zwischen Weser und Elbe, ihre Standpunkte hinlänglich ausgetauscht. Das Spiel kann kommen, danach geht es mit dem Sprücheklopfen weiter. So dürfte es nicht lange dauern, bis Carsten Tietjen und Vitalij Kalteis am Bickbeernweg wieder am Zaun stehen, um vom Sieg zu schwärmen, das Unentschieden zu beklagen oder die Niederlage kleinzureden. „Klar wird das Derby besprochen“, kündigt Tietjen an.

Viel Zeit können die Nachbarn aber nicht darauf verwenden. Genau wie die Kiel-Brüder sind auch sie Akteure der Kreisliga Rotenburg. Kalteis trainiert den souveränen Spitzenreiter Sottrum, Tietjen ist Vorsitzender des Abstiegskandidaten Scheeßel. Schon am nächsten Wochenende kommt es auf dem Platz an der Alten Dorfstraße zum direkten Duell. Ein Derby kurz nach dem Derby, wenn man so möchte. Und für beide Männer vielleicht sogar das Wichtigere.

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