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Nicht alle taktischen Maßnahmen von Werder-Trainer Florian Kohfeldt fruchteten gegen den FC Augsburg.

Nach Bremer 3:2-Auswärtssieg

Taktik-Analyse: Augsburgs Mann-gegen-Mann-Strategie nervt Werder

Werder Bremen musste gegen den FC Augsburg hart um den 3:2-Erfolg ringen. Florian Kohfeldt hatte seine Mannschaft zwar taktisch auf den Gegner eingestellt. Dennoch hatte Werder herbe Probleme mit dem gegnerischen Pressing, wie unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher schreibt.

Keine Experimente: Das war in dieser Saison der taktische Leitfaden von Werders Coach Florian Kohfeldt. Bislang hielt er seiner Mischung aus 4-4-2 und 4-3-3 die Treue, auch personell setzte er auf Kontinuität. Der FC Augsburg erlebte am vierten Spieltag einen völlig anderen Kohfeldt: Werders Trainer hatte seine Mannschaft taktisch umgestellt und damit auf den Gegner eingepasst.

Auf dem Papier änderte Kohfeldt sein System zwar nur in Nuancen. Werder agierte weiter aus einem 4-3-3 heraus. Allerdings hatte Kohfeldt die Rollen vieler Spieler und die taktischen Abläufe innerhalb des Systems angepasst.

Werder blockiert gegnerische Außenverteidiger

Dadurch dass Claudio Pizarro sein Debüt in der Startelf feierte, wechselte Max Kruse auf die rechte Seite. Kruse, zuletzt Fixpunkt als zurückfallender Stürmer, agierte als Rechtsaußen betont offensiv. Zusammen mit Florian Kainz ging er früh zum Pressing auf die gegnerische Abwehrreihe über. Bremen verteidigte nicht wie zuletzt im tiefen 4-1-4-1, sondern im hohen 4-3-3.

Bremens Kalkül: Sie wollten die Augsburger Innenverteidigung früh stören und deren Zuspielwege zu den Außenverteidigern blockieren. Augsburgs Spiel ist gänzlich auf die Vorstöße der eigenen Außenverteidiger ausgerichtet. Linksverteidiger Philipp Max legte in der vergangenen Saison mit seinen präzisen Flanken mehr Tore und Torschüsse auf als jeder andere Augsburger. Bremen gelang es in der Anfangsphase, die Spieleröffnung auf Augsburgs Außenverteidiger zu verhindern.

Bremer verheddern sich im Augsburger Pressing

Kohfeldts defensiver Plan funktionierte solide; sein offensiver ging hingegen weniger auf. Kruse sollte in seiner offensiven Rolle nicht nur im Pressing helfen, sondern auch hinter den aufrückenden Max gelangen. Dies gelang Bremen zu selten.

Grund hierfür war das starke Pressing der Augsburger. Augsburg agierte aus einem 5-2-3-System heraus. Gegen den Ball spielten sie aus dieser Formation heraus eine Manndeckung (siehe Grafik). Stürmer Michael Gregoritsch ließ sich etwas fallen und deckte Bremens Sechser Philipp Bargfrede. Dahinter deckte Augsburgs Doppelsechs Maximilian Eggestein und Davy Klaassen. Bremens Innenverteidiger wurden von Augsburgs Außenstürmern angelaufen.

Die Grafik zeigt Augsburgs Manndeckung: Jeder Spieler erhält einen Spieler zugeteilt, es entsteht eine Mann-gegen-Mann-Zuteilung. Einzig die Außenverteidiger erhalten etwas Raum, damit Bremen sie anspielen kann. Doch sobald sie den Ball erhalten, schießen Augsburgs Außenverteidiger heraus, um sie aggressiv zu stören.

Meist standen im Bremer Spielaufbau einzig die Außenverteidiger frei. Damit lockte Augsburg Bremens Verteidiger jedoch in eine Falle: Sobald ein Bremer Außenverteidiger an den Ball kam, stürzten sich die Augsburger Außenverteidiger auf ihn. Bremen löste diese Situationen leider nicht ruhig auf, sondern ließ sich zu langen Bällen ins Nirgendwo verleiten. Kruse fanden sie auf der rechten Seite praktisch gar nicht, sodass er sich immer häufiger ins Zentrum bewegte. Der Plan, hinter Max zu gelangen, ging schief.

Durch das aggressive Pressing beider Teams entstand ein hektisches Spiel. Beide Teams pressten grundsätzlich mit drei Mann in der ersten und drei bis vier weiteren in der zweiten Linie. Wenn ein langer Ball mal einen Abnehmer fand, standen sie dementsprechend defensiv offen. So kam es, dass beide Teams den Ball entweder direkt zum Gegner spielten – oder aber selbst zu Chancen gegen den hochstehenden Gegner kamen.

Vier Tore kurz vor und nach der Pause

Als Augsburg nach einer halben Stunde das Tempo drosselte, gewann Bremen die Oberhand. Sie konnten nun das Spiel besser aus der Abwehr eröffnen. Nun ging Kohfeldts Plan auf: Bremen leitete zwei Tore von der linken Seite aus ein und vollendete sie über die offensive rechte Seite. Nach dem 0:2-Rückstand schaltete Augsburg wieder zwei Gänge hoch. Nun waren sie es, die über frühe Balleroberungen zwei Tore erzielten – eins kurz vor, eins kurz nach der Pause.

Gerade in der Phase kurz nach der Pause schwammen die Bremer. Augsburg schob nun die Außenverteidiger weiter vor. Bremen übte selbst vorne kaum mehr Druck aus auf die Augsburger Abwehrspieler. Rani Khedira konnte es sich erlauben, ins Mittelfeld vorzurücken, wodurch wiederum Ja-Cheol Koo als weitere Anspielstation in den Strafraum rücken konnte. Augsburg fand nun zum eigenen Spiel: Die Innenverteidiger eröffneten das Spiel mit langen Diagonalbällen, die Außenverteidiger flankten in den Strafraum, Koo und die drei Stürmer lauerten auf die Hereingaben.

Fotostrecke: Kruse, Eggestein und Klaassen lassen Werder jubeln

FC Augsburg gegen Werder Bremen
FC Augsburg gegen Werder Bremen © imago
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FC Augsburg gegen Werder Bremen © dpa
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FC Augsburg gegen Werder Bremen © dpa
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Kohfeldt stellt auf Fünferkette um

Kohfeldt reagierte auf die Augsburger Sturm-und-Drang-Phase mit einer taktischen Umstellung. Bargfrede wechselte in die Abwehrkette, Max Kruse ging neben den eingewechselten Martin Harnik (69., für Pizarro) in den Sturm. Bremen verteidigte fortan in einem 5-3-2-System. Dank des zusätzlichen Verteidigers konnte Werder die Breite besser verteidigen, Augsburg flankte nun seltener in den Strafraum. Allerdings war es in erster Linie ein defensiver Wechsel. Offensiv setzte Bremen weiterhin keine Akzente.

Dass sie am Ende aus dem umkämpften Spiel als Sieger hervorgingen, haben sie einem Torwartfehler von Fabian Giefer zu verdanken (75.). Bremen verwaltete fortan die Führung im eigenen 5-3-2-System.

Dennoch: Alles in allem war es ein glücklicher Sieg. Die Bremer Kombinationslust der ersten Spieltage zerschellte an der aggressiven Augsburger Manndeckung. Die taktischen Gegenmaßnahmen der Bremer fruchteten nicht wirklich. Kohfeldt dürfte trotz des Sieges überlegen, ob er gegen Hertha BSC am kommenden Dienstag nicht lieber auf Experimente verzichtet.

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