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Florian Kohfeldt wurde von der Taktik von Fohlen-Coach Dieter Hecking ein Stück weit überrumpelt.

1:1 gegen Mönchengladbach

Taktik-Analyse: Der angeschlagene Boxer überrascht Werder

Gladbachs Trainer Dieter Hecking packte gegen Werder Bremen eine ganz neue Taktik aus. Warum er damit Werder überraschen konnte und inwieweit er sich von Huub Stevens inspirieren ließ, analysiert unser Taktikexperte Tobias Escher.

Angeschlagene Kämpfer sind besonders gefährlich, so eine alte Weisheit aus dem Boxen. Sie schlagen mit dem letzten Mute der Verzweiflung zu und sind nur schwer ausrechenbar. Mit Borussia Mönchengladbach traf Werder am 28. Spieltag auf einen derart angeknockten Gegner. Nach dem blamablen 1:3 im Derby gegen Fortuna Düsseldorf musste Gladbach etwas Neues wagen.

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Hecking kopiert Stevens

Gladbachs Noch-Trainer Dieter Hecking – er verlässt den Klub am Saisonende - bastelte prompt ein neues System. Offensichtlich hatte Hecking unter der Woche Werders Pokalspiel gegen Schalke verfolgt. Er kopierte nämlich jene Taktik, die Schalkes Trainer Huub Stevens ausgetüftelt hatte.

Hecking stellte seine Mannschaft in einer 3-4-1-2-Formation auf. Zehner Florian Neuhaus sollte Bremens Sechser Nuri Sahin in Manndeckung nehmen. Dahinter sollte das Gladbacher Mittelfeld im Zusammenspiel mit der Dreierkette eine Überzahl herstellen gegen Bremens Spielmacher Max Kruse. Mit dieser Variante hatte bereits Schalke das Bremer Mittelfeld über weite Strecken der Pokal-Partie lahmgelegt.

Die Grafik zeigt die Spielsysteme beider Teams und wie Kohfeldt sein System abwandeln musste, um auf Gladbachs Dreierkette zu reagieren.

Offensiv wandelte Hecking das Schalker System leicht ab. Der Spielaufbau lief vornehmlich über die linke Seite. Nico Elvedi und Linksverteidiger Thorgan Hazard suchten hier das Zusammenspiel mit Denis Zakaria. Rechtsverteidiger Patrick Herrmann wiederum rückte weit nach vorne. Seinen Posten als rechter Verteidiger übernahm in diesen Situationen Matthias Ginter.

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Gladbach überrascht Werder

Mit dieser Variante hatte Werder-Coach Florian Kohfeldt allem Anschein nach nicht gerechnet. Kein Wunder: Gladbach hat noch kein Bundesliga-Spiel in dieser Saison mit einer Dreierkette begonnen, nur selten mal hatte Hecking während des Spiels auf diese Variante umgestellt.

Somit musste Kohfeldt das zuletzt praktizierte Rautensystem leicht umwandeln. Nuri Sahin ließ sich als dritter Innenverteidiger in die Abwehr fallen. Er sollte sich damit der Manndeckung durch Neuhaus entziehen und zugleich die letzte Linie stabilisieren. Johannes Eggestein rückte aus dem Sturm in die vakante Position im Mittelfeld. Bremen verteidigte in einem 5-3-2.

Trotz des neu formierten Systems fehlte Bremen die zündende Idee, wie sie Gladbachs Kontrolle im Mittelfeld brechen sollten. Kruse war kaltgestellt, zumal Ginter als Mischung aus Innen- und Außenverteidiger dessen charakteristischen Läufe nach Linksaußen neutralisierte.

Defensiv fehlten Sahin und Sebastian Langkamp manches Mal die Handlungsschnelligkeit, um rechtzeitig herauszurücken und damit Gladbachs Überladungen linken Seite zu kontern. Gladbach konnte gute Verlagerungen von der halblinken auf Herrmanns rechte Seite schlagen. Bremen hatte seine liebe Mühe mit dem Gladbacher System; in der ersten halben Stunde hatte Gladbach über 60% Ballbesitz.

Gladbach mit Chancen nach der Pause

Gegen einen angeschlagenen Boxer zu kämpfen hat auch Vorteile. Gladbach mangelte es an Mut im Spiel nach vorne. Sie wollten unbedingt verhindern, ausgekontert zu werden wie bei der Niederlage gegen Düsseldorf. Somit rückten selten mehr als drei Gladbacher ins letzte Drittel vor. Aufgrund der fehlende nTiefe im Gladbacher Spiel bekam Bremen trotz eher schlechter Abstimmung der Fünferkette die meisten gegnerischen Angriffe verteidigt.

Das änderte sich, als Gladbach nach der Pause vom Verwaltungs- in den Angriffsmodus umschaltete. Nun rückten mehr Gladbacher Spieler nach vorne. Der Führungstreffer (49.) fiel indes genauso, wie Hecking es geplant hatte: Kruse verlor den Ball gegen die gut gestaffelte rechte Abwehrseite der Gladbacher, sie nutzten sofort die Räume hinter Bremens Abwehr für einen schnellen Konter.

Bremen findet erst nach dem Rückstand zu sich

Das Gegentor veranlasste Kohfeldt, offensiver zu wechseln. Spätestens mit der Einwechslung von Claudio Pizarro (77., für Sahin) löste Bremen die Fünferkette auf und agierte wieder in der klassischen Rautenformation. Mit Yuya Osako als Achter besetzte Kohfeldt diese Raute sogar äußerst offensiv.

Entscheidend für den Ausgleich war aber nicht die Systemumstellung, sondern Bremens Eingeständnis, die Räume im Mittelfeld nicht erobern zu können. Dazu war Gladbach an diesem Nachmittag zu stark. Bremen ging vermehrt dazu über, über Flanken und lange Bälle in Strafraumnähe zu gelangen. Zugleich profitierten sie davon, dass Gladbachs Mittelfeldspieler nicht mehr so gewissenhaft auf den Außen doppelten wie noch vor der Pause. Bremen fand nun öfter in die Hälfte der Gladbacher; nach einer Flanke fiel der Ausgleich durch Davy Klaassen (79.).

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Fotostrecke: Werder trifft einfach immer - auch in Gladbach

Werder Bremen gegen Borussia Mönchengladbach.
Werder Bremen gegen Borussia Mönchengladbach. © gumzmedia
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Doch auch während Werders Sturm-und-Drang-Phase gelang es der Borussia immer wieder, mit schnellen Kontern Nadelstiche zu setzen. Ihre rechte Seite blieb die gefährlichere im Angriffsdrittel, auch nach der Einwechslung von Fabian Johnson (66., für Herrmann). Nach dem Ausgleich warf Gladbach im 3-4-3-System noch einmal alles nach vorne. Es half nichts: Der angeschlagene Boxer musste mit dem Remis Vorliebnehmen.

Werder dürfte angesichts des zähen Spiels in Mönchengladbach hoffen, dass der kommende Gegner leichter auszurechnen sein wird. Doch Obacht: Der SC Freiburg ging am Freitagabend gegen Mainz mit 0:5 unter. Bremen trifft erneut auf einen taumelnden Boxer.

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