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Werder-Trainer Florian Kohfeldt war mit dem Spiel seiner Mannschaft gegen den 1. FC Nürnberg nicht zufrieden.

Bremer Entwicklungsschmerzen

Kohfeldt zwischen Ratlosigkeit und Verständnis

Nürnberg – Es war eine unbedeutende Szene, für den Ausgang des Spiels nicht weiter relevant – und dennoch hatte sie etwas Besonderes, stand sie doch symptomatisch für den schwachen Bremer Auftritt während des 1:1 beim 1. FC Nürnberg.

In der 63. Minute hatte Maximilian Eggestein den Ball gestoppt, ihn kurz mit der Sohle gestreichelt, um dann den nächsten Angriff einzuleiten – im nächsten Moment rutschte er auf dem Ball aus, Chance vertan. Ungewöhnlich war das, denn solche Fehler passieren Werders Shootingstar sonst nicht.

Genau wie seine Mitspieler hatte allerdings auch er in Nürnberg große Schwierigkeiten, sein Potenzial abzurufen und an den phasenweise begeisternden Auftritt gegen Frankfurt anzuknüpfen. Woran das lag? Bei der öffentlichen Aufarbeitung von Trainer Florian Kohfeldt und Sportchef Frank Baumann ging es nach dem Schlusspfiff vor allem um zwei Begriffe: Einstellung und Entwicklung.

Kohfeldt hatte ja selbst die Vorlage gegeben, indem er zwei Tage vor dem Nürnberg-Spiel einen unmissverständlichen Appell an seine Spieler gerichtet hatte. „Wir brauchen die gleiche Emotionalität wie gegen Frankfurt“, hatte der Trainer gefordert. Nicht einmal im Leisen dürfe das Gefühl entstehen, dass es in Nürnberg „mal eben so“ zum Erfolg reichen kann.

Wer nun Werders vor allem im ersten Durchgang blutleeren Auftritt gegen den Club gesehen hatte, der konnte nicht um den Schluss umhin, dass die Worte des Trainers ungehört geblieben waren. Mit dem Unterschätzen des Gegners oder gar mit mangelnder Einstellung wollten die Bremer Verantwortlichen die fußballerische Magerkost ihrer Mannschaft aber nicht in Verbindung bringen.

„Nein, das würde ich nicht sagen“, antwortete Baumann auf die Frage nach einem möglichen Einstellungsproblem, „wir sind ja nicht wenig marschiert.“ Kohfeldt betonte: „Wir müssen lernen, immer wieder auf den Punkt da zu sein. Daran arbeiten wir. Das hat nichts mit der Einstellung zu tun, das ist auch nicht nachlässig. Wir haben uns alle brutal bemüht.“

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Trotz aller Mühe: Werder kommt zu oft nicht ans Maximum

Der 36-Jährige sah den Leistungsabfall seines Teams eher als Teil einer Entwicklung, in der sich Werder in seinen Augen noch immer befindet. „In einer Saison wirst du immer Momente haben, wo du nicht ans Maximum kommst, auch wenn du dich bemühst. Das passiert jeder Mannschaft zwei-, dreimal, aber uns passiert es halt vier- bis fünfmal und damit zu oft.“ Das nervt den Trainer, das nervt die Spieler – und es nervt das Umfeld, das sich peu a peu eine gewisse Erwartungshaltung angeeignet hat.

Die ist weniger damit zu erklären, dass Werder vor der Saison das große Wort „Europa“ als Ziel ausgegeben hat. Vielmehr sind die spielerisch starken Leistungen der Mannschaft, die dieses Ziel plötzlich realistisch erschienen ließen, dafür verantwortlich. Werder macht wieder Spaß, an guten Tagen, begeistert, beflügelt die Fantasie seiner Fans und weckt deren Sehnsüchte nach großen Europapokalabenden unter Flutlicht. Werder ist in seiner Entwicklung aber noch nicht weit genug, um einer der ersten Anwärter auf Tabellenplatz sechs zu sein. Das haben die beiden 1:1-Spiele gegen Nürnberg gezeigt, auch das 1:2 in Mainz oder das 1:1 in Freiburg.

Mikael Ishak erzielt das 1:1 für den 1. FC Nürnberg gegen Werder Bremen.

Rückschritte waren das, wenn auch kleine. Knicke in einer Kurve, deren Verlauf nach oben zeigt. „Wir haben uns in die Richtung entwickelt, dass es immer möglich ist, Spiele zu gewinnen, denn wir haben die fußballerischen Waffen dazu. Wir müssen es aber schaffen, sie immer wieder einzusetzen“, sagte Kohfeldt. Dabei müsse sich seine Mannschaft gar nicht „von Highlight zu Highlight hangeln“.

Heißt: So eine dreckige Führung wie nach dem 1:0 durch Johannes Eggestein in Nürnberg (64.) muss an schlechten Tagen auch einfach mal reichen. Tat sie aber nicht: Mikael Ishak glich kurz vor Schluss aus (87.). „Wir haben in der zweiten Halbzeit gut angefangen, schießen das Tor und danach hören wir wieder auf“, bemängelte Kohfeldt und ergänzte fast etwas ratlos: „Logisch ist das nicht.“

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Kohfeldt: „Muss uns zugestehen, dass wir noch lernen müssen“

Keine Frage: Wäre dieses 1:1 nicht mehr gefallen, Werder dürfte sich heute clever nennen. Womöglich wäre mancherorts sogar der Ausdruck „im Stile eines Spitzenteams“ verwendet worden. Nicht gut gespielt, trotzdem gewonnen – so machen das die Großen gerne. Den Sprung auf diese Stufe haben die Bremer in ihrer beachtlichen Entwicklung unter Kohfeldt ernst angedeutet, aber noch nicht genommen. Dem Trainer ist es gelungen, die Mannschaft besser zu machen. Das steht außer Frage. Nicht umsonst ist das leidige Thema Abstiegskampf an der Weser nach vielen Jahren keines mehr.

Für die Absicherung nach unten reicht es bereits, Werder verliert solche Spiele wie in Nürnberg nicht mehr. Die Mannschaft gewinnt sie aber auch noch zu selten. „Unsere Entwicklung bis hierhin ging so rasant schnell. Ich muss uns leider, auch wenn ich das nicht will, zugestehen, dass wir noch lernen müssen“, sagte Kohfeldt. So eine Entwicklung, die täte eben manchmal auch weh. „Und in Nürnberg war so ein Tag.“

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