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Wissenswertes zum Werder-Spiel gegen Borussia Dortmund: Hans-Günter notiert es auf seinem Klemm-Brett.

Klemm-Brett

Notizen vor Dortmund: Zorc lobt Delaney und traut Werder Europa zu

Von wegen Rente: Hans-Günter Klemm, langjähriger Kicker-Redakteur mit Werder-Expertise, hält für die DeichStube Augen und Ohren offen – fällt ihm 'was zum kommenden Gegner der Grün-Weißen auf, notiert er es auf seinem Klemm-Brett. Vor dem 15. Spieltag gegen Borussia Dortmund mit BVB-Sportdirektor Michael Zorc im Interview.

BVB-Sportdirektor Michael Zorc im Kurz-Interview

Hatten Sie erwartet, dass der Umbruch unter dem neuen Trainer Lucien Favre so problemlos verlaufen würde?

Michael Zorc: Wir haben im Sommer deutlich gemacht, dass wir einen Umbruch vollziehen möchten und müssen, der mindestens zwei Sommer-Transferperioden dauern wird. Davon weichen wir nach ein paar Monaten mit Blick auf die Tabelle auch nicht ab. Was Lucien Favre angeht: Wir waren nicht umsonst schon vor einem Jahr an ihm interessiert. Leider hat er damals die Freigabe seines alten Klubs OGC Nizza nicht erhalten. Lucien leistet hier auf allen Ebenen großartige Arbeit. Er ist der Hauptverantwortliche dafür, dass die Mannschaft gegenwärtig auf sehr hohem Niveau spielt, die Bundesliga-Tabelle anführt und die Champions-League-Gruppe mit Atletico Madrid sowie Monaco und Brügge als Erster abgeschlossen hat.

Wie sehen Sie nun den Meisterschaftskampf mit Bayern München?

Michael Zorc: Auf die Gefahr hin, dass ich Sie langweile: Der Blick auf den Kalender zeigt uns beiden doch: Es ist Dezember, nicht Mai. Wir schauen immer nur auf das nächste Spiel. Alles andere bringt uns unseren Zielen keinen Millimeter näher! Für große Ankündigungen bekommen wir keinen Punkt, kein Tor, nicht mal einen Einwurf.

Hat sich das Holen des Ex-Bremers Thomas Delaney gelohnt?

Michael Zorc: Absolut! Wir hatten im vergangenen Jahr das Problem, dass wir beim kleinsten Widerstand eingeknickt sind. Thomas ist pure Mentalität! Er ist eine große Bereicherung für unsere Mannschaft. Auf dem Platz ohnehin, aber auch im täglichen Umgang mit seinen Teamkollegen.

Was trauen sie Werder in dieser Saison zu?

Michael Zorc: Eine Menge. Ich halte es definitiv für möglich, dass Bremen am internationalen Geschäft schnuppert.

Michael Zorc ist seit 2005 Sportdirektor bei Borussia Dortmund.

Spruch

„Ich verliere doch nicht gegen meinen Vermieter.“

Mieter Lucien Favre, der in Dortmund ein Haus bewohnt, das dem Kollegen Heiko Herrlich gehört.

„Keine Sorge, die Miete wird nicht erhöht!“

Vemieter Heiko Herrlich als Erwiderung darauf.


Aktuelle Form

Das 1:0 in Wolfsburg markierte einen besonderen Tag: Erstmals seit dem 30. Spieltag 2011/12 steht der BVB vor dem direktem Duell wieder vor Bayern. Die Dortmunder sind in den 14 Liga-Spielen der laufenden Saison noch ungeschlagen, mit dem Sieg gegen Werder könnte der Club die Herbstmeisterschaft perfekt machen. Die Westfalen, die auch in der Champions League auftrumpfen und als Gruppenerster ins Achtelfinale eingezogen sind, kassierten die einzige Saison-Niederlage in die Königsklasse: 0:2 bei Atletico Madrid.

Marco Reus - der Beste der Liga?

„Vielleicht der beste Reus aller Zeiten!“ So schwärmte Boss Hans-Joachim Watzke. Komplimente für den Nationalspieler, in dieser Spielzeit möglicherweise der beste Spieler der Liga. Unter Lucien Favre blüht der 29-Jährige auf. Einst dessen Musterschüler in Gladbach, nun der Vertrauensmann in Dortmund. Kapitän mit einer neuen Rolle im Kreativ-Zentrum hinter den Spitzen, nicht mehr nur auf dem Flügel. Endlich von schweren Verletzungen verschont, dreht der BVB-Anführer auf, zählt zu den Top-Scorern der Liga.

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Torgarantie Paco Alcacer

Der Mann ist ein Phänomen. Wenn er auftritt, was auch in Dortmund bisher eher Seltenheitswert hatte, trifft er. Paco Alcacer, in Barcelona zumeist auf der Bank, rockt als Joker die Liga. Ein Stürmer mit Torgarantie, der eine neue Bestmarke aufgestellt hat: Zehn Tore gelangen dem 25-Jährigen in nur acht Spielen, sechs Tore dabei in nur 83 Spielminuten, die er an den ersten sieben Spieltagen im Einsatz gewesen ist. Neuer Rekord in Fußball-Deutschland, bislang stand ein gewisser Charly Dörfel in der Bestenliste. Dem HSV-Unikum glückten 1963, im Gründungsjahr der Bundesliga, sechs Treffer in drei Spielen, exakt in 224 Einsatzminuten. Und „Charly“ war damals auch zehnmal erfolgreich in acht Partien.

„Unfassbar“, sagt Kollege Marco Reus über den Torjäger aus Spanien. Im Starensembles Barcas versauerte der beidfüßige Stürmer ein wenig, in Dortmund blüht er auf und verblüfft mit seiner Treffsicherheit. Es strahlt ab. Auch in der Nationalelf, ebenfalls beim Anpfiff oft nur zweite Wahl, schießt er sich ins Glück: drei Tore bei zwei Einsätzen im Oktober, ein Doppelpack beim 4:1 gegen Wales und einmal erfolgreich bei der 2:3-Niederlage gegen England.

Ein Dortmunder Glücksgriff. Drei Trage vor dem Ende der Transferperiode holten die Westfalen den sehnlich erwarteten Goalgetter, den legitimen Nachfolger für die in jüngster Vergangenheit erfolgreichen Stürmer Lucas Barios (49 Tore), Robert Lewandowski (103) und Pierre-Emerick Aubameyang (141). Zuvor war viel spekuliert worden.

„Wir machen uns ja inzwischen selbst den Spaß und zählen mit“, kommentierte Sportdirektor Michael Zorc die Liste der kolportierten Kandidaten, ehe ihm der Coup gelang: Alcacer für zwei Jahre ausgeliehen, für eine Gebühr von zwei Millionen Euro, eine fixierte Kaufoption für 23 Millionen, die sich mit Boni-Zahlungen um fünf Millionen steigern kann, wobei indes die Leihgebühr verrechnet wird, zudem ein ausgehandelter Anschlussvertrag bis 2023.

„Ich kann mit gut vorstellen zu bleiben“, signalisierte Paco rechtzeitig sein Interesse. Und auch die Klub-Bosse zögerten nicht. Ende November, am Wochenende der Hauptversammlung, machten sie Nägel mit Köpfen und zogen die Kaufoption. Eine Maßnahme, mit der sie noch bis Juni 2019 hätten warten können. Doch warum? Es scheint, als habe der BVB seine neue Nummer 9 gefunden.

Investitionen

Mit der Verpflichtung des zunächst nur ausgeliehenen Paco Alcacer setzte der BVB eine neue Marke: Rund 100 Millionen Euro investierte der Klub in den Neuaufbau seiner Mannschaft. Welch ein Unterschied zum Konkurrenten Bayern, wo im letzten Sommer ein Nulltarif bevorzugt wurde. Die Investitionen in Westfalen haben sich gelohnt. Im Gegensatz zu den auch für deutsche Verhältnisse schon üppigen Ausgaben stehen nur geringe Einnahmen auf dem Transfersektor, exakt 43,4 Millionen Euro für die Verkäufe.

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Problemkind Mario Götze

Es lief die 77. Minute im Spiel gegen Augsburg, jenem Spektakel, das alle noch wegen der Dramatik beim 4:3 erinnern. Ihr Auftritt, Mario Götze! Der erste Auftritt des Weltmeisters in dieser Saison. Kurz zuvor eingewechselt worden, traf der Mann, der Deutschland 2014 in Brasilien zum Titel schoss, zur zwischenzeitlichen 3:2-Führung. Gleich ein Tor, mit dem er sich zurückgemeldet hat. Für Götze, den vorübergehend aussortierten Profi, ein Schuss ins Glück.

„C‘est comme ca!“ hatte Trainer Lucien Favre emotionslos die prekäre Lage des Goldjungen von Rio kommentiert. „So ist das.“ Ohne eine Verletzung hatte Götze nur auf der Bank gehockt, bekam keine Chance. Favre verwies auf das üppige Pesonal im Mittelfeld: „Wir haben sehr, sehr viele Spieler.“ Alle Nachfragen hatte der Schweizer abgeblockt: „Man wird sehen, was in Zukunft wird.“

Der Treffer gegen Augsburg hat die Situation für den lange wegen einer rätselhaften Stoffwechsel-Erkrankung ausfallenden Golden Boy des deutschen Fußballs wesentlich verändert, soll sagen: verbessert. Götze steht wieder zur Debatte als „falsche Neun“, wie am letzten Wochenende beim 2:0 gegen Freiburg. Favres Erfolgsmodell: Götze beginnt, Alcacer kommt als Joker.

Jungstar Jadon Sancho

Auf der Insel überschlagen sich alle, wenn sie Lobeshymnen für ihn anstimmen. Als „aufregendste Verheißung des englischen Fußballs“ bezeichnet ihn die Daily Mail. Und der Guardian, nicht gerade ein Organ, das in Superlativen schwelgt, meint gar: „Ein Straßenfußballer mit dem Potenzial, Englands Neymar zu werden.“ Gemeint ist: Jadon Sancho, ein 18-Jähriger, der von Manchester City kam und nun in Dortmund alle verzückt.

Acht Millionen Euro hat der Offensivspieler gekostet, der einen Vertrag bis 2022 unterschrieben hat. Seine Eltern stammen aus Trinidad und Tobago, sein Spielstil, der ihn nun in die Nationalelf katapultiert hat, hat etwas Exotisches. Sancho ist dabei beileibe nicht nur ein Schönspieler, sondern enorm effektiv, vor allem auch mannschaftsdienlich. In 25 Einsätzen für den BVB seit Sommer 2017 hat er fünf Treffer erzielt und einige Vorlagen gegeben.

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Der beim FC Watford ausgebildete Stürmer, der sich bei Pep Guardiola in Manchester nicht behaupten konnte, was alle Experten nicht nachvollziehen können, brillierte in dieser Spielzeit. „Glücklich und stolz“ sei er, lässt Sancho verlauten, dass er in Dortmund engagiert sei. „Hier entsteht etwas Großes. Die Stadt lebt den Fußball.“ Und was der begabte Jungsound besonders schätzt: „Junge Spieler erhalten hier Einsatzzeiten.“

Leidtragender der Topform des Briten ist ein Amerikaner: Christian Pulisic, seit kurzem Kapitän der US-Nationalelf. Der 20-Jährige zählt nicht mehr zum Stammpersonal und soll Angebote aus der Premier League, speziell von Chelsea und Liverpool, vorliegen haben. Pulisic, den auch der gleichaltrige Jaco Bruun Larsen verdrängt hat, gilt daher als ein Verkaufskandidat im Winter.

Joker-Qualitäten

Ein goldenes Händchen bewies Lucien Favre. Oft wechselte der Coach den Erfolg ein. Der Beleg: In der Anfangsphase stachen die Joker. In den ersten zehn Pflichtspielen erzielten die Einwechselspieler zwölf von insgesamt 29 Toren.

Wuschelkopf Axel Witsel

In Russland gehörte er zu den Spielern, die im Rampenlicht standen – nicht nur wegen seiner äußeren Erscheinung. Sein Wuschelkopf fiel bei der WM nun mal auf. Axel Witsel, der Lenker im Mittelfeld der belgischen Nationalelf, war natürlich den Dortmunder Machern schon vorher bekannt. Der Spieler mit der Frisur im Afro-Stil stand auf der Wunschliste ganz oben. Die Borussia wollte ihn. Und sie bekam ihn nach langem Poker.

Zuletzt hatte der 29-Jährige in China gekickt, dort wegen der lukrativen Verdienstmöglichkeiten angeheuert nach Etappen bei Standard Lüttich, Benfica Lissabon und Zenit St. Petersburg. Im Trainingslager in Bad Ragaz wurde der Transfer perfekt gemacht: Vertrag bis 2022, Ablöse 20 Millionen Euro, Jahresgehalt zehn Millionen. „Dortmund ist einer der besten Klubs auf dem Kontinent“, verkündete der Heimkehrer aus Asien. Dass er eine echte Führungsfigur ist, wies der Belgier sofort nach. Beim ersten Einsatz in Fürth traf Witsel in der Nachspielzeit und rettete Dortmund im Pokal.

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Neue Dortmunder Führung

Erneuerung auf allen Ebenen. Frischer Wind weht auch durch die Führungsetage. Mit Sebastian Kehl, der Legende, die von 2002 bis 2015 beim BVB gespielt hat, präsentierte die Borussia einen neuen Leiter der Lizenzspielerabteilung, der Manager Michael Zorc unterstützen soll. Noch spektakulärer war indes das Comeback eines anderen Funktionärs: Matthias Sammer amtiert als externer Berater, wie es formuliert worden ist.

Ein alter Borusse, 1995 und 1996 Meister, 1997 Champions-League-Sieger als Spieler, 2002 Meister als Trainer. Der Europameister von 1996 hatte sich mit den Dortmundern verkracht, vor allem in der Zeit als Sportvorstand beim Erzrivalen Bayern München. Nun herrscht wieder Friede, besonders mit dem mächtigen Boss „Aki“ Watzke, der über das überraschende Engagement meinte: Sammer bringe „frischen Wind und hohe Kompetenz rein“.

Also sind die beiden früheren Feinde nun gute Freunde. Beleg sind Fotos, wie Watzke und der weiterhin als TV-Experte tätige Sammer in trauter Eintracht auf der Tribüne hocken. Bisher ist von dem Kompetenzgerangel, das einige im Binnenverhältnis zwischen Zorc und Kehl, Watzke und Sammer befürchtet hatten, noch nichts zu bemerken. Wenngleich es Skeptiker gibt wie den früheren BVB-Trainer Ottmar Hitzfeld, der fragt: „Wen oder was Matthias beraten soll, ist mir nicht so richtig klar.“

BVB-Coach Lucien Favre gilt als innovativer und detailversessener Trainer.

Perfektionist Lucien Favre

Die Süddeutsche Zeitung taufte ihn einen „Entrümpler“. So verkehrt ist diese Bezeichnung nicht. Lucien Favre ist gekommen, um aufzuräumen in Dortmund. Nach dem Tuchel-Hoch stagnierte der Fußball in der westfälischen Metropole. Die Borussia ein wankelmütiges Gebilde, keine Einheit, keine Handschrift, weil mit den letzten Trainern Peter Bosz und Peter Stöger die spielerische Identität auf der Strecke blieb. Eine gewaltige Aufgabe für Favre.

„Ich möchte diese Herausforderung seriös und mit Herzblut angehen“, sagte er beim Amtsantritt. Der „Topmann“ (Kollege Hitzfeld) brachte das Team wieder auf Vordermann. In seiner Art: akribisch arbeitend, detailversessen, taktisch innovativ. So formte Favre, sowohl als Perfektionist als auch als Zauderer bekannt, die neue Borussia. Sein Verdienst: Angriff, bei Bosz überbetont, und Verteidigung, bei Stöger zu stark gewichtet, sind wieder in der Balance.

Fußball der Marke Favre: Spielkontrolle, flache und schnelle Pässe, schnelles Umschalten. Alle schwärmen von dem Schweizer, der schon in Genf und Zürich, in Berlin und Gladbach, zuletzt in Nizza fantastische Arbeit geleistet hat. Marco Reus, der immerhin schon Bekanntschaft mit Klopp und Tuchel geschlossen hat: „Favre ist fachlich und menschlich der beste Trainer, den ich je hatte.“

Bilanz Werder Bremen gegen Borussia Dortmund

42 Siege für Dortmund, 41 Siege für Bremen, 17 Remis – fast ausgeglichen ist die Bilanz in der Bundesliga nach 100 Spielen. Ähnlich auch die Statistik in allen Partien (inklusive des Pokals): 46 Erfolge für Borussia, 43 für Werder.

Auswärtssieg in Dortmund

Im letzten Spiel im Signal-Iduna-Park überraschte Werder: 2:1 am 9. Dezember 2017. Ein Achtungserfolg, eines der ersten Ausrufezeichen, das Florian Kohfeldt setzte. Maximilian Eggestein und Theo Gebre Selassie erzielten die Tore, für den BVB traf Aubameyang.

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