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Kein System von Werder-Trainer Florian Kohfeldt funktionierte gegen den SC Freiburg so richtig.

1:1 gegen SC Freiburg

Werders Probleme in der Taktik-Analyse: Drei Formationen, kaum Durchschlagskraft

Gleich mehrfach wechselte Werder-Coach Florian Kohfeldt beim 1:1-Unentschieden gegen den SC Freiburg sein taktisches System. Warum Werder trotzdem große Mühe mit dem Gegner hatte und wieso das Unentschieden am Ende glücklich war, analysiert unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.

Es ist nur schwer möglich, den psychischen Zustand von Profi-Fußballern von außen zu analysieren. Zu leicht verfällt man hierbei in Urteile, die mehr nach Küchenpsychologie denn nach ernsthafter Analyse klingen. Dennoch: Es dürfte etwas dran an sein an der These, dass die Niederlagen-Serie am Selbstvertrauen der Bremer Spieler nagt. Und zwar massiv. Elf Gegentore kassierten die Bremer in den vergangenen drei Spielen – zu viel, um in der Bundesliga zu bestehen.

Trainer Florian Kohfeldt schien sich vor der Partie zu denken: Je länger die Null steht, desto mehr Selbstbewusstsein entwickelt sein Team. Kohfeldt schickte seine Elf in einem 4-4-1-1-System auf das Feld. Max Kruse begann hinter Stürmer Martin Harnik. Auf den Flügeln kamen mit Davy Klaassen und Johannes Eggestein zwei gelernte Zentrumsspieler zum Einsatz. Die Marschroute war klar: Zunächst kompakt stehen und das Zentrum verdichten.

Zunächst abwarten...

Werder begann das Spiel dementsprechend abwartend. In der Anfangsviertelstunde hatten sie gerade einmal 40% Ballbesitz. Das ist untypisch für eine Bremer Mannschaft, die bisher in zehn von elf Saisonspielen mehr Ballbesitz sammelte als der Gegner. Doch im Schwarzwald-Stadion lauerte Kohfeldts Elf zunächst auf Konter.

Freiburg übernahm die Initiative über das Spiel. Trainer Christian Streich stellte seine Elf in einer Mischung aus 5-4-1 und 3-4-3 auf. Gegen den Ball agierten die Freiburger mit einer Fünferkette, bei Ballbesitz rückten die Außenverteidiger vor. Auch vorne im Sturm hatte sich Streich etwas ausgedacht: Der nominelle Rechtsaußen Luca Waldschmidt zog immer wieder ins Zentrum. Er bot sich zwischen den Bremer Linien an. Linksaußen Marco Terrazzino hingegen startete immer wieder hinter die Abwehr. In der Anfangsphase gelangten die Freiburger über Waldtschmidt und Terrazzino mehrfach gefährlich vor das Tor.

… dann zuschlagen

Kohfeldt erkannte, dass seine Sicherheitsvariante nicht funktioniert. Früh intervenierte er von der Bank: Johannes Eggestein wechselte vom Flügel auf die Zehner-Position, Klaassen rückte von der Seite aus etwas ein. Bremen agierte fortan also mit einer Mittelfeld-Raute.

Zunächst brachte diese Umstellung noch nicht den gewünschten Effekt. Bremen hatte zwar nun mehr Spielanteile, biss sich allerdings am Freiburger Pressing fest. Freiburgs Stürmer Lucas Höler agierte recht tief und nahm somit Bremens Sechser Nuri Sahin aus dem Spiel. Gegen Freiburgs kompaktes 5-4-1 kamen die Bremer nicht ins Mittelfeld. Die Innenverteidiger mussten das Spiel häufig mit langen Bällen auslösen, diese landeten meist im Nirgendwo.

Die Grafik zeigt Freiburgs Defensivsystem: Höler nahm Sahin in enge Deckung, die Außenstürmer liefen Bremens Verteidiger so an, dass diese nicht nach Außen passen konnten. Doch nach rund dreißig Minuten fand Klaassen immer häufiger die Lücken hinter Freiburgs Doppelsechs.

Oberwasser bekam Werder, nachdem Klaassen auf die Zehner-Position wechselte. Als beweglicher Fixpunkt hinter den Spitzen belebte er das Bremer Spiel. Gerade nach Ballgewinnen war er präsent, bot sich sofort an und startete mit der Kugel am Fuß in Richtung gegnerisches Tor. Zwischen der 30. und der 45. Minute konnte Klaassen gleich drei Abschlüsse verbuchen. Ironie des Schicksals: Mitten in der stärksten Bremer Phase erzielten die Freiburger den Führungstreffer. Waldschmidt versenkte einen Elfmeter (42.).

Wer nun einen Bremer Sturmlauf nach der Pause erwartete, wurde enttäuscht. Freiburg verteidigte die Führung routiniert. Sie zogen sich in ihrem 5-4-1-System etwas weiter zurück, setzten aber weiterhin vereinzelt Nadelstiche im Pressing. Ihnen gelang es nun zudem besser, die Räume zwischen den Linien zu schließen. Klaassen konnte nicht dieselbe Wucht entfalten wie vor der Pause. Offensiv kamen die Freiburger ebenfalls zu Chancen. Sie nutzten die im Bremer System offen stehenden Flügel für schnelle Gegenstöße.

Kohfeldt wechselt erneut die Formation

Nach 63 Minuten reagierte Kohfeldt. Mit den Einwechslungen von Milot Rashica und Yuya Osako (für Sahin und Harnik) stellte er sein System erneut um. Rashica kam über die linke Seite, Osako ging ins Zentrum und Kruse wechselte auf die rechte Seite. Die Formation ähnelte einem 4-3-3-System, jedoch mit einem kleinen Kniff: Kruse agierte im Halbraum, während Rechtsverteidiger Gebre Selassie weit nach vorne rückte und die Breite besetzte.

Doch auch in diesem System konnte Bremen offensiv keine Wucht entfachen. Freiburg kontrollierte die Räume im Zentrum und nahm das Bremer Mittelfeld weiterhin in enge Deckung. Dazu stellte Streich von einem 5-4-1-System auf ein 5-3-2-System um; somit konnte Freiburg das Bremer Dreier-Mittelfeld neutralisieren. Werder blieb häufig nur der Weg über die Flügel.

Viele Flanken, ein wenig Glück

Bremen fehlte an diesem Nachmittag die spielerische Klasse, um Freiburgs kompakte Defensive auszuhebeln. Kohfeldt wählte in der Schlussviertelstunde den logischen Weg: Nach der Einwechslung von Claudio Pizarro (77., für J. Eggestein) schlug Bremen Flanke um Flanke in den gegnerischen Strafraum. Pizarro, Osako und Aushilfs-Stürmer Selassie versuchten, diese Hereingaben irgendwie ins Tor zu wuchten. Tatsächlich entfachte Bremen nun zum ersten Mal nach der Pause Torgefahr. Allerdings kam nun auch Freiburg wieder vermehrt zu Chancen, da Werder beim eigenen Sturmlauf Räume für Konter öffnete.

In der Nachspielzeit erzielte Bremen den erlösenden Ausgleich nach einer Ecke. Werder beendet damit die Niederlagen-Serie – immerhin! Doch der glückliche Ausgang darf über die Schwächen im Bremer Spiel nicht hinwegtäuschen. Kein System funktionierte an diesem Nachmittag so richtig, weder das defensive 4-4-2-System noch das Rauten-System noch das offensive 4-3-3 der Schlussphase. Vielleicht hebt ja wenigstens das Ergebnis das Selbstvertrauen der Bremer Spieler.

Fotostrecke: Waldschmidts Elfmeter und Augustinssons Last-Minute-Tor

Werder Bremen gegen den SC Freiburg
Werder Bremen gegen den SC Freiburg © dpa
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Werder Bremen gegen den SC Freiburg © gumzmedia
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