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Bis zum Platzverweis gegen Milos Veljkovic ging der Plan von Werder-Trainer Florian Kohfeldt (Bild) gegen den FC Bayern auf.

Nach 0:1-Niederlage in München

Taktik-Analyse: Diese Lehren kann Werder für den Pokal ziehen

Werder Bremen verdient sich bei der knappen 0:1-Niederlage gegen Tabellenführer Bayern München eine gute B-Note. Unser Taktikanalyst Tobias Escher erklärt, wieso Florian Kohfeldts Plan bis zur Gelb-Roten Karte aufging – und welche Lehren Werder für das DFB-Pokal-Halbfinale am kommenden Mittwoch ziehen kann.

München war in den vergangenen Jahren kein gutes Pflaster für Werder. Vor vier Jahren verglich Sebastian Prödl Auswärtsreisen zum Rekordmeister mit einem Zahnarztbesuch. „Muss jeder mal hin. Kann ziemlich wehtun. Kann aber auch glimpflich ausgehen.“ Entsprechend ängstlich trat Werder meist auf. Sie verschanzten sich am eigenen Strafraum und hofften auf das Beste.

Unter Trainer Florian Kohfeldt legen die Bremer in der Münchner Allianz Arena wesentlich weniger Respekt an den Tag. Die Bremer begannen die Partie ungewohnt mutig – und mussten am Ende doch eine Niederlage einstecken.

Hohes Pressing, kompakte Formation

Kohfeldt stellte sein taktisches System um. Bremen lief gegen die Bayern im klassischen 4-4-2 auf. Max Kruse und Milot Rashica bildeten einen Doppelsturm, dahinter verteidigten zwei kompakt agierende Viererketten. Werder legte in den ersten Minuten ein hohes Tempo vor. Die gesamte Mannschaft rückte weit nach vorne, um die Bayern bereits früh unter Druck zu setzen. Vorne liefen Rashica und Kruse an, die Mittelfeldspieler dahinter rückten dynamisch nach und stellten die Anspielstationen der Bayern im Mittelfeld zu. Überraschend gelang es Werder, die Bayern in den ersten Minuten in der eigenen Hälfte festzupinnen.

Ballgewinne für Werder waren dennoch rar. Das lag vor allem an Niko Kovacs Spielsystem: Nach der Winterpause hatten seine Bayern große Probleme mit einem hohen Angriffspressing des Gegners, weshalb er sein System umstellte. Die Viererkette agiert seitdem im Aufbau sehr tief, auch die Doppelsechs aus Javi Martinez und Thiago unterstützt den Aufbau am eigenen Strafraum. Die Bayern haben eine sehr gute Zirkulation tief in der eigenen Hälfte, können aber nur selten schnelle Angriffe fahren, nachdem sie das gegnerische Pressing überspielt haben – eine logische Folge, wenn sechs Spieler am eigenen Strafraum verharren.

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Keine Chancen auf beiden Seiten

Trotz fehlender Ballgewinne dürfte die Anfangsphase nach dem Geschmack von Kohfeldt gewesen sein. Werder zwang die Bayern, sechs Spieler tief zum Aufbau zu postieren, und neutralisierte damit jedwede offensive Gefahr des Rekordmeisters.

Dass die Bayern in dieser Phase nicht so recht vor das Tor fanden, lag auch am Bremer Mittelfeld. Der Clou: Auf den Außen-Positionen der Mittelfeld-Kette agierten in Davy Klaassen und Kevin Möhwald zwei Spieler, die eigentlich eher im Zentrum beheimatet sind. Entsprechend weit rückten sie ins Zentrum ein. Möhwald und Klaassen hatten sogar die Aufgabe, Münchens Doppelsechs aus Thiago und Javi Martinez am Mittelkreis aktiv zu stören.

Bremens enge Formation kontrollierte das Zentrum. Gegen Thiago und Martinez gelangen zwar nur wenige Ballgewinne, immerhin zwangen sie das spanische Duo zu schnellen Pässen. Die Bayern waren gezwungen, immer wieder den Aufbau über die Außen-Positionen zu suchen. Sie schluckten den Köder und spielten den Ball früh auf die Flügel. Mehr als 40 Flanken schlugen die Bayern während der Partie. Gerade in der ersten Halbzeit waren sie nach Hereingaben selten torgefährlich.

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Die Grafik zeigt die engen Viererketten bei Werder und wie die Bremer dadurch den Aufbau der Münchner auf die Flügel lenken konnten.

Bayern mit kleinen Anpassungen nach der Pause

Das Tempo der Anfangsphase konnte Werder nur zwanzig Minuten halten. Danach entwickelte sich das klassische Spiel, wenn ein Außenseiter nach München reist: Die Bayern dominierten das Geschehen, Werder konzentrierte sich auf die Defensive. Noch immer gelangten die Bayern jedoch nicht ins Zentrum. Sie versuchten vermehrt Abschlüsse aus der zweiten Reihe. Abseits der Großchance von Serge Gnabry nach einem feinen Pass von Thiago (25.) hatten die Bayern aber keine zündende Idee, wie sie Werder hätten knacken sollen.

Nach der Pause zeigten sich die Bayern leicht verbessert. Sie spielten nun ihre eigenen Flügelangriffe besser aus. Das lag nicht zuletzt an Thomas Müller, der sich aktiver in die Kombinationen auf der rechten Seite einband. Aber auch Joshua Kimmich agierte nun wesentlich offensiver. Die Bayern begannen zudem, mit weiten Verlagerungen die engen Viererketten der Bremer auszuhebeln.

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Gelb-Rote Karte entscheidet die Partie

Doch erst nach der Gelb-Roten Karte gegen Milos Veljkovic konnten die Bayern ihre Dominanz auch in ein Tor umwandeln. Kohfeldt versuchte zwar, das Team zu stabilisieren. Er brachte in Sebastian Langkamp (60., für Möhwald) einen Innenverteidiger. Zudem zog sich Sechser Nuri Sahin in die Abwehr und Max Kruse ins Mittelfeld zurück. Bremen verteidigte in einem 5-3-1.

Die Bayern spielten ihre Überzahl jedoch gut aus. Über Flügelangriffe drückten sie Bremen an den eigenen Strafraum. Im Anschluss rückte die gesamte Mannschaft geschlossen auf, um die entstehenden Räume im Rückraum auszunutzen. Es war kein Zufall, dass Innenverteidiger Niklas Süle den entscheidenden Treffer erzielte: Boateng und er hatten sich schon zuvor immer öfter in die Bremer Hälfte geschlichen. Kohfeldt stellte im Anschluss auf ein offensives 4-2-3-System um, doch es half nichts: Die Bayern waren in Überzahl zu stark. Am Ende verhinderten Jiri Pavlenka und die Latte eine höhere Niederlage.

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Fazit

Die Defensivleistung dürfte Bremen Hoffnung schenken vor dem Pokal-Halbfinale am Mittwoch. Bis zur Gelb-Roten Karte gab es nur wenige Großchancen für die Bayern. Wahr ist jedoch auch: Bremen hatte keine einzige große Chance im gesamten Spiel. Ihre wenigen Kontermöglichkeiten verschenkten sie durch schwache Pässe; es beteiligten sich ohnehin nie mehr als drei Werderaner an eigenen Angriffen.

So mutig Bremens Auftritt in der ersten Halbzeit war: Nach Ballgewinnen wird Werder im Pokal noch mehr Mut aufbringen müssen, will man sich nicht auf ein 0:0 nach 120 Minuten und ein Elfmeterschießen verlassen.

Im Juni wurde wild spekuliert, warum sich Arjen Robben in Bremen aufhält. Ein Wechsel zu Werder wird es nicht geben. Er war auf Durchreise von Groningen nach München.

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