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Das Team von Werder-Trainer Florian Kohfeldt setzte die Vorgaben gegen Bayer 04 hervorragend um.

3:1-Sieg gegen die Werkself

Taktik-Analyse: Konterstark und clever - wie Werder Leverkusen schlug

Schnelles Konterspiel gegen lange Ballstaffetten: Im Duell der unterschiedlichen Fußballstile setzte sich am Ende Werder Bremen durch. Warum Florian Kohfeldts Team gegen Bayer Leverkusen auf Ballbesitz verzichtete und wieso Bayer in der zweiten Halbzeit trotz 0:2-Rückstand ins Spiel zurückfand, erklärt unser Taktikanalyst Tobias Escher.

Früher war das Analysieren von Fußballteams recht simpel. Entweder eine Mannschaft definierte sich über das eigene Ballbesitzspiel – oder aber sie setzte auf ein schnelles Konterspiel. Dies waren die zwei strategischen Pole. 

Der große Trend im Weltfußball ist aktuell, dass mehr und mehr Trainer dieses Entweder-Oder-Schema aufbrechen. Auch Florian Kohfeldt folgt dieser Entwicklung. Sein Werder-Team beherrscht es mittlerweile mühelos vom ruhigen Ballbesitzspiel auf schnellen Vertikalfußball umzuschalten – und umgekehrt.

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Flexibles System gegen Boszs totalen Fußball

Gegen Bayer Leverkusen war vor allem das Bremer Konterspiel gefragt. Unter Trainer Peter Bosz haben sich die Leverkusener zu einer klassischen Ballbesitz-Mannschaft entwickelt. Bosz stellt sein Team in einem 4-3-3-System auf. Boszs Mannschaft soll den Gegner über lange Passstafetten auseinanderziehen, nach Ballverlusten soll die Kugel schnell zurückerobert werden. Bayer praktiziert damit ein Positionsspiel niederländischer Prägung.

Kohfeldt stellte dem ein flexibles System entgegen. In der Frühphase des Spiels liefen die Bremer früh an. In diesen Situationen agierte Bremen aus einem 4-3-1-2. Milot Rashica und Johannes Eggestein übten als Zwei-Mann-Sturm Druck aus, Max Kruse schloss als Zehner hinter ihnen die Räume.

Die Grafik zeigt das Wechselspiel von Johannes Eggestein: Bei hohem Pressing lief er als zweiter Stürmer Leverkusens Verteidiger an. Sobald Leverkusen in die gegnerische Hälfte kam, zog er sich zurück und wurde zum Rechtsaußen der Mittelfeld-Viererkette.

Sobald Leverkusen das Pressing überspielt hatte, zog sich Werder sofort zurück. Der Clou: Johannes Eggestein verharrte nicht als zweiter Stürmer, sondern ließ sich auf die Position des Rechtsaußen fallen. Bremen verteidigte am eigenen Strafraum mit zwei kompakten Viererketten in einem 4-4-2.

Die Abwehrketten zogen sich eng zusammen, um Leverkusen die Räume im Zentrum zu versperren. Der Gegner sollte nach außen gedrängt werden, damit die Zehner Julian Brandt und Charles Aranguiz keine Ballkontakte erhalten. Der Plan ging in der ersten Halbzeit vorzüglich auf.

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Guter Spielaufbau und schnelle Konter

Auch im Spielaufbau hatte sich Kohfeldt etwas ausgedacht, um Leverkusen zu ärgern. Bosz ist bekannt dafür, seine Mannschaft kompromisslos angreifen zu lassen. Ständig setzt sie den Gegner unter Druck, bereits am gegnerischen Strafraum gehen Boszs Leverkusener zum Pressing über.

Werder lockte in diesen Situationen Leverkusen auf eine Seite, nur um das Spiel sofort mit einem Diagonalball auf den anderen Flügel zu verlagern. Im Anschluss sollte der Angriff schnell abgeschlossen werden, um die herausgerückte Leverkusener Staffelung ausnutzen zu können. Ein Plan, der vor allem beim 1:0 aufging (13.). Ein schneller Spielzug aus einer Aufbau-Situation legte Leverkusens Schwächen nach Verlagerungen offen.

Das 2:0 (37.) wiederum war ein klassisches Kontertor. Das war die zweite Facette des Bremer Angriffsspiels: Sie wollten nach Ballgewinnen schnell in die vorderste Linie spielen. Leverkusen rückte nach Ballverlusten aggressiv auf, die Restverteidigung bestand meist nur aus drei Spielern. Oftmals gewann Leverkusen den Ball direkt wieder zurück; in manchen Situationen setzte Bremen sich durch, vor allem dank der Ballsicherheit von Max Kruse. Er ließ sich immer wieder fallen oder bewegte sich auf den linken Flügel, um nach Ballgewinnen sofort anspielbar zu sein. Der Kapitän war maßgeblich am zweiten Treffer beteiligt.

Zittern nach der Pause

Angesichts der starken ersten Halbzeit sah Kohfeldt in der Halbzeit keinen Anlass, seine Taktik zu ändern. Bosz brachte wiederum mit Kai Havertz und Paulinho zwei offensivere Spielertypen für die Zehner- bzw. Außenposition. Gerade das Pärchen Havertz-Brandt harmonierte in den vergangenen Wochen sehr gut.

Leverkusen konnte sich nun in der Bremer Hälfte festbeißen. Nicht zuletzt lag dies daran, dass die Bremer das Pressing aus der ersten Halbzeit fast völlig einstellten. Taktisch war dies nicht verständlich, da das frühe Pressing eine wichtige Funktion erfüllte. Bremen gewann zwar keine Bälle, konnte Leverkusen allerdings auf die Seiten lenken und somit verhindern, dass Bayer sich den Gegner nach Belieben zurechtlegt. Psychologisch und konditionell war das nachlassende Pressing nachvollziehbar – nichts kostet im Fußball mehr mentale wie körperliche Kraft, als im Sprint den Gegner anzulaufen in dem Wissen, dass man den Ball sowieso nicht gewinnen kann.

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Werder jubelt in Leverkusen: Die Fotos zum Spiel

Treffen sich zwei Coaches: Florian Kohfeldt (li.) und Peter Bosz vor der Partie.
Treffen sich zwei Coaches: Florian Kohfeldt (li.) und Peter Bosz vor der Partie. © imago
In der 13. Minute geht Werder in Führung! Eine Co-Produktion der Eggestein-Brüder bringt die Kugel von rechts nach links, wo Kruse auf Zuspiel von Maxi Eggestein durchgeschickt wird. Der Kapitän bringt den Ball aus anspruchsvollem Winkel aber präzise genau im langen Eck unter. 0:1.
In der 13. Minute geht Werder in Führung! Eine Co-Produktion der Eggestein-Brüder bringt die Kugel von rechts nach links, wo Kruse auf Zuspiel von Maxi Eggestein durchgeschickt wird. Der Kapitän bringt den Ball aus anspruchsvollem Winkel aber präzise genau im langen Eck unter. 0:1. © imago
Der Bremer Jubel nach dem 1:0.
Der Bremer Jubel nach dem 1:0. © Frisch
Bremer Coach Jubel nach dem 1:0.
Bremer Coach Jubel nach dem 1:0. © imago
Johannes Eggestein im Duell mit dem Leverkusener Wendell.
Johannes Eggestein im Duell mit dem Leverkusener Wendell. © imago
Karim Bellarabi (li.) und der Bremer Milot Rashica im Duell.
Karim Bellarabi (li.) und der Bremer Milot Rashica im Duell. © dpa
Der tat weh: Nuri Sahin liegt am Boden, kurz zuvor wurde ihm auf die Hand getreten. Bellarabi gerade noch mit einem Sprung über den Bremer um nicht ihn ihn hinein zu rennen.
Der tat weh: Nuri Sahin liegt am Boden, kurz zuvor wurde ihm auf die Hand getreten. Bellarabi gerade noch mit einem Sprung über den Bremer um nicht ihn ihn hinein zu rennen. © imago
Wieder ein herrlicher Konter in der 37. Minute, wieder ist Jojo Eggestein entscheidend beteiligt. Nachdem er von Bender gelegt wird, treibt Kruse die Kugel weiter und legt sie am Strafraum quer zu Rashica. Der Kosovare zieht ab - der Ball ein zweites Mal in den Leverkusener Maschen!
Wieder ein herrlicher Konter in der 37. Minute, wieder ist Jojo Eggestein entscheidend beteiligt. Nachdem er von Bender gelegt wird, treibt Kruse die Kugel weiter und legt sie am Strafraum quer zu Rashica. Der Kosovare zieht ab - der Ball ein zweites Mal in den Leverkusener Maschen! © i mago
Und weils so schön war, noch mal aus einer anderen Perspektive.
Und weils so schön war, noch mal aus einer anderen Perspektive. © imago
Bitter: Friedl bleibt im Rasen hängen und bleibt zunächst mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen. Nach einer kurzen Behandlung konnte der junge Bremer Verteidiger jedoch weiterspielen.
Bitter: Friedl bleibt im Rasen hängen und bleibt zunächst mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen. Nach einer kurzen Behandlung konnte der junge Bremer Verteidiger jedoch weiterspielen. © Frisch
Leverkusen erhöht den Druck und belohnt sich: Bailey netzt in der 75. im Bremer Tor ein. Sogar der Ausgleich liegt jetzt in der Luft, die Bremer kommen in der Schlussphase der Partie nicht mehr aus dem eigenen Strafraum.
Leverkusen erhöht den Druck und belohnt sich: Bailey netzt in der 75. im Bremer Tor ein. Sogar der Ausgleich liegt jetzt in der Luft, die Bremer kommen in der Schlussphase der Partie nicht mehr aus dem eigenen Strafraum. © imago
Werder-Keeper Pavlenka war bei dem Gegentreffer machtlos
Werder-Keeper Pavlenka war bei dem Gegentreffer machtlos © imago
Die Entscheidung! Überragend! Nach einem Bailey-Dribbling kontert der SVW ein drittes Mal erfolgreich, über Eggestein und Harnik kommt das die Kugel zu Kruse, der links in den Sechzehner eindringt, Wendell umkurvt und die Kugel frech hoch ins Eck hebt. 3:1.
Die Entscheidung! Überragend! Nach einem Bailey-Dribbling kontert der SVW ein drittes Mal erfolgreich, über Eggestein und Harnik kommt das die Kugel zu Kruse, der links in den Sechzehner eindringt, Wendell umkurvt und die Kugel frech hoch ins Eck hebt. 3:1. © imago
Und weils so schön war, das 3:1 aus der Tor-Kamera-Perspektive.
Und weils so schön war, das 3:1 aus der Tor-Kamera-Perspektive. © imago
So sehen Sieger aus: Werder holt am Ende drei ganz wichtige Big-Points in Leverkusen.
So sehen Sieger aus: Werder holt am Ende drei ganz wichtige Big-Points in Leverkusen. © imago

Leverkusen legte sich nun Bremen am eigenen Strafraum zurecht. Sie nutzten nun geschickter die engen Viererketten der Bremer aus. Sie zogen Werders ballfernen Außenverteidiger aus der Abwehrkette, um in Anschluss eine Verlagerung auf dessen Seite zu spielen. Der aufgerückte Rechtsverteidiger Lars Bender kam dadurch mehrfach in gute Abschlusspositionen.

Kohfeldt versuchte in der Schlussphase noch einmal mit seinen Wechseln das Konterspiel zu verbessern. Die Einwechslungen von Martin Harnik (65., für Rashica) und Finn Bartels (75., für J. Eggestein) sollten wieder mehr Tempo ins Konterspiel bringen. Die Partie spielte sich nun jedoch fast ausschließlich um den Bremer Strafraum ab. Leverkusen nutzte die eigenen Chancen nicht, sodass am Ende ein Bremer Konter die Entscheidung brachte. Erneut hatte sich der überragende Kruse clever positioniert.

Fazit

Angesichts der Bremer Konterstärke und des guten taktischen Plans von Kohfeldt war es letztlich ein verdienter Bremer Erfolg gegen einen starken Gegner. Nachdem gerade zum Ende der Hinrunde der Bremer Mannschaft manches Mal das Tempo fehlte, beweist Kohfeldt nun, dass er auch diese Facette trainieren kann. Seine Bremer lassen sich nicht so einfach auf Ballbesitz oder Konterfußball festlegen. Im Idealfall können sie beides.

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