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Trainer Florian Kohfeldt sorgte mit seinen Umstellungen dafür, dass der SV Werder Fortuna Düsseldorf in die Knie zwang.

Werder gewinnt 3:1 gegen das Schlusslicht

Taktik-Analyse: Kohfeldts Änderungen zeigen gegen die Fortuna Wirkung

Florian Kohfeldt wirbelte gegen Fortuna Düsseldorf seine Startelf durcheinander. Damit einher gingen auch Änderungen des taktischen Systems. Warum Kohfeldts neue Spielidee gegen Düsseldorf so gut funktionierte und wieso Kohfeltds Joker von der Bank stachen, erklärt unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.

Eine Krise, wie sie Werder Bremen aktuell durchlebt, bereitet dem Trainer nicht nur im psychologischen Bereich Kopfschmerzen. Auch bei der Wahl der Taktik muss er auf einem schmalen Seil balancieren: Wie viele Veränderungen soll er wagen? Muss ein radikal neues Konzept her? Oder verunsichert dies die Mannschaft nur weiter? Nachdem Kohfeldt in den vergangenen Wochen bereits Einiges ausprobierte, testete er auch gegen Fortuna Düsseldorf neues Personal in einem neuen System.

Raute mit unerwarteter Doppelspitze

Kohfeldt stellte seine Mannschaft in einem 4-3-1-2-System auf, einer sogenannten Raute. Der Coach überraschte vor allem mit der Wahl des Personals: Im Sturm begannen Milot Rashica und Claudio Pizarro, beide saßen zuletzt auf der Bank. Auf der Sechser-Position startete Maximilian Eggestein, der sonst eher eine Reihe weiter vorne zu finden ist. Dafür rückte Kevin Möhwald auf die Achter-Position.

Aus taktischer Sicht waren weniger die Rollen der Neulinge spannend, sondern die Einbindung eines unangefochtenen Stammspielers: Max Kruse genoss auf der Zehner-Position noch mehr Freiheiten als in den vergangenen Spielen. Er ließ sich häufig ins zentrale Mittelfeld fallen, zeigte sich auch im Spielaufbau präsent. Zusammen mit Eggestein kurbelte er das Spiel vor der Abwehr an.

Die Grafik zeigt Kruses Präsenz im Spielaufbau, die es wiederum Klaassen und Möhwald erlaubte, weiter aufzurücken.

Das erlaubte wiederum Klaassen und Möhwald, eine offensivere Rolle einzunehmen. Vor allem Möhwald nahm das Angebot an und rückte weit nach vorne. In der Folge entwickelte sich eine klare Spielidee: Werder griff vornehmlich über die halblinke Seite an, auf die Kruse meist auswich. Zusammen mit Klaassen und dem ausweichenden Rashica bildete Kruse hier Überzahlen. Veredeln sollten diese Angriffe die halbrechte Seite – also Möhwald und Pizarro.

Werder dominiert die Partie

Werders Spielidee ging auf in der ersten Halbzeit, auch weil der Gegner ihnen die passenden Räume öffnete. Düsseldorf verteidigte in einem 4-5-1-System. Häufig rückte Oliver Fink aus dem Mittelfeld heraus, um den Druck auf Werders Abwehr zu erhöhen. Diese Pressing-Mechanismen führte Düsseldorf aber recht halbherzig aus, sodass Bremen jederzeit Ball und Gegner laufen lassen konnte.

Der größte Vorwurf, den man Bremen bis zur Pause machen konnte, ist zugleich ein altbekanntes Problem: Werder gelang es nicht, die eigene Dominanz in klare Torgelegenheit umzumünzen. Im ersten und zweiten Drittel lief der Ball gut. Häufig versandeten die Angriffe jedoch auf dem linken Flügel. Es fehlten Optionen, in den Strafraum zu gelangen. Dies lag auch an Pizarro, der an diesem Abend wenig Präsenz zeigte im gegnerischen Sechzehner.

Einzelkritik mit Noten: Zweifaches Jokerglück

Was hingegen funktionierte, war das Spiel gegen den Ball. Im Pressing rückte Kruse auf eine Höhe mit dem Doppelsturm, Werder lief den Gegner in einem 4-3-3-System an. Das zentrale Mittelfeld rückte konsequent nach, sodass Bremen den Druck hochhielt. Auch Sechser Eggestein beteiligte sich am Pressing. Werder riskierte damit viel, ließ den eigenen Sechserraum teils gänzlich unbewacht. Da in diesem Raum aber kein Düsseldorfer Spieler Präsenz zeigte, ging Bremens aggressiver Defensivplan fast immer auf. Die Stürmer provozierten zahlreiche lange Bälle. Dass es am Ende zur Pause nur 1:1 stand, lag einzig an einem Handelfmeter. Aus dem Spiel hat Werder kaum gegnerische Angriffe zugelassen.

Kontinuität nach der Pause

In der zweiten Halbzeit stand Kohfeldt nun wieder vor derselben Frage wie vor der Partie: Kontinuität? Oder radikale Veränderung? Diesmal entschied er sich für Kontinuität. Alle seine Wechsel veränderten das taktische Grundgerüst nicht, er ergänzte es nur mit neuen Stürmertypen. Martin Harnik (60., für Pizarro) startete als halbrechter Stürmer beispielsweise häufiger in den Strafraum, ebenso Johannes Eggestein (69., für Möhwald) als neuer Achter.

Düsseldorfs Coach Friedhelm Funkel wiederum veränderte sein System. Er wechselte in der Halbzeitpause Stürmer Rouwen Hennings ein und stellte gleichzeitig auf ein 5-3-2-System um. In diesem System stand Düsseldorf jedoch offener auf den Flügeln als noch vor der Pause. Nennenswerte Aktionen nach vorne konnten sie weiterhin selten bringen, auch wenn Hennings nach Ballgewinnen zumindest etwas Präsenz in den Räumen vor Bremens Abwehr zeigte.

Es waren jedoch weiterhin die Bremer, die auf den zweiten Treffer drückten. Ständig überluden sie die linke Seite, näherten sich mit ihren Flanken und Hereingaben zugleich immer stärker der erneuten Führung. Dass am Ende die Einwechselspieler mit Ko-Produktionen Treffer zwei und drei lieferten, dürfte eine Genugtuung gewesen sein für Kohfeldt. Er wurde belohnt für das Festhalten am taktischen Plan der ersten Halbzeit.

Bremen krönte damit eine starke Leistung. Zugleich öffnet es wieder neue Fragen für Kohfeldt: Hat er nun das neue taktische System für die Zukunft gefunden? Vor dem kommenden Top-Spiel gegen Borussia Dortmund steht er wieder vor der Frage: Wie viel Veränderungen soll ich wagen?

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