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Nach einer ruckeligen Anfangsphase verstanden Werder und Trainer Florian Kohfeldt, wie die Schalker Raute im Mittelfeld zu bespielen ist.

4:2-Sieg gegen Schalke 04

Taktik-Analyse: Spiel ohne Mittelfeld

In der ersten Halbzeit ließ sich Werder Bremen vom System der Schalker noch überrumpeln. Nach der Pause fanden sie jedoch die richtigen Lösungen. Unser Taktikanalyst Tobias Escher seziert die Partie.

Spielkontrolle ist ein großes Thema für Florian Kohfeldt. Seine Mannschaft soll den Gegner dominieren, den Rhythmus vorgeben, eine bessere Raumaufteilung aufweisen als der Gegner, kurz: Sie soll das Spiel kontrollieren.

Das ist jedoch nicht so leicht, wenn sich der Gegner gut auf Werder einstellt. Besonders schwer wird es, die Hoheit über eine Partie zu erlangen, wenn der Gegner exakt gleich aufgestellt ist wie die eigene Mannschaft. Dann gibt es auf dem Feld keine Zonen, in denen man sich einen systematischen Vorteil erarbeiten kann. Genau das tat Schalke im Bremer Weserstadion.

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Raute gegen Raute

In den ersten Minuten schien es noch so, als würde Schalke-Coach Domenico Tedesco seine Mannschaft in einem 5-2-3-System aufstellen. Benjamin Stambouli begann als zentraler Verteidiger, Steven Skrzybski agierte auf dem linken Flügel, Breel Embolo auf der halbrechten Seite. Bereits nach wenigen Minuten veränderte sich die Schalker Formation jedoch. Stambouli rückte vor die Abwehrkette, Skrzybski wechselte vom linken Flügel ins Zentrum und Embolo ging in den Sturm. Schalke spielte fortan mit einer Viererkette und einer Raute im Mittelfeld.

Die Grafik zeigt, wie sich Werder und Schalke auf dem Feld neutralisiert haben. Gerade im Mittelfeld war jedem Spieler ein Gegenspieler zugeordnet.

Damit waren sie auf dem Feld exakt so aufgestellt wie ihr Gegner. Werder-Coach Florian Kohfeldt hatte seine Elf in der altbekannten Raute formiert. Philipp Bargfrede begann als Abräumer vor der Viererkette, Max Kruse agierte als Zehner hinter der Doppelspitze aus Claudio Pizarro und Milot Rashica.

Wenn beide Teams dieselbe Formation wählen, entsteht häufig ein zähes Spiel. Beide Mannschaften erhalten leicht Zugriff auf den Gegner. Jedem Spieler ist ein Gegenspieler zugeordnet: Der Sechser deckt den gegnerischen Zehner, die Achter decken die gegnerischen Achter, der Zehner deckt den Sechser. Gerade im Mittelfeld gibt es wenige Möglichkeiten, freie Räume zu kreieren.

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Lange Bälle gegen lange Bälle

Das war auch die Folge beim Spiel zwischen Schalke und Bremen. In der ersten Halbzeit waren es noch die Schalker, die dieses taktische Patt besser zu nutzen wussten. Sie lockten Bremen in Pressing-Situationen, um daraufhin das Spiel mit einem langen Ball direkt in die gegnerische Hälfte zu verlagern. Bremens Viererkette hatte große Mühe mit den langen Bällen, auch weil die Abstimmung oft nicht passte. Wenn ein Bremer Abwehrspieler herausrückte, zogen sich die übrigen Verteidiger nicht schnell genug zusammen, um die Lücke zu schließen.

Im weiteren Verlauf der Partie lernte Bremen, die gegnerische Raute besser zu bespielen. Der Treffer zum 1:1 mag aus dem Nichts gefallen sein (31.), skizzierte jedoch den Bremer Weg für die kommende Spielzeit: Werder locke Schalke in die Mitte, woraufhin sich deren Raute zusammenzog. Anschließend knackten sie das gegnerische System über die Flügel. Hier war der gegnerische Außenverteidiger auf sich allein gestellt.

Nach der Pause ging Bremen ebenfalls dazu über, das Mittelfeld direkt zu überspielen. Rashica und Pizarro bekamen die Bälle sofort in den Fuß gespielt und legten sie ab auf Kruse. In der Folge öffneten sich immer mehr Räume auf dem Flügel für Werder. Schalkes Außenverteidiger rückten weit nach vorne und ließen Lücken hinter sich.

Unnötige Zitterpartie

Auch nach der Werderaner Führung durch einen umstrittenen Elfmeter (51.) griff Schalke-Trainer Tedesco nicht ins Spiel ein. Seine Mannschaft agierte weiterhin in einer Raute, nur dass das Mittelfeld und die Außenverteidiger mit jeder Minute weiter nach vorne rückten. Teils klaffte eine große Lücke vor der Schalker Abwehr, in die Werder bei Kontern schnell hineinstieß. In der zweiten Halbzeit hatte Werder die klar besseren Chancen.

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Abermals gelang es den Bremern nicht, die Dominanz in eine klare Führung umzumünzen. Werder gab etwas Spielkontrolle preis, da sie jeden Konter ausspielten. Das war angesichts der schwachen Schalker Restverteidigung eine gute Idee. Allerdings hätten sie ihre Chancen besser nutzen müssen. So bekam Schalke die Chance, über Ballgewinne im eigenen Drittel oder Abstöße wieder ins Spiel zu finden.

Stark war indes Werders Reaktion auf das 2:3 (85.). Schalke warf nun alles nach vorne, Tedesco brachte mit Salif Sane (87., für Daniel Caligiuri) einen weiteren kopfballstarken Spieler für den Sturm. Schon vor der Einwechslung von Kevin Möhwald (90+1., für Kruse) zog sich Werder häufiger in einer 4-4-2-Formation zurück, mit Möhwald agierten sie endgültig aus einem stabilen 4-4-2. Sie absorbierten den Schalker Druck und konnten selbst mit Wucht kontern. Der Treffer zum 4:2 (93.) war der verdiente Lohn.

Fazit

Wirkliche Kontrolle hatte Werder selten über die Partie. Nach einer ruckeligen Anfangsphase verstanden die Bremer aber, wie sie die Schalker Raute bespielen mussten. Statt weiter auf ihr Aufbauspiel durch das Mittelfeld zu setzen, spielten sie nun mit Finesse und Wucht direkt in die Spitze. Dass dies funktionierte, lag auch an schwachen Schalkern, die nach der Pause die defensive Absicherung vergaßen. Werder dürfte das egal sein. Sie freuen sich, endlich mal wieder drei Punkte geholt zu haben – Spielkontrolle hin oder her.

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