+
Werder-Trainer Florian Kohfeldt hatte im Spiel gegen den 1. FC Nürnberg viel zu meckern.

Werder nur 1:1 gegen Nürnberg

Taktik-Analyse: Rückfall in alte Muster

Gegen den Tabellenletzten 1. FC Nürnberg hatte Werder die Chance, den Anschluss an die europäischen Plätze herzustellen. Leider zeigten sie beim 1:1 eine schwache Leistung. Unser Taktikexperte Tobias Escher erklärt, warum Bremen zwar viel Ballbesitz hatte, aber nur wenige Chancen herausspielte.

Eigentlich wollte Werder Bremen gegen den 1. FC Nürnberg den nächsten Schritt machen. Zum Rückrunden-Start hatten die Bremer bewiesen, dass sie sich in der Winterpause weiterentwickelt haben. Das Ballbesitzspiel funktionierte, auch im Pressing zeigten sich die Bremer aggressiv und gut gestaffelt. Doch der nächste Schritt war im Bremer Fall ein Rückschritt. Von den Neuerungen nach der Winterpause war gegen Nürnberg nichts mehr zu sehen.

4-2-3-1 ohne Kniff

Werders Gegner Nürnberg stellte sich in einem 4-2-3-1 auf und verteidigte mit zwei Viererketten. Da Nürnberg sich meist in der eigenen Hälfte verschanzte, ähnelte die Formation eher einem 4-4-2. Kompakt stehen, schnell umschalten: So lautete der klassische Plan der Nürnberger.

Auf Werder wartete ein zähes Ringen. Die Bremer versuchten, sich gegen Nürnbergs Abwehrreihen durchzukombinieren. „Steineklopfen“ nannte Gladbachs Coach Dieter Hecking vergangene Woche das Anrennen gegen eine tiefe Defensive des Gegners. Bremen klopfte jedoch nicht allzu fest auf die Steine.

Nominell begannen auch die Bremer in einem 4-2-3-1-System, mit Max Kruse leicht versetzt hinter Martin Harnik. Bei Ballbesitz verharrte Kruse wie gewohnt nicht in der Spitze, sondern ließ sich fallen. Linksaußen Milot Rashica rückte in diesen Momenten ins Sturmzentrum, Linksverteidiger Ludwig Augustinsson besetzte den Flügel.

Schon gelesen? Einzelkritik und Noten: Harnik und Rashica bleiben völlig blass

Vergangen geglaubte Probleme

Leider funktionierte die offensive Abstimmung der Bremer nicht so gut wie zuletzt. Teilweise ähnelte das Spiel der Hinrunde: Kruse ließ sich sehr weit fallen, teilweise bis in den eigenen Sechserraum. Auch Davy Klaassen agierte ungewohnt tief. Bremen hatte zwar viel Präsenz vor Nürnbergs Abwehrlinien, nicht aber zwischen den gegnerischen Reihen.

Häufig blieb den Bremern nur der Pass auf den Flügel. Selten waren diese Flügelkombinationen gut vorbereitet, sodass Nürnberg Augustinsson effektiv doppeln konnte. Nur selten gelang es Bremen, Augustinsson mit Tempo anzuspielen. Dieser versuchte wiederum, Klaassen an die Grundlinie zu schicken.

Das Problem: Durch Klaassens tiefe Positionierung fehlte er für diese Spielzüge häufig. Die rechte Seite wiederum visierte Bremen selten bis gar nicht an. Die Last des Spielaufbaus trug vornehmlich der linke Innenverteidiger Niklas Moisander, während Milos Veljkovic weniger beteiligt war. Kruse befeuerte das Ungleichgewicht zudem, indem er sich häufig auf der halblinken Seite anbot. Das machte Bremens Spiel ausrechenbar.

Die Grafik zeigt Bremens Probleme, zwischen die gegnerischen Viererketten zu gelangen. Kruse ließ sich tief fallen, Rashica besetzte wiederum das Sturmzentrum. Zwischen den gegnerischen Linien hatte Bremen kaum Präsenz.

Das leidige Thema Flanken

Zumeist blieb den Bremern nur eine Alternative: Flanken. Diese sind aber nicht ihre Stärke in dieser Saison. Für hohe Hereingaben fehlt ein Zielspieler im Strafraum, meist muss der Ball flach geschlagen werden. Nach der dritten oder vierten flachen Flanke ist diese Maßnahme vorhersehbar.

Leider war Werder – wie in der Hinrunde bereits häufig – durch die fehlende Präsenz im Zentrum angewiesen auf diese Flanken. Bremen schlägt im Bundesliga-Schnitt am zweithäufigsten Flanken, nur der FC Bayern flankt häufiger. Mit 25 Prozent Genauigkeit liegen die Bremer aber im unteren Drittel der Liga. Auch gegen Nürnberg schlugen sie wieder 25 Hereingaben vom Flügel.

Wie man es besser macht, bewies am Samstag ausgerechnet der Gegner. Nürnberg kam mit mehr Dynamik in die Räume auf dem Flügel. Linksverteidiger Enrico Valentini wurde häufig mit Dynamik hinter die Abwehr geschickt, konnte aus vollem Lauf flanken. Auch die Strafraumbesetzung der Nürnberger passte besser. Somit wirkten sie vor der Pause einen Tick gefährlicher.

Fotostrecke: Ishak kontert Eggestein - die Bilder zum Spiel

Ishak mit dem Ausgleich für Nürnberg in der 87. Minute.
Ishak mit dem Ausgleich für Nürnberg in der 87. Minute. © imago
Max Kruse im Duell mit Tim Leibold.
Max Kruse im Duell mit Tim Leibold. © imago
 © imago
 © imago
 © imago
Leicht abgefälscht landet der Ball in der 64. Minute halbrechts beim freistehenden Joker Johannes Eggestein, der aus kurzer Distanz vollstreckt. 0:1.
Leicht abgefälscht landet der Ball in der 64. Minute halbrechts beim freistehenden Joker Johannes Eggestein, der aus kurzer Distanz vollstreckt. 0:1. © Gumz
Nürnbergs Trainer Köllner ist not amused.
Nürnbergs Trainer Köllner ist not amused. © imago
Viel Rauch in der Bremer Fankurve sorgte in der 50. Minute für eine kurzzeitige Spielunterbrechung.
Viel Rauch in der Bremer Fankurve sorgte in der 50. Minute für eine kurzzeitige Spielunterbrechung. © Gumz
Theodor Gebre Selassie mit geballter Faus in den Schlussspurt.
Theodor Gebre Selassie mit geballter Faus in den Schlussspurt. © imago
Kuriose Szene: Bei einer Bremer Flanke klärt Club-Keeper Mathenia resolut - und prallt dabei mit Harnik sowie den Mitspielern Leibold und Ewerton zusammen. Vor allem die drei Nürnberger haben sich allesamt wehgetan.
Kuriose Szene: Bei einer Bremer Flanke klärt Club-Keeper Mathenia resolut - und prallt dabei mit Harnik sowie den Mitspielern Leibold und Ewerton zusammen. Vor allem die drei Nürnberger haben sich allesamt wehgetan. © Gumz
 © imago
 © imago
Davy Claassen im Duell mit Hanno Behrens.
Davy Claassen im Duell mit Hanno Behrens. © Gumz
Werder-Coach Florian Kohfeldt (li.) und Club-Coach Michael Köllner vor der Partie.
Werder-Coach Florian Kohfeldt (li.) und Club-Coach Michael Köllner vor der Partie. © Gumz
Rund 4000 Werder-Fans supporten den SV mit einer Choreo im Max-Morlock-Stadion.
Rund 4000 Werder-Fans supporten den SV mit einer Choreo im Max-Morlock-Stadion. © Gumz

Wechsel auf beiden Seiten

Trainer Florian Kohfeldt reagierte bereits zur Pause. Mit den Einwechslungen von Josh Sargent (für Rashica) und Johannes Eggestein (für Harnik) brachte er zwei frische Stürmer. Zunächst orientierte sich Eggestein auf den Flügel, es blieb beim 4-2-3-1. Später jedoch bildete er mit Sargent einen Doppelsturm, Kruse agierte fortan als echter Zehner. Bremen hatte endlich mehr Präsenz zwischen den Linien, auch weil Kruse nicht mehr so tief abkippte.

Das Bremer Flügelspiel wurde zudem in der zweiten Halbzeit besser. Kruse ließ sich häufig auf die linke Seite fallen. Das war noch immer ausrechenbar, zumindest konnte Werder situativ Überzahlen auf dem linken Flügel herstellen. So fiel auch der Führungstreffer durch Johannes Eggestein.

Schon gelesen? Bremer Frust im Frankenland

Leider verpasste Bremen es, nach dem 1:0 nachzusetzen. Im Pressing waren die Bremer bereits vor dem Führungstor nicht sonderlich aggressiv; Nürnberg konnte den Ball über die tiefe Doppelsechs laufen lassen. Nach dem Tor bekam Bremen erst recht keinen Zugriff. FCN-Coach Michael Köllner wechselte offensiv, stellte auf ein 4-1-3-2-System um – und wurde belohnt. Der eingewechselte Mikel Ishak blieb beim Ausgleich völlig ungestört.

Fazit

Wenig Druck in der gegnerischen Hälfte, ein wenig druckvolles Ballbesitzspiel, eine hohe Flügellastigkeit: Alle diese Probleme plagten Werder bereits in der Hinrunde, schienen aber längst überwunden. Das 1:1 war für Bremen ein Rückfall in alte Zeiten. Möchten sie am Dienstag im DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund bestehen, müssen sie ihr neues Gesicht zeigen.

Schon gesehen?

„Das war nix“: Eine Einordnung zum Werder-Remis in Nürnberg

Auch interessant

Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Was denkst Du über den Artikel?

Nichts mehr verpassen

Kommentare