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Kohfeldts Jungs taten sich zunächst schwer gegen die defensiv ausgerichteten Freiburger.

Werder feiert 2:1-Heimsieg

Taktik-Analyse: Steineklopfen gegen kompakte Freiburger

70 Minuten tat sich Werder Bremen gegen den SC Freiburg schwer, ehe Davy Klaassen den erlösenden Führungstreffer erzielen konnte. Wieso Christian Streich mit seiner Defensivtaktik die Bremer Angreifer nervte, erklärt unser Taktikanalyst Tobias Escher.

Kompaktheit gehört zu den Modewörtern des modernen Fußballs. Immer wenn ein Team kein Tor kassiert, wird gelobt, wie defensiv kompakt die Mannschaft auftrete. Kompakt verteidigen ist jedoch in erster Linie kein Synonym für gute Defensivarbeit. In Wahrheit beschreibt Kompaktheit schlicht, wie groß die Abstände zwischen den einzelnen Spieler sind. Je näher aneinander sie stehen, umso kompakter agiert ein Team. Würde man Kompaktheit messen, wäre die Maßeinheit Meter – und zwar der Abstand zwischen dem tiefsten und dem höchsten Spieler.

Kompakte Freiburger

Im Falle des SC Freiburg wäre das Messergebnis recht klein ausgefallen. Sie achteten im Spiel gegen Werder Bremen penibel darauf, dass die Abstände zwischen den Verteidigern nicht allzu groß werden. Christian Streich schickte sein Team in einer 5-3-2-Formation auf das Feld. Wenn Bremen den Ball im Aufbau hatte, versuchten sie, Zugriff zu erlangen auf die Abwehrkette. Die beiden Stürmer rückten vor, das Mittelfeld rückte heraus.

Freiburgs Coach Christian Streich im Spiel gegen Werder Bremen.

So richtig kompakt agierte die Freiburger Defensive, sobald Bremen die erste Pressinglinie überspielen konnte. Dann fiel die gesamte Mannschaft tief in die eigene Hälfte zurück. Ihren 5-3-2-Block bauten sie vor dem eigenen Strafraum auf. Die Stürmer versuchten, Bremens Angriffe auf eine Seite zu lenken. Anschließend rückten sie heraus, um die Bremer Spieler auf dieser Seite zu isolieren. Gelang Bremen die Verlagerung auf den anderen Flügel, rückte die gesamte Freiburger Mannschaft zur anderen Seite.

Bremen mit Anlaufschwierigkeiten

Gegen einen dermaßen defensiv auftretenden Gegner brauchte Werder vor allem eins: Geduld. Florian Kohfeldt hatte seine Mannschaft in der Erfolgsformation der vergangenen Wochen auf das Feld geschickt. Max Kruse übernahm wie gewohnt den Part des Zehners in der Bremer Raute. Er ging in der kompakten Ordnung der Freiburger etwas unter.

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Im Fokus stand eher Bremens Aufbau aus der Abwehr. Die Innenverteidiger hatten noch am Ehesten Zeit am Ball und Räume, in die sie vorstoßen konnten. Sie bekamen häufig Unterstützung durch den zurückfallenden Sechser Nuri Sahin. Auffällig war die entstehende Asymmetrie in der Spielanlage: Sahin und Niklas Moisander deckten den Bereich im Zentrum ab, sodass Milos Veljkovic weit auf die rechte Seite herausrücken konnte.

Die Grafik zeigt Veljkovic' Vorstöße in den freien Raum gegen Freiburgs kompakte Defensivstruktur.

Die erfolgreichsten Angriffe fuhr Bremen in der ersten Halbzeit entsprechend, sobald Veljkovic nach vorne rückte. Dieses Vorrücken war eine gute Antwort auf die Freiburger Verteidungsstrategie. Diese versuchten, den Spielaufbau zu Milos Veljkovic zu lenken und auf seiner Seite Zugriff zu erlangen. Mit seinen Vorstößen entzog er sich dem Zugriff.

Beide Teams setzen sich matt

Chancen waren dennoch Mangelware, und zwar auf beiden Seiten. Bremen verhedderte sich an der vielfüßigen Freiburger Defensive. Sobald es in Strafraumnähe ging, fehlte Bremen zudem die Bewegung. Die Spieler verharrten stark in der Struktur, kaum ein Spieler verließ seine Position oder wagte ein Dribbling.

Die positive Kehrtseite des eher statischen Angriffsspiels: Bremen hatte eine gute Struktur, um nach Ballverlusten sofort ins Gegenpressing übergehen zu können. Maximilian Eggestein und Davy Klaassen überzeugten (wie so oft in dieser Saison) mit ihrem guten Timing im Herausrücken. Bremen zwang Freiburg zu langen Bällen, diese konnten Freiburgs Stürmer nicht festmachen. So waren Torgelegenheiten vor der Pause Mangelware.

Chancen erst nach der Pause

Erst nach der Pause gewann das Spiel an Tempo. Abermals war es Streich, der mit einer taktischen Idee seinem Gegenüber Kohfeldt voraus war: Grifo wechselte nach der Pause die Seiten, er ging nach rechts. Zum Einen passte die leicht asymmetrische Struktur der Freiburger nun besser zum Bremer Aufbau, sie stellten Moisander kalt und verteidigten die Vorstöße von Veljkovic besser.

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Zum Anderen belebte Grifos Präsenz auf dem rechten Flügel auch das Konterspiel der Freiburger. Diese fanden nun Räume hinter Klaassen und Eggestein, die durch deren aggressive Rolle im Gegenpressing frei wurden. Zugleich spielte Freiburg schnell die Verlagerung auf halbrechts oder rechts in den freien Raum vor und neben Moisander (gut auf der Grafik zu erkennen). Freiburg hatte nun die besseren Möglichkeiten.

Die Einwechslung von Claudio Pizarro (63., für Yuya Osako) brachte Bremen zurück ins Spiel. Mit Pizarro im Sturm konnte Bremen nun vermehrt Flanken in den Strafraum schlagen. Diese brachten zwar trotz Pizarros Präsenz wenig ein, verhinderten aber zumindest, dass Bremens Passfolgen im Mittelfeld endeten. Dort hatten sie in den Minuten zuvor viele Ballverluste erlitten. Stattdessen wählte Werder nun den sicheren Weg und schlug den Ball direkt in den Strafraum.

Freiburger Aufbäumen nach den Bremer Toren

Pizarro war auch an beiden Bremer Treffern maßgeblich beteiligt. Vor dem 1:0 (76.) wich er auf die rechte Seite aus und leitete mit seiner Flanke das Tor ein. Solche plötzlichen Positionswechsel – in dem Fall aus dem Sturmzentrum nach Rechtsaußen – fehlten Werder in den siebzig Minuten zuvor. Vor dem 2:0 (84.) holte Pizarro mit einem Volleyschuss die Ecke heraus.

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Freiburg legte nach den Bremer Treffern schnell den Schalter um. Streich stellte mit seinen Einwechslungen von kompakter Defensive auf druckvolle Offensive um. Freiburg agierte fortan mit einer Viererkette und einer Raute im Mittelfeld. Mit langen Bällen und viel Wucht konnten sie aus ihrem 4-1-3-2-System noch den Anschlusstreffer erzielen (90.+2). Dabei blieb es aber auch.

Nun könnte man Bremen nach diesem Spiel vorwerfen, gegen disziplinierte Freiburger zu wenig Torchancen herausgespielt zu haben. Nach der Pause hatte Werder sogar Glück, dass Freiburg die guten Kontergelegenheiten nicht verwertete. Doch man kann auch loben, wie reif die Spielanlage der Bremer derzeit ist. Sie haben sich durch den kompakten gegnerischen Block nie aus dem Konzept bringen lassen, haben das Spiel ruhig dominiert und auf ihre Chance gewartet. Wie ein Spitzenteam. Der Traum von Europa, er lebt weiter.

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