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Vor dem Spiel hatte Kohfeldt noch angenommen, dass es „uns 60, 70 Minuten gelingen sollte, die Räume eng zu halten“. Dem war nicht so.

Taktik-Analyse

Mut allein genügt nicht: Werders Taktik gegen den BVB in der Analyse

Kontinuität hieß das Bremer Motto nach dem 3:1-Erfolg gegen Fortuna Düsseldorf. Somit wählte Trainer Florian Kohfeldt auch gegen den BVB eine offensive Taktik. Warum der Plan Dortmund in die Karten spielte und am Ende trotzdem beinahe aufging, analysiert unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.

Eigentlich herrschte in Bremen nach dem 3:1-Sieg gegen Fortuna Düsseldorf eitel Sonnenschein. Endlich wieder ein Sieg, und vor allem: endlich wieder ein Spielsystem gefunden, das funktioniert! Danach hatte Trainer Florian Kohfeldt in den sieglosen Wochen zuvor verzweifelt gesucht.

Eine Woche später stand er jedoch wieder vor einer schweren Frage. Seine Raute mag gegen Abstiegskandidat Düsseldorf die richtige Wahl gewesen sein. Doch kann solch ein offensives System auch gegen den ungeschlagenen Tabellenführer Borussia Dortmund funktionieren?

(Spielbericht: Forsch, aber fehlerhaft)

BVB setzt Werder früh unter Druck

Kohfeldts Antwort lautete: Ja! Er schickte seine Elf erneut in einer Raute auf das Feld. Max Kruse durfte als Zehner hinter zwei Spitzen auflaufen. Nuri Sahin übernahm den Part als einziger Sechser vor der Abwehr.

Werder zeigte keine Scheu und begann das Spiel gewohnt dominant. Aus der Abwehr heraus versuchten sie, den Ball auf die Flügel zu spielen. Bremens Verteidiger machten allerdings schnell Bekanntschaft mit Dortmunds aggressivem Pressing. Die Dortmunder rückten im eigenen 4-2-3-1-System weit vor. Marco Reus störte in vorderster Linie zusammen mit Paco Alcacer, immer wieder liefen sie die Verteidiger an.

(Einzelkritik: Pavlenka mal wieder Klasse)

Dortmund agierte dabei aggressiver als zuletzt. Die Mittelfeld-Reihe rückte weiter vor. Sie wollten Bremen gar nicht erst ins Spiel finden lassen; das kann man durchaus als Kompliment betrachten. Tatsächlich wussten sich Werders Verteidiger häufig nur mit langen Bällen zu helfen. Diese konnte Werder gegen die aufmerksame Innenverteidigung der Dortmunder jedoch nur selten erobern.

Bremens Pressing überzeugt

Bremen begann ebenfalls mit einem aggressiven Pressing. Allerdings liefen Bremens Stürmer nicht ganz so früh an. Sie zogen sich an den Mittelkreis zurück, suchten dort den Zugriff. Positiv: Bremen war äußerst variabel im Spiel gegen den Ball. Manches Mal ließ sich Rashica auf Kruses Höhe fallen, um eine Überzahl herzustellen gegen Dortmunds Doppelsechs. Manches Mal rückte Kruse vor, um Dortmunds Verteidiger aggressiver stören zu können. Es taten sich nur selten Lücken in der defensiven Formation auf; Werders Raute funktionierte also auch gegen einen individuell starken Gegner.

Fotostrecke BVB vs. Werder: Liebe für Sahin und Kohfeldt on fire

 © Gumz
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Das Problem: Durch die guten Pressing-Bemühungen beider Teams entstand ein etwas zerfahrenes Spiel, das von Ballverlusten geprägt war – ein Spiel, das der schnelle BVB liebt. Gerade Sahin war im zentralen Mittelfeld überfordert mit Marco Reus. Der Nationalspieler bot sich ständig neben Sahin an oder startete von dort in die Tiefe.

Durch die flexible Defensivformation konnte Werder zwar häufig verhindern, dass Reus die passenden Zuspiele erhält. Dummerweise machte Werder leichte Fehler, die Dortmund zu schnellen Kontern einlud – sei es nun eine schlechte Absicherung nach einer eigenen Ecke oder ein Fehlpass in der eigenen Hälfte. In der ausgeglichenen ersten halben Stunde kam BVB so zu einer komfortablen 2:0-Führung.

(Reus: „Haben gegen selbstbewusste Bremer Probleme bekommen“)

Beide Teams entdecken die Flügel

In der Folge zog sich der BVB etwas weiter zurück. Sie konzentrierten sich nun auf ein kompaktes Verschieben innerhalb ihrer defensiven 4-4-2-Formation. Dortmunds Außenstürmer rückten dabei dermaßen weit ein, dass Werder fortan Räume auf den Flügeln vorfand. Ein gewonnener zweiter Ball nach einer Flanke führte zum 2:1-Anschlusstreffer noch vor der Pause (35.).

Nach der Pause schien es, als wolle Werder die guten Ansätze auf dem Flügel verstärkt nutzen. Immer häufiger wich Rashica nun auf die Seiten aus, immer offensiver agierten die Außenverteidiger. Tatsächlich gab es die besten Szenen von Werder, wenn sie mit Tempo an der Seitenlinie entlang spielten.

Allerdings entdeckte auch der BVB fortan die Flügel. Linksverteidiger Achraf Hakimi rückte weiter vor, stieß in die Lücke der Bremer Formation vor. Hier taten sich die Schwachstellen der Rauten-Formation auf den Flügeln vor. Rashica musste nun immer wieder auf der rechten Seite aushelfen, um den Marokkaner zu stoppen. Das wiederum beeinträchtigte Werders Angriffsbemühungen.

Hakimi hat in der zweiten Halbzeit das Loch auf Bremens Flügel entdeckt. Rashica musste aushelfen, es zu schließen.

Kohfeldt entdeckt die Offensive

In den letzten zwanzig Minuten sorgte Kohfeldt mit seinen Wechseln für Aufsehen im Signal-Iduna-Park: Er brachte mit Yoyo Osako (72., für Rashica) und Josh Sargent (83., für Eggestein) zwei weitere Angreifer. Bremer Fans dürfte das aber kaum mehr schockiert haben. Es war die typische Alles-oder-Nichts-Strategie von Kohfeldt bei einem Rückstand. Selbst in Dortmund wagt er das Risiko.

(Ein Missverständnis lässt Kohfeldt ausrasten)

Bremen hielt zwar weiter an der eigenen Rauten-Formation fest, besetzte die Positionen aber äußerst offensiv. So bestand die Doppelacht in den Schlussminuten aus Osako und dem bereits in der ersten Halbzeit für den verletzten Davy Klaassen eingewechselten Kevin Möhwald. Allerdings konnte sich Bremen mangels größerer taktischer Umstellungen in der Schlussphase auch keinen Vorteil mehr erarbeiten. Dortmund verteidigte routiniert und lauerte auf den entscheidenden Konter. Am Ende gelang dem BVB kein schneller Gegenstoß mehr, es blieb beim 2:1.

Es wurde ein versöhnlicher Abend für alle Beteiligten: Der BVB kann sich über den Herbstmeister-Titel freuen, während Bremen sich nach der guten Leistung nicht grämen braucht. Das Team hat bewiesen, dass die Raute auch gegen individuell stärkere Gegner funktionieren kann. Das gibt Hoffnung für die kommenden Wochen.

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