+
Schöne Bremer Erinnerung: Durch ein 1:0 gegen Frankfurt rettete sich Werder um Claudio Pizarro im Mai 2016 am letzten Spieltag vor dem Abstieg – und schickte die Hessen in die Relegation. Seitdem hat sich bei der Eintracht allerdings vieles zum Besseren verändert.

Energische Entwicklung

Wie Frankfurt Werder nach dem verlorenen Saisonfinale von 2016 überflügelt hat

Frankfurt/Bremen – Von Frank Hellmann. Eigentlich ist das Weserstadion nicht als reines Stehplatzstadion ausgelegt. Aber sitzen konnte am 14. Mai 2016 schon vor dem Anstoß kaum jemand mehr.

Selbst die Reporter auf der Pressetribüne verfolgten die finalen 90 Bundesliga-Minuten fortwährend stehend, weil sie ansonsten am letzten Spieltag von der Begegnung Werder Bremen gegen Eintracht Frankfurt nur wenig mitbekommen hätten. Die Gastgeber brauchten einen Sieg für den direkten Klassenerhalt, den Gästen genügte ein Remis. Und je länger das Spiel dauerte, desto mehr verbarrikadierte sich die Eintracht. Es kam, was kommen musste: Nach einem Freistoß von Zlatko Junuzovic in vorletzter Minute – verursacht vom gerade eingewechselten Frankfurter Luc Castaignos – bugsierten Anthony Ujah und Papy Djilobodji den Ball in einem Gemeinschaftsakt ins Tor, 1:0, die Rettung für Bremen – und die Relegation für Frankfurt.

Bei den Hausherren lagen sich damals wildfremde Menschen in den Armen, fluteten alsbald den Innenraum, bauten Tore auseinander, rissen Rasenstücke heraus. Derart entrückt waren in Bremen nicht einmal die viel zitierten „Wunder von der Weser“ nach magischen Europapokal-Nächten gefeiert worden. Auf der Tribüne saß Frank Baumann, der bald sein neues Amt als Geschäftsführer Sport antreten sollte. Werders Ehrenspielführer, Kapitän beim Double-Gewinn 2004, sollte bald einen bemerkenswerten Satz sagen: „Unser Anspruch kann nicht sein, den Klassenerhalt am letzten Spieltag zu feiern wie einen Champions-League-Sieg.“

Schon gelesen? So liefen die letzten zehn Werder-Heimspiele gegen Frankfurt

Werder und Frankfurt: Aus Abstiegskandidaten werden Europapokal-Anwärter

Es sollte das Startsignal für ein anderes Denken sein, Baumanns Ziel: Er wollte Werder nach jahrelangem Abstiegskampf mittelfristig wieder als Anwärter auf die Europapokal-Plätze verortet wissen. Fast 25 Millionen Euro hatte er für den ersten Umbau der Mannschaft zur Verfügung, weil die von seinen Vorgängern Thomas Eichin und Rouven Schröder verpflichteten Leistungsträger Jannik Vestergaard und Ujah so viel Ablöse einbrachten. Ungleich schlechter waren die Startvoraussetzungen, als zeitgleich Fredi Bobic in Frankfurt seine Arbeit aufnahm.

Er musste nach dem unter Trainer Niko Kovac in der Relegation gegen Nürnberg errungenen Ligaverbleib mit einem Budget von nur 2,8 Millionen Euro auskommen. Mittlerweile sind die Sportchefs Baumann und Bobic längst anerkannte Gesichter ihrer Clubs. Vor dem Topspiel am Samstagabend (18.30 Uhr) zwischen Werder und Frankfurt sind in beiden Lagern die Europapokal-Ambitionen verbürgt, aber die Ausgangslage hat sich seit Mai 2016 nicht unbedingt zum Bremer Vorteil verändert.

Schon gelesen? „Flo on fire“ - Kohfeldt macht die Werder-Fans heiß

Sportlich: Die Eintracht ist Fünfter, liegt fünf Punkte vor Werder. Und wirtschaftlich: Die Bremer vermeldeten zuletzt knapp 119 Millionen Euro Umsatz, während Frankfurt auf eine Größenordnung von 160 Millionen plus X zusteuert – abhängig davon, wie weit die Mannschaft noch in der Europa League kommt. Der DFB-Pokalsieg in der vergangenen Saison war für die Hessen ein entscheidender Wachstumstreiber, aber das ist es nicht allein, was den Vorsprung ausmacht.

Gewiss, auch die Bremer haben beispielsweise im tschechischen Torhüter Jiri Pavlenka, im schwedischen WM-Teilnehmer Ludwig Augustinsson oder im aufstrebenden Maximilian Eggestein gewisse finanzielle Werte im Kader, aber Frankfurt verfügt allein mit dem als „Büffelherde“ titulierten Trio Sebastien Haller, Ante Rebic und Luka Jovic über einen Sturm, der zusammen locker über 150 Millionen Euro Transfererlöse einbringen würde. Deutlich machen den Unterschied auch diese Zahlen: Das Internetportal „transfermarkt.de“ weist für Werder einen Gesamtmarktwert von 131 Millionen Euro, für die Eintracht einen von 208 Millionen Euro aus.

Schon gelesen? Als Trainer Adi Hütter Werder einen Korb gab

Frankfurt schlägt weitere wichtige Pflöcke ein

Auch bei den Themen Internationalisierung, Auslands- und Eigenvermarktung sowie beim Ausbau der eigenen Arena schlägt die Eintracht gerade wichtige Pflöcke ein. Ein neues Domizil für Geschäftsstelle und Profi-Trakt entsteht, während in Bremen über vergleichbare Projekte (Stichwort: Nachwuchsleistungszentrum) erst diskutiert wird. Der Standort des Vereins, direkt an der Weser, ist idyllisch, stiftet Identität – ist aber nicht immer ein Vorteil.

Unter Trainer Florian Kohfeldt ist bei Werder sportlich trotz der Durststrecke am Ende der Hinrunde aber ein klarer Aufwärtstrend erkennbar. Auch deshalb hat der Verein das Ziel Europa ausgegeben. Ob das wirklich realisierbar ist – dafür wird die Partie gegen Frankfurt weitere Fingerzeige liefern. Auch wenn die meisten Fans das Spiel dieses Mal vermutlich im Sitzen verfolgen werden.

Schon gesehen?

Vor dem Frankfurt-Spiel: Die Highlights der Werder-PK in 189,9 Sekunden

Auch interessant

Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Was denkst Du über den Artikel?

Kommentare