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Werder-Coach Florian Kohfeldt gibt im Spiel gegen Leipzig immer wieder Anweisungen von der Seitenlinie.

Taktik-Analyse

Gegen Leipzig passte fast alles aus taktischer Sicht – aber eben nur fast

Aus taktischer Sicht ist den Bremern nach dem 0:2 gegen RB Leipzig wenig vorzuwerfen. Ein taktischer Kniff hat Leipzig sogar vor große Probleme gestellt. Welcher Kniff gemeint ist und warum Bremen trotz guter Defensivleistung dennoch verlor, ergründet unser Taktik-Experte Tobias Escher.

Der 4:0-Triumph gegen Hannover 96 bewies, dass der neue Coach Florian Kohfeldt seinen Bremern neues Leben eingehaucht hat. Gegen Hannover überzeugte Werder vor allem mit einer flexiblen Offensive. Gegen Vizemeister RB Leipzig waren andere Tugenden gefragt: Bremen stand vor der Aufgabe, die temporeiche Offensive der Leipziger lahmzulegen. Das gelang der Bremer Mannschaft ausgesprochen gut.

Kohfeldt setzt auf neue Formation

Kohfeldt stellte seine Mannschaft im Vergleich zur Vorwoche taktisch etwas um. Statt mit einem 4-3-3-System wie gegen Frankfurt und Hannover begann Bremen mit einer Fünferkette. Davor stellte Kohfeldt eine Viererreihe auf. Die nominellen Außenstürmer Fin Bartels und Thomas Delaney agierten hier relativ zentral hinter Max Kruse. Die Formation pendelte damit zwischen einem 5-4-1 und einem 5-2-3.

Egal, mit welcher Zahlenkombination man das System beschreiben will: Dass sich das Mittelfeld relativ zentral orientierte, hatte einen guten Grund. Bremen wollte verhindern, dass die Leipziger das Spiel durch das Zentrum aufbauen. Hier schaffen die Leipziger normalerweise Überzahlen, um mit direktem Passspiel das Mittelfeld des Gegners zu überwinden. Die Außenstürmer des Leipziger 4-4-2-Systems, gegen Bremen Emil Forsberg und Kevin Kampl, ziehen dazu in die Mitte. Bremen verhinderte, dass Leipzig eine Überzahl im Zentrum hatte.

Konter über die rechte Seite

Bremens Ziel war es, den Ball im Mittelfeld zu gewinnen. Im Anschluss spielte Bremen den Ball direkt auf die rechte Seite. Über diesen Flügel liefen die meisten Konter. Hier hatte Bremen einen interessanten taktischen Mechanismus: Bartels startete nach Ballgewinn sofort diagonal in Richtung Tor. Maximilian Eggestein sprintete aus dem Mittelfeld-Zentrum auf die frei werdende rechte Seite.

Maximilian Eggestein im Spiel gegen RB Leipzig.

Mit diesem im Grunde simplen Trick narrte Bremen die Leipziger Abwehr mehrere Male. Vor allem Bartels überzeugte mit einem starken ersten Kontakt und agilen Dribblings. Er bekam immer wieder den Ball und konnte in der Folge Kruse anspielen oder mit einer Verlagerung das Spiel breit machen. Leider spielte Bremen diese Angriffe zu selten zu Ende, auch weil Leipzigs Abwehr stets schneller war als Bremens Angreifer. Sie gewannen die Sprintduelle um Bälle hinter die Abwehr.

Nur wenige Bremer Mankos – dafür leider entscheidende

Der fehlende letzte Pass war eins der wenigen Bremer Mankos. Ansonsten hielten sie die Leipziger vom eigenen Kasten fern und setzten selbst Nadelstiche in Form von Kontern. Leipzig kam nur in wenigen Situationen gefährlich vors Tor. Meistens war dies der Fall, wenn ihre Außenverteidiger das Spiel direkt auf die Außen eröffneten und daraufhin in die Tiefe starteten. Bremens Verteidigung hatte Mühe, diese Läufe aufzunehmen. Mit der Zeit wählte vor allem Sechser Diego Demme vermehrt diesen Laufweg. Er ließ sich dazu aus dem engen Zentrum auf die Außenverteidiger-Position fallen.

Fotostrecke: Mutige Bremer ohne Zählbares

Werder Bremen gegen RB Leipzig
Nach dem Sieg über Hannover traf Werder am Samstag auf Ralph Hasenhüttls Leipziger.   © nordphoto
Werder Bremen gegen RB Leipzig
Die Grün-Weißen spielten mutig und kombinierten sich zu Chancen. Maximilian Eggestein hatte Möglichkeiten, brachte den Ball aber nicht im Leipziger Tor unter. © nordphot
Werder Bremen gegen RB Leipzig
Auch die Leipziger hatten gute Szenen, brachten die Bremer Abwehr immer wieder in Bedrängnis. © nordphoto
Werder Bremen gegen RB Leipzig
Ein weiterer Verteidiger auf beiden Seiten: Der nasse Rasen in der Red Bull Arena. Hier verhinderte er einen Schuss von Timo Werner in der 24. Minute.   © nordphoto
Werder Bremen gegen RB Leipzig
In der 34. Minute dann das Tor für RB Leipzig: Naby Keita kam frei im Strafraum an den Ball, Jiri Pavlenka war mit den Fingerspitzen noch dran, konnte den Ball aber nicht ablenken.  © Gumz
Werder Bremen gegen RB Leipzig
Die zweite Hälfte blieb umkämpft, Werder ließ nach dem Rückstand nicht nach.  © Gumz
Werder Bremen gegen RB Leipzig
Fin Bartels hatte in den ersten 45 Minuten bereits eine gute Möglichkeit und lieferte in der 57. Minute noch einen Fallrückzieher. Leipzig-Keeper Peter Gulacsi konnte den Ball aber festhalten. © Gumz
Werder Bremen gegen RB Leipzig
Auch der gegen Hannover überragende Max Kruse kam zu Torschüssen, aber keiner erreichte das Ziel.  © nordphoto
Werder Bremen gegen RB Leipzig
Ein Eckball brachte in der 87. Minute die Entscheidung, Bernardo traf für Leipzig. Trotz einer couragierten Leistung ging die Partie damit 0:2 verloren. © nordphoto

Der andere Weg, über den Leipzig vor das Tor kam, war ihr liebster Angriffsweg: per Konter. Teils überließen die Leipziger den Bremern die Kugel. Sie bauten sich in ihrem engen, perfekt abgestimmten 4-4-2-System auf. Sie wollten Bremen zu Pässen ins Mittelfeld-Zentrum verleiten. Bremens Spieler ließen sich lange nicht ködern – bis sie vor dem 0:1 einen Ball im Zentrum verloren. Naby Keitas Fernschuss war aufgrund des vorausgehenden Flipper-Elements eher ein Glückstreffer (34.).

Starke zweite Halbzeit

In der Halbzeit-Pause änderte Kohfeldt seine Taktik nicht, im Gegenteil: Bremen machte genau dort weiter, wo sie vor der Pause aufgehört hatten. Bartels und der nach rechts ausweichende Eggestein blieben die präsentesten Spieler, prüften immer und immer wieder die Leipziger Abwehr. Auch die Außenverteidiger schalteten sich nun vermehrt in die Bremer Angriffe ein. Die passiver verteidigenden Leipziger hatten in dieser Phase Probleme, sich aus dem Bremer Offensivgriff zu befreien. Bremen überzeugte vor allem mit Kombinationssicherheit.

Da der Ausgleich allerdings nicht fallen wollte, musste Kohfeldt noch mehr riskieren. Die Einwechslung von Florian Kainz (66., für Philipp Bargfrede) änderte noch nichts am System, Delaney übernahm Bargfredes Position. Mit der Einwechslung von Ishak Belfodil (79., für Lamine Sané) stellte Kohfeldt auf ein 4-3-3-System um. Leipzig fand nun mehr Räume zum Kontern vor, kam direkter hinter die Viererkette als zuvor hinter die Fünferkette. Das 2:0 war die logische Folge (87.).

Trotz des 0:2 bleibt am Ende ein gutes Gefühl. Bei besserer Chancenverwertung wäre für Bremen sogar ein Unentschieden möglich gewesen. Vor allem bewies Kohfeldt, dass er gut zwischen Offensive und Defensive balancieren kann.

Tobias Escher

Zur Person: Tobias Escher ist ein freier Journalist, der sich als Taktikexperte bundesweit einen Namen gemacht hat. Er ist Autor der Website spielverlagerung.de sowie Experte bei Bohndesliga, einem ganz besonderen Fußball-Format im Internet. Der 29-Jährige schreibt für die „Welt“ und „11Freunde“ und war als Taktikexperte auch für TV-Sender wie Sky und ZDF tätig - mal im Vorder-, mal im Hintergrund. Absolut zu empfehlen sind seine Bücher „Vom Libero zur Doppelsechs“ und „Die Zeit der Strategen: Wie Guardiola, Löw, Mourinho und Co. den Fußball neu denken“ (erscheint im März 2018). Tobias Escher wird in dieser Saison alle Pflichtspiele des SV Werder Bremen exklusiv für die DeichStube analysieren.

Einzelkritik: Bartels ohne Glück, Pavlenka ohne Chance

Jiri Pavlenka
Jiri Pavlenka: Saisonbilanz vor dem Anpfiff: 80,3 Prozent gehaltene Schüsse – bester Wert der Liga. Aber als Naby Keita 20 Meter vor dem Tor zum Abschluss kam und den Ball via Innenpfosten ins Netz schickte, war Werder-Schlussmann Pavlenka absolut chancenlos. Ebenso beim 0:2. Bei Schüssen von Demme, Kampl und Bernardo aber auf dem Posten. Note 3  © nordphoto
Milos Veljkovic
Milos Veljkovic: Behauptete sich gut gegen die starke Leipziger Offensive, gewann einige wichtige Zweikämpfe. Note 3  © nordphot o
Lamine Sane
Lamine Sane (bis 79.): In den zuvor zwei Spielen unter seiner Regie hatte Coach Kohfeldt auf den Innenverteidiger und Stammspieler verzichtet. Jetzt spülte die Rückkehr zur Dreier- beziehungsweise Fünferkette Sane wieder in die Startelf und ins Abwehrzentrum. Dem Senegalesen unterliefen zunächst ein paar ungenaue Abspiele. Schlussendlich war es eine ordentliche Vorstellung. Auffällig allerdings: Sane bestritt nur vier Zweikämpfe – deutlich weniger als seine Nebenleute Moisander (8) und Veljkovic (9). Note 3  © imago
Niklas Moisander
Niklas Moisander: Nach dem 4:0 gegen Hannover hatte er sich noch verliebt in die Viererkette gezeigt („Das funktioniert besser“), nun war es doch wieder eine andere Abwehrformation, in der er für Sicherheit sorgen sollte. Moisander, in Vertretung von Junuzovic als Kapitän aufgelaufen, hatte ordentlich zu tun, erst in der Schlussphase schlichen sich Fehler ein, als er sich austricksen ließ. Note 3  © nordphoto
Theodor Gebre Selassie
Theodor Gebre Selassie: Spielte den Rechtsverteidiger mit der Lizenz zu gefährlichen Vorstößen. Aber Gebre Selassie war keine Bereicherung für das Bremer Spiel, trat kaum in Erscheinung. Note 4  © nordphoto
Ludwig Augustinsson
Ludwig Augustinsson: Linker Läufer, optional Außenverteidiger – diese Mischrolle mag der Schwede nicht so gerne. Ähnlich spielte er dann auch. Nichts Halbes und nichts Ganzes. Seine Eckbälle und Flanken, von denen es einige gab, erreichten die Mitspieler nicht. Lediglich eine Freistoßhereingabe beschwor Gefahr herauf – durch ein Beinahe-Eigentor von Leipzigs starkem Innenverteidiger Upamecano. Note 3,5 © nordphoto
Philipp Bargfrede
Philipp Bargfrede (bis 66.): Ihm muss eine Portion Mitschuld am 0:1 zugewiesen werden. Der Routinier verlor an der Mittellinie den Ball, ging selbigem aber nicht nach, sondern blieb stehen. Das ist nicht Bargfrede-like. Als Sechser ansonsten durchaus positiv auffällig. Aber der eine Fehler verdunkelt die Bilanz. Dass er nicht durchspielt, ist mittlerweile Gewohnheit. Note 3,5 © nordphoto
Maximilian Eggestein
Maximilian Eggestein: Wenn sich Werder defensiv formierte, spielte er oft auf einer Höhe mit Bargfrede und Delaney, Eggestein durfte sich aber auch nach vorne wagen und gab den ersten Bremer Torschuss ab – der blieb jedoch ungefährlich und landete am Außennetz (14.). Eggestein war mit 13,44 zurückgelegten Kilometern und 103 intensiven Läufen erneut der lauffreudigste Bremer. Note 3  © Gumz
Thomas Delaney
Thomas Delaney: Die kurze Fehlerkette vor dem 0:1 fing bei Bargfrede an und endete bei Delaney. Ein Stockfehler des Dänen geriet zur Vorlage für Leipzigs Torschützen Keita. Bitter für Delaney, der weite Wege ging und über den viel lief. Seinen Pass auf Kruse hätte der Torjäger an jedem anderen Tag wohl mit dem Ausgleich veredelt (49.). Ohne den einen Patzer hätte es nichts zu meckern gegeben. Note 3  © nordphoto
Fin Bartels
Fin Bartels: Mangelnden Mut oder gar Einsatz konnte man ihm nicht vorwerfen. Bartels war emsig, fleißig, probierte viel. Das verlangte die Position auch, denn er pendelte zwischen Mittelfeld und Angriff. Sein Fallrückzieher muss noch als artistische, aber glücklose Aktion eingestuft werden. Bei der zweiten dicken Chance hätte Bartels jedoch präziser abschließen müssen. So blieb viel Fleiß, aber kein Preis. Note 3,5  © nordphoto
Max Kruse
Max Kruse: Es war nicht der Kruse aus dem Hannover-Spiel. Der Leipzig-Kruse hatte wenige Aktionen – und wenn er doch in Erscheinung trat, versprang ihm der Ball (49.) oder er schloss schwach ab (72.). Das kann er deutlich besser. Note 4,5  © nordphoto
Florian Kainz
Florian Kainz (66.): Bemühte sich, aber die zündende Idee hatte auch er nicht. Note -  © Gumz
Ishak Belfodil
Ishak Belfodil (ab 79.): Auch er setzte keine Impulse mehr. Note - © nordphoto

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