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Die Mannschaft von Werder-Trainer Alexander Nouri (r.) macht zunehmend taktische Fortschritte.

Taktik-Analyse

Fünf Tore aus sieben Chancen: Werder eiskalt im Breisgau

Bremen - Von Cedric Voigt. Die Werder-Festspiele gehen weiter. Mit dem furiosen 5:2-Auswärtssieg gegen den SC Freiburg klettern die Bremer weiter in Richtung gesichertes Tabellenmittelfeld. Wie hat das geklappt? Die Taktik-Analyse.

Werder feierte am Samstag den fünften Sieg in zuletzt sechs ungeschlagenen Spielen. Dabei war es gerade zu Spielbeginn eigentlich eine Begegnung auf Augenhöhe, deren Ausgang lange ungewiss schien. Werder startete erneut in der bewährten 3-1-4-2-Grundordnung: Mit Max Kruse kehrte ein lauf- und spielstarker Angreifer in den Bremer Sturm zurück, Claudio Pizarro musste sich mit der Jokerrolle begnügen. In der Abwehr musste Lamine Sané kurzfristig passen, an seiner Stelle rückte Niklas Moisander auf die zentrale Position der Dreierkette. Halblinks wurde so Platz für das Comeback von Luca Caldirola frei. Die Geschichte des Spiels wurde jedoch im dichten Bremer Mittelfeld geschrieben: Für den verletzten Zlatko Junuzovic rückte Allrounder Thomas Delaney auf die etwas offensivere Achterposition. Seinen Part im Spielaufbau übernahm Maximilian Eggestein.

Die ersten 20 Minuten wirkten von Bremer Seite wie ein vorsichtiges Abtasten. Im Spielaufbau ging die Mannschaft von Trainer Alexander Nouri wenig Risiko. In mancherlei Hinsicht wirkte die Anfangsphase wie ein Abziehbild der jüngsten Partie gegen RB Leipzig: Wie schon die Sachsen attackierte auch das im 4-4-1-1 startende Team von Christian Streich die Bremer Innenverteidiger mit hohen Flügelspielern und einem zentralen Stürmer, während Janik Haberer nur auf dem Papier als zweite Spitze agierte und sich deutlich tiefer zumeist an Eggestein im Sechserraum orientierte. Auch Freiburg fächerte so eine Raute gegen den Ball auf, die bei riskanten Zuspielen durchs Zentrum blitzschnell den Raum hätte verengen und den ballführenden Werderaner unter Druck setzen können.

Einzelkritik: „Danish Dynamite“ explodiert

Den Grün-Weißen blieb somit nur der Weg über die Flügel – oder direkt der lange Ball, meist von Felix Wiedwald geschlagen, in Richtung des umtriebigen Duos aus Max Kruse und Fin Bartels. So ergab sich eine Partie, in der Werder im Stile einer klassischen Auswärtsmannschaft kaum Ballbesitz sammeln konnte – allerdings ließ man auch kaum Chancen zu. Die Freiburger waren ihrerseits statt auf Risikovermeidung auf Ballsicherheit bedacht, Sechser Mike Frantz ließ sich im Aufbau zumeist zwischen die Innenverteidiger Manuel Gulde und Marc-Oliver Kempf fallen, um die Partie ruhig und souverän zu eröffnen.

Der Spielrhythmus der Anfangsphase ließ ohnehin noch kein Tor-Festival erahnen – Chancen waren rar, Tempowechsel durch kreative Ideen der Freiburger oder schnelle Gegenstöße der Bremer eine Seltenheit. Das spielerische Übergewicht lag jedoch zunächst bei den Gastgebern: Im Zentrum unterstützten der zurückfallende Haberer und Vincenzo Grifo, der als verkappter Spielmacher immer wieder vom linken Flügel nach innen zog, die Freiburger Angriffsbemühungen.

Dreierkette federt Freiburgs schwache Angriffe ab

So ging die Mannschaft Christian Streichs gegen den dichten Bremer Mittelfeldblock, in dem Delaney, Eggestein und Grillitsch eine konzentrierte Defensivleistung zeigten, zwar nicht unter, sie fand gegen die zahlenmäßigen Vorteile der tief stehenden Bremer allerdings auch kein zuverlässiges Mittel, um sich Chancen zu erspielen. Im Zweifel spielten sie den Ball hinaus auf die energisch aufrückenden, aber eher spielschwachen Außenverteidiger – gefährlich wurde es so kaum. Die größte Gelegenheit im ersten Abschnitt resultierte folgerichtig aus einem Freistoß Grifos, den Rest der Freiburger Angriffsbemühungen federte die erneut souverän auftretende Dreierkette gut ab.

Auf der anderen Seite zeigten die Bremer einmal mehr, dass es die Effizienz vor dem gegnerischen Tor ist, die gute Spiele von sehr guten Spielen unterscheidet. Dabei ließ sich in Hälfte eins sogar noch streiten, ob es wirklich eine gute Partie war – eigene Nadelstiche setzten die Bremer nur sehr vereinzelt, dafür aber überaus erfolgreich. Die Strategie der langen Bälle zahlte sich gleich zweifach aus: Erst ein langer Abschlag, aus dem durch Bartels' direktes Gegenpressing eine Abschluss-Gelegenheit für Max Kruse entstehen konnte, und mit dem Pausenpfiff eine herrliche Verlagerung von Milos Veljkovic auf den eingewechselten Vorlagengeber Santiago Garcia besorgten die einzigen beiden echten Bremer Möglichkeiten in den ersten 45 Minuten und die ersten beiden Treffer des Spiels.

Thomas Delaney und Max Kruse spielen im Bremer Umschaltspiel eine zentrale Rolle.

Das 2:0 markierte nicht nur einen taktischen Wendepunkt in der Partie – zur Pause zog Freiburgs Coach Christian Streich alle seine Wechsel und ließ Julian Schuster noch konsequenter als den nun konstant höher aufrückenden Frantz als zentrale Figur einer Aufbaudreierkette auflaufen. So erlaubte Streich seinen Außenverteidigern noch mehr offensive Freiheiten, während Vincenzo Grifo und Janik Haberer nun noch deutlicher das Mittelfeldzentrum kreativ ausfüllten, statt nur von ihren Grundpositionen zu unterstützen.

Vor allem eröffnete der zweite Bremer Treffer die große Thomas-Delaney-Gala: Werders dänischer „Messias“ wider Willen kam nach verhaltener Anfangsphase in der nun offener geführten Partie immer besser zur Geltung, unterstützte situativ mit seinem Herausrücken aus der Grundordnung das Bremer Pressing und konnte vor allem mit seinem schon in Kopenhagen berüchtigten Offensivkopfball glänzen. Die Treffer zum zwischenzeitlichen 3:0 und zum 5:2-Endstand schrieben noch dazu die Geschichte der Bremer Standard-Stärke der der letzten Wochen fort: Im zweiten Anlauf nach einem Eckball und mit einem punktgenauen Kainz-Freistoß konnte Werder jeweils auf drei Tore davonziehen. Auch nach ruhenden Bällen bleibt die Bremer Erfolgsquote dieser Tage enorm hoch.

Drei Phasen des Bremer Umschaltspiels

Doch auch aus dem Spiel heraus ergaben sich für Werder gegen ein Freiburg unter Zugzwang zusehends Kontergelegenheiten: Die Gastgeber konnten es sich nicht leisten, die anfängliche Absicherung angesichts des Spielverlaufs aufrechtzuerhalten, und das Bremer Umschaltspiel tat sein Übriges. Dabei ließ sich die positive Bremer Entwicklung auch in diesem Teilbereich des Spiels in drei Phasen erkennen: Im Moment der Balleroberung orientieren sich gerade Bremens zentrale Mittelfeldspieler mittlerweile schnell an ihren Mitspielern. Weder wird versucht, mit dem Ball am Fuß möglichst viele Meter zu machen, noch möchte man direkt mit dem ersten Kontakt die gegnerische Formation überspielen – Grillitsch, Eggestein und Co. leiten immer häufiger kurz zum besser postierten Nebenmann weiter.

Dort beginnt die zweite Phase – die schnelle Eröffnung auf einen der Offensivspieler, zumeist Kruse oder Bartels. Die Bremer Stürmer positionieren sich hierfür meist frühzeitig klug und anspielbar in Flügelnähe, noch dazu bringen sie die nötigen Fähigkeiten mit, sich über kurze Dribblings Raum zu verschaffen. In der dritten Phase wird der Abschluss herausgespielt – und hier kommt wieder der vielgelobte Delaney ins Spiel: Sowohl vor seinem ersten Treffer als auch vor der etwas unfreiwillig wirkenden Vorlage für Fin Bartels stößt der Däne mit einem energischen Lauf aus dem Rückraum nach, wirkt gedankenschneller als die Freiburger Sechser und sorgt aus zentraler Position für Gefahr.

Große Delaney-Show in Freiburg

Der Start in die Englische Woche ist geglückt, die Formkurve zeigt unentwegt nach oben – auch die Gegentreffer, ein tollpatschig verursachter Strafstoß und ein stark abgeschlossener Distanzschuss, geben keinen Anlass, Grundsätzliches zu hinterfragen. Allerdings: Werder reitet zurzeit auch auf einer kleinen Welle. Dass vieles gelingt, liegt an mannschaftstaktischen Fortschritten, guter Detailarbeit gerade im Umschaltspiel und bei Standards sowie starken Einzelspielern wie Max Kruse oder Thomas Delaney, die auch perspektivisch wieder Lust auf Werder machen.

Doch so, wie bei der Niederlagenserie zu Jahresbeginn damit zu rechnen war, dass die guten Ergebnisse folgen würden, wird auch die derzeitige Serie irgendwann reißen: Die aktuelle Chancenverwertung liegt weit über dem statistischen Mittelwert, mit fünf Treffern aus nur sieben Schüssen auf das Freiburger Tor kann Werder enorm zufrieden sein. Entscheidend bleiben zwei Dinge: Der Klassenerhalt und die spielerische Entwicklung des Teams. Alexander Nouri und seine Mannschaft liefern aktuell für beide Punkte gute Argumente.

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