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Werder stürzt nach der vierten Pleite in Folge noch tiefer in die Krise. 

Taktikanalyse zum Spiel gegen Gladbach

Werder überrumpelt und ausgesperrt 

Bremen - Von Cedric Voigt. Und plötzlich ist das Ergebnis nicht mehr das Einzige, was nicht stimmt: Der SV Werder musste den konterstarken Gladbachern erst ins offene Messer laufen, um sich dann doch noch auf den Gegner einzustellen. Aber Punkte gab es wieder keine. Die Taktikanalyse. 

Auch im vierten Spiel des Jahres starteten die Bremer im bislang ansehnlichen, aber erfolglosen 3-1-4-2/5-3-2. Im Vergleich zur Vorwoche stellte sich den Gladbachern diesmal eine runderneuerte linke Defensivseite in den Weg: Santiago Garcia rückte nach seiner Sperre zurück auf die Position des linken Flügelverteidigers, Niklas Moisander kehrte nach Verletzung für Ulisses Garcia als linker Innenverteidiger in die Dreierkette zurück. Ansonsten vertraute Alexander Nouri derselben Elf wie zuletzt: Kapitän Fritz blieb auf der Bank, Serge Gnabry startete als rechter Achter, Fin Bartels unterstützte leicht rechtsversetzt den erneut viel ausweichenden Max Kruse im Sturmzentrum.

Hazard als Gladbacher Schlüsselspieler

Dieter Heckings Fohlenelf präsentierte sich demgegenüber in einem eher simplen 4-4-2: Die Viererkette der Gäste bot zwar ein Wiedersehen mit Ex-Bremer Jannik Vestergaard, aber doch eher konventionelle Ideen im Aufbau. Den etwas tieferen Part der Doppelsechs übernahm der laufstarke Christoph Kramer, daneben agierte Kreativspieler Mahmoud Dahoud. Gegen den Ball orientierten sie sich häufig mannorientiert an den Bremer Achtern. Flankiert wurde das Duo von den pfeilschnellen Fabian Johnson und Patrick Herrmann. Im Angriff starteten Andre Hahn als Stoßstürmer und Thorgan Hazard, der gerade beim eigenen Ballbesitz häufiger etwas ausweichend als hängende Spitze agierte.

Der Belgier sollte sich als Schlüsselspieler bei den Gladbachern erweisen: Hazard war nicht nur in der Lage, auch mit dem Rücken zum Tor die Konterangriffe der Gäste schnell zu machen und die sprintstarken Außenspieler einzusetzen, sein Bewegungsspiel sorgte auch dafür, dass Werder in der Struktur der anfänglichen Formation kaum Zugriff auf ihn hatte und den Stürmer häufig von herausrückenden Innenverteidigern mannorientiert verfolgen ließ – bei Hazards Aktionsradius keine gute Idee und ein Garant für defensive Lücken.

Beide Mannschaften begannen die Partie aktiv: Das Bremer Pressing stellte die Gladbacher zunächst durchaus vor Probleme, allein in der Anfangsviertelstunde zwang man Yann Sommer, Christoph Kramer und Co. mehrfach zu Fehlpässen, nervösen Abstößen und anderen kleinen Unsicherheiten. Wirklich Kapital schlagen ließ sich daraus jedoch noch nicht: Gelang den Bremern mal ein relativ hoher Ballgewinn, war Gladbach zumeist dennoch mit ausreichend Defensivspielern abgesichert oder Werder hatte sich bereits zu großen Teilen in die eigene Hälfte zurückgezogen. Im direkten Gegenpressing war man trotz des punktuellen Drucks wenig erfolgreich.

Gladbacher Konterstärke bestraft zu riskantes Aufrücken

Tatsächlich leitete ein missglückter Versuch aggressiveren Forecheckings sogar das Tor des Tages für die Gäste ein: Niklas Moisander war bis tief in die Gladbacher Hälfte mit vorgerückt, um den erneut zurückfallenden Thorgan Hazard bereits früh zu stellen und den Bremer Druck aufrecht zu erhalten. Der Gladbacher war jedoch in der Lage, sich mit einem One-Touch-Abspiel zu befreien – in diesem Moment waren sowohl Santiago Garcia als auch Moisander, also der linke Flügel- und der linke Innenverteidiger, bereits weit vor der Mittellinie überspielt. Christoph Kramer stieß derweil ins Bremer Mittelfeld-Vakuum: Der von seiner halbrechten Position eingerückte Serge Gnabry zeigte sich im Rückwärtsgang zu zögerlich.

Da zappelt der Ball zum 0:1 im Bremer Tor und Serge Gnabry (links) schaut zum Himmel auf - kann es kaum glauben.

Thomas Delaney musste zeitgleich Moisanders Position in der Kette, die Bewachung des ins Zentrum eingestarteten Patrick Herrmann und die Kontrolle des Bremer Sechserraumes übernehmen: Eine Herkulesaufgabe, von der kein Aspekt so richtig gelang. Den Rest erledigten Hazards Tempovorteile gegenüber Garcia auf der blanken linken Bremer Defensivseite und ein starker Abschluss aus spitzem Winkel, nachdem Kramer quergelegt hatte. In der Folge beruhigte sich das Spiel etwas. Die Gladbacher drückten nicht sofort auf den zweiten Treffer, während die Bremer ihrerseits das Risiko beim Aufrücken etwas zurückfuhren, um nicht sofort in den nächsten Gegenstoß zu laufen.

Die Angriffsbemühungen des SV Werder liefen derweil wie schon in den Vorwochen zumeist über die linke Offensivseite. Niklas Moisander war hier als aufbaustärkster Verteidiger einer der Fixpunkte. Häufig versuchte der Finne mit flachen Anspielen ins Mittelfeldzentrum beispielsweise die zurückfallenden Stürmer zu erreichen. Zogen sich die Gladbacher Ketten um das dicht besetzte Zentrum zusammen, wurde versucht, den Ball wieder auf den Flügel zu Santiago Garcia zulegen, der erneut mit einem Diagonalball in den Gladbacher Zwischenlinienraum die sich mittlerweile zurück in den Strafraum orientierenden Bartels und Kruse oder die nachstoßenden Gnabry und Junuzovic suchte.

Neben einer Großchance von Fin Bartels kurz nach dem frühen Rückstand entstanden jedoch hauptsächlich wenig gefährliche Distanzschussgelegenheiten. In der Rückwärtsbewegung entstanden derweil noch vereinzelt ähnliche Probleme wie vor dem ersten Gladbacher Treffer: Das hohe Aufrücken Garcias eröffnete den Gladbachern nach gut dosierten langen Bällen oder Verlagerungen immer wieder Räume. Der Argentinier schien bisweilen mit den taktischen Anforderungen des 3-1-4-2 etwas überfordert zu sein und offenbarte auch jenseits von Kontersituationen immer wieder Probleme im Stellungsspiel.

Rückkehr zum 4-4-2 sorgt für optische Überlegenheit

Alexander Nouri reagierte folgerichtig zur Pause und stellte auf ein 4-4-2 um, wie es gegen Ende des Vorjahres erfolgreich gewesen war. Für den angeschlagenen Milos Veljkovic kam Claudio Pizarro als zweite Spitze, für Santiago Garcia kam mit Theodor Gebre Selassie ein Rechtsverteidiger, während Robert Bauer von nun an links in der Kette verteidigte. Zlatko Junuzovic übernahm die Rolle neben Thomas Delaney auf der Doppelsechs, agierte jedoch im eigenen Ballbesitz etwas offensiver, während Delaney sich als zusätzliche Anspielstation im eigenen Ballbesitz häufiger freilief. Heckings Gladbacher reagierten pragmatisch auf die Bremer Umstellungen: Die Gäste zogen sich nun noch weiter zurück und arbeiteten gegen die Bremer Formation, die nun die der Gladbacher fast spiegelte, noch deutlicher mit Mannorientierungen.

Einzelkritik: Kruse ohne Geistesblitze, Gnabry böse abgerutscht!

Werder erspielte sich in der Folge noch ein deutlicheres Ballbesitzplus als ohnehin schon, konnte allerdings auch mit der verstärkten Offensive kaum Chancen kreieren: Gegen die zumeist kompakt stehenden, absichernden Gäste bekamen die Außenspieler Bartels und Gnabry nicht die Räume, die sie für gewöhnlich auszunutzen versuchten, während Kruse und Pizarro jeweils nicht die Stürmertypen waren, um wie in der Vorwoche Augsburg mit Bobadilla eine effektive Brechstangen-Variante spielen zu können. Zudem waren die beiden Routiniers auch weiterhin oft zurückfallend in den Aufbau mit eingebunden.

So blieb es auch in der zweiten Hälfte nach vorne bei viel spielerischem Stückwerk – zwar schaffte man es, den Druck zu erhöhen und kam auch zu mehr Abschlüssen. Mit der Führung im Rücken hatte man es den Gladbachern jedoch erlaubt, sich komplett zurückzuziehen und hinter zwei defensiven Viererketten zu verschanzen. Das bot den Gästen jenseits vereinzelter schlecht ausgespielter Konter und einer Großchance Hahns nach einer Einwurfvariante wenig Entlastung, sorgte aber für eine zuverlässige Endverteidigung und eine geringe Bremer Chancenqualität. Auch Aron Johannsson als zusätzlicher Stürmer konnte nichts mehr bewegen, während Hecking sein System später nur noch durch die Hereinnahme von Konterstürmer Josip Drmic sowie weitere Defensivwechsel veränderte.

4-4-2 oder 3-1-4-2: Zeit für einen Schritt zurück statt für zwei Schritte vor?

Ähnlich wie in den Vorwochen sprechen nach der Partie die meisten Statistiken gar nicht so sehr gegen Werder – außer der Torstatistik. Anders als zuletzt gab es nach der Gladbacher Niederlage jedoch keine Stimmen aus dem Mannschaftsumfeld, die eher mit fehlendem Spielglück als mit der eigenen Leistung haderten. Zurecht: Die unzureichende Raumkontrolle gerade auf der linken Abwehrseite war ein Defizit, das sich bereits vor der Partie angekündigt hatte. Die Gladbacher bespielten diese Problemzone konsequent und kamen zu Chancen, die Vernachlässigung einer ausreichenden Absicherung tat ihr Übriges.

Das temporeiche Umschaltspiel der Gladbacher dürfte zudem niemanden in Bremen als große Neuheit überrascht haben: Es ist eigentlich sogar eine bekannte, womöglich gar eine charakteristische Stärke der Fohlenelf. Im zweiten Durchgang gelang es dann mit der Doppelbesetzung der Flügel besser, solche Angriffe zu unterbinden. Hätte Werder also von Beginn an auf das simplere 4-4-2 vertrauen sollen? Vermutlich, wenngleich der Spielverlauf und die Gladbacher Reaktion auf diese Wahl natürlich schwer zu prognostizieren wäre.

Eine Aussage über die Zukunft des 3-1-4-2 sollte allerdings nicht allein auf Basis dieser Partie getroffen werden – viel wichtiger als die bloßen Zahlenspielereien sind einerseits Anpassungen an die Spielweise des Gegners, dessen Stärken und Schwächen und den darauf abgestimmten eigenen Matchplan. Andererseits sollte man jedoch auch die Stärken der Einzelspieler bedenken: In der jetzigen Ausführung des Systems bleibt weiterhin die Sturmbesetzung ebenso ein Problem wie Gnabrys Aufstellung als rechter Achter sowie nicht zuletzt die Rollen der Außenverteidiger, die den vielseitigen Anforderungen der Dreier-/Fünferkette nicht immer gewachsen wirken.

Hazard schießt Werder tiefer in die Krise 

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