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Alexander Nouri

Taktikanalyse zum Spiel gegen SC Freiburg

Werder macht zu wenig aus Ballbesitz-Vorteilen

Bremen - Von Cedric Voigt. Nächster Aufsteiger, nächste Pleite. Nach der Niederlage bei RB Leipzig verlor Bremen auch das Heimspiel gegen SC Freiburg. Die Taktikanalyse schlüsselt auf, warum Werder erneut als Verlierer vom Platz ging.

Ist Alexander Nouri auf dem Weg in die erste kritische Phase seiner noch jungen Laufbahn als Bundesligatrainer? Auch der zweite Aufsteiger ließ Werder keine echte Chance. Im Weserstadion konnte sich Christian Streich mit seinen Freiburgern über einen deutlichen 3:1–Erfolg freuen. Auf Seiten der Bremer wird es spätestens jetzt Zeit, die etablierte Startformation der letzten Spiele konstruktiv zu hinterfragen.

Nuancen hatte man verändert, das Grundprinzip sollte jedoch ähnlich bleiben: Wie in den von wechselhaftem Erfolg gekrönten Partien zuvor baute Alexander Nouri auch gegen die Breisgauer auf ein eher reaktiv ausgerichtetes 4-1-4-1, in dem Youngster Ousmann Manneh in der Spitze das Pressing anführen sollte, während Angriffe bevorzugt über die Flügelspieler Izet Hajrovic und Serge Gnabry eingeleitet werden sollten. Anders als noch gegen Leipzig, als ein kollektives hohes Pressing aufgrund der schnellen vertikalen Angriffe zu riskant gewesen wäre, oder die Darmstädter, die ein flaches Aufbauspiel gar nicht erst anstreben, wurde Manneh dieses Mal konstanter im Pressing unterstützt.

Die Freiburger sind trotz des individuell mäßigen Kaders kein reines Kick-and-Rush-Team, sondern setzen verstärkt auf Ballsicherheit und Konstruktivität im Aufbauspiel. Diesem wollte man mit intensivem Nachsetzen und aggressivem Anlaufen der Innenverteidiger begegnen, wozu Zlatko Junuzovic regelmäßig, weitere Mittelfeldspieler vereinzelt nachrückten, um Passoptionen aus dem Spiel zu nehmen, den ballführenden Freiburger zu stören oder sich in Erwartung eines Ballgewinnes der Mitspieler schon für einen direkt ausgespielten Schnellangriff zu positionieren. In den Anfangsminuten gelang dies auch ganz gut: Werder gelangte schnell in Ballbesitz und prüfte Alexander Schwolow im Kasten der Breisgauer mit einem Fernschuss von Hajrovic und einem Kopfball von Manneh.

Relativ bald hatten sich die Freiburger jedoch auf diese phasenweise etwas improvisiert wirkende Spielweise der Bremer eingestellt. Ihren Aufbau gestalteten die Gäste vornehmlich über die Innenverteidiger, besonders der junge Caglar Söyüncü überzeugte dabei mit viel Geschmeidigkeit und Ruhe am Ball und schaffte es so häufig, den Ball regelmäßig von der linken Innenverteidiger-Position in Richtung des einrückenden Linksaußens und heimlichen Freiburger Spielmachers Vincenzo Grifo zu bringen. Grundsätzlich gewannen die Freiburger mit der Zeit an Ballsicherheit und profitierten von einer klaren Rollenaufteilung in jedem Mannschaftsbereich: Im defensiven Mittelfeld bildete Niclas Höfler den zentralen Anker, während Amir Abrashi viel unterwegs war, Anspielstationen schaffte und mit kurzen Pässen den Spielfluss aufrecht erhielt. Im Sturm wiederum kam Karim Guede eindeutig die Rolle des ersten Verteidigers bei Ballbesitz Bremen und des kopfballstarken Wandspielers zu, der Bälle für den beweglichen und immer wieder ins Mittelfeld zurückfallenden Maximilian Philipp ablegen und Gegenspieler binden sollte.

Bremens Zentrum ideenlos

Das 4-4-2 der Gäste zeigte sich gegen den Ball diszipliniert und mannschaftlich geschlossen. Der Bremer Aufbau gestaltete sich erneut über eine Dreierkette, in der sich Florian Grillitsch zwischen den beiden auffächernden Innenverteidigern positionierte, wodurch die Außenverteidiger weit aufrücken konnten. Im zentralen Mittelfeld bot sich Clemens Fritz immer wieder zentral an, wodurch er einen Freiburger Sechser meist etwas aus der Kette ziehen konnte und so durchaus das Potential gegeben war, Lücken in die Formation es Aufsteigers zu reißen. Allerdings präsentierte sich das Zentrum ansonsten verwaist, Zlatko Junuzovic als höchster Mittelfeldakteur positionierte sich zu weit vom Aufbau entfernt, Grillitsch konnte seine Qualitäten im kreativen Passspiel in seiner sehr tiefen Rolle zum wiederholten Mal nicht einbringen und die Passwege zu den Außenspielern waren zu weit und oft zugestellt.

Zudem zeigte Fritz leider zum wiederholten Male einige unglückliche Aktionen im Spielaufbau und brachte nur fünf seiner zwölf langen Spieleröffnungen an den Mann – die Rolle des Kapitäns wirkte nicht auf seine Fähigkeiten zugeschnitten. Die Niederlage erzählte aus taktischer Perspektive zwei Geschichten: Zum einen die einer isoliert betrachtbaren Partie auf mäßigem Niveau, in der die taktisch gefestigtere und planvoller Fußball spielende Mannschaft drei Punkte einfahren konnte. Die Tore der Gäste zu erklären ist dabei wenig anspruchsvoll, sie resultierten zunächst aus der Einzelaktion des dribbelstarken Maximilian Philipp, auf dessen zurückfallende Bewegungen oft nicht ausreichend reagiert wurde und der dank seiner individuellen Fähigkeiten eine etwas zu flache und zuordnungsschwache Bremer Defensivstaffelung knackte.

Dann aus einem Leichtsinnsfehler des jungen Ousman Manneh, der im eigenen Sechzehner ans Trikot seines Gegenspielers fasste. Und schließlich aus dem abgefälschten Schuss Amir Abrashis, der nach einer Hereingabe vom rechten Freiburger Flügel zeigte, wie wichtig eine adäquate Rückraumbesetzung zu jeder Zeit ist. Die improvisierte Bremer Doppelsechs konnte dies durch ihr Herausrücken nicht leisten, während Izet Hajrovic nicht ausreichend nachgerückt war, um die Lücke zu schließen. Auch der Bremer Treffer war zwar ansehnlich, im Endeffekt jedoch auch eher ein Resultat hoher offensiver Präsenz gegen in Führung liegend passivere Freiburger, die einen mit Tempo in den ohnehin gut besetzten Strafraum stoßenden Santi Garcia nach schönem Doppelpass mit Zlatko Junuzovic nicht verteidigen konnten.

Jubelnde Freiburger, hadernde Bremer

Die andere Geschichte ist die eines sich wiederholenden Musters: Werder kann gegen die so genannten „Kleinen“ nicht gewinnen. Die Bremer sahen 56% des Ballbesitzes, wussten jedoch nicht viel damit anzufangen und vernachlässigten besonders das Mittelfeldzentrum. Florian Grillitsch zu tief, Zlatko Junuzovic zu hoch, Clemens Fritz kein Spiellenker: Das Zentrum als Ort der Ideen und der Ballsicherheit existierte im Bremer Matchplan nicht. Auch Ousman Manneh im Sturmzentrum ist weit davon entfernt, Ähnliches leisten zu können wie Claudio Pizarro vor einem guten halben Jahr, der als Spitze eines 4-1-4-1 bisweilen in die Spielmacherrolle schlüpfte und mithalf, die schnellen Außenspieler einzusetzen.

Wie schon gegen Darmstadt wechselte Alexander Nouri nicht etwa passstarke Zentrumsspieler ein, sondern nahm mit Florian Grillitsch diesmal sogar einen dieser Akteure vom Platz, um mit Fin Bartels einen weiteren Offensiven zu bringen, der jedoch mangels einer ordnenden Hand aus dem Zentrum nur vereinzelt auffällig werden konnte. Sicher: Der junge Österreicher ist nicht in Topform, Thanos Petsos fehlt es an Spielpraxis und Niklas Schmidt ist hochveranlagt, aber unerfahren. Dennoch wird Werder in Zukunft weiter Punkte gegen kompakte Gegner dieser Größenordnung lassen, wenn man es nicht schafft, künftig mehr spielerische Akzente aus dem Zentrum einzubringen. Interessant zu beobachten wird in diesem Zusammenhang sein, wie die Rückkehr von Königstransfer Max Kruse im kommenden Monat das Bremer Spiel beeinflussen wird.

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