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Max Kruse ordnet seine Mitspieler im Spiel gegen Hoffenheim.

Taktikanalyse zur Niederlage in Hoffenheim

Werder verteidigt gut wie selten, kontert aber zu zaghaft

Werder Bremen verteidigt kompakt, kontert aber zu zaghaft. Am Ende gewinnt Hoffenheim eine enge Partie dank kluger Systemumstellung mit etwas Glück. Die Taktikanalyse.

Sommerpause, das ist für Fans eine Zeit der Fragezeichen. Wie stark ist mein Lieblingsteam wirklich? Schlagen die neu geholten Spieler ein? Und vor allem: Kann der Trainer die Schwachstellen der Vorsaison abstellen und gleichzeitig das Team verbessern? Der erste Spieltag liefert auf viele dieser Fragen Antworten. Im Falle von Werder Bremen muss man trotz der 0:1-Niederlage gegen Hoffenheim festhalten: Die meisten Antworten sind positiv.

Im Vergleich zum Pokalspiel nahm Alexander Nouri nur eine Änderung vor: Fin Bartels rückte in die Anfangsformation. Florian Kainz spielte dadurch eine Reihe tiefer auf der Achter-Position, der offensiveren Rolle im Dreier-Mittelfeld. Nouri hielt damit an seiner präferierten 5-3-2-Formation fest, die offensiv zu einem 3-1-4-2 mutiert.

Hoffenheim dominiert – aber nur im Mittelfeld

Julian Nagelsmann stellte seine Mannschaft ebenfalls in einem 5-3-2/3-1-4-2-Gemisch auf. Beide Teams konnten somit recht einfach Zuordnungen herstellen: Die Achter deckten die gegnerischen Achter, die Außenverteidiger nahmen sich gegenseitig aus dem Spiel. Die Anfangsphase war geprägt durch lange Ballzirkulation, ohne dass ein Team Raumgewinn verbuchen konnte.

Die taktischen Formationen von Hoffenheim und Bremen. Beide Teams spielten mit einem ähnlichen System und neutralisierten sich somit im Mittelfeld. Nur Geiger hatte Freiräume.

Hoffenheim dominierte in dieser Phase den Ballbesitz. Sie ließen die Kugel in der eigenen Abwehrreihe laufen, Werder störte sie dabei nicht. Im Gegenteil: Werders Mittelfeldreihe agierte tiefer als gewohnt und hielt den Kontakt zur eigenen Abwehrkette. Die Achter Kainz und Thomas Delaney standen häufig auf einer Linie mit Sechser Maximilian Eggestein.

Mit dieser Variante gelang es Bremen, Hoffenheim die diagonalen Passwege in den Angriff abzuschneiden. Dies ist eigentlich Hoffenheims präferiertes Spiel: Den Ball in der Abwehr zirkulieren lassen, bis der diagonale Passweg ins offensive Mittelfeld frei wird. Bremen öffnete diesen Passweg nie. Allerdings konnte Bremen mit dieser passiveren Variante auch wenig bis keinen Druck auf Hoffenheims Sechser Dennis Geiger ausüben. Der 19jährige Bundesliga-Debütant ordnete das Spiel aus dem zentralen Mittelfeld und hatte einen großen Anteil daran, dass Hoffenheim selten bis nie den Ball verlor.

Etwas zu zaghaft im Spiel nach vorne

Bremen überzeugte vor allem mit einer starken Defensivleistung. Die Spieler hielten ihre Positionen und schoben bei Hoffenheimer Verlagerungen sofort auf die Flügel heraus. Auch die Stürmer arbeiteten viel mit nach hinten und hielten den Kontakt zum Mittelfeld. Die substantielle Verbesserung der Defensive macht Hoffnung, dass Bremen nicht wieder 64 Gegentore fängt wie in der Vorsaison.

Die defensive Kompaktheit ging jedoch zulasten der offensiven Durchschlagskraft. Die Bremer Spieler rückten im Konter nur zaghaft nach. Gerade Delaney und Linksverteidiger Ludwig Augustinsson hielten sich stark zurück. Unterstützung bekamen die Stürmer nur von Rechtsverteidiger Gebre Selassie und dem halbrechts agierenden Kainz. Somit gab es die besten Kontergelegenheiten über rechts, wenn Selassie und Kainz kombinierten.

Kainz' Fehlschuss und Kramarics Glückstor

Hoffenheim bestimmte anfangs das Spielgeschehen.
Die TSG 1899 Hoffenheim bestimmte anfangs das Spielgeschehen, kam oft über Nadiem Amiri. © dpa
Werder wartete ab und verteidigte ordentlich.
Werder wartete ab und verteidigte ordentlich. © nordphoto
Nach 25 Minuten wurden die Gäste aus Bremen stärker - und setzten Akzente nach vorn.
Nach 25 Minuten wurden die Gäste aus Bremen stärker - und setzten Akzente nach vorn. © nordphoto
Florian Kainz vollbrachte es dann aber in der 29. Minute, den Ball neben das leere Tor zu setzen.
Florian Kainz vollbrachte es dann aber in der 29. Minute, den Ball neben das leere Tor zu setzen. © nordphoto
Ludwig Augustinsson hat Zeit und prüft TSG-Keeper Oliver Baumann zu einer starken Parade. Zur Pause blieb es beim 0:0.
Ludwig Augustinsson hat Zeit und prüft TSG-Keeper Oliver Baumann zu einer starken Parade. Zur Pause blieb es beim 0:0. © nordphoto
Nach dem Seitenwechsel waren es wieder die Hoffenheimer, die aktiver nach vorne spielten.
Nach dem Seitenwechsel waren es wieder die Hoffenheimer, die aktiver nach vorne spielten. © nordphoto
Werder fand in der Offensive hingegen kaum statt. Von Fin Bartels war wenig bis gar nichts zu sehen. War er mal am Ball, gab er ihn schnell und leichtfertig wieder her.
Werder fand in der Offensive hingegen kaum statt. Von Fin Bartels war wenig bis gar nichts zu sehen. War er mal am Ball, gab er ihn schnell und leichtfertig wieder her. © nordphoto
Auch Sturmpartner Max Kruse - hier im Duell mit Kevin Voigt - war bis auf ein paar Aktionen in der ersten Hälfte blaß.
Auch Sturmpartner Max Kruse - hier im Duell mit Kevin Voigt - war bis auf ein paar Aktionen in der ersten Hälfte blaß. © nordphoto
Bis zur 84. Minute konnte Werder die Null halten, dann traf Andrej Kramaric für die TSG. Sein Schuss hatte Robert Bauer unhaltbar abgefälscht.
Bis zur 84. Minute konnte Werder die Null halten, dann traf Andrej Kramaric für die TSG. Sein Schuss hatte Robert Bauer unhaltbar abgefälscht. © nordphoto
Die Bremer verloren am Ende mit etwas Pech gegen offensivstarke Hoffenheimer 0:1.
Die Bremer verloren am Ende mit etwas Pech gegen offensivstarke Hoffenheimer 0:1. © imago

Gelegenheit zum schnellen Angriff bekam Bremen indes nur selten. Durch die passive Verteidigung gab es wenig Ballgewinne in hohen Zonen. Selbst wenn Kainz oder Selassie versuchten, im Pressing Druck aufzubauen, konnte sich Hoffenheim fast immer befreien; ihre Passgenauigkeit war mit 87% überragend. Bremen gewann den Ball meist erst tief in der eigenen Hälfte, die Wege im Konter waren zu weit. Nur einmal kam Bremen gefährlich vor das Tor, Kainz vergab allerdings freistehend (29.).

Der Unterschied: Die Wechsel

„Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende“, sprach einst der griechische Philosoph Demokrit. Nagelsmann dürfte sich an diesen Spruch erinnert haben, als er nach und nach Stürmer einwechselte. Er brachte mit Andrej Kramaric (64., für Amiri) und Serge Gnabry (67., für Uth) weitere Stürmer und stellte sein System auf ein offensives 3-4-3 um. Nagelsmann verbesserte damit vor allem die Besetzung des offensiven Zentrums, schuf mehr Anspielmöglichkeiten zwischen Bremens engen Linien.

Nouri hingegen wechselte defensiv. Er behielt die 5-3-2-Formation bei, brachte aber sukzessive defensivere Spielertypen für die einzelnen Positionen: Zunächst Bargfrede (67., für Kainz) als neuer Sechser, später Gondorf (75., für Bartels) als zurückhängender Stürmer. Bremen verteidigte weiterhin stark, ließ sich in einem immer passiveren System aber auch weiter zurückdrängen.

Einzelkritik: Kruse und Bartels noch nicht auf Betriebstemperatur 

Jiri Pavlenka: Der Torhüter wirkte bei seinem Bundesliga-Debüt präsent, wurde allerdings auch nicht großartig gefordert. Leistete sich eine kleine Unsicherheit gegen Szalai, die ohne Folgen blieb (28.). Beim Gegentor ohne Schuld. Verhinderte das 0:2 gegen Demirbay in der Nachspielzeit. Note: 3
Jiri Pavlenka: Der Torhüter wirkte bei seinem Bundesliga-Debüt präsent, wurde allerdings auch nicht großartig gefordert. Leistete sich eine kleine Unsicherheit gegen Szalai, die ohne Folgen blieb (28.). Beim Gegentor ohne Schuld. Verhinderte das 0:2 gegen Demirbay in der Nachspielzeit. Note: 3 © nordphoto
Robert Bauer: Spielte erwartungsgemäß als rechter Innenverteidiger in der Dreierkette und bewies, dass er diese Rolle beherrscht. Wie immer mit großem Kampfgeist. Fälschte den Kramaric-Schuss unglücklich ab (84.). Note: 3
Robert Bauer: Spielte erwartungsgemäß als rechter Innenverteidiger in der Dreierkette und bewies, dass er diese Rolle beherrscht. Wie immer mit großem Kampfgeist. Fälschte den Kramaric-Schuss unglücklich ab (84.). Note: 3 © nordphoto
Lamine Sane: Der zentrale Mann in Werders Abwehr wirkte in der Anfangsphase fahrig und war gleich in mehreren Situationen nicht auf der Höhe. In der Folge trug er seinen Teil dazu bei, dass Werders Abwehr lange Zeit dichthielt. Note: 3,5
Lamine Sane: Der zentrale Mann in Werders Abwehr wirkte in der Anfangsphase fahrig und war gleich in mehreren Situationen nicht auf der Höhe. In der Folge trug er seinen Teil dazu bei, dass Werders Abwehr lange Zeit dichthielt. Note: 3,5 © nordphoto
Milos Veljkovic: Spielte im Grunde wie immer: Unauffällig und solide. Als linker Part der Dreierkette zeigte er jedoch kaum die langen Diagonalbälle, die als seine große Stärke gelten. Note: 3
Milos Veljkovic: Spielte im Grunde wie immer: Unauffällig und solide. Als linker Part der Dreierkette zeigte er jedoch kaum die langen Diagonalbälle, die als seine große Stärke gelten. Note: 3 © nordphoto
Theodor Gebre Selassie: Vorstöße über die rechte Seite gab es vom Tschechen kaum, dafür musste er zu sehr in der Defensive mithelfen, was er über weite Strecken zuverlässig tat. Note: 3
Theodor Gebre Selassie: Vorstöße über die rechte Seite gab es vom Tschechen kaum, dafür musste er zu sehr in der Defensive mithelfen, was er über weite Strecken zuverlässig tat. Note: 3 © nordphoto
Ludwig Augustinsson: Der Neuzugang aus Kopenhagen hatte gleich in seinem ersten Bundesliga-Spiel eine dicke Torchance: Er scheiterte mit einem wuchtigen Linksschuss an TSG-Keeper Baumann (35.) Auch er musste gegen einen dominanten Gegner vor allem verteidigen, war auf der linken Außenbahn viel unterwegs. Seine gefürchteten Flanken blieben jedoch aus. Note: 3
Ludwig Augustinsson: Der Neuzugang aus Kopenhagen hatte gleich in seinem ersten Bundesliga-Spiel eine dicke Torchance: Er scheiterte mit einem wuchtigen Linksschuss an TSG-Keeper Baumann (35.) Auch er musste gegen einen dominanten Gegner vor allem verteidigen, war auf der linken Außenbahn viel unterwegs. Seine gefürchteten Flanken blieben jedoch aus. Note: 3 © nordphoto
Maximilian Eggestein (bis 87.): In der Anfangsphase hatte der 20-Jährige große Probleme, als Sechser Ordnung ins Bremer Spiel zu bringen. Steigerte sich im weiteren Verlauf und behauptete wichtige Bälle. Note: 3,5
Maximilian Eggestein (bis 87.): In der Anfangsphase hatte der 20-Jährige große Probleme, als Sechser Ordnung ins Bremer Spiel zu bringen. Steigerte sich im weiteren Verlauf und behauptete wichtige Bälle. Note: 3,5 © nordphoto
Florian Kainz (bis 67.): Obwohl es erst der erste Spieltag war – diese Szene dürfte es in jeden Saisonrückblick schaffen: Der Österreicher verfehlte aus fünf Metern das leere Tor (29.). Es wäre die Führung für Werder gewesen. Spielte neben Delaney als Achter. Rannte sich oft fest und trennte sich zu spät vom Ball. In der Rückwärtsbewegung mit einigen unnötigen Fouls. Note: 4,5
Florian Kainz (bis 67.): Obwohl es erst der erste Spieltag war – diese Szene dürfte es in jeden Saisonrückblick schaffen: Der Österreicher verfehlte aus fünf Metern das leere Tor (29.). Es wäre die Führung für Werder gewesen. Spielte neben Delaney als Achter. Rannte sich oft fest und trennte sich zu spät vom Ball. In der Rückwärtsbewegung mit einigen unnötigen Fouls. Note: 4,5 © nordphoto
Thomas Delaney: Der Däne führte Werder wieder als Kapitän aufs Feld. Ähnlich wie Eggestein benötigte er etwas Zeit, um sich auf die Hoffenheimer Kombinationswucht einzustellen. Danach körperlich sehr präsent. Impulse nach vorne kamen von ihm aber nicht. Note 3,5
Thomas Delaney: Der Däne führte Werder wieder als Kapitän aufs Feld. Ähnlich wie Eggestein benötigte er etwas Zeit, um sich auf die Hoffenheimer Kombinationswucht einzustellen. Danach körperlich sehr präsent. Impulse nach vorne kamen von ihm aber nicht. Note 3,5 © nordphoto
Fin Bartels (bis 75.): Er hatte Kainz vor dessen Mega-Chance schön in Szene gesetzt – mehr auffällige Aktionen zeigte der 30-Jährige jedoch nicht. Verlor viele Bälle und strahlte überhaupt keine Torgefahr aus. Note: 4,5
Fin Bartels (bis 75.): Er hatte Kainz vor dessen Mega-Chance schön in Szene gesetzt – mehr auffällige Aktionen zeigte der 30-Jährige jedoch nicht. Verlor viele Bälle und strahlte überhaupt keine Torgefahr aus. Note: 4,5 © nordphoto
Max Kruse: Bei seinen wenigen Abschlüssen agierte er unglücklich, schoss mal weit über das Tor oder wurde geblockt. Schaffte es nicht, die wenigen Bremer Konter mit seinen Ideen zu veredeln, weil das Spiel ziemlich an ihm vorbeilief. Note: 4
Max Kruse: Bei seinen wenigen Abschlüssen agierte er unglücklich, schoss mal weit über das Tor oder wurde geblockt. Schaffte es nicht, die wenigen Bremer Konter mit seinen Ideen zu veredeln, weil das Spiel ziemlich an ihm vorbeilief. Note: 4 © nordphoto
Philipp Bargfrede (ab 67.): Sollte Werders Defensivbollwerk weiter stärken. Note -
Philipp Bargfrede (ab 67.): Sollte Werders Defensivbollwerk weiter stärken. Note - © nordphoto (Archiv)
Jerome Gondorf (ab 75.): Spielte in der Schlussphase hinter den Spitzen, hatte dort aber auch keine zündenden Ideen mehr. Note -
Jerome Gondorf (ab 75.): Spielte in der Schlussphase hinter den Spitzen, hatte dort aber auch keine zündenden Ideen mehr. Note - © nordphoto
Aron Johannsson (ab 87.): Der eigentlich schon ausgemusterte Stürmer setzte als Joker keine Akzente mehr. Note -
Aron Johannsson (ab 87.): Der eigentlich schon ausgemusterte Stürmer setzte als Joker keine Akzente mehr. Note - © nordphoto

Am Ende war der Druck zu hoch. Hoffenheim spielte sich in der Bremer Hälfte fest, ohne sich die größten Chancen herauszuarbeiten. Ihr Mut wurde am Ende durch ein Glückstor belohnt – Kramaric‘ Schuss wurde unhaltbar abgefälscht (84.). Bremen konnte danach nicht mehr vom passiven Abwarten auf eine Schlussoffensive umstellen, trotz eines Systemwechsels auf ein 3-4-3.

Fazit: Guter Auftakt

Trotz der späten Niederlage überwiegt in Bremen der Stolz nach einer starken Leistung. In der Tat beeindruckte Nouris Team über weite Strecken in der Defensive, stellte Hoffenheim schachmatt. Offensiv war Werder etwas zu zaghaft. "Wir hätten noch mutiger auftreten können", gab Max Kruse nach dem Spiel zu. Daran wird Nouri in den kommenden Wochen arbeiten müssen.

Tobias Escher

Zur Person: Tobias Escher ist ein freier Journalist, der sich als Taktikexperte bundesweit einen Namen gemacht hat. Er ist Autor der Website spielverlagerung.de sowie Experte bei Bohndesliga, einem ganz besonderen Fußball-Format im Internet. Der 29-Jährige schreibt für die „Welt“ und „11Freunde“ und war als Taktikexperte auch für TV-Sender wie Sky und ZDF tätig - mal im Vorder-, mal im Hintergrund. Absolut zu empfehlen sind seine Bücher „Vom Libero zur Doppelsechs“ und „Die Zeit der Strategen: Wie Guardiola, Löw, Mourinho und Co. den Fußball neu denken“ (erscheint im März 2018). Tobias Escher wird in dieser Saison alle Pflichtspiele des SV Werder Bremen exklusiv für die DeichStube analysieren.

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