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Werder-Trainer Alexander Nouri wartet noch immer auf den ersten Sieg in der neuen Bundesliga-Saison.

Taktikanalyse zum Werder-Remis gegen Wolfsburg

Nouri findet erst nach der Pause die richtige Taktik

Wolfsburg - Erste Halbzeit pfui, zweite Halbzeit hui. Warum das nicht nur an der Bremer Einstellung, sondern auch an der Taktik lag, erklärt unser DeichStuben-Taktikexperte Tobias Escher.

Es ist eine der undankbarsten Aufgaben im Fußball: Ein Spiel gegen einen Gegner, der just vor der Partie den Trainer ausgetauscht hat. Psychologisch setzt der Trainerwechsel oft neue Kräfte frei; Spieler, die unter dem alten Trainer litten, wittern eine neue Chance und strengen sich doppelt an. Aber auch aus taktischer Sicht ist es eine schwierige Aufgabe. Wer kann schon mit Sicherheit sagen, wie der neue Trainer spielen lässt?

Für Werder war diese Ausgangslage gegen den VfL Wolfsburg doppelt schlimm. Ihre größte Stärke in dieser Saison waren ihre Anpassungen an den Gegner. Trainer Alexander Nouri und sein Team haben ihre Mannschaft defensiv stets so an den Gegner angepasst, dass sie überall auf dem Feld Eins-gegen-Eins-Duelle erzeugen konnten. Gegen Wolfsburg unbekannte Formation war diese Analyse des Gegners schwer möglich.

Martin Schmidt bleibt sich treu

So kam es, dass Bremen in der ersten Halbzeit die schlechteste Leistung der bisherigen Saison zeigte. Sie waren dem Gegner spielerisch, körperlich, aber vor allem taktisch unterlegen.

Wolfsburg-Trainer Martin Schmidt agiert an der Seitenlinie.

Dabei überraschte Trainer Martin Schmidt mit seinem neuen System gar nicht so stark, wie man es von einem neuen Trainer erwarten könnte: Sein 4-2-3-1-System ähnelte stark jenem System, das er in den vergangenen zwei Jahren in Mainz spielen ließ. Die Sechser postierten sich innerhalb des Systems tief, Daniel Didavi genoss als Zehner alle Freiheiten (und nahm damit ironischerweise jene Rolle ein, die Wolfsburgs Rechtsaußen Yunus Malli einst unter Schmidt in Mainz spielte). Die Sechser bauten das Spiel aus der Tiefe auf und suchten entweder Zehner Didavi oder spielten den Ball auf die Flügel.

Bremen: zu tief, zu passiv, nicht am Mann

Bremen entschied sich, dem Wolfsburger Konstrukt ein passives 5-3-2 entgegenzuhalten, ganz nach dem Motto: erst einmal abwarten, was der Gegner macht. Bremen baute sich tief auf. Sie verzichteten auf die sonst typischen Mannorientierungen im Mittelfeld; Jerome Gondorf und Thomas Delaney postierten sich stattdessen auf einer Höhe mit Sechser Maximilian Eggestein. Bremen konnte mit diesem passiven Konstrukt zwar die Wolfsburger vom eigenen Tor fernhalten. Wolfsburg kombinierte viel in der Tiefe, kam aber nicht am engen Zentrum der Bremer vorbei.

Delaney nach dem Spiel: "Wir wollten auf Konter spielen. Aber wenn wir den Ball hatten, sind wir nicht füreinander gelaufen, es herrschte viel Durcheinander."

Allerdings konnte Bremen selbst für keinerlei Entlastung sorgen. Mit dem schnellen Doppelsturm aus Florian Kainz und Fin Bartels war das Bremer Spiel auf flache, schnelle Konter ausgelegt. Die Außenverteidiger sprinteten nach Ballgewinn nach vorne, um die Stürmer zu unterstützen. Durch die tiefe Positionierung war der Weg zum gegnerischen Tor aber zu weit. Bremen gelangten nie mehr als zwei oder drei gelungene Pässe am Stück. Dies lag auch am aggressiven Wolfsburger Mittelfeld: Ihre Doppelsechs rückte nach Ballverlusten sofort vor. Bremen konnte das Spiel nicht über das Mittelfeld-Zentrum kontrollieren. Lange Bälle waren indes wirkungslos, da Bartels und Kainz die Körperlichkeit fehlt, um diese halten zu können.

Es kam, wie es kommen musste: Wolfsburg ging mit der ersten Chance in Führung. Sie nutzten ihre Überzahl auf dem linken Flügel (siehe Grafik), Divock Origi versenkte eine Flanke (28.). Danach wurde deutlich, dass Bremens Offensivbemühungen viel zu zaghaft waren, um Wolfsburgs stabiles 4-2-3-1 zu knacken.

Wolfsburg hatte auf dem linken Flügel eine Überzahl, sobald Gebre Selassie aggressiv vorrückte.

Andere Bremer Mannschaft in Hälfte Zwei

Zur Halbzeit war klar: Bremen musste anders auftreten. Spielerisch, kämpferisch und taktisch. Das taten sie in der zweiten Halbzeit auch. Philipp Bargfrede kam für Maximilian Eggestein ins Spiel, Ishak Belfodil ersetzte Gondorf. Kainz rückte aus dem Sturm ins Mittelfeld, das 5-3-2-Grundsystem blieb also bestehen. Die Bremer führten das System aber gänzlich anders aus: Die Doppelacht aus Delaney und Kainz agierte wesentlich offensiver. Sie nahmen Wolfsburgs Doppelsechs jetzt in enge Deckung. Dadurch war Bremen wesentlich aggressiver als vor der Pause.

Im Angriff unterstützten Kainz und Delaney nun die Außenverteidiger. Bremen wollte die Überzahl des Gegners auf den Flügel kontern und ihn gleichzeitig hier attackieren. Das funktionierte äußerst gut, da auch Bartels und Belfodil immer wieder auf die Flügel ausweichen. Wolfsburgs 4-2-3-1 war in dieser Phase etwas zu starr, die Sechser etwas zu zentral und vertikal ausgerichtet. Bremen eroberte die Bälle früher, spielte schnell raus auf die Flügel und kreierte mit Flanken auf den zweiten Pfosten Gefahr.

Hier zeigte sich die positive Seite der offensiven Außenverteidiger: Gebre Selassie und Ludwig Augustinsson tauchten immer wieder im Strafraum auf. Selassie hatte die größte Möglichkeit, traf aber freistehend nur die Latte (71.). Bartels hatte zuvor bereits nach einer Flanke den Ausgleich erzielt (56.).

Fazit

In der zweiten Halbzeit zeigte sich Bremen von seiner besten Seite: aggressive Mannorientierungen, schnelle Angriffe über die Flügel, offensive Außenverteidiger mit Wucht und Torgefahr. Wolfsburg hatte Glück, dass Bremen die eigenen Chancen nicht nutzte. Am Ende bleibt trotzdem ein zwiespältiges Fazit. Denn es wäre mehr drin gewesen, hätte Bremen bereits in der ersten Halbzeit diese aggressive und offensive Taktik gewählt.

Tobias Escher

Zur Person: Tobias Escher ist ein freier Journalist, der sich als Taktikexperte bundesweit einen Namen gemacht hat. Er ist Autor der Website spielverlagerung.de sowie Experte bei Bohndesliga, einem ganz besonderen Fußball-Format im Internet. Der 29-Jährige schreibt für die „Welt“ und „11Freunde“ und war als Taktikexperte auch für TV-Sender wie Sky und ZDF tätig - mal im Vorder-, mal im Hintergrund. Absolut zu empfehlen sind seine Bücher „Vom Libero zur Doppelsechs“ und „Die Zeit der Strategen: Wie Guardiola, Löw, Mourinho und Co. den Fußball neu denken“ (erscheint im März 2018). Tobias Escher wird in dieser Saison alle Pflichtspiele des SV Werder Bremen exklusiv für die DeichStube analysieren.

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