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Werder-Trainer Alexander Nouri im Spiel gegen den VfL.

Taktikanalyse

Werder siegt mit viel Effizienz und noch mehr Fünferketten

Wolfsburg - Von Cedric Voigt. In einer bis zum Schluss spannenden Partie gewannen die spielerisch unterlegenen Bremer am Ende durch zwei Treffer von Serge Gnabry durch viel Glück mit 2:1. Die Taktikanalyse.

Eigentlich könnte man die Taktikanalyse im Nachgang zur Freitagabendpartie in Wolfsburg auch elegant abkürzen und zwar mit einem Zitat von Max Kruse. Auf die Frage, ob der erkämpfte Auswärtssieg nichts mit Taktik zu tun gehabt hätte, entgegnete der Stürmer nach dem Spiel trocken: „Doch – sie ist nur nicht aufgegangen.“ Gerade spielerisch hätte man einiges vermissen lassen.

Werders letztes Aufgebot auf der Doppelsechs 

Recht hatte Kruse, der erneut neben Serge Gnabry in der Sturmspitze auflief. Alexander Nouri veränderte sein 4-4-2 aus dem Mainz-Spiel nur auf zwei Positionen: Im zentralen Mittelfeld rückte einerseits Milos Veljkovic, andererseits Maxi Eggestein in die Startformation. 

Die beiden Youngster vertraten den gesperrten Kapitän Clemens Fritz und Thomas Delaney, der mit einem Mittelgesichtsbruch noch nicht wieder spielfähig war. Auch die anderen beiden etablierten Zentralen, Florian Grillitsch und Philipp Bargfrede, waren noch keine Startelfoptionen – bei Grillitsch reichte es zumindest schon wieder für die Bank und eine späte Einwechslung. 

Die von Valerien Ismael trainierten Wolfsburger stellten sich dem SV Werder in einem sehr flexiblen 3-4-2-1 entgegen. Schlüsselspieler hier waren besonders die kreativen Daniel Didavi halbrechts und Yunus Malli halblinks offensiv, die als bewegliche Zehner fungierten, ihre Grundposition oft verließen und sich schon im Spielaufbau früh freiliefen, um schon nahe der Höhe der Sechser Christian Träsch und Maximilian Arnold das Mittelfeld zu unterstützen und sich dem Bremer Zugriff immer wieder zu entziehen.

Nouri startet mit der Mainz-Idee und passt sie leicht an

In einer ruhigen Anfangsphase kontrollierte der VfL Wolfsburg die Partie bereits weitestgehend. Wie schon gegen Mainz verzichtete der SV Werder auf frühes Pressing und ließ die Gastgeber zunächst kommen. Gnabry und Kruse versperrten als erste Linie behelfsmäßig das Zentrum, Wolfsburg konnte jedoch recht problemlos um die Bremer Stürmer herum in die Halbräume spielen, wo Didavi und Malli kaum gestört wurden. 

Diese enorm passive Ausrichtung hatte den Nachteil, dass Werder kaum Druck auf die ballführenden Wolfsburger ausüben konnte und so zumeist erst im eigenen Abwehrdrittel in passende Situationen für einen Ballgewinn und womöglich einen Gegenangriff kam, allerdings sorgte der Verzicht auf riskante Pressingvorstöße oder zu energische Manndeckung für eine gewisse Grundstabilität in der 4-4-2-Formation,die durch die konservative Interpretation nie wirklich auseinandergerissen wurde. 

Zittern bis zur letzten Sekunde

In der Frühphase der Begegnung bemühte sich auch Werder noch um einen geordneten Spielaufbau. Anders als zuletzt gab es hierbei im zentralen Mittelfeld die klare Aufteilung in Zehner und Sechser im eigenen Ballbesitz, Maximilian Eggestein positionierte sich höher, Milos Veljkovic tiefer. 

Die Hauptprotagonisten waren allerdings einmal mehr Niklas Moisander und Max Kruse: Der aufbaustarke Finne hat sich mittlerweile als Dreh- und Angelpunkt im Bremer Aufbau etabliert und brachte aus dem linken defensiven Halbraum einige schöne Zuspiele an, Kruse bewegte sich dazu passend immer wieder von seiner Stürmerposition zurück ins Mittelfeld und unterstützte erneut vor allem den linken Flügel mit seiner Präsenz und Übersicht. 

Auch das 1:0 wurde über links eingeleitet – die Hereingabe von Bauer und der Abschluss von Gnabry waren zwar beide von abfälschenden Wolfsburgern begünstigt, ein Zufall war es dennoch nicht, dass Werder gerade über diese Seite gefährlich werden konnte. 

Wolfsburger Dauerdruck und jede Menge Fünferketten 

Nachdem in einer turbulenten Phase nach der Bremer Führung erst erneut Gnabry auf 2:0 erhöhte, ehe Wolfsburgs Mittelstürmer Borja Mayoral die Hausherren wieder bis auf einen Treffer heranbrachte, festigten sich schnell die Kräfteverhältnisse für die Restpartie: Wolfsburg drückte Werder tief in die eigene Hälfte und kam fast im Minutentakt zu Abschlüssen. 

Dabei zeigten sich die Wölfe durchaus variabel: Mal rückte Ricardo Rodriguez, der als linker Innenverteidiger in der Wolfsburger Dreierkette auflief, bis an den Bremer Strafraum vor und probierte es aus der Distanz, mal wurden die Flügelverteidiger Jannes Horn und Jakub Blaszczykowski aus dem Zentrum freigespielt und sorgten mit scharfen Hereingaben für Gefahr, mal versuchten Didavi und Malli selbst, in den engen Räumen vor dem Bremer Strafraum Kombinationen zu initiieren. 

Werder und Alexander Nouri reagierten mit einer Reihe von Umstellungen: Zunächst ließen sich – mehr aus der Notwendigkeit heraus als geplant wirkend - die äußeren Mittelfeldspieler tiefer zurückfallen, sodass Werder bisweilen fast in einer Sechserkette verteidigte. 

Nach einer knappen halben Stunde stellte Werder daher bewusst auf ein 5-3-2 um, in dem Veljkovic die Innenverteidigung unterstützte und sich Theodor Gebre Selassie und Robert Bauer verstärkt um die Sicherung der Außenbahn kümmern konnten, sodass Fin Bartels und Zlatko Junuzovic, die nun als Achter vor Maxi Eggestein agierten, nicht zu tief defensiv gebunden waren und im Zentrum aufgrund der neuen Staffelung womöglich mehr Zugriff entwickeln könnten. 

Wirklich zu fassen bekam man die Wolfsburger jedoch nicht, die wenigen Kontergelegenheiten und Entlastungsangriffe scheiterten zudem immer wieder an kleineren technischen Fehlern. Auf Bremer Seite retteten Wiedwald und der Torpfosten ein ums andere Mal. 

Serge Gnabry's Jubelgeste nach dem 0:2

Nach der Pause orientierten sich die Bremer kurzzeitig in einem 5-4-1 mit Bartels und Gnabry als leicht vorgeschobene Außen: Eine Grundordnung, die im Mittelfeld an eine Variante des anfänglichen 4-4-2 erinnerte, den Innenverteidigern durch die zusätzliche Absicherung in der Fünferkette jedoch ein besser abgesichertes Herausrücken auf die beweglichen Wolfsburger ermöglichte. 

In der Praxis waren diese Zahlenspiele oft Makulatur: Auch in dieser Ausrichtung dominierte Wolfsburg das Mittelfeld, drängte häufig alle Bremer Feldspieler bis an den eigenen Strafraum zurück und kam durch den hohen Druck weiter zu Abschlüssen. 

Wechsel auf beiden Seiten sorgen für ruhigere Schlussphase 

Die Frequenz ebbte erst gegen Spielende langsam ab, als die Wechsel Werder etwas Entlastung brachten – die eigenen wie die Wolfsburger. Valerien Ismael brachte für den frisch genesenen Daniel Didavi nach einer halben Stunde Mario Gomez als zusätzliche Spitze, opferte für die zusätzliche Strafraumpräsenz jedoch einen offensiven Verbindungsspieler. 

Alexander Nouri hingegen gab eine halbe Stunde vor Schluss Florian Kainz die Chance – ein Wechsel, der erneut die Raumbesetzung in der Fünferkette neu strukturierte, da Kainz nun die Zehnerrolle in einer Art 5-2-1-2 übernahm und deutlich zentraler agierte als der für ihn vom Feld gegangene Bartels zuvor. In der Folge wurden die Wolfsburger Angriffe ausrechenbarer und konnten leichter verteidigt werden, während Werder die eigenen Konter über Kainz, Kruse und Co. sicherer ausspielen und sich etwas Luft verschaffen konnte. 

Drei glückliche Punkte für Werder – glücklicher noch als gegen Mainz, gegen die man ähnlich passiv verteidigte, denen jedoch deutlich weniger einfiel als den Wolfsburgern. Am Ende des Tages standen für Werder nur sieben Abschlüsse (Wolfsburg kam auf 27), erneut waren es die gnadenlose Effizienz und noch viel mehr die gegnerische Ineffizienz, denen man den Erfolg zu verdanken hatte. 

Rein von der gezeigten Leistung her war es also nicht wirklich die Bestätigung eines Aufwärtstrends, sondern eher eine Vorführung alter Probleme hinsichtlich des eigenen Ballbesitzspiels und des Zugriffs im Mittelfeld. In der Tabelle findet Werder allerdings langsam wieder Anschluss und auch dem Selbstvertrauen des Teams wird es nicht schaden, sich endlich mit Punkten zu belohnen. 

In der kommenden Woche gegen Darmstadt wird den Grün-Weißen jedoch erneut viel abverlangt werden: Anders als in den letzten Auswärtspartien wird Werder im Weserstadion das Spiel wieder machen und andere Stärken zeigen müssen als gegen Wolfsburg und Mainz.

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