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Florian Kohfeldt feuerte seine Mannschaft an der Seitenlinie lautstark an und gab Anweisungen.

Nach 1:1 gegen BVB

Taktik-Analyse: Früher Rückstand hilft Werder zum glücklichen Punkt

Bremen - Werder gegen Borussia Dortmund – ein Spiel mit unterschiedlichen Phasen. Als Bremen nach dem Rückstand ernst macht, schwimmt Dortmunds Defensive. Und als Dortmund in der Schlussphase drängt, rettet Jiri Pavlenka den Punkt. Unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher versucht, die verschiedenen Phasen der Partie taktisch zu analysieren.

Taktik-Analysen haben stets einen mittelgroßen Makel: Sie drehen sich nur um Taktik. Unbestritten bleibt jedoch die Tatsache, dass andere Faktoren maßgeblichen Einfluss auf ein Fußballspiel haben. Manchmal haben diese anderen Faktoren auch wieder einen Einfluss auf die Taktik beider Teams. So auch bei Werder Bremens Heimspiel gegen Borussia Dortmund. Das Ergebnis und die Ausgangsposition beider Teams hatte einen großen Einfluss auf die taktischen Umstellungen, die beide Trainer im Laufe der Partie vornahmen.

Die erste Phase: Bremen lauert auf Konter

Werder-Coach Florian Kohfeldt schickte seine Mannschaft im erprobten 4-3-3-System auf das Feld. Milot Rashica begann als tororientierter Außenstürmer auf links, auf der anderen Seite durfte der ungleich defensivere Jerome Gondorf heran. Das Bremer Spiel hatte damit die bekannte Unwucht: Die linke Seite war mit Rashica und dem häufig nach links ausweichenden Stürmer Max Kruse offensiver besetzt als die rechte.

BVB-Coach Peter Stöger vertraute jenem 4-2-3-1-System, mit dessen Hilfe Dortmund vor Wochenfrist Bayer Leverkusen 4:0 bezwang. Während sie gegen offensive Leverkusener auf Konter spielen konnten, tat ihnen Bremen diesen Gefallen nicht. Werder überließ in der Anfangsphase Dortmund den Ball und lauerte selbst auf Konter.

In der Anfangsphase verhinderte Bremen geschickt, dass Dortmunds Abwehrspieler den Ball ins Mittelfeld passen konnten. Die Außenstürmer orientierten sich weit in die Mitte und blockierten die Anspielwege zu Mario Götze und Marco Reus. Stürmer Kruse wiederum nahm Dortmunds Sechser Julian Weigl in Manndeckung. Mission geglückt: Der sonst omnipräsente Weigl hatte gegen Bremen nur die fünftmeisten Ballkontakte aller Dortmunder. Stattdessen spielte Dortmund den Ball häufig auf die Flügel. Dort unterstützten Maximilian Eggestein und Zlatko Junuzovic das Pressing.

Die Grafik zeigt Werders defensive Taktik mit den eng stehenden Außenstürmern, wie sie die Passwege ins Dortmunder Mittelfeld verschließen.

Die zweite Phase: Frühes Tor verändert die Dynamik

Dortmund macht das Spiel, Bremen kontert: In der Anfangsphase machten es sich beide Teams bequem in ihrer taktischen Rolle. Dortmund versuchte, auf den Flügeln Überzahlen zu schaffen. Bremen sollte damit auf eine Seite gelockt werden. Bremen reagierte clever, blockierte die Anspielwege in die Tiefe und ließ Dortmund hinten herum spielen. Nur in der 19. Minute erlangten sie keinen Zugriff. Die Folge: Flanke Götze, Chaos im Strafraum, Tor Reus.

Der Treffer kam aus dem Nichts – und er veränderte die Dynamik des ganzen Spiels. Mit dem Rückstand und dem psychologischen Aufwind im Rücken änderte Dortmund die eigene Taktik. Nun waren sie es, die sich im 4-4-2 zurückzogen und Bremen das Spiel überließen. Dortmund hoffte, Bremen mit einem schnellen Konter überlisten zu können.

Werder brauchte einige Momente, ehe sie ihrer neuen Aufgabe nachkamen. Dann aber so richtig: Immer wieder schufen sie auf der linken Seite Überzahlen, kamen mit viel Dynamik in den Strafraum. Dortmund verteidigte auf den Flügeln nachlässig. Hinzu kam, dass Bremen im Mittelfeld in der Luft viele Zweikämpfe gewann, somit viele Bälle festmachen konnte. Bremen erzwang kurz vor der Pause den Ausgleichstreffer. Zwischen der 31. und der 60. Minute schoss Bremen zehnmal aufs Tor, Dortmund nur einmal.

Die dritte Phase: Der Favorit wird seiner Rolle gerecht

In der letzten halben Stunde zeigt das Verhältnis der Torschüsse ein gänzlich anderes Bild: 11:3 Torschüsse zugunsten des BVB. Nachdem sie sich nach der Führung weit zurückzogen, änderte Stöger nach einer Stunde die Statik des Spiels. Sein Team sollte als Favorit auf Sieg spielen. Mit der Einwechslung von Andre Schürrle (61.) rückte Dortmund merklich weiter vor. Schürrle ging in die Sturmspitze, Reus wechselte auf die rechte Außenbahn.

Vor allem Reus und Götze interpretierten ihre Position in der Folge äußerst offensiv. Götze bewegte sich viel auf die Flügel, forderte jeden Ball. Reus postierte sich stets auf der anderen Seite von Götze, wurde zum Abnehmer für dessen Flanken. Bremen hatte mit den weit eingerückten Außenstürmern große Probleme, diese Flügelangriffe zu verteidigen.

Zudem gelang es den Bremern in der Schlussphase nicht mehr, per Konter die Defensive zu entlasten. Obwohl Dortmund mit fünf bis sechs Spielern an und im Strafraum agierte, fand Bremen nicht die freien Räume neben Weigl. Hier fehlte ein Fixpunkt im Umschaltspiel und etwas Genauigkeit. So glich die Schlussviertelstunde einem Sturmlauf der Dortmunder. Doch Pavlenka hielt den Punkt fest für Werder.

Fazit: Bremen hält mit

Es war ein Spiel mit drei Phasen, die engen Einfluss hatten auf die Taktik beider Teams. Interessanterweise drehte Bremen just dann auf, als ihre eigene Konter-Taktik aufgrund des Ergebnisses hinfällig wurde. Dortmund wiederum erfüllte erst nach einer Stunde die Rolle des Favoriten. Beide Teams können aus diesen starken Phasen Positives mitnehmen für den Saison-Endspurt.

Tobias Escher.

Zur Person: Tobias Escher ist ein freier Journalist, der sich als Taktikexperte bundesweit einen Namen gemacht hat. Er ist Autor der Website spielverlagerung.de sowie Experte bei Bohndesliga, einem ganz besonderen Fußball-Format im Internet. Der 29-Jährige schreibt für die „Welt“ und „11Freunde“ und war als Taktikexperte auch für TV-Sender wie Sky und ZDF tätig - mal im Vorder-, mal im Hintergrund. Absolut zu empfehlen sind seine Bücher „Vom Libero zur Doppelsechs“ und „Die Zeit der Strategen: Wie Guardiola, Löw, Mourinho und Co. den Fußball neu denken“. Tobias Escher analysiert alle Pflichtspiele des SV Werder Bremen exklusiv für die DeichStube.

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