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Werder Bremen und Thomas Delaney (l.) verloren das Spiel gegen Christian Pulisic und Borussia Dortmund.

Taktikanalyse zum Dortmund-Spiel

Unbequem in Unterzahl

Bremen - Von Cedric Voigt. Das erste Werder-Pflichtspiel im Jahr 2017 wirkte wie eine etwas fiese Versuchsanordnung, um das Mannschaftsverhalten in Extremsituationen zu testen.

Wie reagiere ich auf einen frühen Rückstand? Was mache ich, wenn mein Topscorer vom Platz muss? Wie agiere ich in Unterzahl? Nouris Antworten hierauf waren gut, nicht aber gut genug für Punkte.

Grundsätzlich wirkten Thomas Tuchels Dortmunder an diesem Nachmittag nicht unverwundbar: Die Gäste traten in einem Mischsystem aus 4-4-2 und 4-3-3 an, in dem Toptorjäger Pierre-Emerick Aubameyang fehlte und auch die für Kreativrollen im zentralen Mittelfeld geeigneten Mario Götze, Raphael Guerreiro und Ousmane Dembélé zunächst auf der Bank Platz nehmen mussten. Gerade zu Spielbeginn blieb der Zehnerraum der Dortmunder so nicht konstant besetzt, der aufrückende Gonzalo Castro, der etwas eingerückt im linken Mittelfeld startende Shinji Kagawa und Marco Reus, der neben Andre Schürrle in der Sturmspitze agierte, teilten sich diese Aufgabe bei den Dortmundern.

Nichtsdestotrotz erreichte das Dortmunder Ballbesitzspiel die ganz hohen Zonen eher selten, zumeist versuchten die Gäste, das Mittelfeld schnell zu überbrücken und die immer wieder auf die Flügel ausweichenden Stürmer zu bedienen, die ihre Geschwindigkeitsvorteile der Bremer Abwehr gegenüber ausspielen sollten. In die Karten spielte dem BVB derweil die frühe Führung durch Andre Schürrle, der seinen Treffer nach einem verunglückten Klärungsversuch Serge Gnabrys fast geschenkt bekam.

Trotz Rückstand blieb Nouri zunächst beim Plan A

Anstatt nun riskant umzustellen, um das Spiel zu drehen, blieb Werder trotz anfänglicher Nervosität zunächst beim Plan A. Alexander Nouri hatte sich für die Partie entschieden, die auch im Winter-Trainingslager weiter eingeübte Dreierkette auf den Platz zu bringen: Robert Bauer agierte anfangs konstant tief neben Lamine Sané und Niklas Moisander, während Santiago Garcia auf der linken Seite höher rückte und Fin Bartels im rechten Mittelfeld eine defensivere Rolle als sonst übernahm. Im Zentrum agierte Clemens Fritz recht konstant als Sechser, während der umtriebige Thomas Delaney bei seinem Werder-Debüt situativ entweder als Achter neben Gnabry oder defensiver als Unterstützung für Fritz vor der Abwehr agierte. Im Sturmzentrum starteten erneut Claudio Pizarro und Max Kruse, der oftmals die Angriffe gerade über die linke Seite mit seinem Zurückfallen ins Mittelfeld unterstützte.

Gerade zu Beginn zeigten sich bei Werder noch Probleme im Spielaufbau: Das Dortmunder Angriffspressing setzte die Dreierkette früh unter Druck, Reus und Schürrle nutzten ihre Lauf- und Sprintstärke gut, um die Bremer Verteidiger in Zugzwang zu bringen. Aus der 4-4-2-Pressing-Formation der Dortmunder rückte Castro zudem oftmals unterstützend heraus und schloss viele Passwege ins Zentrum, sodass den Bremern häufig nur ein sehr direktes und riskantes Passspiel oder der Aufbau über lange Bälle und die Hoffnung auf erfolgreiche Gegenpressing-Situationen blieb.

In der Folge entwickelte sich eine hektische, kampfbetonte Partie, in der Dortmund die Ballhoheit hatte, Werder aber auch nach und nach besseren Zugriff bekam. Im Laufe der ersten Hälfte ließ der Dortmunder Druck etwas nach, der SVW kam nun vermehrt zu Abschlüssen, wenngleich meist nur aus der Distanz oder infolge von Standardsituationen. Auch die Herausnahme Gnabrys zugunsten von Milos Veljkovic brachte Werder besser in die Partie: Bremens Nationalspieler war sichtlich angeschlagen und hatte auf seiner zentralen Position hinter den Spitzen kaum Einfluss auf die Partie nehmen können.

Durch die Umstellung rückte Fin Bartels auf seine Position, während Robert Bauer die rechte Außenbahn übernahm. So erhielt der spielfreudige und konterstarke Bartels mehr Freiheiten, während die linke Dortmunder Offensivseite es mit einem defensiv griffigeren Gegenspieler zu tun bekam – Werder gewann also sowohl an Stabilität als auch an Gefährlichkeit im Umschaltspiel.

Rote Karte änderte wenig an der Spieldynamik

Auch die Rote Karte für Jaroslav Drobny infolge einer rustikalen Notbremse veränderte bemerkenswert wenig an der Spieldynamik. Alexander Nouri entschied sich aufgrund der unterzahlbedingten Ansprüche an die Laufarbeit dafür, Claudio Pizarro für Ersatzkeeper Felix Wiedwald vom Feld zu nehmen. Werder formierte sich nun in einem 3-4-2 mit Bartels und Kruse als Doppelspitze. Die Struktur dieser Grundordnung war nach wie vor kompakt genug, wenig Raum für dominante, aber weitestgehend uninspirierte Dortmunder offen zu lassen, und ermöglichte punktuell sogar ein aktiveres effektiveres Pressing, da Bartels' Dynamik in der vordersten Reihe besser zum Tragen kommen konnte als im Mittelfeld.

Noch mehr als zuvor wurde die Partie so zu einem offenen Schlagabtausch, in dem nicht nur die Dortmunder zu guten Chancen kamen, sondern auch Werder durch Clemens Fritz kurz vor der Pause gefährlich werden konnte. Dank einer Einzelaktion des starken Bartels gelang es Werder sogar, zwischenzeitlich auszugleichen. Bei Tuchels Dortmundern kippte derweil Julian Weigl häufiger zwischen die beiden Innenverteidiger, während die Außenverteidiger höher schoben und dem BVB nunmehr mit Kagawa zentraler ins Aufbauspiel eingebunden und Christian Pulisic auf einer Höhe mit Schürrle und Reus agierte.

Den Siegtreffer erzielten die Schwarz-Gelben allerdings etwas glücklich, als nach ein abgefälschter Schuss nach einer Ecke zum freistehenden Lukasz Piszczek fiel. Zwar entglitt den Dortmundern gegen Spielende ein wenig die Spielkontrolle, schwach getretene Standards und mit zu wenig Achtung vor der Abseitsregel ausgespielte Konter verhinderten jedoch schließlich, dass sich couragierte und phasenweise ebenbürtige Bremer für ihren Aufwand mit Punkten belohnen belohnten.

Einzelkritik: Delaney lässt sein Potential aufblitzen

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