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Viel klarer kann eine Rote Karte nicht sein: Werders Keeper Jaroslav Drobny tritt Marco Reus mit offener Sohle in die rechte Hüfte.

1:2 beim Bundesliga-Re-Start

Werder verliert gegen Dortmund: Viel Moral, null Ertrag

Bremen - Von Daniel Cottäus. Gegen Borussia Dortmund musste Werder viele Rückschläge wegstecken. Gegen die half am Ende auch der größte Kampf nichts. Die Bremer verloren ihr erstes Bundesliga-Spiel 2017 mit 1:2.

Es dauerte am Samstagnachmittag gerade einmal fünf Minuten, da stand Serge Gnabry im Weserstadion bereits im Mittelpunkt des Geschehens – allerdings ganz und gar nicht so, wie Werder sich das wünscht. Im ersten Bundesligaspiel des Jahres gegen Borussia Dortmund leistete sich der 21-Jährige vor dem eigenen Strafraum einen folgenschweren Fehler und leitete damit das frühe Dortmunder 1:0 durch Andre Schürrle ein. Die Szene bildete den Auftakt einer kuriosen Partie, die Werder am Ende mit 1:2 (0:1) verlor. „Es ist eine Niederlage, über die wir uns sehr ärgern“, sagte der Bremer Kapitän Clemens Fritz – und betonte: „Kämpferisch war es eine starke Leistung von uns.“

In der Tat hätten sich die Hausherren in der Schlussphase mit etwas Glück noch mit einem Punkt belohnen können – ob der vielen Rückschläge, die Werder zuvor erfolgreich weggesteckt hatte, wäre das nicht mal unverdient gewesen. Der Knackpunkt des Spiels war nämlich nicht mal Gnabrys früher und ungewohnter Aussetzer, sondern ereignete sich erst, nachdem der Nationalspieler in der 26. Minute wegen Übelkeit bereits ausgewechselt worden war.

Kurz vor der Pause kam Werder-Keeper Jaroslav Drobny in seinem 200. Bundesligaspiel nach einem langen Ball aus dem Tor gestürmt und holte Marco Reus brutal von den Beinen (39.). Keine Frage: eine Rote Karte. Zum einen verhinderte Drobny eine klare Torchance, zum anderen verdiente allein sein Einsteigen den Platzverweis. „Er hat in dieser Situation eine Entscheidung getroffen. Kein Vorwurf von mir“, sagte Werder-Trainer Alexander Nouri.

Werder im Pech: Frühes Gegentor, Rote Karte, Lattentreffer

Die große Frage bei dieser Szene lautete allerdings: Stand Reus beim Pass von Gonzalo Castro im Abseits? Selbst die Fernsehbilder lieferten da zunächst keine klare Antwort, am Ende befand sich der BVB-Angreifer aber wohl auf gleicher Höhe mit Werders Verteidiger Milos Veljkovic, der für Gnabry in die Partie gekommen war. Bundesliga-Debütant Thomas Delaney sagte: „Es ist egal, ob Abseits oder Foul, den Fehler machen wir vorher. Der lange Pass darf gar nicht kommen.“ Nouri reagierte, wechselte Claudio Pizarro aus und brachte Ersatzkeeper Felix Wiedwald, der in dieser Saison plötzlich zum dritten Mal die Nummer eins bei Werder ist.

Nachdem Dortmund in der Anfangsphase gut und gerne auf 2:0 oder 3:0 hätte erhöhen können, wäre Werder später beinahe mit einem 1:1 in die Kabine gegangen: Ein Schuss von Fritz knallte an die Unterkante der Latte und sprang von dort wieder ins Feld (45.). „Das frühe Gegentor, die Rote Karte, dann Clemens’ Schuss – wir hatten viele Dinge, die gegen uns gelaufen sind“, haderte Nouri.

Einzelkritik: Delaney lässt sein Potential aufblitzen

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Jaroslav Drobny: Ruhm oder Rot – so ging der Keeper in den Zweikampf mit Marco Reus. Und er bekam Rot. Dazu gab es keine Alternative. Drobnys Kung-Fu-Tritt gegen den BVB-Star wird ihm nun wohl drei Spiele Sperre einbringen. Vor dem Foul hatte der Tscheche mit einer Parade gegen Schürrle und einem Abspielfehler auf Schmelzer sowohl positiv als auch negativ auf sich aufmerksam gemacht. Note 5 © nordphoto
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Robert Bauer: Begann auf der rechten Seite der Dreierkette, rückte im Zuge der Umstellungen nach dem Platzverweis ins Mittelfeld vor. Mit vollem Einsatz verhinderte Bauer gegen Reus ein frühes 0:2 (6.). Insgesamt ein engagierter, aber wenig auffälliger Auftritt. Note 4 © nordphoto
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Lamine Sane: Der Abwehrchef im Zentrum der Dreierkette war in beide Gegentore verstrickt. Vor dem 0:1 auffallend inaktiv, vor dem 1:2 machte ausgerechnet er die Abseitsfalle untauglich, weil er nicht schnell genug herausrückte. Schlimm war seine mit Ansage gespielte und viel zu kurz geratene Kopfball-Rückgabe, die beinahe das 1:3 zur Folge gehabt hätte. Note 5 © imago
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Niklas Moisander: Der dritte Verteidiger hatte in Minute 35 das 1:1 auf dem Fuß, er verzog aber aus der Drehung. Defensiv ohne große Patzer und im Vergleich mit Sane der solidere Part. Note 3 © imago
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Clemens Fritz (bis 80.): Alles hatte er Sekunden vor der Pause richtig gemacht. Ein Haken vor dem 16er, damit der Ball auf dem starken rechten Fuß liegt, ein Schlenzer Richtung Toreck – und dann fehlten nur Millimeter zum Ausgleich. Von der Unterkante der Dortmunder Latte sprang der Ball zurück ins Feld. Es war eine starke Aktion des Kapitäns, der 80 Minuten für einen Punkt kämpfte. Dann war der Tank leer. Note 3 © nordphoto
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Thomas Delaney: Das Debüt des Dänen war kein Super-Highlight, aber missraten war es auch nicht. Delaney zeigte großen Einsatz, war überall auf dem Platz präsent. Auch vor dem Dortmunder Tor. Mit einem Direktschuss aus dem Hintergrund und einem weiteren Versuch von Höhe des Elfmeterpunktes scheiterte er jeweils an Weidenfeller. Note 3 © nordphoto
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Fin Bartels: Er begann im rechten Mittelfeld und rückte nach Gnabrys Auswechslung auf die Position hinter den Spitzen. Seiner Schnelligkeit war es zu verdanken, dass Werder zwischenzeitlich vom Punktgewinn träumen durfte. Bartels tunnelte Ginter, lief dann Sokratis weg und erzielte das 1:1. Nicht nur deshalb war er einer der auffälligsten Bremer. Note 2,5 © nordphoto
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Serge Gnabry (bis 26.): Er ging gesund ins Spiel und erkrankte quasi auf dem Platz. Vielleicht war sein Fehler, der die Quelle der frühen Dortmunder Führung war, der Grund, dass ihm plötzlich übel war. Ein kraftloser Auftritt des 21-Jährigen. Note 5 © dpa
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Santiago Garcia: Der Linksverteidiger hielt sich ob der "gependelten Kette" mehr im Mittelfeld auf. Garcia begann ganz schwach, produzierte massenhaft Fehler. Immerhin das bekam er in den Griff. Mehr aber auch nicht. Note 4,5 © nordphoto
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Max Kruse: Der Stürmer zeigte viel zu wenig. Nur mit Freistößen aus dem Halbfeld sowie einer direkten Weiterleitung auf Bartels brachte er die Dortmunder Abwehr in Not. Note 4 © nordphoto
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Claudio Pizarro (bis 40.): Er ist noch überhaupt nicht auf Betriebstemperatur. Es ist bezeichnend, dass er vom Platz musste, als ein Opfer für die Wiedwald-Einwechslung gesucht wurde. Auf Pizarro konnte Werder in der Situation am ehesten verzichten. Note 4,5 © imago
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Milos Veljkovic (ab 26.): Kam für Gnabry und rückte in die Dreierkette. Veljkovic spielte insgesamt ordentlich, war aber derjenige, der vor dem Drobny-Platzverweis einen Tick zu tief gestanden und so das Abseits aufgehoben hatte. Note 4 © imago
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Felix Wiedwald (ab 40.): Da ist er wieder! Wiedwald, eben fast noch zur Nummer drei degradiert, steht wieder im Werder-Tor. An der Leistung des Schlussmannes gab es nichts zu meckern. Was zu halten war, fischte er sicher weg. Note 2,5 © nordphoto
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Florian Kainz (ab 80.): Kam zu seinem zweiten Bundesliga-Einsatz und zeigte mit einem zerstörten Konter, dass er keiner ist, der von null auf hundert starten kann. Note - © nordphoto

Zu Beginn der zweiten Hälfte kam Werder dennoch wild entschlossen zurück auf den Platz und belohnte sich in der 59. Minute für den couragierten Auftritt. Nach einem Einwurf verlängerte Fritz den Ball per Kopf in den Lauf von Fin Bartels, der Ginter tunnelte, den Ex-Bremer Sokratis im Laufduell abhängte und im Fallen zum 1:1 traf. „Die Situation hat gepasst. Ich nehme den Ball mit, und dann ist der Weg frei“, berichtete Bartels hinterher. Großartig freuen wollte sich der 29-Jährige über seinen Treffer jedoch nicht, was nicht verwunderte: Schließlich hatte er Werder gegen spielerisch überlegene Dortmunder nichts Zählbares eingebracht.

BVB-Coach Thomas Tuchel wollte mehr als nur den einen Punkt und brachte in Raphael Guerreiro und Ousman Dembele in der 70. Minute zwei frische Kräfte – in der 71. Minute hatte Guerreiro dann bereits großen Anteil am Dortmunder 2:1. Sein abgefälschter Schuss flog über Werders ohnehin nicht gerade sattelfeste Dreierkette, in der der schwache Lamine Sane zu allem Überfluss auch noch das Abseits aufhob. Lukas Piszczek profitierte davon und hob den Ball gefühlvoll an Wiedwald vorbei. Werder rannte danach nochmal an – umsonst. „Wir haben alles gegeben“, beteuerte Bartels. Viel Moral, null Ertrag, hätte er auch sagen können.

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