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Nach der bitteren 1:2-Pleite in ketzter Minute blieb Trainer Alexan der Nouri nicht viel mehr übrig, als seine Spieler aufzumuntern.

Taktikanalyse zum Spiel gegen Eintracht Frankfurt

Müde Bremer im freien Fall

Bremen - Von Cedric Voigt. Es war die vierte Pleite in Folge: Weshalb ist dem SV Werder Bremen trotz der Startelf-Rückkehrer Max Kruse und Claudio Pizarro gegen Eintracht Frankfurt wieder kein Erfolgserlebnis gelungen? Die Taktikanalyse.

Werder verliert weiter. Anders als die Partien gegen überlegene Leipziger und Schalker wirkte der Auftritt zuhause gegen Frankfurt weitestgehend wie ein Spiel auf Augenhöhe, alte Defizite im Defensivverhalten ließen die Gastgeber das Spiel in der zweiten Hälfte jedoch noch aus der Hand geben.

Alexander Nouri stellte angesichts der entspannteren Personalsituation im Vergleich zu den Partien vor der Länderspielpause deutlich um: Das 4-1-4-1/4-2-3-1 wich einem klaren 4-4-2, in dem die Rückkehrer Max Kruse und Claudio Pizarro den Sturm besetzten. Zlatko Junuzovic agierte erneut im linken Mittelfeld, während Serge Gnabry auf den rechten Flügel rückte. Das defensive Mittelfeld teilten sich Florian Grillitsch und Clemens Fritz auf, Philipp Bargfrede nahm zunächst auf der Bank Platz.

Bei den Gästen aus Frankfurt schickte Coach Niko Kovac nicht zum ersten Mal eine Dreierkette auf den Platz – der Japaner Makoto Hasebe fungierte als zentrale Anspielstation, während David Abraham und Jesús Vallejo den Ball nach vorne trieben. Zentral agierten Omar Mascarell und Szabolcs Huszti als ballsichere Anspielstationen, die jedoch nicht allzu riskant in höhere Zonen aufrückten, während die Frankfurter Außenverteidiger recht klassisch den Flügel besetzten.

In der Frankfurter Offensivdreierreihe fiel besonders Marco Fabián auf, der von seiner Ausgangsposition als leicht rechtsversetzter Stürmer häufig ins Zentrum wich oder sich zwischen Linien als Anspielstation anbot, um den Ball zu verteilen oder selbst zum Abschluss zu kommen.

Offene erste Halbzeit

In der ersten Hälfte entwickelte sich eine offene Partie, in der Frankfurt zunächst etwas mehr Ballbesitz verbuchen konnte, allerdings nicht im eigentlichen Sinne dominierte: Auch, wenn der Aufbau der Frankfurter, der von den eher zaghaft anlaufenden Pizarro und Kruse auch kaum gestört wurde, recht souverän erfolgte, gelang es den Gästen kaum, die Bremer Defensive zu knacken. Ähnlich wie schon gegen die Schalker Dreierkette mit ihren hohen Flügelverteidigern ließen sich Gnabry und Junuzovic als äußere Bremer Mittelfeldspieler teils tief fallen, um dabei mitzuhelfen, die letzte Linie in der Breite zu sichern.

Die Frankfurter versäumten ein wenig, stattdessen Gefahr durchs Zentrum zu entwickeln: Weder gaben Mijat Gacinovics Läufe dem agilen Fabián Optionen für ein Abspiel, noch erwies sich Branimir Hrgota als allzu präsenter Zielspieler im Zentrum, sodass trotz nicht immer optimaler Raumsicherung der Doppelsechs aus Fritz und Grillitsch die ganz großen Frankfurter Chancen ausblieben.

Kruses "Bock" und Pizarros Pech

Die Bremer konnten ihrerseits nach Ballgewinn oft schnell umschalten: Claudio Pizarro und Max Kruse verbinden dabei diverse Fähigkeiten wie eine saubere Technik, eine schnelle Auffassungsgabe und ein gutes Positionsspiel, sodass die beiden Starstürmer als Fixpunkte im Spiel nach vorne die dynamisch nachstoßenden Mitspieler einsetzen und dabei mithelfen konnten, den Ball mit wenigen Kontakten nach vorne zu treiben.

Niklas Moisander bedient Werder-Offensive mit langen Bällen

Neben den schnellen Umschaltangriffen baute Werder diesmal etwas anders auf als in den Vorwochen, um zu Abschlüssen zu gelangen: Die hohen Eröffnungen auf die Außenverteidiger wurden durch ein etwas flacheres Spiel ins Zentrum, in dem Fritz und Grillitsch anders als zuletzt zumeist auf einer Höhe agierten und sich abwechselnd anboten, ergänzt.

Darüber hinaus gab es einige Eröffnungen aus der Innenverteidigung direkt in die vorderste Reihe – alleine Niklas Moisander bereitete in der ersten Hälfte Abschlusschancen für Serge Gnabry und Max Kruse sowie den Treffer des mit gutem Timing gegen die Laufrichtung der herausrückenden Frankfurter Viererkette vorstoßenden Florian Grillitsch vor.

Solche Aktionen gelangen besonders dann, wenn die Innenverteidiger bereits etwas weiter aufgerückt waren und die Frankfurter Außenstürmer sich an den Bremer Außenspielern orientierten, statt den Mittelstürmer mit abwechselndem Herausrücken auf den ballführenden Innenverteidiger im hohen Pressing zu unterstützen.

Gefährliche Eintracht mit mehr Präsenz im Strafraum

In der zweiten Halbzeit reagierte Kovac auf die fehlende Durchschlagskraft seines Teams und brachte den am Main als Fußballgott verehrten Alex Meier für Huszti. Nun mag es durchaus streitbar sein, ob das Gespür für den richtigen Laufweg, ein trockener Abschluss und die grundsätzliche Fähigkeit, Gegenspieler zu binden, um seinen Mitspielern Lücken zu schaffen, diesen Status rechtfertigen – zumindest reichte es, um nach einer missglückten Abwehraktion Grillitschs schon gut fünf Minuten nach Wiederanpfiff auf Remis zu stellen.

Die Frankfurter setzten nun stärker auf ein 3-1-4-2 mit Hrgota und Meier als Doppelspitze, brachten so mehr Präsenz in den Strafraum und kamen vermehrt zu gefährlichen Abschlüssen. Die Bremer hatten nach wie vor diverse Chancen durch Gegenstöße, nicht zuletzt, da die Frankfurter durch die Herausnahme Husztis das Zentrum etwas geöffnet hatten. Letztlich misslang jedoch meist die letzte oder vorletzte Aktion, gegen Spielende machte sich auch immer mehr bemerkbar, dass die Hauptakteure der Bremer Offensive physisch noch nicht bei 100% waren.

Werder gibt Führung aus der Hand

Pizarro, der eine Viertelstunde vor Schluss noch die beste Bremer Chance der zweiten Hälfte knapp vergab, wirkte ebenso wie Kruse, der in der letzten Spielminute mit einem überflüssigen Dribbling den Ball zum 1:2-Endstand durch den jungen Aymen Barkok herschenkte, noch nicht in Topform. Auch Serge Gnabry wirkte etwas müde nach seiner Länderspielreise. Grundsätzlich wirkten die Frankfurter etwas aufmerksamer und über 90 Minuten stabiler als Werder.

Spannende zwei Wochen für Bremen

Nach der vierten Pleite in Folge steht Werder nun vor zwei kleinen Endspielen im Kampf darum, den Anschluss an das Ligamittelfeld zu halten und nicht abgehängt zu werden. Sowohl gegen den HSV als auch gegen den FC Ingolstadt sind Siege im Prinzip Pflicht. Essentiell hierfür werden zwei Dinge sein: Einerseits muss das Team von Alexander Nouri an Ruhe und Ballsicherheit im Aufbau sowie im Angriffsdrittel zulegen.

Gerade Rückkehrer wie Max Kruse und Philipp Bargfrede können mit verbesserter Fitness Grundstein einer neuen Mittelfeldbalance werden. Im kommenden Nordderby sind leichtsinnige, schlecht abgesicherte Ballverluste Gift gegen schnelle Konterspieler wie Nicolai Müller oder Filip Kostic. Zum anderen ließ Werder im 4-4-2 oft zu große Abstände sowohl zwischen den einzelnen Spielern als auch zwischen den Ketten, dem Herausrücken gegen den Ballführenden fehlte situativ das Timing.

Dazu übte man besonders in der zweiten Hälfte wohl auch aufgrund der frisch rekonvaleszenten Kruse und Pizarro nicht mehr mit der nötigen Intensität Druck auf den Gegner aus. Kurz: Auch jenseits ärgerlicher individueller Fehler bleibt das Defensivverhalten verbesserungswürdig. Viel Arbeit also für Alexander Nouri - allerdings auch die Chance, gegen individuell mäßige Gegner Selbstvertrauen für den Hinrundenendspurt zu tanken.

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