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Alexander Nouri verlor mit Werder nach einer desaströsen Leistung mit 0:3 gegen Augsburg.

Nach der Pleite gegen Augsburg

Taktik-Analyse: Nouri schmeckt seine eigene Medizin

Bremen - Bereits die gesamte Saison plagen Werder Bremen offensive Probleme. Gegen den FC Augsburg treten diese Schwächen offen zutage. Wie FCA-Coach Manuel Baum sich die Bremer Schwächen zunutze machte, erklärt unser Taktikexperte Tobias Escher.

Hoffenheims Geschäftsführer Alexander Rosen war nach dem Pokal-Aus gegen Werder Bremen geladen. „Das hat nichts mit Fußball zu tun“, schimpfte er. Ihm missfiel Werders defensive Taktik. Passiv verteidigen, den Gegner kommen lassen, auf Konter hoffen: Werder habe am Spiel gar nicht teilgenommen. Das Ergebnis sprach jedoch für Werders Trainer Alexander Nouri und seine defensive Taktik.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Bremen wenige Tage später in einem gänzlich ähnlichen Spiel involviert war – nur diesmal mit umgekehrten Vorzeichen. Am Sonntagnachmittag waren es die Augsburger, die mit einer passiven Grundordnung den Gegner kommen ließen – und diesmal mussten die Werderaner den aktiven Part beisteuern. Der Unterschied zwischen Werder und Hoffenheim: Werder hatte überhaupt keine Idee, was sie mit dem Ball anfangen sollen.

Das alte Problem: der Spielaufbau

Der Bremer Spielaufbau ist eine der großen Baustellen in dieser Saison. Auch in dieser Partie war dies nicht anders. Nouri schickte seine Mannschaft in einem 5-3-2-System auf das Feld. Offensiv rückten die Außenverteidiger weit vor, das System wurde zu einem 3-1-4-2. Der Spielaufbau begann dementsprechend bei der Dreierkette in der Abwehr.

Die Probleme im Spielaufbau waren dieselben wie bereits vor Wochenfrist gegen Köln: Bremen fehlte jeglicher Zug zum Tor. Das zentrale Mittelfeld verwaiste. Die drei Mittelfeldspieler standen entweder zu hoch oder zu tief. Zlatko Junuzovic bewegte sich weit nach vorne, während Thomas Delaney sich tief anbot. Die Versuche von Max Kruse und Ishak Belfodil, zurückzufallen und sich im offensiven Mittelfeld anzubieten, trugen keine Früchte.

Einzelkritik: Moisander und Sane total abgemeldet

Mangels Anspielstation im zentralen Mittelfeld blieb Bremen nur der Weg über die Außen. Dort konnte Augsburg sie leicht abfangen, da Bremens Außenverteidiger meist auf sich alleine gestellt waren. Das lag auch daran, dass Bremens Ballzirkulation zu langsam war. Die Dreierkette passte den Ball zu behäbig. Augsburg konnte in Ruhe von einer Seite zur anderen verschieben, ehe Werder den Ball von einer Seite zur anderen passte.

Augsburg verteidigt clever

Augsburgs Taktik ging vollkommen auf. Augsburgs Trainer Manuel Baum wählte den Weg des geringsten Widerstands: Nur vereinzelt ging Augsburg zu einem aggressiven Pressing über; die meiste Zeit verharrten sie in einem 4-4-2 in der eigenen Hälfte, wohl wissend, dass der Spielaufbau Werders Schwachstelle ist.

Interessanter Kniff: Wenn Zlatko Junuzovic nach vorne sprintete, deckte Rani Khedira den Österreicher und ließ sich dabei sogar in die Abwehrkette fallen. Augsburgs System pendelte somit zwischen Vierer- und Fünferkette. Das genügte, um Bremens Spiel in die Tiefe vollends zu blockieren.

Nur wenn Augsburgs Doppelsechs doch einmal im Pressing vorrückte, zeigte Werder gefällige Angriffe. Junuzovic und Delaney besetzten in diesen Situationen das offensive Zentrum, Werder band sie schnell ins Angriffsspiel ein. Da Augsburg kaum nach vorne rückte, gab es solche Situationen nur selten. Aus dem eigenen Ballbesitzspiel konnte Werder nie diese Dynamik kreieren.

Das neue Problem: Flügelverteidigung

Augsburg tat nicht mehr für die Partie, als sie mussten – doch das genügte. Ihre Konter trugen sie zügig und schnell über die Flügel vor. Daniel Baier schlug den Ball auf die Außenstürmer, diese stürmten in Richtung Tor. Wucht bekam das Augsburger Offensivspiel, wenn sich die Außenverteidiger einschalteten.

Die Grafik zeigt Bremens Struktur im Spielaufbau und die fehlende Besetzung des Mittelfelds.

Bremen hatte Probleme mit Augsburgs Flügelangriffen. Hier zeigte sich der Nachteil, dass Bremen den Flügel nur mit einem Akteur besetzte. Zur fehlenden offensiven Durchschlagskraft gesellten sich in diesem Spiel also auch noch Abwehrfehler. Zur Verteidigung der Bremer Defensive muss man sagen: Bis zum 0:1 passte die Kompaktheit sowie die Aggressivität in der Manndeckung im Mittelfeld; doch die Defensive war in dieser Saison ohnehin selten das Problem.

Taktische Umstellung in der Pause

Nach der Pause warf Alexander Nouri alles nach vorne. Er stellte auf ein offensives 4-2-4-System um. Die Außenverteidiger bekamen auf den Flügel Unterstützung durch die eingewechselten Außenstürmer Florian Kainz und Izet Hajrovic. Bremens flügellastiges Aufbauspiel gewann damit an Wucht, nicht aber an Torgefahr. Augsburg beherrscht wie kaum eine zweite Mannschaft die Verteidigung von Flanken, ihre Gruppenbildung im eigenen Strafraum funktionierte perfekt. Werders Flanken blieben fruchtlos.

Die Folge der taktischen Umstellung war somit eher, dass Bremen die defensive Stabilität verlor, die sie bei allen Problemen sonst auszeichnete. Augsburg konterte über die einrückenden Flügelspieler, die nun direkt Richtung Tor sprinteten und nicht mehr Richtung Flügel. Nachdem Augsburg das 3:0 erzielte, verlor Bremen vollends die Spannung. Augsburg hätte noch weitere Treffer nach Kontern erzielen können.

Nie traten die Probleme im Ballbesitzspiel stärker zum Vorschein als in dieser Partie. Die löchrige Flügelverteidigung sowie die schwache Konterabsicherung machten das Debakel perfekt.

Tobias Escher

Zur Person: Tobias Escher ist ein freier Journalist, der sich als Taktikexperte bundesweit einen Namen gemacht hat. Er ist Autor der Website spielverlagerung.de sowie Experte bei Bohndesliga, einem ganz besonderen Fußball-Format im Internet. Der 29-Jährige schreibt für die „Welt“ und „11Freunde“ und war als Taktikexperte auch für TV-Sender wie Sky und ZDF tätig - mal im Vorder-, mal im Hintergrund. Absolut zu empfehlen sind seine Bücher „Vom Libero zur Doppelsechs“ und „Die Zeit der Strategen: Wie Guardiola, Löw, Mourinho und Co. den Fußball neu denken“ (erscheint im März 2018). Tobias Escher wird in dieser Saison alle Pflichtspiele des SV Werder Bremen exklusiv für die DeichStube analysieren.

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