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Erst in der 72. Minute gelang es den Bayern die Bremer zu knacken.

Taktikanalyse zur 0:2-Niederlage 

Bremen macht es den Bayern schwer – aber nicht schwer genug

70 Minuten lang verteidigte Werder Bremen tief und vernagelte das eigene Tor. Der Weg zum gegnerischen Tor war jedoch zu weit, Lewandowski beendete die Träume vom Punktgewinn. Die Taktikanalyse.

Werder Bremens Saison bietet 30 normale Spiele, zwei emotionale Derbies gegen den HSV – und zwei Spiele gegen den FC Bayern. Die Nord-Süd-Duelle ragen aus dem Spielplan heraus: Nicht nur, dass eine Niederlage quasi schon einprogrammiert ist. Die Partien gegen den Rekordmeister bieten auch taktisch eine völlig eigene Aufgabenstellung. Gegen die Bayern geht es einzig darum, so lange wie möglich die Null zu halten. Konstruktiver Spielaufbau ist vernachlässigbar, wenn selbst ein 0:0 wie ein Sieg gefeiert wird. Insofern muss man nach der knappen 0:2-Niederlage am gestrigen Samstag konstatieren: Bremen schlug sich wacker.

Bremen verteidigt tief und verschiebt gut

Bremens Coach Alexander Nouri veränderte die Elf, die vergangene Woche 0:1 in Hoffenheim verlor, nur auf einer Position. Der zweikampfstarke Jerome Gondorf rückte für den offensiveren Florian Kainz ins Mittelfeld. Bremen agierte also erneut in einem 5-3-2, das besonders im Zentrum kompakt aufgestellt war. Das Dreier-Mittelfeld agierte zentral vor der Fünferkette, die beiden Stürmer ließen sich ebenfalls weit zurückfallen. Zusammen mit der Dreierkette in der Abwehr sicherten also acht Spieler den zentralen Bereich.

Bereits gegen Hoffenheim überließen die Bremer über weite Strecken dem Gegner den Ballbesitz. Gegen Bayern ging Nouri noch einen Schritt weiter: Sein Team verzichtete fast gänzlich auf ein Pressing, setzte die Bayern nicht unter Druck. Sie zogen sich in ihrem 5-3-2 an den eigenen Strafraum zurück. Dort versuchten sie, die Bayern auf die Flügel zu leiten und dort zu stellen. Es sollte verhindert werden, dass der Ball in den Strafraum gelangt.

In den ersten 20 Minuten gelang dies nicht. Münchens Außenverteidiger rückten in ihrem 4-2-3-1-System weit nach vorne und suchten das Zusammenspiel mit dem Außenstürmer-Duo Arjen Robben und Franck Ribery. Die Bremer verschoben nicht konsequent genug auf die Flügel, sodass die Bayern hier oft in Gleichzahl-Situationen gelangten – etwas, was man gegen Robben und Ribery eigentlich vermeiden will. Nach rund zwanzig Minuten verbesserten sich die Bremer in diesem Punkt, Bremens Mittelfeld half konsequenter auf den Flügeln. Die Bayern bissen sich fortan die Zähne an Bremens kompakter Defensive aus.

Wenig Offensivdrang auf beiden Seiten

Die Bayern hatten wenig Ideen, wie sie das kompakte Konstrukt der Bremer knacken können. Zehner Thiago ließ sich häufig fallen, um das Spiel zu strukturieren. Die Außenstürmer verharrten auf dem Flügel, die Außenverteidiger zogen etwas in die Mitte. Es fehlte an der Präsenz vor Bremens Abwehrkette, um mal einen unerwarteten Pass spielen zu können. Die Bayern kamen selten bis nie zwischen die Bremer Linien. Das gesamte Münchener Spiel spielte sich außerhalb von Bremens Formation ab. Vor das Tor gelangten sie praktisch nur über die Flügel; einen Weg, den Bremen immer stärker versperrte.

Bremen verteidigte eng am Strafraum. Die Bayern hatten vorne nur Lewandowski, passten sich ansonsten hinter Bremens Mittelfeld den Ball zu.

Bremen konnte gegen Bayerns Ballbesitz-Sammel-Orgie nur selten Akzente setzen. Aufgrund ihrer tiefen Positionierung eroberten sie den Ball erst weit in der eigenen Hälfte. Somit waren die Wege zum gegnerischen Tor lang. Den Bremern brachten die nötigen vier oder fünf Pässe nur selten präzise zum Mitspieler.

Positiv war das Verhalten, wenn Max Kruse oder Fin Bartels doch einmal einen Ball präzise ins Mittelfeld ablegten. Sobald der Ball in der gegnerischen Hälfte war, rückten die Außenverteidiger und auch die Achter dynamisch nach. In der gegnerischen Hälfte agierte Bremen wesentlich mutiger als noch gegen Hoffenheim. Einzig die Passgenauigkeit fehlte.

Lewandowski dreht das Spiel

Die Partie lahmte zusehends. Bayern spielte viel quer und zurück, die Bremer Konter endeten spätestens beim starken Mats Hummels. Erst mit der Einwechslung von Kingsley Coman kam neuer Schwung in die Partie. Er nahm sich vermehrt Freiheiten und tauchte auch mal auf dem anderen Flügel auf. Ein Solo von ihm leitete das 1:0 ein, das Robert Lewandowski überragend per Hacke erzielte (72.). Die kurz darauf erfolgte Einwechslung von Thomas Müller befreite Bayerns Offensive noch stärker. Mit mehr Positionswechseln und Bewegung beschäftigten sie die Bremer Defensive.

Lewandowskis Treffer zum 2:0 (75.) beendete praktisch das Spiel. Nach 70 Minuten totaler Defensive konnte Bremen den Schalter auf eine offensivere Spielweise nicht mehr umlegen. Auch nach den Einwechslungen von Kainz, Philipp Bargfrede und Johannes Eggestein verharrte Bremen im 5-3-2-System. Weitere Schadensbegrenzung schien den Bremern wichtiger zu sein als der Ehrentreffer.

Unter dem Strich bleibt dasselbe Fazit wie nach dem Hoffenheim-Spiel: Bremen verteidigte clever, verpasste es aber, über Konter selber Chancen herauszuspielen. In zwei Wochen muss Bremen in Berlin beweisen, dass sie mehr beherrschen als nur die Spielzerstörung.

Tobias Escher

Zur Person: Tobias Escher ist ein freier Journalist, der sich als Taktikexperte bundesweit einen Namen gemacht hat. Er ist Autor der Website spielverlagerung.de sowie Experte bei Bohndesliga, einem ganz besonderen Fußball-Format im Internet. Der 29-Jährige schreibt für die „Welt“ und „11Freunde“ und war als Taktikexperte auch für TV-Sender wie Sky und ZDF tätig - mal im Vorder-, mal im Hintergrund. Absolut zu empfehlen sind seine Bücher „Vom Libero zur Doppelsechs“ und „Die Zeit der Strategen: Wie Guardiola, Löw, Mourinho und Co. den Fußball neu denken“ (erscheint im März 2018). Tobias Escher wird in dieser Saison alle Pflichtspiele des SV Werder Bremen exklusiv für die DeichStube analysieren.

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