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Werder-Trainer Alexander Nouri

Taktikanalyse

Bayrische Effizienz zieht starken Bremern den Zahn

Bremen - Von Cedric Voigt. Der SV Werder hat zwar 1:2 verloren, dem FC Bayern aber ein Duell auf Augenhöhe geboten. Das lag auch am neuen taktischen Konzept von Trainer Alexander Nouri.

Mit seiner Bemerkung, dass ein Spiel gegen den FC Bayern „wie ein Zahnarztbesuch“ sei, gelang Sebastian Prödl 2015 der „Fußballspruch des Jahres“. Zum Rückrundenauftakt hatten die Bremer wieder ihren Termin – gegen den Rekordmeister wirkte die Mannschaft von Trainer Alexander Nouri im 5-3-2 jedoch weder narkotisiert noch verängstigt, sondern mutig und taktisch stabil.

Über den Winter hat auch Werder Bremen zu der flexiblen Formation gefunden, die derzeit von vielen Bundesligisten immer mal wieder getestet wird und beispielsweise der TSG Hoffenheim zu ungeahnten Höhenflügen verholfen hat – das im Angriff als 3-1-4-2, in tieferen Defensiv-Staffelungen als 5-3-2 gespielte System der Stunde hat auch den Osterdeich erobert.

Nicht selten entwickeln sich neue Taktiktrends als Antwort auf die vorherrschenden Dogmen des Fußballs, der gerade erfolgreich ist. Bis vor Kurzem setzte vor allem das 4-2-3-1 diesen Standard – eine dank vieler möglicher Passdreiecke gut strukturierte, aber oft recht simpel ausgespielte Grundordnung, der auch Bayern-Coach Carlo Ancelotti in diesem Spiel vertraute. Zwischen den abstiegsgefährdeten Werderanern und dem Ligaprimus entwickelte sich ein Duell auf Augenhöhe.

Bayern scheitern oft am Raumgewinn in der Mitte

Die Ballbesitz-Dominanz besaßen dabei erwartungsgemäß die Münchner: Mit Javi Martinez und Mats Hummels in der Innenverteidigung sowie Xabi Alonso und Joshua Kimmich im zentralen Mittelfeld bot Ancelotti ballsichere Spieler auf. Ob der gut verschiebenden und Anspielwege verschließenden Bremer Doppelspitze und des massiven Dreierblocks im Zentrum dahinter scheiterten sie jedoch oft daran, für Raumgewinn durch die Mitte zu sorgen und beispielsweise Thomas Müller einzubinden, der als hängende Spitze zwar immer wieder von seiner zentralen Position auszuweichen versuchte, um die Angriffe der Bayern zu unterstützen, allerdings über die 90 Minuten wenig Einfluss nehmen konnte.

Viel prägender waren dort die Außenpositionen: Meist versuchten die Bayern vor allem, ihre Ausnahmekönner Franck Ribery und Arjen Robben in Position zu bringen. Über den linken Ribery-Flügel baute oftmals Mats Hummels die Spielzüge auf, auch Xabi Alonso kippte vereinzelt leicht linksversetzt aus dem Mittelfeld in die tiefere Aufbaulinie, sodass sich David Alaba höher positionieren und den Bremern die Zuordnung erschweren konnte. Während auf dem gegenüberliegenden Flügel Lahm meist etwas tiefer blieb und Robben in der Regel viel über Einzelaktionen regeln musste, forderten die Münchner den Bremer Abwehrmechanismus hier etwas konsequenter.

Einzelkritik: Kruse voller Ideen, Garcia ohne Sicherheit

Zu vielen Chancen kamen die Bayern so trotzdem nicht: Falls Ribery etwas tiefer aus dem Halbraum seine Kreativität einbringen wollte, stand ihm bereits einer der konsequent verschiebenden Bremer Achter auf den Füßen. In höheren Zonen rückte Milos Veljkovic unterstützend zu Robert Bauer auf den Flügel, während Santiago Garcia auf der ballfernen Spielfeldseite tiefer in die Kette pendelte. Ähnliche Umformungen ergaben sich auf dem anderen Flügel, wo Garcia gerade im Angriff oft riskant aufrückte und situativ als kopfballstarke Option sogar mit in den Münchener Strafraum stieß, während Niklas Moisander links absicherte und Bauer die Kette ballfern auffüllte.

Mit seiner individuellen Klasse gelang es Ribery nach etwa einer halben Stunde dennoch, den Ball an einer Bremer Spielertraube vorbei in den nach einem Gegenstoß unbesetzten Rückraum zu legen, wo der einstartende Arjen Robben in einer im Eins gegen Eins allerdings schwer zu verteidigenden Situation leichtes Spiel gegen Garcia hatte. Damit ist die Geschichte größerer Münchener Gelegenheiten allerdings auch schon fast auserzählt: Aus dem Spiel heraus wirkten die Gäste zumeist uninspiriert und inkonsequent. Das Mehr an Ballbesitz im Bremer Verteidigungsdrittel führte jedoch zu einer Vielzahl von Standards – ein Sonntagsschuss von David Alaba per Freistoß verhalf den Bayern so zu einer Zwei-Tore-Pausenführung in einer ausgeglichenen Partie.

Pässe, Räume, Ideen: Max Kruse zeigt ein starkes Spiel

Alexander Nouri ließ seine Bremer deutlich direkter nach vorne spielen als die oft aus der tiefen Zirkulation startenden Gäste: Gerade zu Beginn sah man häufig die planvolle hohe Eröffnung aus der Innenverteidigung auf Claudio Pizarro oder Max Kruse, die gemeinsam mit den Achtern (anfangs Zlatko Junuzovic und Serge Gnabry, nach der Auswechslung Pizarros für Maximilian Eggestein auch Thomas Delaney) im bayrischen Sechserraum für eine Überzahl sorgten, Bälle festmachen und zweite Bälle attackieren konnten, um daraufhin mit direkten Kombinationen den Weg zum Tor zu suchen. 

Besonders Max Kruse zeigte eine starke Partie: Der Schütze des Anschlusstreffers ging weite Wege und bot sich immer wieder für Zuspiele an, sowohl bei Gegenstößen als auch im regulären Aufbau. Mit einer Passquote von starken 91% und vielen guten Ideen kurbelte er das Bremer Offensivspiel immer wieder an und nutzte die Räume gut, die besonders das hohe Aufrücken der Bayern im Mittelfeld eröffnete. 

Max Kruse und Zlatko Junuzovic harmonierten gut im Spiel gegen Bayern.

Generell fand Werder erstaunlich häufig den Weg ins Zentrum: Durch die Bewegungen der laufstarken Achter konnten die individuell weniger durchschlagskräftigen Bremer Außenverteidiger oft den diagonalen Pass in Richtung Halbraum oder Zentrum spielen, von wo aus gerade in dynamischen Spielsituationen meist versucht wurde, Gnabry oder Kruse einzusetzen, die sich mit kurzen, schnellen Dribblings in Schussposition bringen sollten. Ein solcher Spielzug sorgte auch für den Anschluss durch Max Kruse kurz nach der Pause, den Santiago Garcia und Zlatko Junuzovic auf eben diese Weise einleiteten. Oftmals blieb es hierbei jedoch auch bei Halbchancen gegen eine grundsätzlich solide Münchener Defensive.

In der Schlussphase der Partie stellte Nouri die Mannschaft noch einmal offensiver um: Mit Florian Kainz und Fin Bartels ersetzten ein Kreativspieler und ein Dribbler die gelernten Defensivspieler Garcia und Bauer auf den Flügelpositionen, gegen Spielende wurde gar Lamine Sane mit nach vorne beordert. Ancelotti hingegen beschränkte sich auf positionsgetreue Flügelwechsel und Renato Sanches als zusätzliche Absicherung anstelle des wenig spektakulär aufspielenden Thomas Müller, wodurch die Münchener Staffelung gegen Ende der Partie einem defensiver orientierten 4-3-3 glich.

Junuzovic und Kruse harmonieren im neuen System besser

Obwohl Werder erneut die Möglichkeit verpasste, gegen einen schwächelnden Favoriten Punkte mitzunehmen, eröffnete die Partie gegen Bayern einige interessante Erkenntnisse: Zlatko Junuzovic und Max Kruse, im 4-2-3-1 eher Positionskonkurrenten und nicht ideal nebeneinander aufgehoben, harmonieren beispielsweise prima im 5-3-2. Die energischen, nachstoßenden Pressingläufe und das mutige Umschaltspiel des Österreichers können aus der zweiten Reihe sowohl effektiv eingebracht als auch ausreichend abgesichert werden, während Ballmagnet Kruse mit hohem Aktionsradius und fußballerischer Klasse auch mit dem Rücken zum Tor vielfach Angriffe miteinleiten konnte, ohne, dass das offensive Zentrum danach verwaist wäre.

Das Zusammenspiel der beiden Bremer mit Führungsspieler-Anspruch funktionierte besonders in Kontersituationen sehr gut. Maximilian Eggesteins neu gewonnene Robustheit könnte ihn für weitere Einsätze in der Bundesliga interessant machen. Und die ausgewogene Besetzung der Flügelverteidiger wird für Alexander Nouri eine Herausforderung bleiben – vom defensivorientierten Rechtsverteidiger bis zum kreativen Linksaußen durfte jeder Spielertyp die komplexe Schlüsselposition im System bereits ausfüllen. Es wird interessant zu sehen sein, für welche Variante sich Alexander Nouri in der kommenden Partie gegen Augsburg entscheidet – bei einem Gegner, indem auch das zuletzt weniger gefragte Ballbesitzspiel mitentscheidend sein wird.

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